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Briefe

Grundangst vor dem Unerklärbaren
aus DER SPIEGEL 12/2001

Grundangst vor dem Unerklärbaren

Nr. 10/2001, Titel: Verschwundene Kinder

Deutschland trauert um Ulrike - Mitgefühl, Zorn, vor allem aber Ohnmacht gegenüber dem grausamen Geschehen; welche Angst, welche Not der Gepeinigten.

LEIPZIG HANS THIEL

Ist es nicht traurig, was immer wieder passiert? Ist es nicht grausam, dass es nicht zu vermeiden ist? Viele Menschen sind unsagbar schlecht. Daran lässt sich auch nichts durch »Aufklärung« ändern. Sie ist Alibi. Auch die Mitteilung, dass 90 Prozent der Fälle aufgeklärt werden, ändert wenig. Es bleibt die Machtlosigkeit: des Staates, der Presse, der Nachbarn, aller Beteiligten und Unbeteiligten.

NOTTINGHAM (GROßBRITANNIEN) STEFAN REICH

Als Volkskundlerin musste ich bei Ihrem Titelthema »Verschwundene Kinder« spontan an die Sage vom »Rattenfänger von Hameln« denken. Denn diese Sage, bei der am 26. Juni 1284 130 Kinder von einem bunt gekleideten Pfeifer auf Nimmerwiedersehen aus der Stadt Hameln gelockt wurden, ist ein eindrücklicher kulturhistorischer Beleg, wie sehr das Verschwinden von Kindern die Menschen von jeher beschäftigt. Während zahlreiche Wissenschaftler seit dem 16. Jahrhundert bis heute immer wieder herauszufinden versuchen, was mit den Kindern wirklich geschah, sieht die Volkskunde in dieser Sage vielmehr die Verarbeitung einer kulturellen Grundangst, eben vor dem unerklärbaren Verschwinden von Kindern.

HAMBURG DARIJANA HAHN-LOTZING

Ich verstehe nicht, worin das öffentliche Interesse am Tod eines Kindes bestehen soll. Warum muss mit dem Leid eines Kindes und seiner Familie das voyeuristische Bedürfnis der Masse gestillt werden? Ich glaube nicht, dass diese Berichterstattung präventive Wirkung hat. Prävention muss im Kindergarten, in der Schule und im Elternhaus stattfinden. Ich glaube, dass man sich überlegen muss, ob eine derart detaillierte Berichterstattung dazu führt, dass bei latent pädophilen Menschen Bedürfnisse erst geweckt werden - Gebrauchsanleitungen, welche Fehler man nicht machen darf, erhält man aus den Medien.

WILHELMSDORF (BAD.-WÜRTT.) INGO ROHTMAA

Triebtäter handeln aus Trieb, nicht aus Berechnung. Sie sind also unberechenbar. Das einzig probate Mittel ist wohl tatsächlich, mehr aufeinander zu achten, den Tätern keine Anonymität zu geben.

MÜNSTER THOMAS JANSSEN

Leider müssen wir immer wieder feststellen, dass sehr viele Eltern das Thema »vermisste Kinder« verdrängen. Wenn man sie fragt, welche vorbeugenden Maßnahmen sie zum Schutz ihrer Kinder getroffen hätten, so bekommt man zur Antwort: Unserem Kind kann so etwas nicht passieren, wir passen schon auf. Die Öffentlichkeit wird erst sensibilisiert, wenn die Presse und das Fernsehen über einen aktuellen Fall berichten. Sobald die Berichterstattung eingestellt wird, geht man wieder zur Normalität über. Diese negative Entwicklung zu stoppen dürfte sehr schwierig sein.

BÜCKEN (NIEDERS.) HEINZ-E. HORNECKER BUNDESVERBAND 1. DEUTSCHER KINDER & SENIOREN NOTFALL DIENST E. V.

Ich bin selbst Mutter einer Tochter und empfand bei der Auseinandersetzung mit den Themen sexueller Missbrauch und Kindermord den starken Impuls, den wohl einst Marianne Bachmeier empfunden haben muss: nämlich den Mörder der eigenen Tochter ebenfalls zu ermorden - vielleicht als verzweifelten Versuch, die durch die Tat völlig aus den Fugen geratene ethische Ordnung wiederherzustellen. Dennoch bin ich mir bewusst, dass der Täter in der Regel - ohne ihn entschuldigen zu wollen - wiederum meist selbst Opfer sexuellen Missbrauchs ist und auf Grund dessen nur ein gestörtes Sexualverhalten entwickeln konnte. Ich frage mich relativ hilflos, wie dieser Teufelskreis von sexuellem Missbrauch von Kindern durch Erwachsene endlich durchbrochen werden könnte.

NÜRNBERG CLAUDIA PIETSCHOCK

Die einseitige Darstellung der Straßenkinder trägt nicht zur Klärung der Frage bei, was mit den Kids los ist, denn sie gleitet an der schrillen Oberfläche ab. Die mir näher bekannten Trebegänger waren kreative und humorvolle Jugendliche, die aus bestimmten Gründen auf der Straße waren, sie träumten alle von Alternativen zur Tretmühle, und sie pflegen eine eigene Art von Kultur, für die in dieser Gesellschaft im Jahr drei nach Kohl kein Platz zu sein scheint.

KÖLN UTA TITZ

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