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SÜDWEST-STAAT Gruppe vier: Mitlecker

aus DER SPIEGEL 38/1950

Nach dem Sieg der altbadischen Fahnen im Volksentscheid über den Südweststaat wird ein Gesetz zur Befreiung Altbadens von der schwäbischen Gewaltherrschaft vorbereitet werden, vermuten die in Heidelberg erscheinenden »Deutschen Kommentare« in einer fiktiven Leserzuschrift.

Das Gesetz solle unmittelbar nach der Wiederherstellung Altbadens in Kraft gesetzt werden. Zur Durchführung werde ein Erhebungsfragebogen mit 133 Fragen bereits jetzt ausgearbeitet. Bisher seien folgende Fragen vorgesehen:

Frage 3: Haben Sie eine schwäbische Großmutter?

Frage 21: a) Besitzen Sie Schillers Werke? b) Wenn ja, haben Sie darin gelesen?

Frage 76: Sind Sie nach dem 8. Mai 1945 ins Ausland gereist? a) Nach Württemberg? b) Nach sonstigen außerbadischen Ländern?

Frage 83: Sind Sie nach dem 8. Mai 1945 auf der schwäbischen Eisenbahn gefahren?

Frage 133: Haben Sie nach dem 8. Mai 1945 vom schwäbischen Gruß Gebrauch gemacht?

Zu Beunruhigungen sieht das Blatt indes noch keinen Anlaß, zumal erwogen werden solle, die nur leicht Belasteten, insbesondere solche, die nur gelegentlich den schwäbischen Gruß (Götz von Berlichingen) entboten haben, in die Gruppe der »Mitlecker« einzustufen.

Als Quelle ihrer Informationen geben die »Deutschen Kommentare« den »Informationsdienst Freiburg« (Sitz der altbadischen Bewegung) an.

Im Ernst: Das südwestdeutsche Stimmvolk hat am 24. September zwei Wünsche frei:

* Ich wünsche die Vereinigung der drei Länder Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern zum Südweststaat

oder

* Ich wünsche die Wiederherstellung des alten Landes Baden und des alten Landes Württemberg einschließlich Hohenzollern.

Kreuzchen genügt.

Von Carlo Schmid stammt das Wort: »Es wird die Welt nicht erschüttern, wenn sich die drei Länder Südwestdeutschlands zusammenschließen und sie wird auch nicht erschüttert werden, wenn dieser Zusammenschluß nicht erfolgen sollte.« Der schwäbisch-badische Wahlkampf wird indessen mit einer dieser These hohnsprechenden Erbitterung geführt.

Eine geeignete Handhabe für eine echte Volksabstimmung hätte der Artikel 118 des Grundgesetzes geboten. Jedoch wird die vox populi nur zur Information herangezogen. Im aufsteigenden Ast haben dann die drei Landtage Entscheidungen zu treffen. Und zuletzt muß der Petersberg entscheiden.

Ob allerdings der rührigste Wanderredner in Sachen Klein-Baden, Südbadens Staatspräsident Wohleb, dann aus Freiburg in die altbadische Residenz Karlsruhe umziehen kann, steht dahin. Denn Karlsruhe wird vom heute selbständigen Südbaden durch eine Zonengrenze abgeschnitten. Das auseinanderzuklamüsern setzt mutmaßlich langatmige internationale Verhandlungen voraus.

Wohlebs südwürttembergischer Staatspräsidenten-Antipode Gebhard Müller, Wanderredner für die Vereinigung von Württemberg und Baden, nennt es Wohlebsche Taktik, den Badenern die Württemberger zu verekeln. Dadurch würden auch die Württemberger von einer Vereinigung abgeschreckt. Bei dieser Taktik brauche nichts bewiesen zu werden. Je ärger man es treibe, desto stärker sei der Erfolg.

Im Zuge der Abstimmungspropaganda in Feindesland überschritt Staatspräsident Müller den südbadischen Dreisamfluß. »Jetzt wird eine andere Sprache zu reden sein, Sie haben den Rubikon überschritten«, schleuderte da Südbadens Oberlandesgerichtspräsident Zürcher dem Aggressor entgegen. Auf Grund einer Polizeiverordnung vom 22. April 1910 »zur Sicherung der öffentlichen Reinlichkeit und Gesundheit der Stadt Freiburg« wurde südweststaatfreundliche Flugblattwerbung am Dreisamufer untersagt.

Auf der anderen Seite antwortete der Mannheimer Oberbürgermeister Dr. Heimerich durch eine geharnischte Flaggenerklärung. Es war der Versuch unternommen worden, die Bundestrikolore durch badisches Gelb-Rot-Gelb an die Wand zu drücken. Das hatte sich die »Arbeitsgemeinschaft der Badener« als Demonstration vor den Augen des - laut »Badische Post« - »schwäbischen Politikers und eines der wichtigsten Initiatoren der Südweststaatkampagne«, Theodor Heuss, ausgedacht, der zur Brückenweihe in Mannheim erwartet wurde. Von 400 angebotenen badischen Fahnen wurden aber nur 29 abgekauft, und diese nur vereinzelt gezeigt.

Schon vor Müllers Rubikon-Uebertritt war die versierte Kampfeslyrik des »vor 1933 verdienten Alt-Reichskanzlers a. D. Joseph Wirth« durch massivere Versle abgelöst worden. Die brüllen von der nordbadischen Kultverwaltung einexerzierte Studenten-Radaukommandos in den südweststaatlichen Versammlungssälen. Mit »Frisch auf, mein Badener Land« werden stellenweise Südweststaatplakate in Fetzen gerissen.

Im Plakatkrieg spielen kleinbadischerseits vergleichende Abbildungen der Bahnhofsfassaden von Stuttgart und Mannheim eine gewisse Rolle ("Stuttgart vorne, Mannem hinne"). Während des Krieges war die Hauptfassade des Stuttgarter Bahnhofs weniger zerstört worden als die des Mannheimer Bahnhofs. Sie konnte deshalb rascher wiederhergestellt werden. Die Badener wollen nun mit »Stuttgart vorne« demonstrieren, daß für die schwäbischen Bahnhöfe alles, für die badischen nichts getan worden und deshalb eine staatliche Verschmelzung Baden mit württembergisch Schwaben ein Debakel sei.

Worauf der nordbadische Landesdirektor Kaufmann in Richtung Freiburg sprach: »Hätten die Stuttgarter die Vorderfassade ihres Bahnhofes vollends zerstören müssen, damit sie den Alt-Badenern kein Aergernis bieten?«

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