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»Gut leben, ohne viel zu tun«

aus DER SPIEGEL 31/1991

Antworten von Westdeutschen auf die Frage des Emnid-Instituts nach ihrem »negativsten Eindruck« von Ostdeutschen:

Sie verlangen einfach zuviel - Sind mit Kohl in eine Sackgasse gelaufen - Sie sind ängstlich - Obrigkeitshörigkeit.

Die versuchen alles zu reparieren, auch dann, wenn das neue Teil billiger wäre.

Haben zu sehr umgeschwenkt, vom phlegmatischen Verhalten zu überkritischen und ungeduldigen Erwartungen.

Etwas ratlos, lassen sich manchmal übers Ohr hauen, könnten etwas sauberer sein.

Sie meinen, ein Recht darauf zu haben, so gut leben zu können wie wir, ohne viel dafür zu tun. Denn sie meinen, wir müßten eine Schuld abtragen, sie machen uns dafür verantwortlich, daß sie 40 Jahre schlimme Verhältnisse ertragen mußten.

Viele glauben, daß im Westen alles Gold ist, was glänzt - Die häßliche Sprache (Dialekt der Sachsen) - Viele sind so passiv.

Die Menschen sind in jeder Beziehung unberechenbar, wissen nicht mehr, wo es langgeht, und versuchen, uns das Geld aus der Tasche zu ziehen. Deshalb: Die Mauer sollte wieder gebaut werden!

Maßlose Forderungen im Sozialbereich - Sie werden mit ihrer neuen Situation nicht fertig - Sozialistisch arbeiten, kapitalistisch leben - Unsicher und dadurch ungeduldig - Die materiellen Forderungen werden immer größer.

Altmodisch - Dicke Bäuche - Schlechte Kleidung - Schlechte Autofahrer (rücksichtslos, rasant) - Ostbürger sind oft zu gutgläubig.

Viele meinen, was bei uns in 40 Jahren geschafft wurde, müßte bei ihnen in einem Jahr geschehen - Nur Ansprüche - Die Menschen sollten mehr Eigeninitiative entwickeln, zum Beispiel bei der Instandhaltung von Häusern und Gärten.

Zwar sind sie ungeduldig, doch das ist menschlich verständlich - Die verdrückte Art finde ich nicht gut, die meinen nicht, was sie sagen - Es herrscht fürchterliche Unselbständigkeit.

Es sind noch zu viele SED-Bonzen im Geheimen da und haben noch allerhand Macht. Das macht mir angst. Außerdem sehe ich auch irgendwie nicht ein, daß wir alle Erhöhungen in Kauf nehmen sollen, dabei ist noch genug SED-Vermögen da. Da müßte man erst mal aufräumen. Ich traue denen da drüben nicht.

Es sind arme Teufel - Die Menschen sind verschüchtert, man bringt ihnen zuwenig Verständnis entgegen - Nur noch die D-Mark ist wichtig, von der wiedererreichten Freiheit redet fast keiner mehr - Die wollen alles sofort von uns, als wären wir dazu verpflichtet - Entwickeln keinen Ehrgeiz.

Das sind scheiß Leute - Sehr zurückhaltend bei eigenen Entscheidungen - Sie wollen bedauert werden - Das Negative an ihnen ist, daß das Wort »Danke« nicht über ihre Lippen kommt - Kaum imstande, etwas allein zu unternehmen.

Wohlstand soll über Nacht kommen, keine eigene Initiative, Staat soll es machen.

Viele sind resigniert und ratlos - Viele nörgeln zu Unrecht - Könnten etwas bescheidener sein - Noch ausländerfeindlicher als die Westdeutschen.

Klappt etwas nicht, dann schreien sie: »Ihr habt das so gewollt, jetzt helft uns auch.« Nur nicht aus eigener Kraft. Wenn die sich früher aufgelehnt hätten, wäre die Misere früher vorbei gewesen. Opfer müssen auch die »drüben« bringen, nicht nur wir!

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