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Grüne Gefahr

aus DER SPIEGEL 35/1996

Der Mann, den manche Berater von Präsident Bill Clinton mehr fürchten als den republikanischen Gegenkandidaten Bob Dole, heißt Ralph Nader. Der Verbraucherschützer, der sich seit fast 30 Jahren landesweit einen Namen gemacht hat als Interessenvertreter der Konsumenten gegen übermächtige Konzerne, ist seit vergangener Woche Präsidentschaftskandidat der amerikanischen Grünen.

Nader, 62, versteht sich nicht als Bewerber im herkömmlichen Sinn: Weder ist er Mitglied der Partei, für die er antritt, noch vertritt er deren Wahlkampfplattform. Massenveranstaltungen lehnt er ebenso ab wie Wahlkampfspenden. Nicht mehr als 5000 Dollar - aus eigener Tasche - will der eigenwillige Bürgeradvokat für seinen Griff nach dem höchsten Staatsamt ausgeben.

Die Splitterpartei aus Umweltschützern, Tierfreunden und Weltverbesserern wird selbst in ihrer Hochburg Kalifornien, wo die Masse der rund 100 000 Mitglieder zu Hause ist und Nader über eine geschlossene Anhängerschaft verfügt wie sonst nirgendwo in den USA, nicht einmal 15 Prozent Wählerstimmen bekommen. Aber schon die gut 10 Prozent möglicher Wähler, die sich im Golden State nach jüngsten Umfragen zu den Umweltschützern bekennen, könnten Clinton die Wiederwahl streitig machen. Die Voraussetzungen für solch eine dramatische Wende scheinen vorhanden:

Nach seinem Schmuseparteitag von San Diego verzeichnete Dole einen beachtlichen Aufschwung in den Meinungsumfragen. Sein Rückstand gegenüber dem Amtsinhaber schrumpfte um mindestens die Hälfte, auf etwa 10 Prozent.

Auch in Kalifornien, wo Clinton mit zeitweilig bis zu 30 Prozent Vorsprung anscheinend uneinholbar vorn lag, ist der Republikaner nun wieder auf Sichtweite herangekommen. Und dieser Vorsprung, so Wahlkampfmanager der Demokraten, könnte weiter schrumpfen, wenn Ross Perot, seit vorletztem Wochenende Präsidentschaftskandidat seiner Reformpartei, wieder ins Geschehen eingreift.

Der schrullige Milliardär, dem vor vier Jahren 19 Prozent der Wähler zuliefen, galt ursprünglich eher als gefährlicher Konkurrent Doles, weil beide um dieselbe Gruppe unzufriedener Demokraten werben, welche die Republikaner dringend für einen Sieg benötigen. Möglich ist aber auch, daß Perot landesweit so schwach bleibt, daß er Dole kaum schadet, gleichwohl aber an der Westküste im Verein mit Nader die Hoffnungen Präsident Clintons auf eine zweite Amtszeit zerstört.

Verliert Clinton Kalifornien, verliert er auch das Weiße Haus, glauben nahezu alle Experten. Der bevölkerungsreichste US-Bundesstaat stellt mit 54 Vertretern das größte Kontingent der Wahlmännerstimmen, von denen 270 zum Wahlsieg benötigt werden.

Da die Demokraten nur im Nordosten und in den alten Industriestaaten rund um die Großen Seen, nicht länger aber im Süden und im mittleren Westen Amerikas auf ausreichenden Zuspruch bauen können, gilt Kalifornien als Schlüssel zu einem Clinton-Sieg.

Nader, der noch 1992 als demokratischer Bewerber bei den Vorwahlen in New Hampshire angetreten war, ficht es nicht an, daß er Clinton um den Erfolg bringen könnte. Er nennt ihn den »Prototyp eines republikanisch-demokratischen Präsidenten«, der so weit nach rechts gerückt sei, daß Dole ihn nicht mehr überholen könne, und verhöhnt ihn als »George Ronald Clinton«.

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