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»Großserbien im Nacken«

aus DER SPIEGEL 32/1995

SPIEGEL: Herr Mesic, haben Sie als Kroate nicht Angst vor einem Eingreifen Belgrads, vor einem gesamtserbischen Gegenangriff, wenn Kroatien die Krajina zurückerobert?

Mesic: Die Krajina ist kroatisches Territorium, und wir mußten endlich reagieren. Aber Präsident Tudjman hätte niemals eine Militäraktion ohne grünes Licht aus den USA und Deutschland beschlossen. Und ich bin überzeugt, daß ihm auch Präsident Milosevic versprochen hat, sich nicht in diesen Krieg einzumischen.

SPIEGEL: Und Tudjman soll das seinem serbischen Widerpart geglaubt haben?

Mesic: Er hat ihm immer geglaubt. Das ist seine Schwäche. Er begreift nicht, daß man mit Milosevic nicht verhandeln darf.

SPIEGEL: Der Westen ist offenbar im Zwiespalt über seine Politik gegenüber Kroatien. Einerseits verlangt er eine friedliche Lösung durch Verhandlungen und fordert Tudjman zur Zurückhaltung auf - zum anderen duldet er die Eroberungen seiner Armee. Da ist doch Schadenfreude im Spiel, daß jetzt die Serben in der Defensive sind?

Mesic: Ich glaube, US-Präsident Clinton fürchtet, sein Veto könne vom Kongreß mit Zweidrittelmehrheit überstimmt werden und seine Politik ein totales Fiasko erleiden. Erobern wir jedoch Knin zurück, läßt sich zusätzlich auch noch Bihac verteidigen und die Belagerung Sarajevos sprengen, dann säßen die Serben am Verhandlungstisch. Eine Aufhebung des Waffenembargos gegen die bosnischen Moslems wäre in einem solchen Fall von zweitrangiger Bedeutung.

SPIEGEL: Besteht nicht die Gefahr, daß der Lokalkrieg zwischen Zagreb und Knin zu einem unkontrollierbaren Gemetzel ausartet, zu einem Balkanflächenbrand?

Mesic: Ich gehe davon aus, daß dieser Krieg in acht Tagen zu Ende ist. Läßt er sich in dieser Frist nicht beenden, dann schalten sich auch andere ein - selbst der Westen würde sich militärisch engagieren.

SPIEGEL: Fraglich, ob sich auf den Westen bauen läßt. Auf dessen Hilfe warten die bosnischen Moslems seit vier Jahren vergebens.

Mesic: Die Politiker des Westens können sich nicht länger von Milosevic, Martic und Karadzic wie Clowns vorführen lassen. Wenn es der Nato gelang, die Sowjetarmee aufzuhalten, wird sie doch einen kleinen Blutgeier auf dem Balkan stoppen können. Aggression wurde nie durch Verhandlungen beendet. Die Amerikaner haben auch nicht mit dem Irak verhandelt - sondern bombardiert. Aber Kuweit hatte Öl und Moslems, und hier geht es nur um Moslems.

SPIEGEL: Mittlerweile beziehen die Russen immer offener Position zugunsten der Serben.

Mesic: Die Russen würden nie Krieg um Serbien führen. Die wollen ihre Waffen verkaufen, und zwar an alle Kriegsbeteiligten, die zahlen, auch an uns.

SPIEGEL: Immerhin könnten die Russen im Uno-Sicherheitsrat auf Sanktionen gegen Kroatien drängen.

Mesic: Ach was, es wird vielleicht Drohungen geben. Aber schließlich werden alle sagen: Laßt uns abwarten.

SPIEGEL: Kann aber der serbische Präsident Milosevic einen Hilferuf der Krajina-Serben auf Dauer ignorieren?

Mesic: Der Aufstand der Krajina-Serben diente Milosevic am Anfang nur als Streichholz, um das Pulverfaß Bosnien explodieren zu lassen. Als ich 1991 jugoslawischer Staatspräsident war, habe ich Milosevic gefragt, ob er nicht begreifen könne, daß wir Kroaten Knin niemals aufgeben würden. Er verstand meine Argumente, und ich fragte weiter: Also gut, wenn Sie dies akzeptieren - was wird dann mit den Serben aus Knin? Seine Antwort war: Wer will, soll die kroatischen Gesetze anerkennen - wer nicht will, soll auswandern.

SPIEGEL: Heißt das, die kroatische Armee habe schon die Serben aus Westslawonien aufgrund einer Geheimabsprache mit Belgrad vertrieben?

Mesic: Milosevic hatte begriffen, daß Westslawonien militärisch nicht mehr zu halten war. Deshalb ordnete er zwei Tage vor der kroatischen Offensive den Abzug der schweren Waffen aus dieser Region an. Das ist ein gegenseitiges Tolerieren der ethnischen Säuberungen.

SPIEGEL: Bei der Einnahme Westslawoniens kam es zu Ausschreitungen gegen die serbische Bevölkerung. Was wird mit den flüchtenden Serben aus der Krajina geschehen?

Mesic: Alle Kriegsverbrechen werden am Ende aufgedeckt - wir haben aus den von Ihnen erwähnten Vorkommnissen Lehren gezogen. Unsere Armee wurde eindringlich angehalten, die Befehle des Generalstabs strikt einzuhalten. Natürlich werden wir prüfen, ob gefangengenommene Soldaten Kriegsverbrecher waren. Wenn ja, dann wandern sie in unsere Gefängnisse.

SPIEGEL: Kann es jemals ein friedliches Zusammenleben mit den Serben aus der Krajina geben - oder werden die verjagt? Wissen Sie, was Tudjman wirklich vorhat?

Mesic: Er will eindeutig den größten Teil vertreiben. Davon zeugt sein Aufruf, daß man jenen Serben, die das Land verlassen wollen, ihren Grund und Boden zu Marktpreisen abkaufe. Ein Teil der Serben wird sich gewiß in die Berge schlagen, um von dort einen Guerrillakampf zu führen. Ein großer Teil wird bei der entstehenden Panik fliehen, vielleicht 100 000 - vielleicht noch mehr . . .

SPIEGEL: Sie haben voriges Jahr mit Ihrem ehemaligen Freund Tudjman gebrochen, weil dieser, wie Sie meinten, den verbündeten Bosniern in den Rücken fiel. Hat sich die kroatische Führung mittlerweile von der Notwendigkeit dieses Bündnisses überzeugt?

Mesic: Tudjmans Bosnienpolitik war katastrophal. Im Kampf zwischen Kroaten und Bosniern starben 12 000 Kroaten und 50 000 Moslems. Ich persönlich glaube, daß es sehr schnell zu einem erneuten Streit kommen kann. Unlängst erhielten alle Offiziere von Tudjman Orden, die gegen die Moslems kämpften, und kein einziger, der für die Einheit Bosniens war.

SPIEGEL: Tudjman und Milosevic einigten sich schon 1991 auf die Teilung Bosniens. Könnte dieser Plan wieder aktiviert werden?

Mesic: Dies ist Tudjmans Ziel. Aber das Bündnis wird ohnehin nicht halten, denn spätestens wenn es zu einem Referendum über die Konföderation zwischen Kroatien und der bosnisch-kroatischen Föderation kommt, wird unsere Bevölkerung das nicht billigen. Nur ganz Bosnien kann mit uns konföderieren - nicht aber eine Hälfte. Die Serben würden sofort ihren Teil mit Serbien verbinden, und damit hätten wir Großserbien im Nacken. Milosevic will dieses Großserbien langsam entstehen lassen, denn nur so lange kann er sicher sein, daß er gebraucht wird. Er orientiert sich an Zypern: zwei ethnisch reine Staaten - in der Mitte die Uno.

SPIEGEL: Und wie ist Präsident Tudjmans Überlebensstrategie?

Mesic: Er ist ein Diktator, der alles im Land allein entscheidet: vom Fernsehprogramm über die Kultur bis zur Frage, welche Kappen unsere Polizisten tragen. Das Parlament ist paralysiert.

SPIEGEL: Die Kroaten haben aber doch Tudjman demokratisch gewählt.

Mesic: Falls Tudjman diesen Krieg in kurzer Zeit gewinnen kann, wird er möglicherweise auch sofort Neuwahlen ausrufen. Denn dann rechnet er für seine Partei, die Kroatische Demokratische Gemeinschaft, mit einem Siegesbonus.

SPIEGEL: Und Sie glauben das mit Ihrer Oppositionspartei Kroatische Unabhängige Demokraten verhindern zu können?

Mesic: Was Tudjman vergessen hat: Auch Churchill verlor nach einem gewonnenen Krieg die Wahlen.

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