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Hauptstadt Gut eingehaust

Berliner Glaubenskrieg um drei Skulpturen: Dürfen zwei Preußen-Generäle vor Käthe Kollwitz' Pieta thronen?
aus DER SPIEGEL 14/1995

Vom breiten Trottoir der Straße Unter den Linden aus ähnelt sie täuschend einem Buddha, die rotgolden schimmernde 152 Zentimeter große Figur. Erst im leeren Raum der »Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland« wird eine Frau sichtbar, die einen Toten in den Armen hält.

Der übellaunige Wachschutzmann vor dem Eingang hat keine besonders innige Beziehung zu der vergrößerten Kopie der »Mutter mit totem Sohn« von Käthe Kollwitz, die seit November 1993 in der Neuen Wache hockt: »Na und? Kommt se eben wieder weg. Die beiden Generäle standen schließlich schon viel länger vor der Türe.«

Die Generäle, die der Pieta unversöhnlich gegenüberstehen, hatte einst Christian Daniel Rauch aus weißem Carrara-Marmor gehauen. Links der von Karl Friedrich Schinkel entworfenen Neuen Wache stand auf einem knapp drei Meter hohen Sockel Friedrich Wilhelm Graf Bülow von Dennewitz, rechts Gerhard Johann David von Scharnhorst, beide die Hand am Degen, wie es sich für preußische Heerführer gehört. _(* Links: mit Degen, im Berliner ) _(Borsig-Depot; rechts: zum Volkstrauertag ) _(1994. )

1822 zur Feier des Sieges über Napoleon enthüllt, wurden die Skulpturen 1948 demontiert. Ginge es nach dem Willen des Berliner Abgeordnetenhauses und der Denkmalschützer der Stadt, dann hätten die marmornen Militärs lange schon wieder ihren angestammten Platz eingenommen. Aber dagegen hat Arne Kollwitz, der Enkel der Bildhauerin, schweres Geschütz aufgefahren.

»Wenn die Generäle vor die Tür gestellt werden«, kündigte der Bevollmächtigte der Kollwitz-Erbengemeinschaft an, »sehen wir uns gezwungen, die Pieta zertrümmern und wieder einschmelzen zu lassen.« Die preußische Militärtradition und die überzeugte Pazifistin Käthe Kollwitz paßten einfach nicht zusammen.

Nach einer kleinen Odyssee durch verschiedene Depots lagern heute die beiden rund 2,70 Meter hohen Steine des Anstoßes »gut eingehaust«, wie ein Denkmalpfleger sagt, auf dem einstigen Borsig-Firmengelände. Für ihre Restaurierung hat der Berliner Senat 200 000 Mark ausgegeben.

Der Schaden - auch der finanzielle - freilich dürfte im Falle des Abtransports der Pieta größer sein. Die Hauptstadt wäre abrupt ihrer Kranzablegestelle für Staatsgäste beraubt. Wo sollen dann Boris Jelzin und andere Offizielle ihre edlen Häupter vor den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft neigen?

Auch der Berliner Fremdenverkehr wäre unvermutet um eine Attraktion ärmer. Die Neue Wache liegt in der Touristengunst bereits hinter dem Brandenburger Tor auf Platz zwei. Die Kollwitz-Skulptur lockt mehr als doppelt so viele Besucher wie der Reichstag an. 1,4 Millionen waren es im vergangenen Jahr.

Bevor Arne Kollwitz und seine beiden Schwestern dem Wunsch Helmut Kohls stattgaben, der unbedingt eine aufgeblasene Kopie der 1938 vollendeten Skulptur als Kranzablage-Dekor haben wollte, sicherten sie sich, gut anwaltlich beraten, ab. Sowohl Staatsminister Anton Pfeifer vom Bundeskanzleramt als auch die Senatskanzlei des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen erklärten 1993 schriftlich, daß die Generäle nicht wieder am alten Ort postiert würden. Senatskanzleichef Volker Kähne schrieb: »Der Senat beabsichtigt nicht, die beiden Standbilder neben der Neuen Wache wieder aufzustellen.«

Das Berliner Abgeordnetenhaus wurde über die bindende Entscheidung gegen die Marmor-Generäle im dunkeln gelassen, der Senat spielte auf Zeit. Eine endgültige Entscheidung sollte nicht vor Ende 1995 getroffen werden.

Im Februar formierte sich im Abgeordnetenhaus die größtmögliche Pro-Generäle-Koalition, um dem Senat Dampf zu machen. Der kulturpolitische Sprecher der Union, Uwe Lehmann-Brauns, lockte die PDS mit dem Hinweis in die Preußen-Allianz, daß doch Erich Honecker auf den Linden den Alten Fritz samt Schlachtroß wieder auf den Sockel heben ließ.

Scharnhorst sei schließlich ein verdienter Reformer gewesen, argumentiert der konservative Schöngeist. Er habe die Prügelstrafe in der preußischen Armee abgeschafft und die allgemeine Wehrpflicht eingeführt.

Auch Graf Bülow, nebenbei ein Komponist von Psalmen und Motetten, sei kein typischer Militarist gewesen. Er verteidigte Berlin in drei siegreichen Schlachten gegen die Franzosen.

Der Beirat für Baudenkmale spricht sich einstimmig dafür aus, die beiden Generäle wieder auf ihre angestammten Sockel zu hieven. »Der autoritäre, chauvinistische Obrigkeitsstaat des deutschen Kaiserreiches«, gutachtete im Senatsauftrag das mit renommierten Kunsthistorikern besetzte Gremium in einem bislang unveröffentlichten Papier, »bestimmt heute weitgehend unser Preußenbild und erschwert eine differenziertere Beurteilung der älteren preußischen Geschichte.«

Die kompromißlose Haltung der Kollwitz-Erben provozierte das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen zu ungewohnten Ausfällen. Der Bonner Bau- und Kunsthistoriker Tilmann Buddensieg schäumte dort vorletzte Woche über den »Rasenmäher eines fundamentalistischen Pazifismus« der Kollwitz-Enkel. Die machten »,Militarismus'' zu einem gewalttätigen Pauschalbegriff wie weiland ,bolschewistisch'' oder ,jüdisch''«.

Der Wutanfall verfehlte seine Wirkung. In der vorletzten Woche erläuterte Arne Kollwitz seinen Standpunkt dem Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer (CDU), der dem Generalskurs seiner Denkmalschützer folgt. Die beiden Kontrahenten unterhielten sich freundlich, aber ohne Annäherung in der Sache.

In der FAZ konterte Kollwitz, das Bundeskanzleramt habe die Aufstellung der Pieta »betrieben« - zur »Besinnung für alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft«, unter Verzicht auf stärkere »Betonung des Militärischen«.

»Die Berliner haben geschlafen«, urteilt der Kohl-Protege Christoph Stölzl, der sich als Chef des benachbarten Deutschen Historischen Museums für die Pieta stark gemacht hatte: »Eine Peinlichkeit ohnegleichen.«

Stölzl plädiert dafür, die witterungsanfälligen Generäle in ein Museum zu überführen - oder auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu postieren, wie es auch die Kollwitz-Enkel vorschlagen.

Aber da der zugereiste Bayer die Preußen schon ein wenig kennt, ahnt er mit Grausen, »daß es zum großen Skandal kommt«. Y

* Links: mit Degen, im Berliner Borsig-Depot; rechts: zumVolkstrauertag 1994.

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