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Gute Fee im bösen Traum

Mit sanfter Strenge mahnt Generalsekretärin Merkel zur Abwendung vom Patriarchen Kohl.
Von Tina Hildebrandt
aus DER SPIEGEL 50/1999

Wie fremd ihr die CDU einmal gewesen war, hatte Angela Merkel fast vergessen. Die blasse junge Wissenschaftlerin aus dem Brandenburgischen, die zur Wendezeit für den Demokratischen Aufbruch in Ost-Berlin die ersten freien Wahlen vorbereitete, beäugte die Kohl-Partei mit gemischten Gefühlen: An »ältere Männer in schwarzen Anzügen mit Lackschuhen« erinnerte sie die Bonner CDU. Ein bisschen verlockend, ein bisschen bedrohlich, aber ganz bestimmt nicht ihre Welt.

Sie begann dann trotzdem im breiten Schatten des Einheitskanzlers ihre politische Karriere. Die Pfarrerstochter aus Templin trat, enttäuscht von ihrem damaligen Vorbild Wolfgang Schnur, der sich als Stasi-Agent entpuppte, 1990 der CDU bei. Sie machte sich in Berlin und Bonn nützlich, bis Kohl »das Mädchen« zur Ministerin erkor. Als die Regierung 1998 abgewählt wurde, stieg sie ohne, ja gegen ihren einstigen Mentor zur Generalsekretärin auf.

Merkel wollte die CDU der Zukunft aufbauen. Doch plötzlich ist das Erinnerungsbild von grauen Herren mit schwarzen Lackschuhen wieder da. Und sie muss für die neue und die alte CDU einstehen. Es grenzt an Persönlichkeitsspaltung, was sie in diesen Tagen vorführt: Auf der einen Seite arbeitet sie daran, das System Kohl ein für allemal zu beenden. Auf der anderen Seite muss sie es verteidigen.

Die Spendenaffäre um den früheren Schatzmeister Walther Leisler Kiep und den Altkanzler Helmut Kohl berührt die Partei in ihren Grundfesten. Der Alte war »Seele, Geschichte und Identität in einem«, wie selbst einer seiner Gegner einräumt. Jeder Versuch, sich von ihm zu distanzieren, hätte für Merkel ebenso wie für Parteichef Wolfgang Schäuble ins Abseits geführt. Deshalb, und nur deshalb, halten sich die beiden so sehr mit Kritik am Ehrenvorsitzenden zurück.

Die Ostdeutsche musste viel lernen auf ihrem Weg zur gesamtdeutschen Politprominenz. Deshalb versteht sie besonders gut, was es bedeutet, wenn das halbe Leben in Frage gestellt wird und nichts von dem mehr stimmt, was gestern noch richtig war. Denn das halbe Leben, das sind 25 Jahre Kohl für die CDU.

Auch deshalb kann Merkel heute glaubwürdiger argumentieren als der langjährige Kohl-Intimus Schäuble. Mit sanfter Strenge mahnt sie das Parteivolk zum Abschied vom Übervater. Er müsse »unbedingt ausrichten, wie toll Frau Merkel das macht«, gab die niedersächsische Landtagsfraktion ihrem Chef Christian Wulff vergangene Woche mit auf den Weg.

So wie das Selbstbewusstsein der CDU lange auf dem mächtigen Helmut Kohl ruhte, gründen viele Hoffnungen der Partei nun in fast rührender Weise auf der meist ungeschminkten Physikerin. Sie solle doch »machen, dass das alles schnell vorbeigeht«, bat ein Kreisvorsitzender im heimatlichen Stralsund, als sei Merkel eine gute Fee und die Vorwürfe gegen die CDU nur ein böser Traum. Auf ihre Nachfrage, wie sie das denn tun solle, erwiderte der Mann treuherzig: »Na, einfach schnell beweisen, dass das alles nicht stimmt.«

Vielleicht ist ihr da der Satz ihres früheren Mathelehrers eingefallen, den sie bei einem Auftritt im rheinischen Königswinter zitierte: »Sie können nur denken, wenn Sie auch ein paar Fakten kennen.«

Schon Merkels Ankündigung »rückhaltloser Aufklärung ohne Ansehen der Person« und ihre mehr als vorsichtige Ermahnung, »es gibt keine Alternative zur Wahrheit«, ist offenbar eine Zumutung für eine Partei, die unter dem Eindruck glänzender Umfragewerte damit begonnen hatte, es sich wieder in der eigenen Vergangenheit bequem zu machen.

Immer mühsamer versuchte Merkel in den vergangenen Monaten gegen den Beharrungswillen ihrer Partei anzureden. Dass Gerhard Schröder kein Kanzler sei, trug Schäuble selbst stetig vor. Die CDU versank in Selbstgefälligkeit.

Mit Erbitterung beobachteten Schäuble und Merkel, wie sich Helmut Kohl wieder in den Vordergrund schob und als Kanzler der Reserve feiern ließ. Immer offener begann Kohl zugleich gegen Merkel zu mobben, die ihm Privilegien - der Patriarch wollte Wahlkampfauftritte wie früher arrangiert wissen - verweigerte.

So wie sie sich nun vollzieht, hat sich die Generalsekretärin die Erneuerung ihrer Partei gewiss nicht vorgestellt. Monatelang hatte sie mit einer Kommission am Leitantrag für den Kleinen Parteitag gearbeitet, auf dem an diesem Montag eine moderne Familienpolitik beschlossen werden soll. Ein Startschuss für die Zukunft sollte es werden, jetzt beherrscht der Altkanzler Denken und Fühlen der Parteifamilie.

Als sie Anfang November hörte, dass ein Waffenhändler einen Koffer mit einer Million Mark an die CDU übergeben habe, beschlich die 45-Jährige ein mulmiges Gefühl. Sie hoffe, erklärte sie bang, »dass ich mein Vorstellungsvermögen nicht noch erheblich erweitern muss«.

Was dann kam, sprengte ihr Vorstellungsvermögen. Das System Kohl hatte offenbar die Flick-Affäre unbeeindruckt gelassen. Der Mann, der sich gegenüber der Partei gern den Anschein besonderer Korrektheit gab, hatte anscheinend jahrelang mit Millionen an der Partei vorbeijongliert, um sich die Zuneigung seiner Landesverbände zu sichern. Dass er, um der Entdeckung zu entgehen, auch noch die neue Parteispitze umging, schlug der spröden Ostdeutschen, die den Politfilz im Arbeiter-und-Bauern-Staat stets verabscheute, aufs Gemüt.

Graugesichtig, die Mundwinkel noch ein bisschen tiefer gezogen als sonst, saß Merkel vor der Fernseh-Nation. Sie versuchte, sich den Schmuddelkram mit juristisch abgewogenen Politikerphrasen vom Hals zu halten. Doch sie konnte ihre Gefühle schlecht verbergen. Am liebsten wäre sie daheim geblieben, das konnte jeder sehen.

Am Ende aber siegte die kühle Analytikerin in ihr. Angela Merkel hat sich entschlossen, »da durchzugehen«. Wohl nicht nur aus Pflichtgefühl oder »weil ich wieder Spaß an der Politik haben wollte«, wie sie in einer Talkshow erklärte, sondern weil sie erkannt hat, dass es um ihre politische Zukunft geht.

Die heimliche Kanzlerkandidatin, zu der »Bild« sie bereits ausrief, ist Merkel zwar noch nicht. Aber ihr Einfluss in der CDU wächst. »In jeder Not steckt auch eine Chance«, sagt die Vize-Sprecherin der letzten DDR-Regierung listig.

Als sie vergangenen Donnerstag von Bonn zurück nach Berlin flog, trug sie - ganz neue CDU - Nadelstreifenjackett und Jeans. Und dunkle Lackschuhe.

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