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USA / RAUSCHGIFT Gute Reise

aus DER SPIEGEL 48/1967

Vier Minuten lang sahen vier Studenten in die Sonne, dann sahen sie nur noch schwarz.

Die infraroten Strahlen verbrannten die Augen der Sonnen-Späher, den Schmerz spürten sie erst später.

Für eine »religiöse Unterhaltung mit der Sonne« hatten die Hochschüler LSD (Lysergsäure Diäthylamid) geschluckt und unter Einfluß der Psycho-Droge, die ursprünglich zur Behandlung von Schizophrenie entwickelt wurde, versucht, Infrarot zu ertragen.

Sie scheiterten, wie vor ihnen schon zahlreiche amerikanische Schlucker gescheitert waren. Mit Hilfe von Putsch-Pillen, Dusel-Drogen und Rauschgiften hatten sie versucht, der Wirklichkeit zu entfliehen.

Oft waren die Folgen fatal. Die Berauschten sprangen aus dem Fenster, weil sie glaubten, fliegen zu können, marschierten in Flüsse und Seen, ohne zu schwimmen, sie fuhren Auto, ohne zu bremsen.

Rund 250 000 US-Bürger schluckten im vergangenen Jahr LSD, 15 000 Amerikaner -- doppelt so viele wie 1965 -- wurden wegen Rauschgiftvergehen festgenommen. In diesem Jahr, so glaubt die US-Rauschgiftbehörde, wird sich die Zahl erheblich erhöhen; allein 675 Millionen Marihuana-Zigaretten werden nach ihren Schätzungen 1967 in den USA geraucht.

Die amerikanische Rauschgiftbehörde ermittelte, daß der Rausch-Boom »mit dem zunehmenden Handel unter College-Studenten« zu erklären ist: Amerikas 14- bis 26jährige, zumeist Oberschüler und College-Studenten, haben den Rausch lieben gelernt.

Sie versprechen sich Nervenkitzel, Partyfreuden und Beruhigung vor Prüfungen. »Man muß den Tatsachen einfach ins Auge sehen«, erklärte ein 17jähriger Student, »im College raucht fast jeder einmal Marihuana.«

Auf den Elite-Schulen Harvard, Princeton und Stanford, an den Universitäten von Chicago und New York duftet es in versteckten Ecken und in Autos nach indischem Hanf, werden Putsch-Pillen unbemerkt durch die Hörsäle gereicht.

Andächtig lauschen zahlreiche Studiker dem selbsternannten LSD-Propheten Timothy Leary, der durch Amerikas Hochschulen zieht, die Schüler das Schlucken und die Eltern das Fürchten lehrt,

Bis 1963 war Leary Professor an der Harvard-Universität. Als er mit seinen Schülern schluckte, wurde er gefeuert. Daraufhin gründete der Pillen-Prophet seine eigene Religionsgemeinschaft, deren Gottesdienst nicht mit Bibel und Gesang, sondern mit Pille und Rauschgift zelebriert wird.

Wegen Rauschgiftbesitz und Steuerhinterziehung verurteilte das Gericht im texanischen Laredo den Ex-Professor zu 30 Jahren Haft. Er legte Berufung ein und zieht weiter barfuß und ungekämmt, im wallenden Hindu-Gewand über Land und predigt den Rausch.

In den Vororten der amerikanischen Städte, so schätzt das FBI, rauchen etwa 15 bis 50 Prozent der Jugendlichen Marihuana, von 2800 Schülern im New Yorker Vorort Great Neck hatten laut Umfrage acht Prozent Hanf-Zigaretten gequalmt und zwei Prozent LSD geschluckt.

Ihre Rausch-Portionen bekommen die Jugendlichen bei illegalen Händlern. In Los Angeles sind es Oberschüler und Studenten; sie verdienen bis zu 800 Mark in der Woche.

Oft schicken die Marihuana-Studenten einen Einkäufer aus ihren eigenen Reihen über die Grenze ins nahe Mexiko, sie bezahlen den Hanf aus einer Gemeinschaftskasse. Für ein Pfund müssen sie in Mexiko nur etwa 80 Mark aufbringen, auf dem Campus für 250 Gramm bis zu 1000 Mark. Marihuana, so stellte die US-Illustrierte »Look« fest, wurde »zum Alkohol dieser Generation«.

Mit empfindlichen Strafen versuchen die Behörden, diesen Alkohol-Konsum zu bremsen. Rauschgiftbesitz wird mit zwei bis zehn Jahren Zuchthaus geahndet. Wer Heroin und Marihuana verkauft, muß mit fünf bis 20 Jahren Haft rechnen. In einigen US-Staaten steht die Todesstrafe auf Verkauf von Rauschgift an Minderjährige.

An vielen Schulen der USA setzt die Polizei bezahlte Studenten-Spitzel ein, um die Händler zu entlarven. An der Fairleigh-Dickinson-Universität im US-Staat New Jersey wurde beispielsweise die 20jährige Linda Hobbie von Rauschgift-Agenten angeworben. Für zwei Dollar pro Stunde sollte sie die Marihuana-Raucher unter ihren Kommilitoninnen ermitteln.

An der Universität von Kalifornien arbeiten Spitzel für 40 Dollar Wochenlohn und finanzieren sich so ihr Studium. Der Kriminalbeamte Maximo Jiminez immatrikulierte sich an der Cornell-Universität und konnte schon nach zwei Wochen Schul-Arbeit einen Rauschgiftring sprengen.

Aber auch die Studenten kennen ihr Gewerbe. Sie schicken LSD-Nachschub versteckt in Kaugummi, Tabletten und Bonbons an ihre Freunde und wünschen eine »gute Reise«, wie sie die Trance-Tour nennen.

Ein Gramm LSD reicht aus, um 5000 Personen »auf die Reise zu schicken«, zwei Pfund würden genügen, ganz New York in Hochstimmung zu versetzen.

* »Im Hippie-Distrikt Haight Ashbury in San Francisco.

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