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PRESSE Gütiger Monarch

Bei der Berliner »Tageszeitung« tobt ein Kleinkrieg - Auslöser: eine Pornographie-Seite. *
aus DER SPIEGEL 11/1988

Gerichtsreporterin Plutonia Plarre saß gelangweilt im Kriminalgericht Moabit und las in der »Tageszeitung« ("taz"), ihrem eigenen Blatt. Von den sattsam bekannten Figuren der Berliner Affärenszene schweiften ihre Gedanken ab: »Ob Manzke, Vetter und Konsorten wohl noch vögeln?«

Den Blick der Journalistin hatte eine »harmlose, kleine Seite« gefesselt, »leichte Lektüre«, die ihr gefiel. Ein paar Straßenecken weiter, in der »taz«-Zentrale, hatte die lockere Seite ganz anders eingeschlagen.

Aufgeregte Stimmen und Streikdrohungen erklangen auf den Fluren, eine »taz«-Autorin wetterte: »Packt die journalistischen Eminenzen an ihren sabbernden Schwänzen!« Und ein verantwortlicher »taz«-Redakteur entging nur knapp der weiblichen Aufforderung, die Hosen herunterzulassen.

Am Ende stand dann der Beschluß, der bundesweit bei »taz«-Lesern für Furore sorgte: Das Blatt erschien fürs erste, als verkürzte Notausgabe, unter der Balken-Überschrift »''taz''-Frauen streiken«. Die als Hauptschuldige ausgemachten Redakteure Helmut Höge und Wiglaf Droste gingen in Zwangsurlaub.

Ausgelöst wurde das »taz«-Beben durch eine satirisch gemeinte Pornographieseite auf dem letzten Blatt der Berlin-Ausgabe vom Mittwoch. Die Macher verstanden sie als Fanal gegen sterilen Betroffenheits-Journalismus und »Ärmelschonerprosa«. Viele Kolleginnen sahen darin jedoch »versteckte und offene Frauenverachtung«, ausgerechnet am Tag nach einer Demonstration zum Internationalen Frauentag.

Das Corpus delicti war eine streckenweise sekundanerhaft geratene Mischung: Eine Zeichnung von Banane und Vagina stand neben Absätzen des expressionistischen Dichters Iwan Goll. Ein Gerichtsurteil gegen den Song »Claudia« der Gruppe »Die Ärzte« war zitiert, der, so die Richter, den »Eindruck erweckt, der Koitus mit einem Hund sei besonders befriedigend«. Ein Sex-Report plädierte für den »Fotofix-Fick« in Paßbild-Kabinen.

In der Freitagausgabe bezogen die Frondeure mit szene-üblicher Sprachgewalt ihre Positionen, als ginge es um »die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau« (eine »taz«-Frau). »Streik, Debatte, Aufruhr gar«, jubelte »Anarchist« Höge über die Wirkung seiner Seite, die nach Mehrheitsurteil »zu 90 Prozent belang- und niveaulos, zu zehn Prozent scheußlich« war.

Die »taz« flankiere durch solche Beiträge »die Wendepolitik von links«, schrieben Unterstützerinnen. Es sei »wieder chic und salonfähig, sich in unangemessenster Weise über Frauen und Frauenwiderstand zu mokieren«, tönte es auf dieser Seite der Barrikade.

Für »Entkrampfung in Theorie und Praxis« plädierte die neutrale Ecke. Daß »die öffentliche Komposition von Ficken, nackten Brüsten und Bananen« im »Weiberbauch Ekelgefühle entstehen« lasse, sei in jedem Fall ernst zu nehmen. Doch das reiche nicht aus für weibliche Inquisition.

Die »Ratlosigkeit der ''taz''-Männer« artikulierte sich in Mahnungen, der Leserschaft dürfe nicht »jede aus internen ''taz''-Konflikten entstehende Qualitätsminderung« zugemutet werden. Die beiden zwangsbeurlaubten Redakteure, nach Ansicht Frankfurter »taz«-Kollegen »spätpubertäre Spinner«, sahen lediglich die »Leser-Blatt-Bindungs-Polizisten« durch die Korridore huschen.

So brach letzte Woche bei der Zeitung, die manchen Stammlesern wegen ihrer seriöser werdenden Berichterstattung beinahe als bürgerlich gilt, Chaos wie in alten Tagen los. Schon 1980 hatte eine wüste Polemik (Autor: »Gernot Gailer") gegen die »Schwanz ab«-Philosophie des Feminismus für Empörung gesorgt. Knapp zwei Jahre später löste ein Beitrag mit Kritik am Berliner Peep-Show-Verbot die Verwüstung der Redaktion aus - Sprühparole: »Schwanz ab«.

Diesmal aber beschränkt sich das »taz«-Frauenplenum nicht mehr auf Kritik an Porno. Jetzt geht es gegen »die professionelle Abstumpfung allen Inhalten gegenüber«. Immer heftiger geht der Streit um den Professionalismus bei dem Blatt, das sich vom Generalanzeiger der Müsliszene zur radikaldemokratischökologischen Tageszeitung entwickelt hat. In täglich 62 700 Exemplaren, mit wacher Affärenberichterstattung und prominenten Gastautoren, erreicht die »taz« vor allem jüngere Leser und gewinnt immer mehr Gewicht.

Zum Grimm darüber, daß Quotenbeschlüsse nicht erfüllt wurden, kommt der Dauerstreit um Alleingänge einzelner Ressorts und Kollegen - wie etwa Kulturredakteur Wiglaf Droste, der in einem umgebauten Klo die Medienseite so eigenwillig gestaltet hatte, daß deshalb schon einmal ein Plenum seinen Rausschmiß betrieb.

Ein Ventil schaffte sich auch der Frust im alternativen Großprojekt, wo es den meisten nicht allein um den Job für kargen Lohn geht, sondern vor allem um die eigene Identität. So entstanden plötzlich, ausgelöst durch den Pornostreit, »völlig veränderte Fronten« (ein »taz«-Redakteur).

Im hitzigen Stimmengewirr der letzten Woche vermißten »taz«-Veteranen wie Mitgründer Max Thomas Mehr, zumindest »um den Streit zu organisieren«, eine Art Leitfigur im strikt herrschaftsfrei gehaltenen Betrieb. Mehr: »Im Grunde genommen fehlte uns ein gütiger Monarch, der freilich täglich absetzbar sein müßte.«

Auch ohne Herrschaft gibt''s Absetzungsdruck. Über einer Rechtfertigungsschrift des gescholtenen Medienredakteurs Droste ("Sturm im Wasserglas") stand in der Freitagausgabe eine Anzeige: »Die ''taz'' sucht ab sofort eine Medienredakteurin.« _(Am Donnerstag letzter Woche in Berlin. )

Am Donnerstag letzter Woche in Berlin.

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