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AGENTENAUSTAUSCH Gunst der Stunde

Rechtzeitig vor dem Honecker-Besuch beseitigten beide deutsche Staaten zwei Problem-Fälle: Die DDR ließ Christa-Karin Schumann, Bonn den KGB-Mann Rotsch frei. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Der Austausch sollte nach dem Willen der DDR völlig geräuschlos vonstatten gehen. Doch als der Ost-Berliner Anwalt Wolfgang Vogel am vergangenen Mittwoch mit seinen beiden Mandanten, der Ärztin Christa-Karin Schumann und dem Tabakwarenhändler Wilhelm Wilms aus Wedel, am Grenzübergang Herleshausen erschien, warteten bereits etwa 50 Photographen, zu Lande und auf den umstehenden Bäumen.

Scheitern lassen indes wollten die DDR-Leute den jüngsten Agenten-Deal zwischen Bonn und Ost-Berlin an der unerwünschten Publizität nicht. Der Tausch von Herleshausen, bei dem die als West-Agenten verurteilten Christa-Karin Schumann und Wilms gegen den früheren Ingenieur beim westdeutschen Rüstungs- und Raumfahrtkonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) Manfred Rotsch sowie zwei weniger gewichtige Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) freikamen, gehört zu den großzügigen Gastgeschenken, die Erich Honecker und Helmut Kohl derzeit im Vorfeld des Honecker-Besuchs in der Bundesrepublik wechseln.

Es war schwierig genug gewesen, die Aktion zu organisieren. Ursprünglich hatten die Bonner ein weit größeres Paket schnüren wollen, in das auch internationale Fälle gehören sollten.

»Unsere große Hürde war Rotsch«, schildert ein Bonner Spitzenbeamter die zähen Verhandlungen, die schließlich Ende Juli in eine schriftliche Vereinbarung zwischen Vogel und dem Staatssekretär im Innerdeutschen Ministerium, Ludwig Rehlinger, mündeten.

Der KGB-Mann Rotsch hat nämlich erst 34 Monate seiner achteinhalbjährigen Freiheitsstrafe abgesessen. Im September

1984, zehn Tage vor seiner Pensionierung, war der MBB-Abteilungsleiter verhaftet worden. Er hatte den Sowjets Berge von Material besorgt - über den »Tornado« etwa oder das Raumfahrtprogramm »Spacelab«.

So mußten die Bonner erst den Widerstand von Generalbundesanwalt Kurt Rebmann aus dem Weg räumen. Der hatte öffentlich erklärt, Rotsch werde so schnell nicht ausgetauscht. Die einzige Bedingung der Bundesregierung jetzt: Der Ost-Agent müsse nach einer Begnadigung auch wirklich die Bundesrepublik verlassen. Ähnliche Schwierigkeiten hatte auch die Gegenseite. Bis vor wenigen Wochen weigerte sich die DDR. Frau Schumann in die Austauschverhandlungen einzubeziehen. Es sei, so vermuten Bonner Sicherheitsexperten, sogar für Honecker schwer gewesen, etwas in dieser Sache zu unternehmen.

Jetzt kam sie mit der Zusicherung in den Westen, daß Verwandte aus Pirna nachkommen dürften, deren Ausreiseanträge die DDR-Behörden bislang stets abgelehnt hatten. Auch Tochter Elke, 19, darf rüber, falls sie es wünscht. Der Sohn Frank, 18, hat sich inzwischen für die DDR entschieden. Über acht Jahre saß Christa-Karin Schumann in DDR-Haft. Die Ärztin an der Ost-Berliner Charite war im Juni 1979 bei einem Fluchtversuch verhaftet worden. Ein Jahr später verurteilte sie ein Ost-Berliner Gericht zu 15 Jahren Haft wegen Militärspionage für den Westen. Ihr Anwalt schon damals: Vogel.

Der Mann, dem zuliebe die Ärztin zur Agentin wurde und mit dem sie über Ungarn in die Bundesrepublik fliehen wollte, war Doppel- und westlicher Spitzenagent. Der DDR-Konteradmiral Winfried Baumann leitete im DDR-Ministerium für Nationale Verteidigung als Agentenführer das Referat »Aufklärung Bundesrepublik«; zugleich lieferte er als Mann des Bundesnachrichtendienstes (BND) Informationen an den westdeutschen Geheimdienst - unter anderem Namen von DDR-Agenten im Westen. Er wurde vom Ost-Berliner Militärobergericht zum Tode verurteilt und erschossen.

Baumann und Christa-Karin Schumann hatten sich erst wenige Monate vor der mißglückten Flucht kennengelernt. Doch schon bald war beiden klar: Der Konteradmiral und Agentenführer durfte sich nicht öffentlich mit der geschiedenen Ärztin zeigen, die einen Bruder, den Medizin-Professor Wolf-Dieter Thomitzek, im Westen hatte.

Man entschied sich zur Flucht, der BND sollte die Sache organisieren. Via Ungarn wollten beide in den Westen gelangen. Doch der Coup mißlang. Noch heute wissen die BND-Leute nicht genau, was in der DDR schieflief. Sie vermuten, daß der Admiral durch ein abgehörtes Telephongespräch zwischen ihm und seiner Geliebten aufflog.

Christa-Karin Schumann säße ohne die Gunst der Stunde wohl noch lange im Strafvollzug der Deutschen Demokratischen Republik. Daß sie trotz heftiger Gegenwehr des Ost-Berliner MfS nun in den Westen durfte, hat sie auf DDR-Seite vor allem der Zähigkeit Vogels, auf Bonner Seite dem Einsatz Rehlingers zu verdanken (er verhandelte über die Freilassung, seit er 1982 ins Amt kam) - und dem schlechten Gewissen des früheren BND-Chefs Klaus Kinkel.

Der heutige Staatssekretär im Bonner Justizministerium kümmerte sich um den Fall, weil Baumann wohl noch leben könnte, hätte sich Kinkels BND nach dessen Verhaftung rechtzeitig um den Konteradmiral gekümmert.

»Was«, so Christa-Karin Schumanns erste Frage nach ihrem Austausch, »habt ihr für meinen Lebensgefährten getan?« Die Antwort: nichts.

Die Bonner hatten sich nach dem Fluchtversuch des Paares zwar um Beistand für die Ärztin gekümmert, den DDR-Offizier aber verleugnet.

Dabei wäre Hilfe auch für Baumann durchaus möglich gewesen: Seit langem ist es zwischen den deutsch-deutschen Geheimdiensten üblich, die jeweils andere Seite zu benachrichtigen, wenn sie einen Agenten hochgenommen hat. Der betroffene Dienst organisiert dann einen Verteidiger - und bekennt sich so zu seinem Spion. »Diese Art der Rechtshilfe«, sagt ein Fachmann, »funktioniert auch ohne Rechtshilfeabkommen zwischen beiden deutschen Staaten.«

Baumann, glauben Experten, wäre womöglich nicht hingerichtet, sondern als Geisel für alle Fälle aufbewahrt worden, hätte der Dienst aus Pullach ihn als einen der Seinen offenbart.

Wie im Fall des Wilhelm Wilms. Der heute 58jährige arbeitete seit 1967 für das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln. Nach außen führte er in Wedel bei Hamburg den Tabakladen seiner Lebensgefährtin. Das einzig Auffällige: Alle sechs Wochen flog er nach West-Berlin, um sich in der DDR mit Verwandten zu treffen.

Wilms war vor allem auf die Kontakte zwischen DKP und SED angesetzt. 1981 ließ er sich zum Schein zusätzlich vom MfS anwerben, zwei Jahre später flog er bei einem Besuch in der DDR auf. Das Urteil lautete auf lebenslänglich.

Ihm gewährte die Bundesregierung 1983 sofort Beistand. Über das Anwaltsbüro Näumann in West-Berlin beauftragte sie den DDR-Anwalt Vogel mit der Verteidigung. Christa-Karin Schumann und Wilms sind indes nicht die einzigen deutsch-deutschen Problemfälle, die vor dem Besuch des Genossen Honecker im Westen planiert wurden.

In aller Stille ließ der Staatsratsvorsitzende einen anderen DDR-Bürger gehen, dessen Schicksal nie Schlagzeilen gemacht hat: Am 6. August kam Josef Kneifel aus Karl-Marx-Stadt in die Bundesrepublik. Kneifel verbüßte seit 1981 eine lebenslange Haftstrafe.

Sein Verbrechen: Er hatte 1980 - aus Unzufriedenheit über seinen Staat - am sowjetischen Ehrenmal in Karl-Marx-Stadt, einem Panzer, einen Sprengsatz gezündet. Der Panzer ging zu Bruch.

Ohne Honeckers Kulanz säße der »Michael Kohlhaas der DDR« (ein Kneifel-Bekannter) noch lange: Die ebenfalls zum Honecker-Besuch verkündete Amnestie hätte seine Strafe allenfalls auf 15 Jahre verkürzt.

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