GUSTAV HEINEMANN
errang Prominenz als politischer Alleingänger. Zwar gehörte er als Mitgründer der CDU und Innenminister in Konrad Adenauers erstem Kabinett zum Establishment der ersten Stunde, aber schon 1950 bewogen ihn die von Adenauer betriebene Remilitarisierung und dessen einseitiges West-Engagement, die Regierung wieder zu verlassen. Acht Jahre später gestand Freidemokrat Thomas Dehler, einst mit Heinemann im Kabinett und ebenfalls Gegner der Adenauer-Politik: »Ich bin in der Regierung geblieben. Ich schäme mich, ja. Ich beneide den Heinemann wegen seines Mutes.«
Als Anwalt, der unter anderem den linken DGB-Ideologen und Bürgerschreck Viktor Agartz in einem politischen Prozeß verteidigte sowie den SPIEGEL einmal gegen Franz-Josef Strauß vertrat, und als Mitgründer der Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP) stand Heinemann dann jahrelang abseits vom Hauptstrom deutscher Politik. Seine Partei propagierte in der Hitze des Kalten Krieges ein neutralisiertes Gesamteuropa; sie überwand nicht die Fünf-Prozent-Hürde und wurde verdächtigt, Ostgelder zu empfangen.
1957 löste sich die erfolglose GVP auf; Heinemann trat mit 57 Jahren der Partei bei, die ihn elf Jahre später zu ihrem Kandidaten für die Bundespräsidentschaft machte: der SPD.
Bei den Sozialdemokraten ist er nie ein Mann des Apparats geworden, verfügt er nicht über eine Hausmacht, und doch wählten ihn die Genossen van Anfang an in den Parteivorstand. Es schadete ihm nicht, daß er zum Beispiel in wirtschaftspolitischen Fragen wie Mitbestimmung nicht immer getreulich der Parteilinie folgt und generell großbürgerlich-kirchentreuen Zuschnitts ist.
Heinemanns Vater war bei Krupp Prokurist (Leiter des »Büros für Arbeiterangelegenheiten") und Geschäftsführer der Betriebskrankenkasse, kam aber, so der Sohn heute, »über die traditionell gezogene Linie nie hinaus, etwa ins Direktorium. Da mußte man Akademiker sein«. Gustav Heinemann ist dreifach Akademiker mit einem juristischen und einem nationalökonomischen Doktortitel sowie einem Ehrendoktor der Theologie. Er kam auch, als Vorstandsmitglied der Rheinischen Stahlwerke bis 1949, ins Direktorium.
Dennoch lebt er in seiner bejahrten Essener Villa eher bescheiden, nicht ein Hauch van Pomp ist um ihn. Der Erz-Zivilist ("Ich habe mich immer als Bürger ohne Uniform empfunden") vermerkt geradezu mit Genugtuung, daß er es »nie zum Gefreiten gebracht« habe, sondern nur »etatmäßiger Kanonier des letzten Königs von Preußen« war (im Feldartillerie-Regiment Nr. 22 in Münster). Und auch das stimmt ihn zufrieden: »Ich bin bis jetzt durch alle Reiche ohne Orden gekommen.«
Seine protestantische Religiosität hat ihn nicht unduldsam gemacht. Er selbst genoß »in gar keiner Weise eine besondere christliche Erziehung« und übt gegen andere Toleranz: »Meine älteste Tochter ist katholisch, das führt zu keinerlei familiären Differenzen.
Obwohl oft als Linker gelobt oder verschrien, ist Heinemann im Grunde ein Liberaler angelsächsischen Typs, der eifernde Ideologie für schädlich und Politik für zu wichtig hält, als daß sie Dogmatikern überlassen werden dürfe. Er erinnert gern daran, daß er fünf Parteien angehört hat (einschließlich Mitgliedschaften bei der Deutschen Demokratischen Studentengruppe und dem Christlich-Sozialen Volksdienst vor 1933) und daß er 1933 als »Gegengewicht gegen Hitler« SPD wählte. Man müsse nicht unbedingt »nach als Siebzig- oder Achtzigjähriger mit derselben Parteifahne beerdigt werden«, der man mit 20 Jahren zuerst gefolgt sei.
Die Große Koaltion brachte ihn nach 16 Jahren als Justizminister wieder ins Bonner Kabinett. Heinemann zitiert ein Presseurteil über ihn und seinen Gehilfen Horst Ehmke, »in der Rosenburg residiere ein leiser Minister und ein sehr lauter Staatssekretär«, und wendet ein: »So leise bin ich ja schließlich auch nicht gewesen.
Er förderte die überfällige Liberalisierung des westdeutschen Strafrechts bis zur Entscheidungsreife und leistete damit einen der wenigen durchschlagenden Reformdienste der Großen Koalition.