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Artikel 73 / 80

Briefe

Gruß vom Bruder
aus DER SPIEGEL 34/1983

Gruß vom Bruder

(Nr. 31/1983, Personalausweis; Nr. 32/1983, SPIEGEL-Titel: »Totale Überwachung") *

»Aus Schaden wird man klug«, so sollte man meinen. Nichts dergleichen aber bei Innenminister Zimmermann. Wie schon bei der Volkszählung soll auch die Einführung des »fälschungssicheren« Personalausweises mit einer großangelegten Werbekampagne durchgesetzt werden, und, wie bei der Volkszählung, werden die Gegner dieser Maßnahme diffamiert. Waren Volkszählungsgegner für Minister Zimmermann Verfassungsfeinde, sieht er nun Kritiker des neuen Personalausweises in der Nähe von Kriminellen.

Bonn HARALD JANSEN Pressesprecher der Liberalen Demokraten

Von mir aus kann auch der Radius meines Nabels drinstehen, denn ich habe nichts zu verbergen. Diesen simplen Ausweis hochzuspielen, ist wohl das Dümmste, was in letzter Zeit den Sowjet-Sympathisanten eingefallen ist.

Kaarst (Nrdrh.-Westf.) DR. WATENPHUL

Natürlich bin ich für diesen Ausweis - etwas Gegenteiliges könnte ich Ihnen ja auch nicht schreiben, da negative Zuschriften betreffs Staatsangelegenheiten an die SPIEGEL-Redaktion bei Veröffentlichung bestimmt auch durch Computer unter der Rubrik »Staatsfeinde« registriert werden.

Schöneck (Hessen) NORBERT FRANZ

Falls sich der neue Personalausweis durchsetzen sollte, darf man dann, ohne jemandem zu nahe zu treten, annehmen, die »Renationalsozialisierung« Deutschlands schreite zügig voran?

Basel HANS LANG-LEJOLY

Eine allgemeine Pflichtnumerierung als Schlüssel zu jederzeit abrufbaren Informationen war bisher nur Kraftfahrzeugen, Gefängnisinsassen und KZ-Häftlingen vorbehalten.

Remscheid (Nrdrh.-Westf.) WOLFRAM BIERMANN

Es wird endlich Zeit, das übertriebene Bedürfnis nach Überwachung und Bespitzelung als eine psychopathologische Erscheinung zu begreifen.

Braunschweig STEPHEN BOY

Herzliche Grüße vom Großen Bruder.

Hamburg HARTMUT BÖRNER

Mit Minister Zimmermann auf dem Weg in eine Gesellschaft, in der es keine Geheimnisse und kaum noch Privatsphäre gibt.

Bielefeld HANS-JOACHIM HEUEL

Die Naivität und Blauäugigkeit, mit der engagierte »Freiheitskämpfer« innere und äußere Feinde ignorieren, nimmt beängstigende Formen an. Wer hat sich eigentlich vor dem neuen Personalausweis zu fürchten? Doch wohl kaum der unbescholtene Bürger.

Ilsede (Nieders.) KARL HEINZ NIEMEYER

Hier ein Tip: Wer sich im nächsten Jahr einen neuen Personalausweis alter Art ausstellen oder seinen Ausweis verlängern läßt, hat fünf Jahre Zeit gewonnen.

Köln THEODOR CLEMENS

In dem Umstand, daß der neue EDVgerechte Ausweis der Staatsverwaltung die Möglichkeit zur Überwachung meiner Auslandsreisen bieten würde, kann ich auch beim besten Willen keine Gefährdung für mich oder andere nichtkriminelle Mitbürger erblicken.

Bonn DR. EDMUND PITTASCH

Hier wäre Zivilcourage angebracht, um dem Staat zu zeigen, daß Wahlzettel ihm nicht erlauben, seine Kompetenz zu überschreiten, und um dem Bundestag zu zeigen, daß er nicht die Regierung ist - was er noch nicht recht begriffen hat.

Hamburg HANS G. STREPP

Was Sie sich mit dem meiner Meinung nach schwachsinnigen Artikel geleistet haben, ist nichts als Bangemache. Sie wollen anscheinend in der Bevölkerung Panik auslösen.

Aachen GEORGE GENENDER

Ich meine, die Grenzen des Zumutbaren sind erreicht. In Großbritannien gibt es keine Personalausweise, auch die Niederländer kennen keinen, Führerschein genügt. In Frankreich gibt es zwar Ausweise, sie sind aber maschinell nicht lesbar, in der Schweiz sind die Angaben zur Person auf ein Mindestmaß reduziert. Und in den USA gibt es weder einen Personalausweis noch eine Meldepflicht,

alle Versuche, einen allgemeinen Ausweis einzuführen, sind bislang gescheitert.

Würzburg MARIA HUTH

Nur Kriminelle, Liberale und Vollidioten können gegen den neuen Ausweis sein.

München OSKAR WERNER ENGARTNER

Den Herren Planern sollte man sagen, »geht doch nach drüben, wo ihr hingehört«, und laßt uns in Ruhe. Wir möchten freie Bürger in einem freien Staat sein und bleiben.

Wiesbaden GERD FRIEDRICH

In Ihrem Titel werde ich auf Seite 18 zwar richtig zitiert, aber politisch falsch - fast hätte ich geschrieben: rufschädigend - der FDP als Mitglied zugeordnet. Ich bin »Ehemaliger«. Die Wende 1982 war mir zu kehrtwendig. Deshalb trat ich schon im vorigen Jahr aus, unterstütze jetzt die fortschrittlichen »Newcomer« und bin Gründungsmitglied der LD ("Liberale Demokraten").

Köln PROF. DR. ULRICH KLUG Senator a. D.

Nachdem ich nun schon einige 24 Stunden trocken und clean bin, meine Verurteilungen zu Jugendstrafe auf Bewährung wegen Betäubungsmittelvergehen und so weiter schon Jahre zurückliegen, konnte ich bisher meinen Personalausweis und den in nüchternem Zustand erworbenen Führerschein bei Verkehrskontrollen den Polizeibeamten übergeben, mit Stolz und dem guten Gewissen, bei klarem Verstand zu sein. Mit dem neuen Personalausweis wird mich in solchen Situationen die Vergangenheit wieder einholen. Jeder Streifenpolizist oder Grenzposten wird dann per Knopfdruck erfahren, daß ich eine Fixerin bin, und die für Drogenverdächtige üblichen, peinlichen Untersuchungsmethoden anwenden. Mein Leben lang.

Schleswig ANGELA FECHNER

Mir ist es absolut gleichgültig, wenn ich beim Staat eine Kontrollnummer habe. Als ob man nicht auch jetzt ganz hübsch überwacht wird: Wenn jemand stirbt, sind die Bestattungsinstitute da, bevor er kalt ist; wenn ein Mädchen 18 Jahre alt ist, stehen die Wäschevertreter vor der Tür; wer ein Geschäft aufmachen will, kann sich vor Prospekten aus dem ganzen Bundesgebiet kaum retten; woher kommen denn diese Daten?

Mühlacker (Bad.-Württ.) DR. ERHARD MORGENSTERN

Nicht die neuen Ausweise und ihre »Computerlesbarkeit« sind das Problem, sondern die (mögliche) Kontroll- und Speicherwut von Polizei- und Grenzbehörden. Wenn das aus dem Fokus gerät, so könnte der Innenminister versucht sein, großzügig auf die Einführung

der neuen Ausweise zu verzichten, weil sie von der technischen Entwicklung überholt worden sind: Es ist heute möglich, die Seriennummer der heutigen Personalausweise (und Pässe) zum Lesen zu verwenden. Mit der Seriennummer ist der Zugang zu den Dateien der Polizei dann ebenso leicht möglich wie mit den Angaben von »Erika Mustermann«.

Oldenburg (Nieders.) DR.-ING. PETER GORNY Professor für Angewandte Informatik an der Universität Oldenburg

Für eine erfolgreiche Fahndung möge doch der Innenminister gleich mit der Ausgabe der neuen EDV-Kennkarten die Kennziffer auf der Innenseite des rechten Unterarms eintätowieren lassen. Diese Täto-Nummer kann noch durch Buchstaben ergänzt werden, zum Beispiel R, G, A und so weiter - für Rote, Grüne, Arbeitsscheue.

Traben-Trarbach (Rhld.-Pf.) DR. WALTER MÜLLER

Geplant ist der gläserne Duckmäuser.

Aachen HEINZ KRAFT

Wir werden den neuen Ausweis ebenso hinnehmen wie die neuen Raketen. Auch die aufgeschobene Volkszählung wird durchgezogen werden. Und Zimmermann immer gefährlicher. Glauben Sie es nicht? Ich schon. Das satte Bürgertum schluckt die mundgerechten Argumente unserer Schlitzohren wie Honig. Und die versteh'n sich auf die deutsche Seele.

Darmstadt GÜNTER EISENBARTH

BRIEFE

Militärische Variante

(Nr. 33/1983, Bürgerrechte: Dürfen sich Richter und Beamte zur Nachrüstung äußern?) *

Wenn Richter, Staatsanwälte, Lehrer, Beamte und Soldaten öffentlich Kritik an politischen Entscheidungen üben, dann droht der Dienstherr mit Disziplinarmaßnahmen. Eine Variante, sich mit Kritik am »Nach« rüstungsbeschluß auseinanderzusetzen: Im SPIEGEL erscheint der Leserbrief eines Offiziers, der sich gegen diesen Beschluß ausspricht. Nach einigen Tagen verschwindet das im Offizierskasino ausgelegte Exemplar für einige Stunden. Der Bataillonskommandeur und Disziplinarvorgesetzte des leserbriefschreibenden Offiziers läßt besagten Leserbrief fein säuberlich herausschneiden. Danach liegt der SPIEGEL wieder zur weiteren Information im Offizierskasino aus.

Bergheim (Nrdrh.-Westf.) PETER BERGER Major der Bundeswehr

BRIEFE

Höfliche Anrufe

(Nr. 29/1983, Universitäten: Rätselhaftes Verschwinden von Dr. Kohls Dissertation) *

Nur Außenseiter können glauben, man könne eine Doktorarbeit, die nach einem ordnungsgemäßen Promotionsverfahren veröffentlicht und an alle vorgeschriebenen Bibliotheken verteilt worden ist, durch ein paar Telephonanrufe im Giftschrank verschwinden lassen. Daß der Referent am Telephon höflich war, daß die Universität versuchte, an

die Initiatoren der Aktion heranzukommen ... wer will es ihnen verdenken?

Heidelberg PROF. DR. A. HÖPFNER Prorektor der Ruprecht-Karls-Universität

BRIEFE

Begreifliche Erregung

(Nr. 30/1983, Tierschutz: Mit Befreiungsaktionen und Brandanschlägen wollen militante Gruppen Tierversuche verhindern) *

Ich bin sehr dagegen, wenn man bei Tierbefreiungsaktionen alles kurz und klein schlägt oder Brände legt. Aber verstehen kann ich es.

Dietzenbach (Hessen) HELGA KRIPPNER

In der Bundesrepublik weiß man seit spätestens 1977, als dies beim Internistenkongreß in Wiesbaden bestätigt wurde, daß *___6 Prozent aller Krankheiten mit Todesfolge, *___25 Prozent aller organischen Erkrankungen, *___61 Prozent aller Mißbildungen und *___88 Prozent aller Totgeburten

durch im Tierversuch getestete Medikamente verursacht werden.

Schweigen bedeutet mitschuldig sein, nicht nur an der Qual der Kreatur. Beiliegende Karte der Salzburger Initiative als Zeichen meines Protests.

Salzburg REGINE DAPRA

Ich kann die aktiven Tierschützer voll und ganz begreifen. Kriminell ist das nicht, was sie tun. Kriminell ist die Haltung derjenigen, die zu diesen Mord-Aktionen schweigen, etwa die Kirchen und dieser »Heilige« Ignaz aus Bayern, der für die Tierwelt offensichtlich so viel Empfinden hat wie Herr Zimmermann für die Türken. Motto: Ignorabimus!

Jeder, der aus der Kirche austritt und seinen Steuerbeitrag für den Tierschutz einsetzt, findet sicherlich mehr Gnade als die Pharisäer, die sich das von grausam gemarterten Tibetkatzen gewonnene Moschus der Pariser Parfumiers auf die Titten reiben!

Hamburg BERNDT W. WESSLING Schriftsteller

Wie denn, Tierschützer applaudieren Gewalt, Drohungen, Blockade, gar Brandanschlägen - sind denn da auch schon Anarchisten, Chaoten, Friedenshetzer und Linke am Werk? Oder sind das vielleicht nur die Muttis und Pappis, die in Ramstein und anderswo Friedensbewegte anspucken und beschimpfen?

Hamburg HANS-GÜNTER HINRICHS

Wenn man bedenkt, wie lange schon die Tierversuchsgegner versuchen, auf legale Weise über den Gesetzgeber die Abschaffung oder doch wenigstens Einschränkung der Tierversuche zu erreichen, ohne daß auch nur der geringste Erfolg zu verbuchen ist, so konnte man ihnen doch bisher keine Ungeduld unterstellen. Kommt aber zu aller Ignoranz seitens des Gesetzgebers auch noch Zynismus hinzu, nämlich in Form der auf Europaebene angestrebten »Konvention zum Schutz der Tiere«, so dürfte dies langsam der Gipfel sein und manchem den Geduldsfaden reißen lassen. Diese Konvention ermöglicht nämlich eine Ausweitung und Perfektionierung der Tierfolter und enormen Profit für alle daran Beteiligten.

Bonn JOSEFINE GOTTMANN

BRIEFE

Abgucken vom Meister

(Nr. 27-31/1983, SPIEGEL-Serie über die Misere der beruflichen Ausbildung) *

Da die Wirtschaft in der Vergangenheit offensichtlich mit den Absolventen der berufsbildenden Schulen recht gut arbeiten konnte, kann die Schulform insgesamt wohl nicht ganz schlecht sein. Es ist allerdings an der Zeit, daß die Wirtschaft in Sachen Berufsgrundbildung über ihren verbandspolitischen Schatten springt und auf der anderen Seite einige Elfenbeinturmbewohner ihr verklemmtes Bildungsideal ins Museum bringen.

Stade (Nieders.) WILLI BRUNKOW

Ihren Zweifeln an den Kosten der Ausbildung können nachstehende, von zwei Instituten unabhängig ermittelte Zahlen entgegengehalten werden: Die höchste Steigerungsrate bei den Kosten der Ausbildung hat das Handwerk aufzuweisen. Während 1971 die Brutto-Ausbildungskosten je Lehrling im Handwerk 5241 Mark betrugen, beliefen sie sich 1980 auf 15 258 Mark. Dies stellt eine Steigerung von 191 Prozent dar. Noch höher ist die Steigerungsrate bei den Nettokosten.

Eine »Rarität« ist der Handwerksmeister, der seine Kunst an Jüngere weitergibt, ganz gewiß nicht. Diese Einschätzung entspricht dem einseitigen »Spiegel-Bild« von der Berufsausbildung im Handwerk, nicht aber den Realitäten: Zum Selbstverständnis des Meisters im Handwerk gehört es, sein Wissen und Können an die junge Generation weiterzureichen.

Wenn Sie feststellen, daß auf 100 Handwerkslehrlinge »gerade mal« 5,5 überbetriebliche Werkstattplätze entfallen, so beinhaltet das immerhin die erfreuliche Feststellung, daß bei einer überbetrieblichen Ausbildung von durchschnittlich drei Wochen pro Jahr vier Fünftel aller Handwerkslehrlinge überbetrieblich ausgebildet werden können. Dieser Prozentsatz ist übrigens inzwischen weiter angehoben worden.

Es ist reine Spekulation, wenn Sie behaupten, daß von den Handwerksbetrieben nur jeder vierte nach den vorgeschriebenen Ausbildungsplänen ausbildet. Dann müßte annähernd jeder zweite Lehrling wegen falscher Ausbildung durch die Prüfung fallen. Tatsächlich bestehen trotz ständig steigender Prüfungsanforderungen 86 Prozent der Lehrlinge die Gesellenprüfung.

Bonn DR. KLAUS-JOACHIM KÜBLER Zentralverband des Deutschen Handwerks

Sie behaupten: »Und wer will und kann, holt dabei noch den Hauptschulabschluß nach.« Laut Erlaß des Kultusministers von Nordrhein-Westfalen wird der überwiegende Teil der BVJ-Schüler (Hauptschulabgänger unterhalb der 9. Klasse, alle ehemaligen Sonderschüler, ausländische »Seiteneinsteiger") im sogenannten Typ C des Berufsvorbereitungsjahres (BVJ) unterrichtet, in dem definitiv keine Qualifikation zu erreichen ist. Sie sind einem raffinierten Etikettenschwindel erlegen, wobei der Hauptschulabschluß im BVJ per Erlaß nur einigen wenigen Jugendlichen winkt (Abgänger nach Klasse 9 aus Gymnasien, Haupt- und Realschule). Im Regelfall aber bietet das BVJ nichts, jedenfalls nichts Positives.

Dortmund GEORG SCHMIDT

Als in Schleswig-Holstein ausgebildeter Radio- und Fernsehtechniker habe ich zum Teil die gleichen Erfahrungen gemacht: Ich bekam nur deshalb einen Ausbildungsplatz, weil ich auf die Anrechnung meines Abiturs auf die Gesamtlehrzeit - immerhin dreieinhalb Jahre - verzichtete. Ein wegen guter Leistungen

in der Schule gestellter Antrag auf Lehrzeitverkürzung wurde von der zuständigen Handwerkskammer Lübeck dermaßen schleppend bearbeitet, daß der Sinn, die Ausbildungszeit bei gleichen Ausbildungsinhalten zu verkürzen, verloren ging.

Die Ausbildungsvergütungen lagen am unteren Ende der »Verdienstskala« eines Azubis: laut Lehrvertrag von 200 Mark bis 340 Mark im vierten Lehrjahr. Betriebliche Ausbildung fand nicht statt: In meinem Ausbildungsbetrieb (ein Meister, zwei Azubis) wurde nur durch Abgucken vom Meister »gelernt«.

Auch die Berufsschule, obwohl sie die ihr gestellten Aufgaben noch relativ gut meistert, bietet Anlaß zur Klage, klagt jedoch auch mit gutem Recht selbst: sie soll nur Theorie unterrichten, kommt aber nicht daran vorbei, die mangelhaften praktischen Kenntnisse der Auszubildenden aufzubessern. Auch gelingt es nicht, die Lehrpläne der technischen Entwicklung anzupassen: Noch 1981 wurde kein Wort über die Funktionsweise eines Videorecorders gesprochen, obwohl der Video-Boom schon damals einsetzte.

Hamburg RÜDIGER PRIEWE

Groß war die Erwartung, als Lehrer und Schulleitung der Käthe-Kollwitz-Schule Wetzlar zum SPIEGEL griffen - war doch eine Serie über die »Misere der beruflichen Bildung in der Bundesrepublik Deutschland« angekündigt. Um so größer aber war unsere Überraschung und Enttäuschung! Da kam doch gleich zu Beginn der Serie unsere Schule vor, gespiegelt im Bericht einer Schülerin.

Nichts davon stimmt, so wie es dort dargestellt wird. Es gibt bei uns keine »lustlosen Lehrer«, sondern Lehrer, die durchaus mit Engagement in der Klasse arbeiten, die von jungen Mädchen besucht wurde, die teilweise als Praktikantinnen arbeiteten, teilweise eine Arbeitsstelle in der Industrie nachweisen konnten, teilweise aber auch arbeitslos waren

(so ist die Aussage falsch, daß keine der Schülerinnen eine Stelle bekam; einige hatten schon eine, andere bekamen welche).

Hier hat der SPIEGEL der beruflichen Bildung einen Bärendienst geleistet, hat es versäumt, exakt über die Probleme, aber auch die Möglichkeiten beruflicher Schulen zu informieren. Gerade darauf hätten wir im Interesse unserer Schüler, Eltern und der Lehrer und Betriebe gehofft. Schade - der SPIEGEL hat eine Chance mutwillig vertan.

Wetzlar (Hessen) PETER GRESS M. A. Schulleiter der Käthe-Kollwitz-Schule

Allgemeingültiges und unzulässig Verallgemeinerndes - zum Beispiel, die Berufsschulen seien so wenig frei von Vandalismus und Resignation wie die zu Restschulen verkommenen Hauptschulen, Schwänzen sei an der Tagesordnung, Schüler prügelten sich mit Lehrern -liegen so dicht in dem Artikel beieinander, daß ein Zerrbild der Berufsschule entsteht. Gern lade ich den Autor ein, in der Berliner Berufsschule, an der ich arbeite, unter den 2500 Berufsschülern nach prügelnden Schülern zu suchen, nach Anzeichen von Vandalismus zu fahnden und die Klassenlisten nach notorischen Schulschwänzern durchzusehen.

Dank zu sagen ist dem SPIEGEL jedoch für Hinweise und Fakten, daß Lehrer und Schüler an den Berufsschulen bis heute in der Mehrzahl unter völlig unzureichenden Arbeitsbedingungen arbeiten. Die Klassenfrequenzen liegen zu hoch, die vorgegebenen Schüler-Lehrer-Relationen erlauben keine Klassenbildungen nach Vorbildung und Ausbildungsbedürfnissen der Schüler.

Die Sachausstattung mit Maschinen, Lehrmitteln und Räumen in vielen Berufsschulen bleibt weit hinter den Bedürfnissen seiner zeitgerechten Berufsausbildung zurück. Die Neuordnung der Ausbildungsberufe ist versandet. Das gilt selbst für Bereiche, in denen die Ausbildungsordnungen im Zweiten Weltkrieg (zum Beispiel für Bürogehilfen) oder in den 60er Jahren (zum Beispiel für Bürokaufleute) erlassen worden sind.

Vieles noch könnte aus dem Artikel bestätigend zitiert werden. Bleibt zu hoffen, daß die SPIEGEL-Veröffentlichung bei Bildungs- und vor allem bei Finanzpolitikern Bereitschaft bringt, der Berufsschule aus ihrer Misere zu helfen.

Berlin HORST KNAUT Bundesvorsitzender des Verbandes der Lehrer an Wirtschaftsschulen e. V.

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