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Briefe

Gut vermarktetes Produkt
aus DER SPIEGEL 37/2006

Gut vermarktetes Produkt

Nr. 35/2006, Nahaufnahme: Sind die Jungs von Tokio Hotel die deutschen Beatles?

Es gibt keine Worte für das Verbrechen, das Sie begehen, wenn Sie diese zu stark geschminkten Teenager mit Nirvana oder gar den unerreichbaren Beatles vergleichen. Auch Ihr Argument, sie würden die gleichen Akkorde wie die Beatles benutzen, hinkt etwas, da dies wohl für den Großteil der Bands der letzten 40 Jahre gilt. Tokio Hotel gaukeln jungen, naiven Fans einen Schein von Authentizität vor, doch sind sie nur ein viel zu gut vermarktetes Produkt.

HAMBURG JULIETTE UND FLORENCE BENSOUSSAN

Vielleicht hat Ihr Autor Joachim Lottmann der Geschichte vorgegriffen, oder er war von Tokio Hotel überwältigt (worden), derart euphorisch über die Band zu schreiben, so dass ich in aller Eile »Durch den Monsun« noch mal reingelegt habe, in der Angst, etwas überhört zu haben. Nein, ich bleibe dabei, es ist vielleicht etwas besserer Teenie-Rock, gekonnt gemastert und vermarktet, optisch teeniegerecht präsentiert. Und Donnerwetter - aus dem Osten! Was den Vergleich mit den Beatles betrifft, warte ich jetzt auf ein surrealistisches Meilenstein-Album etwa in der Art »Wachtmeister Pfeffer und sein einsamer Singleclub« mit mindestens fünf ausgekoppelten Maxis. Wenn Bill dann noch im Berliner Hotel Adlon mit seiner Freundin unplugged »Gebt dem Orient eine Chance« vorträgt, mit allen möglichen Promis als Background, dann ist es für mich so weit. Wir sind Beatles!

GREIFSWALD (MECKL.-VORP.) HOLGER MEYER

Entweder hat ein spätberufener Musikliebhaber Ihres Magazins einen Gitarrenkurs für Anfänger (blutigst) belegt, oder einem pubertierenden Volontär ist es irgendwie gelungen, diese Hymne in das ansonsten von mir sehr geschätzte Blatt zu lancieren. Die Beatles mit der Magdeburger »Bravo«-Band zu vergleichen ist für mich ein Sakrileg. Aber eines erscheint nun sicher: Zensur findet beim SPIEGEL nicht statt, sonst wäre Joachim Lottmann dieser Septimakkord nicht gelungen.

EBERSBACH (BAD.-WÜRTT.) PETER UNGERER ALT-ROCKER UND MUSIKLEHRER

Gerade bei dem bizarren Bill Kaulitz muss man doch unumwunden eingestehen, dass in der hiesigen Musikszene schon lange kein derart grandioses Entertainment-Kaliber aufgetaucht ist. Der Junge zieht einfach gegen alle Neider und Hasser mit einer vehementen Begeisterung seinen unkonventionellen Stil durch und findet auch im Outfit immer mehr das konsequent zu ihm passende ultimative Design. Er braucht sich mit seinem frischen Talent hinter keinem der altgedienten Musikerhaudegen dieser Republik verstecken. Eine Eintagsfliege dürfte wohl anders aussehen.

VILLMAR (HESSEN) MICHAEL KÜPPERS

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