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Jelzin-Besuch Gute Nacht! Hände hoch!

Wie sollen die russischen Truppen verabschiedet werden? Der Streit belastet Jelzins Besuch in Bonn.
aus DER SPIEGEL 19/1994

Michail hat ihn. Margaret hat ihn. Und Francois hat ihn auch - den Ritterschlag von Deidesheim.

Wem Helmut Kohl hohe Gunst erweisen will, den schleppt er in seine Pfälzer Heimat. Dann gibt es Plausch auf dem Oggersheimer Sofa und deftigen Saumagen im »Deidesheimer Hof«.

Gorbatschow, Thatcher, Mitterrand und andere haben das Ritual, von Kohl-Gehilfen allen Ernstes als »besondere Auszeichnung« gepriesen, schon hinter sich. Diese Woche ist nun Boris Jelzin dran.

Der gemeinsame Auftritt in der Pfalz, glaubt der Kanzler, werde das Prestige des russischen Präsidenten mehren. Und das des Wahlkämpfers Kohl dazu.

Jelzin braucht internationale Erfolge, um im permanenten Machtkampf daheim bestehen zu können. Geld, das weiß der Präsident, ist beim dreitägigen Staatsbesuch in Deutschland nicht mehr zu holen. Rund 90 Milliarden Mark flossen seit 1989 in das ehemalige Sowjetreich. Jetzt ist die Bonner Kasse leer. _(* Auf dem Baikalsee im Juli 1993. )

Um so mehr schätzt der Russe die politischen Gesten seines Saunafreundes. Kohl wirbt im Westen dafür, Rußland als Weltmacht zu respektieren.

So treten die Deutschen für einen besonderen Status Moskaus im Verhältnis zur Nato ein. Im Programm »Partnerschaft für den Frieden«, das militärische Zusammenarbeit der ehemaligen Paktgegner zum Ziel hat, dürfe Rußland nicht behandelt werden »wie Tadschikistan oder Albanien«, so Verteidigungsminister Volker Rühe.

Auf Betreiben Kohls rückt Rußland jetzt zudem offiziell in den exklusiven Kreis der größten Industrienationen auf. Bisher wurden die Moskauer Führer bei den G-7-Treffen der westlichen Wirtschaftsmächte mit einem gemeinsamen Essen abgespeist. Im Juli in Neapel dürfen sie erstmals einen ganzen Tag lang über die Weltpolitik mitreden.

»Gott gebe«, preist Jelzin die Rußland-Hilfe Deutschlands, daß andere Staaten »sich genauso verhalten«. Allerdings: Die Fixierung auf die Deutschen bringt Jelzin daheim in die Bredouille.

Rechtsnationale und Kriegsveteranen beschuldigen den Präsidenten, er beschädige Rußlands Würde und beleidige die Opfer des Nazi-Überfalls im Zweiten Weltkrieg. Jelzin hatte vorgeschlagen, deutsche Soldaten als Uno-Blauhelme in Bürgerkriegsgebiete des früheren Sowjetimperiums zu holen (SPIEGEL 17/1994).

»Kommet zu uns als Fürsten und herrschet über uns«, höhnte die Moskauer Zeitung Nesawissimaja gaseta; Bundeswehr an der Krim bedeute »Freundschaft! Gute Nacht! Hände hoch!«

Wie stark die Erinnerung an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion in die Gegenwart reicht, zeigt ein Streit um Kriegsbeute. Veteranen und Nationalpatrioten beschuldigen Jelzin des Ausverkaufs: Er will Kunstwerke im Wert etlicher Milliarden Mark zurückgeben, die Rotarmisten im besetzten Deutschland geraubt hatten. »Rußland soll alles zurückgeben und Deutschland nichts«, ereiferte sich die Prawda, das ehemalige KP-Zentralorgan.

Der nationalkonservative Druck auf Jelzin wächst - dank Kohl. Pünktlich zum Jelzin-Besuch zettelten frustrierte Militärs eine hitzige Diskussion über die Feiern zum Abzug der letzten russischen Soldaten aus Deutschland an.

Der Bonner Kanzler hatte die Gestaltung des Truppenabschieds zur Chefsache erhoben. Er lehnte den russischen Wunsch ab, gemeinsam mit den Westalliierten in Berlin ein festliches Zeremoniell zu absolvieren - vorzugsweise mit großer Truppenparade.

Statt dessen ordnete Kohl getrennte Veranstaltungen an. Anfang September will er die Sieger aus dem Westen am Brandenburger Tor mit einer Ehrenformation der Bundeswehr und Zapfenstreich im Fackelschein verabschieden.

Die Reste der Russen-Armee sollen sich mit einem Schlichtprogramm bescheiden. Der Berliner Senat will den letzten Russen Ende Juni eine kleine Abschiedsparade gestatten. Als geeigneten Ort für eine Feierstunde mit Boris Jelzin hat Helmut Kohl das Nationaltheater von Weimar auserkoren. Die Stadt von Goethe und Schiller, schwärmte der Kanzler, sei für die Russen ein »Symbol deutscher Kultur«.

Für die Russen ist es ein falsches Symbol am falschen Ort. Sie fühlen sich zur Siegermacht zweiter Klasse degradiert, obwohl sie Berlin allein befreit hatten. Weimar hatten die Amerikaner erobert und erst später den Sowjets als Besatzungsgebiet überlassen.

Oberbefehlshaber Matwej Burlakow hält die Ortswahl schon wegen der Nähe zum ehemaligen KZ Buchenwald für einen Affront. »An dieser Stelle zu tanzen«, ging der Generaloberst vorletzte Woche den Kanzler an, sei eine »Lästerung« Tausender Nazi-Opfer.

Das Argument ist vorgeschoben: Nach Kriegsende hatte der berüchtigte Sowjetgeheimdienst NKWD das Lager weiter betrieben und dort mehr als 6000 Menschen umgebracht. Burlakow fürchtet, eine Feier in Weimar könnte peinliche Erinnerungen wecken und die Russen auf eine Stufe mit den Nazis stellen.

Schützenhilfe erhielt der General aus einem ehemals von den Sowjets besetzten Land: Brandenburgs SPD-Ministerpräsident Manfred Stolpe bat den CDU-Kanzler schriftlich, den Austragungsort Weimar zu überdenken. SPD-Kanzlerkandidat Rudolf Scharping will Burlakow demonstrativ in dessen Hauptquartier in Wünsdorf besuchen.

Die Kampagne zeigt Wirkung. Der Abschiedsplan, von den Männerfreunden Kohl und Jelzin schon vor Wochen am Telefon besprochen, steht plötzlich weit oben auf der Tagesordnung des Staatsbesuchs.

Um weiteren Gesichtsverlust für Kohl und Jelzin zu vermeiden, denken Kanzlergehilfen seit voriger Woche vorbeugend über eine Ersatzlösung nach. Gesucht wird ein Ort »näher an Berlin«. Y

* Auf dem Baikalsee im Juli 1993.

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