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NIXON Gründlich vergessen

Nixons Memoiren sind im liberalen Osten der USA nahezu unverkäuflich. Organisationen im Westen rufen zum Boykott auf.
aus DER SPIEGEL 21/1978

Der Wälzer »sieht aus wie ein Lexikon und liest sich auch so«, berichtete das Massenblatt »New York Daily News«. Die vornehme »New York Times« hingegen fand, das Werk vermittle auf seinen 1184 Seiten »keinerlei neue Einsichten«.

Gleichwohl gelang es Richard Nixon mit seinen drögen Memoiren in kürzester Zeit noch einmal, das amerikanische Volk zu polarisieren. In New York, Washington, Boston und anderen Hochburgen der Linken und Liberalen wird das Buch praktisch boykottiert. Doch draußen im Lande gibt es offensichtlich noch immer eine schweigende Mehrheit, die dem Watergate-Präsidenten die Stange hält und das Buch -- trotz des für amerikanische Verhältnisse hohen Preises von 19,95 Dollar -- in Massen kauft.

»R. N.: The Memoirs of Richard Nixon« erschien im New Yorker Verlag Grosset & Dunlap mit der ungewöhnlich hohen Erstauflage von 225 000 Exemplaren. Sie war nach wenigen Tagen beim Verlag vergriffen. Der hat nach Auskunft seines Chefredakteurs Robert Markel mit dem Druck einer zweiten Auflage von 25 000 Exemplaren begonnen. Bereits verkauft sind auch die 2500 ledergebundenen, von Nixon signierten Exemplare einer Edelausgabe à 250 Dollar.

In den 18 Läden der Buchladenkette Kroch's & Brentano's in Chicago ist das Buch nach Auskunft der Geschäftsführung der »Bestseller Nummer eins Und auf der Seiler-Liste der B.-Dalton-Kette mit 310 Läden überall in den USA haben sich die Nixon-Memoiren immerhin den zweiten Platz erobert, wobei es »besonders munter« (ein Dalton-Geschäftsführer) in Nixons Heimat-Staat Kalifornien weggeht.

Die Hauptstadt Washington dagegen will den Skandal-Präsidenten offensichtlich gründlich vergessen, die Buchläden bleiben auf ihren Vorräten sitzen. Walden-Books, eine der größten Buchhandlungen der Stadt, verkaufte tagelang kein einziges Exemplar.

In New York setzte Barnes & Noble den Preis bereits um ein rundes Drittel auf 12,98 Dollar runter. Doch selbst verramscht lehnen die New Yorker die Nixon-Erinnerungen ab.

Mit Nixons Buch gab es von Anfang an Schwierigkeiten. Zwar hatte es Irving »Swifty« Lazar, Nixons Agent, einer der gerissensten der Branche, für eine Summe, die um zwei Millionen Dollar gelegen haben soll, an das Publikationsimperium Warner Communications Inc. verkauft. Aber ein Verleger für die gebundene Ausgabe war zunächst nicht aufzutreiben.

Doubleday, einer der größten amerikanischen Verlage, lehnte es ab -- aus Prinzip. Chefredakteur Stewart Richardson ließ vernehmen, daß Doubleday »grundsätzlich« keine Bücher der an den »Watergate-Verbrechen Beteiligten« veröffentlichen würde.

* Ehefrau Pat, Schwiegersohn Edward Cox, Tochter Patricia.

Auch Simon & Schuster, der Verlag, der das Buch der Watergate-Reporter Woodward und Bernstein ("All the President's Men") und das Werk des ehemaligen Nixon-Gehilfen Dean veröffentlicht hatte, winkte ab.

Mit dem Nixon-Manuskript konnte Warner schließlich bei dem New Yorker Verlag Grosset & Dunlap landen, der als kraß kommerziell gilt.

Ebenso schwierig war es, das Buch im Ausland zu vertreiben. Im Herbst »76 gewährte Warner auf der Frankfurter Buchmesse unter rigorosen Vorsichtsmaßnahmen Interessierten Einsicht in Teile des Manuskripts. Ergebnis: In der Bundesrepublik, einem der wichtigsten Märkte für amerikanische Bücher, fand sich kein Verleger für die gebundene Ausgabe. Lediglich die Serienrechte erwarb Springers »Welt«.

In den Vereinigten Staaten entwickelte sich derweil organisierter Widerstand gegen das Buch. In der »Hoffnung, auch Nixon zu treffen«, strengte die Kanzleigehilfin Debra Jenkins in New York einen Prozeß gegen den Watergate-Autor Haldeman an. Die Klageschrift warf ihm vor, er habe Miß Jenkins als »Bürgerin und Steuerzahlerin« geschädigt, indem er in den offiziellen Untersuchungen gegen ihn »Informationen vorenthalten« habe, um sie später in seinem Buch kommerziell verwerten zu können.

Gleichfalls mit Blick auf Nixon und andere Watergate-Autoren brachte der kalifornische demokratische Kongreß-Abgeordnete B. F. Sisk einen Gesetzesvorschlag ein, der Gewinne aus den Publikationen verurteilter Krimineller den Geschädigten zukommen lassen soll. Die Vorlage ist vom Repräsentantenhaus angenommen worden, die Debatte im Senat steht noch aus.

Eine Gruppe von 19 Nixon-Gegnern in Virginia, angeführt von einem 26 jährigen Teppichreinigungs-Unternehmer, rief zum Boykott der Memoiren auf. Auf eigene Kosten plazierte die Gruppe Anzeigen in amerikanischen Tageszeitungen und ließ Poster drucken, die aufforderten: »Don't buy books by crooks« ("Kauft keine Bücher von Gaunern").

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