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Umweltschutz Grüne Masken

Die USA blockieren wirksame Maßnahmen zum Schutz der Erdatmosphäre - Berater von Präsident Bush sehen ideologische Gegner am Werk.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Im Landhaus Troldhaugen, dem Alterssitz des Komponisten Edvard Grieg, suchten zwei Dutzend Umweltminister Entspannung bei harmonischen Klängen. In der nahen Hafenstadt Bergen führten Hunderte von Jugendlichen zur gleichen Zeit ihr Gegenkonzert auf: Pfeifend und johlend protestierten sie vergangene Woche gegen die Umweltkonferenz in der ehemaligen Hansestadt - für sie nur eine »Schwatzrunde mit Freßbankett«.

Aufgebracht nagelten sie Schilder mit den Initialen USA und GB an zwei vor dem Kongreßzentrum eingerammte Schandpfähle. Männer in Wikingerkostümen jagten eine hexenähnliche Ersatzausgabe von Maggie Thatcher durch die sommerlichen Straßen.

Der Zorn der Demonstranten galt den dürftigen Ergebnissen, auf die sich die Umweltminister und -beauftragten von 34 Staaten mühsam einigen konnten. Von der Vorgabe an die Uno-Tagung, einen weltweit verbindlichen Katalog von Maßnahmen für den Umweltschutz aufzustellen, war kaum etwas übriggeblieben. Statt dessen produzierten die Regierungsvertreter vage Absichtserklärungen ohne Grenzwerte und Termine.

Die Runde versagte völlig bei jenem Anliegen, das Experten als dringlichste Aufgabe der Gegenwart bezeichnen. Um eine mögliche Erwärmung der Erdatmosphäre zu bremsen, hatten Forscher, Industrievertreter und Sprecher der meisten EG-Staaten konkrete Beschlüsse gefordert, die den Ausstoß von Kohlendioxid und die Verwendung von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) drastisch reduzieren sollten.

Doch in der Schlußerklärung konnten sich die Delegierten nur auf eine undeutliche Formulierung einigen: »Nach Auffassung der meisten Teilnehmerstaaten soll der Kohlendioxidausstoß spätestens im Jahr 2000 auf dem heutigen Niveau stabilisiert werden.«

Eine präzisere Vereinbarung scheiterte hauptsächlich am Widerstand der USA; aber auch Kanada und Großbritannien legten sich quer. Die Sprecher der drei Länder verweigerten konkrete Verpflichtungen mit der Begründung, der Beitrag von Kohlendioxid zum Treibhauseffekt sei »wissenschaftlich nicht gesichert«.

Dabei ist kaum noch umstritten, daß die Atmosphäre nur einen Kohlendioxidausstoß von einer halben Tonne pro Jahr und Erdenbürger verträgt, ohne Schaden zu nehmen. Während die Entwicklungsländer nicht einmal annähernd diese Werte erreichen, pusten die Industrieländer ein Vielfaches in die Luft.

Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Schelling von der Harvard-Universität überraschte dagegen mit der Behauptung, es gebe keine Anzeichen dafür, daß der Treibhauseffekt »Auswirkungen auf Nordamerika, Westeuropa und Japan habe, die teure Maßnahmen zur Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes rechtfertigen« würden. Eine Klimaerwärmung in diesen Ländern brächte für »Menschen, Gewächse, Tiere und Landwirtschaft nur unerhebliche Folgen« mit sich.

Hartnäckig widersetzten sich die USA dem Vorschlag, den Entwicklungsländern »neue Finanzmittel und Technologien« zur Verfügung zu stellen, um bis zum Jahre 2000 die Anwendung von FCKW einzuschränken und schließlich zu eliminieren. Statt dessen setzte die Washingtoner Delegation das unverbindliche Versprechen durch, den Entwicklungsländern bei Umweltschutzmaßnahmen »Hilfe zu gewähren«.

US-Präsident George Bush will erst einmal weiterforschen lassen - gegen den Rat von Außenminister James Baker und William Reilly, dem Chef der Washingtoner Umweltschutzbehörde EPA.

Die beiden scheiterten am Veto des Stabschefs im Weißen Haus, John Sununu, und seines wichtigsten Verbündeten, des mächtigen Budgetdirektors Richard Darman. Die Hardliner, vermutete ein prominenter US-Umweltschützer, wollten »einen Präzedenzfall« verhindern, »der sie gezwungen hätte, wirklich Geld auszugeben«.

Die Bush-Gehilfen argwöhnen, die weltweit geschlagenen Verfechter der Planwirtschaft strebten nun über den Umweltschutz an, was ihnen im Kalten Krieg versagt blieb: den Sieg über den Kapitalismus. So hatte Darman in einer Rede an der Harvard-Universität Angst vor »radikalen Grünen« geschürt, die ein »globales Management« der Ressourcen erzwingen wollten. Düster warnte er vor »grünen Masken, unter denen sich verschiedene politisch-ideologische Gesichter verstecken können«.

Neue Munition erhielten die Umweltgegner um Bush, der das abflachende Wirtschaftswachstum seines Landes nicht gefährden will, am vergangenen Donnerstag. Nach einer im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichten Studie könnten die US-Farmer von einer globalen Erwärmung sogar profitieren: Bis zu 3,5 Milliarden Dollar Mehreinnahmen winkten dem Landvolk jährlich, weil Lebensmittelverknappung in einigen Regionen der Welt die Preise hochtreibe.

Eine Änderung der amerikanischen Haltung könnte frühestens bei der nächsten Klimakonferenz erfolgen, die im August in Stockholm stattfindet. Die US-Regierung will ihre Einschätzung des Treibhauseffekts von einer Studie abhängig machen, die ein internationales Wissenschaftlergremium dann vorlegen will.

Der Report wird die Amerikaner in Verlegenheit bringen. Insider berichteten vergangene Woche, die Studie werde bestätigen, was bislang von Bush bestritten wurde: An einer weltweit nachweisbaren Erwärmung der Atmosphäre gibt es kaum noch Zweifel.

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