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Berater Gute Hände

Ein vom Bonner Umweltministerium gesandter Professor empfahl Ostkommunen überteuerte Kläranlagen.
aus DER SPIEGEL 26/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bernd Leube, Bürgermeister im thüringischen Kahla, faßte sofort Vertrauen. Der Mann aus dem Westen, der ihn da Anfang 1991 heimsuchte, hatte beste Referenzen.

Der Besucher trug einen Professorentitel und verlangte nicht einmal ein Beraterhonorar - offenbar ein weißer Rabe unter den zahllosen suspekten Geschäftemachern von drüben, die in den Pioniertagen der deutschen Einheit den Osten mit unseriösen Angeboten überschwemmten.

Für den Bau der dringend benötigten Kläranlage war Leubes Kommune (8500 Einwohner) auf Hilfe von draußen angewiesen. Genau die bot der Professor Karl-Ulrich Rudolph zu traumhaften Konditionen: Die Kosten für Rudolphs Dienst an Kahla, so stand es in einem Empfehlungsschreiben des Bonner Umweltministeriums, übernehme die Bundesregierung. Leube: »Da glaubten wir uns in guten Händen.«

Rudolph ist ein Multitalent. An der Privatuniversität Witten/Herdecke in Westfalen lehrt er Umweltmanagement, nebenher ist er in mehreren Unternehmen als Geschäftsführer tätig, etwa in der sächsischen Wohnungsgesellschaft Freital oder der UWH Gesellschaft für thermische Rückstandsbehandlung.

Als Berater für den Osten engagiert hatte den geschäftstüchtigen Professor die Bundesregierung. Rudolphs Honorar aus Bonn: eine Million Mark.

Doch die als Musterprojekt geplante Abwasseranlage geriet viel zu groß und erwies sich als millionenschwere Fehlinvestition. Wenn die Landesregierung den Abwasserpreis nicht subventionieren würde, müßten die Bewohner von Kahla mit bis zu 30 Mark Gebühren pro Kubikmeter rechnen.

Auch den Abwasserzweckverband Hörseltal in Thüringen hat der quirlige Professor beraten - mit ähnlichem Ergebnis. Vom Zweckverband verlangte Rudolph kein Honorar. Den Auftrag für Hörseltal erhielten wie in Kahla die Firma Wayss & Freytag und deren Tochterunternehmen Aqua Treat GmbH. Die rechneten über 400 000 Mark Honorar für den Berater einfach in den Grundpreis hinein. Was Rudolph von dieser Summe erhalten hat, ist unbekannt.

Jährlich sollte der Abwasserzweckverband rund 6,25 Millionen Mark als Betreiberkosten bezahlen: Umgerechnet auf die verbrauchte Wassermenge rund 14 Mark pro Kubikmeter.

Erst als Kontrolleure des Thüringer Innenministeriums sich des Falles annahmen, reduzierten beide Unternehmen ihre Forderung. Jetzt muß der Abwasserzweckverband noch rund 4,75 Millionen Mark jährlich berappen.

In einem dritten Rudolph-Fall bemängelte die Prüfgruppe der Erfurter Landesregierung, daß »bei der Angebotsauswertung zum Teil Anbieter aus nicht nachvollziehbaren Gründen ausgeschlossen« worden seien und »Vergleichsberechnungen fehlen«. Deshalb käme die Kläranlage des Abwasserzweckverbandes Schilfwasser-Leina die Betreiber jährlich eine Million Mark teurer als nötig.

Für den Professor ist der Osten ein gutes Geschäft. Am Bau von 34 Abwasseranlagen ist Rudolph inzwischen beteiligt gewesen. »Manchmal wurde Beraten mit Akquirieren verwechselt«, urteilt der Thüringer Innenminister Richard Dewes (SPD).

Berater Rudolph versteht den Ärger um seine Projekte nicht. Die Anlagen seien, beteuert er, »selbstverständlich preiswert erstellt worden«, leider fehle es an genügend angeschlossenen Haushalten.

Um die zu besorgen, schlägt Rudolph vor, weitere Kanalnetze zu planen und zu bauen. Die Planer liefert er gleich mit - Techniker seiner eigenen Ingenieurgesellschaft Prof. Dr. Dr. Ing. Rudolph + Partner mbH. Die hatte der Mann in weiser Voraussicht schon im Juni 1990 zusammen mit ein paar DDR-Ingenieuren gegründet. Y

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