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Kanada Grüne Punkte

Heilbuttkrieg vor Neufundland: Die Kanadier klagen die Spanier als Raubfischer der Meere an.
aus DER SPIEGEL 14/1995

Wade Barney hat sein Büro weitab vom Schuß. Aber er muß nur auf seinen Computermonitor schauen, um zu wissen, was 200 Meilen vor der Küste los ist. Kleine rote Kreuze zeigen ihm Schiffe an, die im Seegebiet der Grand Banks unterwegs sind, blaue Dreiecke stehen für Eisberge.

Den Beamten des kanadischen Fischereiministeriums, der im Flughafen von St. John's auf Neufundland Quartier bezogen hat, interessiert aber nur das gute Dutzend der grell grün leuchtenden Punkte auf seinem Schirm. Die zeigen die feindliche Armada - zum Beispiel die »Dorneda«, die »Ana MarIa Gandon« und weitere neun spanische Trawler, die nun schon seit Wochen auf den Grand Banks ihre Kreise ziehen.

Ständig hat Barney damit zu tun, die exakte Position jedes dieser Schiffe zu prüfen. Sollte sich auch nur eines auf den rechten Teil des Planvierecks 3L wagen, auf dem Kanadas Regierung ausländische Fischerboote nicht duldet, schlägt der Beamte Alarm in Ottawa. Dann tritt auf den Grand Banks mal wieder der Ernstfall ein.

Vor gut einer Woche hat es im Seekrieg zwischen Kanada und Spanien auf dem 47. Breitengrad zum letztenmal gekracht. Ein kanadisches Patrouillenboot attackierte den Trawler »Pescamar Uno«. Mit einer eigens entwickelten Spezialvorrichtung kappten die Heilbutt-Verteidiger das tausend Meter tief im Meer hängende Schleppnetz und ließen es mitsamt seinem Fang auf den Meeresboden sinken.

Ein paar Tage zuvor hatte das Patrouillenboot »Cape Roger« sogar vier Maschinengewehrsalven als Warnung über einen feindlichen Trawler hinweggejagt. Das spanische Fischereischiff »Estai« hatte im umstrittenen Bereich ganz knapp außerhalb der 200-Meilen-Zone gefischt, war deshalb aufgebracht und in den Hafen von St. John's, der Hauptstadt Neufundlands, eskortiert worden.

Die Spanier, so behaupten die Kanadier, hätten vor ihrer Küste mit rücksichtslosen Fangmethoden zuerst den Kabeljau ausgerottet und stellten jetzt dem Schwarzen Heilbutt nach. Wütend stieg in der vorigen Woche der neufundländische Fischereiminister Bud Hulan nach einer Inspektion des Krisengebiets aus dem Flugzeug der Küstenwache: »Die Spanier sind nichts als Diebe.«

Damit trifft der Politiker genau die Stimmung seiner Landsleute. »Das sind Piraten«, schimpft der Fischer George Chafe über die spanischen Trawler vor der Küste.

Chafe, 57, hat Grund zur Wut auf die Eindringlinge. Er zeigt auf sein weißes, umgerechnet etwa 150 000 Mark teures Boot, das in der Bucht von Petty Harbour an der Kette liegt. Er darf, wie die meisten seiner Kollegen, seinem Beruf nicht mehr nachgehen, weil das Meer rund um Neufundland leer gefischt ist und die Regierung in Ottawa ein mehrjähriges Fangverbot verhängt hat, damit die Bestände sich erholen können. Schuld an der Arbeitslosigkeit sind seiner Meinung nach die Spanier.

Als Beispiel hält Chafe einen Kugelschreiber in die Luft: »So klein sind die Fische, die sie fangen. Ordentliche Fische müßten so groß sein«, meint er und reißt die Arme weit auseinander.

Die Provinz Neufundland, die größer ist als Deutschland und nur 580 000 Einwohner hat, lebt seit Jahrhunderten allein vom Fischfang. Auf der kalten und zerklüfteten Insel, wo das jährliche Antreiben von Packeis aus Grönland im März schon als Frühlingsbote gilt, gibt es weder Landwirtschaft noch Industrie.

Die knapp außerhalb der 200-Meilen-Zone kreuzenden spanischen Trawler stecken derart voller Technik, daß den Fischen und den Neufundländern keine Chance zum Überleben bleibt. Ihre Netze sind so gewaltig, daß ein Dutzend Jumbo-Jets darin verschwinden könnten. Ausgefeilte Elektronik steuert die Schiffe unfehlbar in jeden Fischschwarm.

Die Neufundländer mit ihren Booten, die meistens keine 20 Meter lang sind, haben kaum Möglichkeiten, gegen die Fangfabriken der Spanier anzukommen. »Wir machen den spanischen Besatzungen keine Vorwürfe«, sagt ein Vertreter der Fischer in St. John's. »Was uns stört, ist die Gier der großen Firmen, denen solche Schiffe gehören.«

Dabei halten sich die Spanier an die Vorschrift, ihre Netze nur außerhalb der 200-Meilen-Zone auszuwerfen. Aber wie zur Provokation fahren sie immer wieder haarscharf an der Grenzlinie entlang.

Die Fische nehmen es nicht so genau. Ihre wichtigsten Reviere befinden sich auf beiden Seiten der Grenze. Denn die Grand Banks ragen an zwei Stellen über die künstliche Linie hinaus; die Nase und Schwanz genannten Untiefen im Meer sind bevorzugte Aufenthaltsgebiete von Heilbutt und Kabeljau.

Die Wut der Neufundländer ist um so größer, als die Spanier Netze auswerfen, die nach den internationalen Absprachen nicht erlaubt sind. »Die können nur noch etwas fangen, weil sie mit zu kleinen Maschen abräumen«, klagt ein Fischer. »Große Fische gibt es hier gar nicht mehr.«

Die Umweltorganisation Greenpeace hat sich in den spanisch-kanadischen Konflikt eingemischt und sich auf die Seite der Fische geschlagen. Mit einem Schlauchboot hängten sich die Umweltschützer am vergangenen Mittwoch für kurze Zeit an die Taue eines spanischen Trawlers, um ihn am Einziehen des Netzes zu hindern.

Es ist eine Ironie der Geschichte, daß die Vorfahren der Raubfischer hier schon ihre Beute aus dem Meer geholt haben, als es das heutige Kanada noch gar nicht gab. Nur wenige Jahre nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus waren mutige Seeleute aus dem Baskenland über den Atlantik in das ergiebige Gewässer gekommen. Sie gründeten San Juan de Pasajes, das heutige St. John's.

Das Fangmoratorium, das seit 1992 gilt, hat schmerzhafte Folgen. In der kleinen Bucht von Witless Bay, im äußersten Osten der Insel, liegen Dutzende kleiner Boote, die längst im rauhen Inselklima zerborsten sind. An Orten mit märchenhaften Namen wie Fortune Bay oder Paradise verrotten kleine Fischfabriken.

Im Hafen von St. John's basteln einige Fischer lustlos im kalten Wind an ihren Schiffen herum, in der Hoffnung, daß sie bald wieder in See stechen können. Was werden sie auf der nächsten Fahrt fangen? »Krabben halt«, sagt mißmutig einer der Männer, die ihr Leben lang nur Kabeljau gefischt haben. »Sonst ist ja nichts mehr da.«

Die arbeitslosen Neufundländer werden von der Regierung in Ottawa mit einer kargen Unterstützung über Wasser gehalten. »In den meisten Fischerdörfern gibt es nichts zu tun«, sagt Reg Antey von der Fischereigewerkschaft.

Die Küstenwacht macht dagegen Überstunden. Normalerweise unternimmt sie täglich ein bis zwei routinemäßige Überwachungsflüge. In Krisenzeiten wie diesen aber heben täglich drei bis vier der zweimotorigen Propellerflugzeuge ab. Nach zweistündigem Flug schießen die Maschinen im steilen Sinkflug aus den Wolken auf die spanischen Fangboote nieder, um sie aus nur 30 Metern Entfernung zu fotografieren, zu identifizieren und ihre exakte Position zu bestimmen.

Auch wirkungsvolle PR-Arbeit gehört mittlerweile zum Repertoire der sonst zurückhaltenden Kanadier. Das Netz der aufgebrachten »Estai« packten sie auf einen Tieflader und schickten es auf die drei Tage lange Reise nach New York. Dort sollte die Welt vor dem Uno-Gebäude von Fischereiminister Brian Tobin - einem Neufundländer - erfahren, mit welch »monströsem Gerät« (Tobin) die Spanier die Weltmeere leer fischen.

Die Hartnäckigkeit machte Eindruck. Die Europäer wurden an den Verhandlungstisch gezwungen und verzichteten auf Handelssanktionen, England zeigte offen seine Sympathie für Kanada.

Dennoch wird Wade Barney schon bald einen neuen grünen Punkt auf seinem Computerbildschirm beobachten müssen. Am vergangenen Donnerstag lief das spanische Kriegsschiff »Infanta Elena« mit 145 Mann Besatzung aus. Kurs: Neufundland. Y

»Große Fische gibt es hier gar nicht mehr«

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