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CHINA Grüner Gott

Eine Propaganda-Ausstellung soll die Chinesen für moderne Technik und Wissenschaft animieren -- aus der Lehrschau wurde politische Science-Fiction.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Am Tor der Maschinenfabrik »Rote Fahne« in Schanghai klebte ein handgeschriebenes Plakat mit dem Text: »Eure Maschinen sind Dämonen, die uns von dem Weg abbringen wollen, den uns der Große Steuermann Mao gewiesen hat: ''Aus eigener Kraft''. Zerschlagt die Dämonen]«

Das war im Sommer 1967, mitten in den Wirren der Kulturrevolution. Schanghaier Rotgardisten hatten die Wandzeitung am Fabriktor angebracht, nachdem sie erfahren hatten, daß die Maschinenfabrik ihren Plan mit Hilfe elektrisch betriebener Revolver-Drehbänke made in CSSR und DDR erfüllt. Nach der rigiden Einfach-Philosophie der Roten Garden war das eine schwere Sünde.

Die Arbeiter folgten damals dem Aufruf zum Maschinensturm -- nicht nur in Schanghai. Überwiegend aus dem Ausland importierte Industrieanlagen, Labors und wissenschaftliche Geräte von Millionen-Wert wurden mutwillig zerstört oder zumindest stillgelegt. Chinas Produzenten sollten sich auf die »eigene Kraft« besinnen.

Teils handelten die Arbeiter damals aus Angst und aus Gründen der Anpassung, teils aber wohl auch aus einem weit verbreiteten Aberglauben. Denn das Mißtrauen gegen das »Teufelswerk« modernen Technologie sitzt im Bewußtsein des Milliarden-Volkes, aus dem eine Vielzahl frühgeschichtlicher Erfinder stammt, besonders tief.

Technik und Moderne waren bei Konflikten in der chinesischen Geschichte mehrmals das Synonym für die Gefahr der Fremdherrschaft, für die Überfremdung schlechthin. Die Propaganda der Kulturrevolution gegen Chinas Abhängigkeit vom Ausland nahm nur die alten Ängste und Vorurteile wieder auf, die Chinas Massen schon im Opiumkrieg, beim Eisenbahnbau 1881 oder beim Boxeraufstand bewegte.

Doch inzwischen haben sich die Leitbilder der chinesischen Politik total verändert. Die Primitiv-Ideologie der Rotgardisten, daß die menschliche Muskelkraft stärker als ein Verbrennungsmotor sei, wenn nur der richtige »rote Wille« sie antreibe, ist seit dem Tode Maos endgültig vorbei.

Chinesische Wissenschaftler und Techniker, in der Machtzeit der »Viererbande« noch als Volksfeinde mit Schandhüten auf dem Kopf durch die Straßen gejagt, sind heute längst rehabilitiert und die gehätschelte Avantgarde für »Chinas neuen Langen Marsch in die industrielle Zukunft«.

Für diese Neuorientierung gab vor zwei Jahren der gleichfalls rehabilitierte Vize-Parteichef und Vize-Premier Teng Hsiao-ping auf dem Nationalen Wissenschaftskongreß in Peking vor 6000 technologischen Experten den Marschbefehl und ließ ihn vom Mao-Nachfolger Hua gutheißen: »Setzt euch ein hohes Ziel und marschiert vorwärts zur Modernisierung von Wissenschaft und Technik.«

Inzwischen mußte die Pekinger Führung erfahren, daß sie ihr ungeduldiges Marschtempo zu hoch angesetzt hatte. Von den ehrgeizigen Etappen-Zielen -- bis zum Jahr 1985 Anschluß an die westlichen Industrienationen, bis zum Jahr 2000 die Industrieländer überholen -- ist offiziell im Programm der »Vier Modernisierungen« (für Landwirtschaft, Industrie, Wissenschaft und Technik sowie Verteidigung) nicht mehr die Rede.

Ein wichtiger Grund für das gedrosselte Tempo liegt in der mangelnden Bereitschaft der chinesischen Massen, beim Aufbruch in das Industrie-Zeitalter enthusiastisch mitzutun. Chinas Ängste vor zuviel Technik und westlicher Zivilisation sind weder grün noch rot, sondern alt-chinesisch.

Diese Vorbehalte, vor allem bei der älteren Generation und bei der Landbevölkerung, soll eine chinesische Wander-Ausstellung abbauen helfen, die kürzlich in der Pekinger Kunsthalle gezeigt wurde.

Die insgesamt 600 Arbeiten -- Gemälde, Cartoons, Comics und Schautafeln -- vorgestellt von der Chinesischen Künstlervereinigung, dem offiziellen Fachverband, wollen, so ihr Motto, »der Popularisierung der Wissenschaft dienen«.

Zum Symbol der Heilslehre einer von Technologie beherrschten Zukunft wurde ausgerechnet das im Westen so in Verruf geratene Atom. Die junge, emanzipierte Chinesin, die, hoffnungsfroh von Sternen und Vögeln umkreist, das Atom-Zeichen als Spielball benutzt, muß westlichen Kernkraftgegnern als schrecklicher Zynismus erscheinen, möglicherweise auch vielen Chinesen.

Deshalb haben die Aufklärer der Wissenschaft als Mitstreiter auch die uralt-chinesische Götter- und Fabelwelt bemüht, sicher ist sicher.

Da kämpft der Affenkönig Su Wu Kong im Verein mit den Göttern gegen die Wurmkrankheit Bilharziose, ein grüner Gott spendet mit seinem Atem S.202 Chlorophyll, um Bakterien zu bekämpfen. Aus den klassischen Wandmalereien von Dun Huang sind die Feen herabgestiegen, um den Kampf gegen Krankheiten und Seuchen als Hygiene-Amazonen aufzunehmen.

Selbst in Bereiche, die vom Stand der Wissenschaft kaum gesichert sind, wagen sich chinesische Fabelwesen vor: Die Gene eines Phönix werden in ein Hühnerei übertragen, aus dem ausgebrüteten Ei schlüpft eine neue Tierart. Sogar die Technik bekommt in dieser Bilderschau genetische Potenzen: Frau Optik heiratet einen würdigen Wissenschaftler, der gemeinsam gezeugte Sohn heißt Laser.

Die Früchte der Forschungsarbeit in Technik und Wissenschaft sollen den Chinesen das Paradies auf Erden bescheren -- freilich erst im nächsten Jahrhundert. Mit ungebrochenem Fortschrittsglauben wird der Roboter als Allzweck-Werkzeug der Zukunft vorgestellt, als ferngelenkter Fließbandarbeiter, als Babysitter, als elektronische Auskunft.

Elektronisch betriebene und vollautomatisch gelenkte Mehrzweckfahrzeuge für den Land- und Wassertransport sollen ein Volk faszinieren, dessen erfüllbare Träume vorerst beim Besitz eines eigenen Fahrrades enden. Sciencefiction in China ist eben auch politisch gemeint.

Nur in einem einzigen der optimistischen Comics wird auch Skeptisches laut. Da besichtigt eine Gruppe von Ausländern im Pekinger Kaiserpalast das rostfreie Schwert aus den Zeiten von Kaiser Tschin Schih Huang Ti (221 bis 210 vor Christus). Der Fremdenführer erklärt die Legierung. Einer S.203 der Besucher staunt: Genau das sei doch die patentierte Formel, mit der seine Firma in Europa Millionen verdient habe. Ja, sagt traurig der Fremdenführer, eigentlich sei es die Erfindung des Tschin-Kaisers, aber wie so viele andere Erfindungen habe auch die kein Patent geschützt.

Geht es nach Teng, soll zumindest das in Zukunft anders werden. Auf dem umgekehrten Weg holt er das längst Verlorene zurück. Im vorigen Jahr haben 370 Top-Experten aus Wissenschaft und Technik des Westens in China gearbeitet, darunter mehrere Nobelpreisträger.

Doch der Weg zum Roboter, zum Laser, zur Gen-Manipulation ist, so steht zu erwarten, auch für die Chinesen noch weit, weiter jedenfalls als das anvisierte Jahr 2000. Bisher haben von 1000 Chinesen nur neun eine abgeschlossene höhere Schulausbildung -im benachbarten Indien sind es immerhin 59.

S.199Bei der Besichtigung des Raumfahrt-Museums in Washington 1979.*

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