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WEIN-FUNKTIONÄRE Gustav Adolfs Mißgeschick

aus DER SPIEGEL 42/1960

Mit Kennermiene schnupperten die im Haus des Deutschen Weins zu Mainz versammelten Honoratioren am Inhalt der Pokale. Zu dem dezenten Empfang hatte der Verlag Ullstein eingeladen, um der deutschen Weinwirtschaft anläßlich der Frankfurter Buchmesse den laut Werbeprospekt »splendid aufgemachten« Band über »Die großen Weine Deutschlands« - 192 Seiten, 48 Mark - zu präsentieren.

Auf den, prominenten Verfasser der Wein-Dichtung warteten die Gäste allerdings vergebens: Der Literaturpreisträger Stefan Andres blieb dem Umtrunk fern.

Wenngleich die Ullstein-Emissäre den Affront ihres diesjährigen Star-Autors mit jovialen Sprüchen zu kaschieren suchten, tuschelten die Weinprobierer hinter ihren Gläsern, Andres habe seinen Dichtersitz zu Unkel am Rhein nicht verlassen, um unliebsamen Fragen zu entgehen. Daß Andres Ullsteins Weinbuch-Autor wurde, verdankt er nämlich weniger seinen auf - allerdings reichlichen - Konsum beschränkten Erfahrungen mit Rebgewächsen als vielmehr der Intrige eines führenden Multifunktionärs der Weinwirtschaft.

Die Idee, Deutschlands Weinen ein repräsentatives Werk zu widmen, wurde vor nunmehr zwei Jahren geboren, nachdem die Ullstein AG die deutsche Ausgabe des von Messrs. Georges Rainbird McLean in London herausgebrachten Buches »Die großen Weine Frankreichs« von Andre Simon gewinnbringend verlegt hatte.

Der Erfolg ermutigte die Produktionsgemeinschaft, von André Simon, »der als Autorität auf seinem Gebiet weithin Respekt genießt« ("Die Welt"), auch die großen deutschen Weine beschreiben zu lassen.

Angesichts der Unwägbarkeiten deutscher Kellertechnik wünschte der französische Wein-Star aber fachliche Beratung und ließ sich von

Rainbird als offiziellen Ko-Autor den Dr. jur. Fritz Hallgarten attachieren.

Hallgarten, Weinimporteur in London und Weinexporteur im Rheingau, zugleich Schriftsteller und Mitglied des britischen PEN-Zentrums, qualifizierte sich durch sein Buch »Rhineland - Wineland« in der englischsprachigen Welt als Kenner deutscher Weine.

Die Hoffnung der Verleger, das bereits 1958 angekündigte Prachtwerk so renommierter Wein-Autoren würde von den deutschen Rebpflegern freudig begrüßt, wurde aber jäh enttäuscht. Die Zunft an der rheinischen Weinfront empfand es vielmehr als Ungemach, daß ihre Produkte dem kritischen Urteil internationaler Experten unterworfen werden sollten.

Kaum hatte Weinhändler Gustav Adolf Schmitt zu Nierstein, Vorstandsmitglied des Verbandes Deutscher Weinexporteure e.V. und Präsident des Verbandes Rheinhessischer Weinhändler, sichere Kunde, daß Deutschlands große Rebgewächse tatsächlich ohne Konsultation einheimischer Weinwirtschafts-Aktivisten beschrieben werden sollten, da griff er zur Feder.

In Schreiben gleichen Inhalts forderte Schmitt den Geschäftsführer der Deutschen Weinwerbung, Cornelssen, und den Mainzer Weinbauminister Oskar Stübinger auf, die Exportfirma Hallgarten zu Winkel-Erbach im Rheingau vom Bezug der Weine rheinland-pfälzischer Staatsdomänen künftig auszuschließen.

Schmitt offenbarte den Empfängern seiner Enzykliken, dem Hallgarten sei

- »genauestens bekannt«, daß eine Goldbeerenauslese und zwei Trockenbeerenauslesen auf seiner - Hallgartens - Londoner Preisliste »künstlich hergestellt« seien;

- »genauestens bekannt, daß es sich hier nicht um gute Naturweine, sondern um fabrizierte Weine« handele. Diese massiven Vorwürfe gegen Hallgarten beschwerten den Weinwerbe-Geschäftsführer Cornelssen um so mehr, als Schmitt ihm versicherte, er werde der finanzschwachen Deutschen Weinwerbung alle Verbands-Zuschüsse streichen, wenn sich Cornelssen nicht jeder Förderung des fatalen Weinbuchs enthalte.

Um seiner Drohung zusätzlich Gewicht zu geben, erklärte Schmitt in seiner Eigenschaft als Zweiter Aufsichtsratsvorsitzer der Deutschen Weinwerbung ferner, Cornelssen werde für den Weinhandel und den Exporthandel untragbar sein, sofern er sich für Weinpanscher Hallgarten einsetze.

Der um seine berufliche Existenz bangende Cornelssen beeilte sich, Schmitts Ansinnen gerecht zu werden. Er legte der Frankfurter Ullstein-Dependance eine für Hallgarten wenig schmeichelhafte Note vor. Als Verlagschef Frederick Ullstein daraufhin noch einmal telephonisch bei Schmitt in Niere stein anfragte, ob es sich etwa um einen Scherz handele, empfahl ihm der Weinbau-Funktionär mit gespielter Objektivität, den staatlichen Weinkontrolleur für Rheinhessen und für den Rheingau, Reichwein, zu hören.

Ministerialbürokrat Reichwein, von Ullstein befragt, ob Schmitts »schwere Beschuldigungen gegen Herrn Hallgarten« zuträfen, entgegnete schlicht: »Die in Ihrem Schreiben erwähnten Beschuldigungen (entsprechen) nach dein Angaben der Weinkontrolle Rheinhessen der Wahrheit.«

Damit war das Ende der Ko-Autorschaft des Dr. Hallgarten besiegelt: Rainbird eröffnete ihm, für die Firma Ullstein sei es nun »nicht zumutbar ..., die Arbeit eines Experten zu veröffentlichen, dessen Unparteilichkeit so sehr in Zweifel gezogen wird«.

Ullstein an Hallgarten: »Wir haben weder die Möglichkeit noch Veranlassung, die Wahrheit der offiziell erhobenen Beschuldigungen zu prüfen.« Und: »Wir sind auch nicht in der Lage abzuwarten, bis Sie auf dem Prozeßwege möglicherweise die Unwahrheit der erhobenen Beschuldigungen erwiesen haben.«

Da sich Ullstein außerdem über den Urheber der Verdächtigungen diskret ausschwieg und auch das Mainzer Weinbauministerium, dessen Chef Stübinger Erster Aufsichtsratsvorsitzer der Deutschen Weinwerbung ist, den Namen des Briefschreibers Schmitt nicht preisgab, begann der abgehalfterte Wein-Jurist Hallgarten eine Privatfahndung nach seinem Verleumder.

Erst als Hallgarten dem beamteten Sachverständigen Reichwein auf die Spur kam, enthüllte sich ihm die verzweigte Konspiration.

Reichwein, der Schmitts Behauptung so ungeziert bekräftigt hatte, flüchtete in die Ausrede: »Ich (habe) mich über den Inhalt der von mir abgegebenen Erklärung im Irrtum befunden.« Klagte Reichwein weiter: Obgleich er bei Schmitt noch eigens rückgefragt habe, »um welche Beschuldigungen es sich handele«, sei er »infolge falscher Informationen, durch Herrn Gustav Adolf Schmitt einem Irrtum ... unterlegen«.

Über seine Leichtgläubigkeit verärgert, grollte Reichwein dem Schmitt: »Ihr Verhalten hat mich sowohl gegenüber der Firma Ullstein als auch gegenüber der Firma Hallgarten in eine unangenehme Lage gebracht. Die Firma Hallgarten hat bereits gerichtliche Beschlüsse gegen mich angedroht.«

Nach diesen Geständnissen des Reichwein hielten es auch die höheren Chargen der Mainzer Weinbau-Bürokratie für zweckmäßig, sich von den Verleumdungen gegen Hallgarten nach Kräften zu distanzieren. Ministerialdirektor Robert Hartmann: Es sei »kein Nachweis dafür gegeben«, daß Hallgarten gesetzwidrig gehandelt habe.

Mit seiner offiziellen Rehabilitierung im Gepäck eröffnete Hallgarten einen ebenso konzentrischen wie- erfolgreichen Prozeßfeldzug gegen Schmitt. Er erwirkte

- eine Einstweilige Verfügung, die Schmitt verbot, seine Keller-Gespräche über Hallgarten fortzusetzen,

- ein Urteil des Landgerichts Mainz und des Oberlandesgerichts Koblenz, das Schmitt zum Widerruf verpflichtete, und

- eine Anklage wegen Verleumdung und falscher Anschuldigung vor dem Amtsgericht Oppenheim.

Unterdes waren aber auch die Verleger in Verlegenheit geraten: Als Hallgarten dem Frederick Ullstein eine Schadenersatzklage androhte, machte Ullstein geltend, nicht er, sondern der britische Verleger sei Hallgartens Verlagspartner.

Die Engländer indes hatten an den großen Weinen Deutschlands jeden Geschmack verloren. Sie verzichteten zugunsten Ullsteins ohne Entschädigung auf alle Rechte an dem Wein-Buch, das nun allerdings auch des zweiten Autors verlustig ging:

Ohne Freund Hallgarten wollte Erfolgsschreiber Andre Simon nicht arbeiten, da ihm ein Lobgesang auf Deutschlands Weine vor Abschluß der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen Gustav Adolf Schmitt als zu gewagt erschien.

Während Ullstein den Stefan Andres dazu brachte, anstelle Simons über die Deutschland-Weine ein gültiges Urteil abzugeben, verlor Weinhändler Schmitt noch weiteres Terrain.

Mit seinen Prozeß-Erfolgen gegen Schmitt gab sich Hallgarten nämlich nicht zufrieden. Hatte sich Schmitt vor Gericht auf sein empfindsames Weinbauern-Gewissen berufen, das ihm die Verpflichtung auferlegt habe, den Ruf des deutschen Edelweins zu wahren, so hegte nun Hallgarten Zweifel, ob Schmitts Edelweine in rechtmäßigem Verfahren produziert würden.

Alsbald fanden sich, von Hallgarten gesandt, Proben der erlesensten Kreszenzen aus Schmitts Export-Programm - »Höchste Auszeichnungen auf allen beschickten Wettbewerben« - auf den Schreibtischen der Staatsanwaltschaften zu Mainz, Frankfurt, Münster, Hannover, Hamburg und Berlin, wo überall Schmitt Wein ausliefert.

Neben den bunt etikettierten Flaschen lagen die auf Hallgartens eigene Rechnung erstellten Analysen der Schmitt -Weine nebst den dazugehörigen Strafanträgen.

Nach diesem Mißgeschick konnte es nicht ausbleiben, daß Gustav Adolf Schmitt den Sessel des Zweiten Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Weinwerbung in aller Stille »wegen Arbeitsüberlastung« räumen mußte. Seiner ungewöhnlichen Inanspruchnahme fielen fernerhin seine Präsidialposten im Deutschen Weinexporteur-Verband und im Internationalen Wein-Amt zum Opfer. In Nibelungentreue steht allein noch der Rheinhessische Weinhändler-Verband hinter seinem Präsidenten.

Wein-Experten Stübinger (l), Schmitt: Wer panscht?

Andres

Wein-Autor Simon

In Kellertechnik unbewandert

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