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US-DEUTSCHE Grüne Heide

Amerika und Krefeld feiern das 300-Jahr-Fest der deutschen Einwanderung. *
aus DER SPIEGEL 24/1983

Ein Deutscher, Peter Minnewit, Calvinist aus Wesel, war es, der 1626 den Indianern für Stoffe und Perlen im Werte von 24 Dollar Manhattan abschnackte; ein Deutscher, der Hamburger Nikolaus de Meyer, war 50 Jahre später Bürgermeister in New York.

Aber nicht sie stehen im Mittelpunkt der Feiern zum 300. Jahr deutscher Einwanderung in die Neue Welt, sondern die »Krefelder«, 13 Familien, 33 Häupter zählend, Quäker und Mennoniten.

In Krefeld waren sie aufgebrochen, in London bestiegen sie das Segelschiff »Concord«, und nach 75 Tagen Fahrt erreichten die Auswanderer Philadelphia, sogar mit zwei zusätzlichen Passagieren an Bord: Neugeborenen. Das Datum: 6. Oktober 1683.

Über sieben Millionen deutsche Bürger folgten den »Concord«-Passagieren über den Atlantik. Heute betrachten sich rund 50 Millionen Amerikaner als Nachfahren deutscher Einwanderer - Grund genug für Ronald Reagan, an die Amerikaner zu appellieren, das Jahr 1983 mit »angemessenen Feiern und Aktivitäten« zu begehen.

Und auch Krefeld feiert. Nebensache ist dabei offenbar, daß die Krefelder eigentlich keine waren - einige Familien stammten aus Dahlen und Kaldenkirchen, andere waren aus Waldniel und Gladbach nach Krefeld gekommen und dann von Krefeld aus abgereist.

US-Vizepräsident George Bush hat für den 25. Juni einen Besuch in Krefeld zugesagt, Krefelds Oberbürgermeister Dieter Pützhofen besuchte ihn letzten Monat in Washington und gestand ihm, »wie geehrt wir uns fühlen, daß Sie kommen«.

Zugleich aber warnte der Krefelder, nicht nur Jubelrufe seien an diesem Tag zu erwarten, sondern wohl auch Pfiffe; Atomwaffengegner würden in Krefeld gegen die Nachrüstung demonstrieren. Bush: Das habe er auch schon gehört.

20 000 Demonstranten, so hoffen die Organisatoren, werden am Tag der Bush-Visite Hand in Hand eine Menschenkette um jene Stadt ziehen, die in der Friedensbewegung symbolische Bedeutung hat, seit über drei Millionen Nachrüstungsgegner den »Krefelder Appell« unterzeichneten.

Reagan-Vize Bush will den Demonstrationen gelassen begegnen: Es sei »in einem demokratischen Staat durchaus selbstverständlich«, ließ er Pützhofen wissen, daß demonstriert werde.

Auch Deutschland-Experten im State Department erwarten den Termin mit Ruhe: »Das sind wir ja nun inzwischen gewöhnt.« Und: »Es wäre schön, wenn die Gegner unserer Politik aufgrund der 300-Jahr-Feiern einmal erkennen würden, wie stark Deutsche und Amerikaner über Jahrhunderte wechselseitig Einfluß auf ihre gesellschaftlichen Entwicklungen genommen haben.«

Die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind zum Zeitpunkt der 300-Jahr-Feiern schwieriger geworden. In Deutschland sehen vor allem linke Intellektuelle und Politiker den militanten Antikommunisten Ronald Reagan als Vertreter der gesamten amerikanischen Gesellschaft an, in Amerika wird das Bild der Deutschen noch immer durch zwei Weltkriege und durch Hollywood entstellt, wird Distanz gegenüber Reagan oft als USA-Feindschaft aufgefaßt.

Im Gegensatz zu den Amerikanern italienischer, irischer oder jüdischer Abstammung, deren Abgeordnete im Kongreß einen gewissen Einfluß auf die US-Politik gegenüber ihren Heimatländern nehmen, haben sich die Deutschen weitgehend assimiliert, sind sie in erster Linie Amerikaner geworden.

Wohl wuseln Hunderte von Trachtenvereinen und Polka-Klubs, doch deren Vorsitzende sind oftmals ehemalige Gefreite oder Unteroffiziere der amerikanischen Streitkräfte, die zwar am Heidelberger Schloß oder im Hofbräuhaus zu München Spaß am Schunkeln gefunden haben, die politische Entwicklung in der Bundesrepublik aber nicht verstehen und auch keinen Einfluß haben auf die Meinungsbildung in den USA.

Zwar erkennen US-Bürger einen Henry Kissinger an seinem Akzent, erkannten sie Wernher von Braun an seinem Namen als Einwanderer aus Deutschland. Der Einfluß deutscher Emigranten, vor allem der jüdischen, auf die geistige und wirtschaftliche Entwicklung der USA aber ist in das Bewußtsein der amerikanischen Massen nicht eingedrungen.

Die Namen jener Deutschen, die - zumindest vorübergehend - in den USA lebten, lesen sich wie ein »Who's Who« der einstmaligen geistigen Elite Deutschlands: Bauhaus-Begründer Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe, Philosoph Herbert Marcuse, Dirigent Bruno Walter, dann Bertolt Brecht, Thomas Mann, Erich Maria Remarque, Carl Zuckmayer, Albert Einstein.

An den deutschen Einfluß sollen nun mindestens 500 Veranstaltungen erinnern: Rudolf Schock, Ehrengast des Rheinischen Gesangvereins in Chicago, sang im Mai »Grün ist die Heide«, »Im Frühtau zu Berge« und »America the Beautiful«.

Der Edelweiss Klub in Denver (Colorado) hat die »weltbekannte Sängerin« Lolita aufgeboten. In Schaumburg (Illinois) musizieren die Bückeburger Jäger aus dem niedersächsischen Schaumburg-Lippe, in Birmingham (Alabama) Männer der Freiwilligen Feuerwehr Einhausen.

Sondermarken der U.S. Mail sowie der Bundespost werden herausgegeben, die Deutsche Botschaft in Washington organisierte ein Quiz (erster Preis: ein Lufthansa-Flug nach Deutschland), in dem auch diese Testfrage gestellt wird: »Wie heißt der Präsident der Bundesrepublik Deutschland, der in diesem Herbst zu einem offiziellen Besuch in die Vereinigten Staaten kommt: Helmut Schmidt, Karl Carstens, Rainer Barzel, Helmut Kohl?«

In Wichita (Kansas) werden Grimms Märchen in deutscher Sprache aufgeführt, in Chicago kommt »Götz von Berlichingen« auf die Bühne. Eine Fußballmannschaft

der Bundesliga soll in St. Louis (Missouri) antreten, sogar im Wüstenstaat Nevada wurde eine »Deutsche Woche« proklamiert, weil »20 bis 30 Prozent der Bevölkerung deutscher Herkunft sind«.

34 000 Besucher drängten sich Anfang März auf der Deutschen Buchmesse in New York, die durch eine Sonderausstellung bereichert wurde: »Deutsche in Amerika, 1683 bis 1983«.

Die »German Language and School Society of Wisconsin« organisierte den diesjährigen »German Essay Contest« zum Thema »300 Jahre deutsche Einwanderer in Amerika«. In Boston wird Berlin ausgestellt, Motto: »Eine Stadt auf der Suche nach ihrer Zukunft«.

Die traditionelle Steubenparade in New York, die alljährlich im September den Generalinspekteur der amerikanischen Armee im Unabhängigkeitskrieg, den Magdeburger Friedrich Wilhelm von Steuben, feiert, wird in diesem Jahr denn auch »besonders prächtig«, versprechen die Organisatoren.

Fraglich ist nur noch, wieweit Ronald Reagan persönlich die gigantische Public-Relations-Show der Deutschen unterstützt. Zwar hat der Präsident im Juni letzten Jahres vor dem Bundestag versprochen, er werde den 300. Jahrestag der ersten deutschen Ansiedlung zusammen mit Karl Carstens feierlich begehen.

Bonner Protokollbeamte hatten sich bereits ausgemalt, wie die beiden Staatschefs in Philadelphia am Kai stehen und auf das Segelschulschiff »Gorch Fock« blicken würden, das - wie 300 Jahre zuvor die »Concord« - dort vor Anker gehen soll.

Doch nun will Reagan den Deutschen Anfang Oktober nur in Washington mit einem Staatsdinner und Böllerschüssen begrüßen. Ob sich das amerikanische Staatsoberhaupt auch nach Philadelphia begibt, ist noch ungewiß.

Da murrte Bonns Botschafter in Washington, Peter Hermes: Die Ehren, die Carstens zugestanden werden sollen, seien schließlich nur von der Art, wie sie »jedem Sultan auch gewährt werden«. Hermes: »Diese 300-Jahr-Feier ist doch etwas ganz anderes.«

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