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PERSONALIEN Gustav Heinemann, Kurt Schmöcker, Willy Brandt, Masche Dajan, Kurt Georg Kiesinger, Klaus Bölling

aus DER SPIEGEL 46/1969

Gustav Heinemann, 70, Bundespräsident mit einer Aversion gegen steifes Protokoll, wurde bei einem Empfang im Landtag von Baden-Württemberg sorgfältig vom einfachen Volk ferngehalten, obwohl ihm das CDU-geleitete Stuttgarter Staatsministerium für seinen Antrittsbesuch Begegnungen »mit einem repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung« versprochen hatte. Parlamentspräsident Camill Wurz (CDU) und sein Kanzleidirektor Böhringer (CDU) hatten »die Bediensteten der Landtagsverwaltung« schriftlich angewiesen, während eines Stehempfangs für das Staatsoberhaupt im Landtag die dafür vorgesehene Wandelhalle zu meiden und in ihren Zimmern zu bleiben. Statt auf Bedienstete stieß Heinemann bei dem Empfang auf NPD-Landtagsabgeordnete« die den Bundespräsidenten lobten, weil er in seiner Rede vor dem Landtag von seinem Manuskript abweichend gesagt hatte; »Die Geschichte wird immer vom Sieger gemacht.«

Kurt Schmöcker, 50, Schatzmeister der CDU, will an seinem Geburtstag sparen. Der Oppositionspolitiker, der im Garten seines Hauses im oldenburgischen Löningen einen Musikpavillon mit Stereo-Anlage (18 Lautsprecher) einrichten ließ, lädt drei Tage nach seinem Geburtstag mit schlichten Karten »statt zu einem Empfang zu einem Klavierkonzert« am 13. November in die Godesberger Redoute« das der Münchner Pianist Professor Ludwig Hoffmann gibt. Der Schatzmeister der »vermögenslosen Partei« (CDU-Sprecher Rathke) über sein Sparprogramm, statt Sekt und Kaviar Sonaten und Etüden zu bieten: »Ich liebe keine Empfänge.«

Willy Brandt, 55, Neu-Kanzler, will einen Stadtinspektor protegieren. Peter Rieter, 56, Statistik-Beamter der Stadtverwaltung von Xanten (Niederrhein), hatte ein ZDF-Bundestagswahl-Toto gewonnen und durfte deshalb vor TV-Kameras den neuen Kanzler interviewen. Nach dem Gespräch schickte der Kommunalbeamte einen Brief an Brandt, den der Kanzler seinem Presse-Chef Conrad Ahlers mit dem Hinweis weitergab: »Hören Sie mal, der schreibt hier, er würde auch gern in Bonn tätig werden. Vielleicht brauchen Sie einen tüchtigen Amtmann?« Ahlers wandte ein: »Der ist noch Inspektor.« Daraufhin Brandt: »Dann muß er Oberinspektor werden.«

Masche Dajan, 54, israelischer Amateur-Archäologe, stellt die Objekte seines Privat-Museums im Garten seines Dienstbungalows bei Tel Aviv um. Der General und Verteidigungsminister pflegt auf allen Dienst- und Privatreisen durch Israel und heute auch durch die besetzten Gebiete einen Spaten mitzuführen, um -- meist ablein -- nach Altertümern zu graben. Im vergangenen Jahr, am Vorabend eines Vorstoßes israelischer Panzertruppen nach Jordanien, wurde der Oberbefehlshaber bei einer Solo-Grabung am Stadtrand von Tel Aviv von einstürzenden Erdmassen verschüttet und erlitt mehrere Knochenbrüche. Obwohl israelische Gesetze Amateuren verbieten, nach Altertümern zu graben und antike Funde zu behalten, holt Amateur Dajan immer wieder neue Stücke für seine Privat-Sammlung aus dem Boden. Tochter Jael Dajan über ihren Vater: »Im allgemeinen ist er gesetzestreu, aber beim Autofahren und Graben mißachtet sein eines Auge die Vorschriften, und er sagt: »Sollen sie mich doch anzeigen."«

Kurt Georg Kiesinger, 65, CDU-MdB. hält neuerdings, wie Kanzler Willy Brandt. einen ungarischen Hirtenhund. ·Der Schwabe: »Das ist ein Geschenk aus Ungarn, das darf man eigentlich gar nicht laut sagen.« Während Willy Brandt seinen Haushund »Husar« ruft, nennt Kiesinger sein Tier »Wully«.

Klaus Bölling, 41, künftiger Korrespondent der ARD in Washington, ließ über 350 Einladungen verschicken, »tu say good-bye to Gerd Ruge and to meet Klaus Bölling, the new bureau chief of ARD«. Vor der Büro-Übergabe von Ruge an Bölling und damit vom Westdeutschen (WDR) an den Norddeutschen Rundfunk (NDR) waren bereits vom NDR Intendant Gerhard Schröder, der Oldenburger Produktionschef Karl-Heinz Sass, TV-Programmdirektor Dietrich Schwarzkopf, Hörfunk-Programmdirektor Franz Reinholz, Technik-Chef Heinz Ehlers und Klaus Bölling sowie vom WDR Intendant Klaus von Bismarck zu Vorverhandlungen nach Washington gekommen, aus Köln zur Übergabe ein Buchhalter und ein Techniker, aus Hamburg zum Anbringen zahlreicher NDR-Plaketten an den Geräten zwei Techniker eingeflogen worden, Nachdem dann noch in einer ausgedehnten Telex-Korrespondenz zwischen Washington, Hamburg und Köln der Text der Einladungskarten abgesprochen und die erste Auflage der Karten wegen einiger Druckfehler wieder eingestampft worden war, nahmen von Bismarck, Schröder, Schwarzkopf, Sass, WDR-Chefredakteur Franz Wördemann und »Weltspiegel« -Chef Winfried Scharlau die Einladung an. Sie alle wollen am 20, November im exklusiven Washingtoner Watergate-Hotel mit Politikern, Diplomaten und Journalisten die gründlich vorbereitete Büro-Übergabe feiern.

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