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Außenpolitik Gute Schwarzerde

Von Dirk Koch
aus DER SPIEGEL 22/1996

Was treibt den Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe im Bundestag, den Müllermeister Michael Glos, in die Republik Moldawien und deren abtrünnige Provinz Transnistrien am östlichen Dnjestr-Ufer? Ihn treibt die Lust am Untergang, am Zusammenbruch der Sowjetunion.

Er habe »noch immer nicht verarbeitet, was da passiert ist, dieser Wahnsinn«, sagt der bekennende Kalte Krieger ("Ja, das bin ich"). Deshalb müsse er immer wieder dorthin. »Ich muß das fühlen, riechen, schmecken.«

Fast alle Randgebiete des einstigen kommunistischen Weltreichs hat er sich schon »reingezogen«. So schnürt und schnüffelt er, wann immer sich in den vergangenen Monaten eine Gelegenheit bot, über die Trümmerfelder der UdSSR in Kasachstan, Kirgisien, Georgien oder Armenien. In Siegerlaune bereiste er das Baltikum und die Ukraine, Usbekistan und Tadschikistan.

Vom Flughafen Odessa aus machte sich der zweite Mann an der Spitze der CDU/CSU-Bundestagsfraktion über Himmelfahrt per Auto auf zur Spähtour nach Moldawien. Als Eskorte dient ein BMW der deutschen Botschaft in Chisinau (Kischinew), der Hauptstadt der seit 1991 unabhängigen einstigen Sowjetrepublik. Glos und ortskundige Begleiter _(* Wirtschaftsminister Valeriu Bobuzac ) _((l.). )

sitzen im gecharterten orangefarbenen VW-Bus - die Mercedes-Radkappen heben den Status.

Endlose Apfelplantagen, Weinberge hügelauf, hügelab, gewaltige Weizenfelder. »Gute Schwarzerde«, sagt Müller Glos. Auf beiden Seiten der wenig befahrenen Straße Walnußbaum an Walnußbaum im Sonnenschein.

Auf den Sonnenblumenfeldern hacken Männer und Frauen in langer Reihe Unkraut. »Kein Diesel für Traktoren«, erläutert Wiktor Kisserjow, der Fremdenführer.

Seine Stelle als Germanistikdozent in Chisinau mit einem Monatssalär von 100 Dollar, das verspätet oder gar nicht ausgezahlt wurde, hat er drangegeben. Er jobbt jetzt für sichere 180 Dollar bei der deutschen Botschaft als Dolmetscher. Nirgendwo sonst in Europa sei das Brot rationiert, berichtet er während der Fahrt, nur hier in Transnistrien.

In der Provinzhauptstadt Tiraspol betteln Kinder auf dem Boulevard unweit der gewaltigen Lenin-Statue aus rotem Granit. Am Djnestr sichert unter einem Tarnnetz ein Panzer mit westwärts gerichtetem Geschütz die Straßenbrücke hinüber zum moldawischen Stammland.

Hunderte Tote hat es 1992 gegeben. Die Zentralregierung der gerade unabhängig gewordenen Republik Moldawien versuchte erfolglos, das abtrünnige Transnistrien mit Waffengewalt in den Staatsverband zurückzuzwingen.

Die Provinz - Russen und Ukrainer sind in der Überzahl - war abgefallen, weil sie bei dem angeblich betriebenen Anschluß Moldawiens an Rumänien nicht mitmachen wollte. Die in Transnistrien stehende 14. Armee Moskaus unterstützte zunächst die Separatisten.

Ein Waffenstillstand läßt die Angelegenheit in der Schwebe. Die russischen Truppen halten als sogenannte Friedenstruppe gemeinsam mit der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa die Stellung.

An der letzten Straßensperre vor Kern-Moldawien lungern bewaffnete transnistrische Gardisten. Von den Lkw-Fahrern würden sie, weiß Dolmetscher Kisserjow, Wegegeld kassieren, je nach Ladung 10 Dollar oder 20 Liter Wein.

Der Reisende Glos vergleicht seine Suche nach der Wirklichkeit in den GUS-Republiken mit dem Zwiebelschälen. Haut um Haut müsse man abtragen, so seine Erfahrung, »und je tiefer man schneidet, desto eher fängt man mit dem Weinen an«. Er glaube aber fest an die »Macht der Veränderung, die Kraft des Wunsches nach Selbstbestimmung, an das Gewinnstreben«.

Schon die sieben deutschen Entwicklungsexperten, mit denen sich Glos am ersten Abend in Chisinau zusammensetzt, führen ihm eine Lage vor, die zum Heulen ist: Die Privatisierung der Landwirtschaft kommt nicht voran, die traditionellen Exportmärkte gehen verloren. Chinesische Äpfel auf den Moskauer Märkten sind besser und billiger als die Ware aus Moldawien.

Das Land ist selbständig und dennoch abhängig von Rußland, fast ganz etwa bei den Energielieferungen. Die Arbeiter mancher Kolchosen haben seit 1994 keinen Lohn mehr bekommen. Auf dem Land blüht der Tauschhandel, Hartwährung _(* Bei Behdery. )

ist Dieselkraftstoff. Mit der Gesetzgebung, speziell beim Konkursrecht, geht es nur schleppend voran.

Man bedient sich hier. Der Justizminister wurde in Wien mit einem in Heilbronn gestohlenen Audi 90 geschnappt; ein Freund habe ihm den Wagen geliehen, behauptete er. Dem stellvertretenden Erziehungsminister wurden bei einem Überfall 20 000 Dollar dunkler Herkunft geraubt - ein Riesenvermögen in einem Land, in dem der Durchschnittslohn 34 Dollar im Monat beträgt.

Der Staatspräsident wollte den Verteidigungsminister wegen Korruptionsverdachts entlassen, schaffte es aber nicht, weil ihm die Kompetenzen fehlen. Dann bekam er selbst ein Problem: Ein Mitglied seines Clans soll einen Posten Erdöl, eigentlich für die darbende Heimat bestimmt, in Skandinavien mit besserem Profit losgeschlagen haben.

Glos hält »das in Gründerzeiten für unausweichlich«. Er findet es »in Ordnung«, wenn einige schnell reich werden: »Mich stören die zu vielen Armen.«

Und Glos stieß auch auf den »wahren Herrn im Lande«. Wie ihm einer seiner Gesprächspartner anvertraute, heißt der Boris Birstein, sei Chef des Seabeco-Konzerns, einst bitterarm aus Litauen nach Israel ausgewandert, inzwischen Inhaber auch eines kanadischen Passes und eines Riesenvermögens.

Dank exzellenter Beziehungen zu alten und neuen Machthabern im ganzen Rund der ehemaligen UdSSR, speziell zu Spitzenmilitärs und Geheimdienstbossen, hat Birstein 1992 zum Ende der Kämpfe um Transnistrien beigetragen. In einem seiner Flugzeuge wechselte er zusammen mit dem damaligen russischen Vizepräsidenten Alexander Ruzkoi zwischen Chisinau und Tiraspol hin und her, bis ein Vertragstext stand.

Heute ist Birstein in Moldawien in vielerlei Rohstoff-, Bank- und Versicherungsgeschäften tätig, produziert in zwölf Farmen pro Jahr 3500 Tonnen Truthahn- und anderes Geflügelfleisch, hilft der Regierung sinnigerweise beim Druck von Pässen und Führerscheinen und bietet Reisenden wie Glos Obdach.

Auch das Hotel Moldova, einst Gästehaus des KGB, gehört Birstein, samt Kasino. Die ganze oberste Etage im 6. Stock, luxuriös ausgestattet und ständig bewacht, ist für ihn reserviert. »Wenn der alle drei Wochen hier mit Polizeieskorte einfällt«, berichtet ein Mitarbeiter der Botschaft, »sind so viele Bodyguards auf den Straßen, als käme Clinton persönlich.«

Einmal warm geworden, rückte einer der Minister mit einem Geheimnis heraus, weshalb der Konflikt um Transnistrien angeblich unlösbar ist.

Dort drüben gebe es einen viele hundert Kilometer langen Stollen - da sei Baumaterial unter Tage gewonnen worden. In diesem Labyrinth hätten die Russen Hunderttausende Tonnen Kriegsgerät versteckt, ausreichend für mehrere Armeen. Zuletzt seien noch in Tausenden Güterzügen Waffen und Munition aus Ostdeutschland und Polen hinzugekommen.

Der Gast aus dem fernen Bonn ist von solchen märchenhaften Erzählungen hin- und hergerissen. Aber er läßt sich davon jedenfalls sein neues Weltbild nicht verderben. Die früheren Sowjetrepubliken seien raus aus dem Kolonialsystem, freut er sich immer wieder, würden »zu unseren Handelspartnern von morgen und übermorgen«. Sie gelte es zu unterstützen, auf daß »der unheimliche Koloß nicht wieder entsteht«.

Zuweilen aber überkommen auch einen wie Glos Zweifel, ob das hier gutgeht. Beim Besuch eines Bürgermeisteramtes in Orhey, nördlich von Chisinau, paßt ein Dutzend älterer Landfrauen in Kitteln und mit Kopftüchern die kleine Delegation ab. Einige der Frauen weinen, sie bedrängen den Kreischef. Seit über sechs Monaten haben sie keine Renten mehr bekommen, sie leben in bitterer Not.

Glos zuckt verlegen die Achseln und geht schnell weiter: »Was soll ich denn anderes tun?«

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Kartenausriß Moldawien

[GrafiktextEnde]

* Wirtschaftsminister Valeriu Bobuzac (l.).* Bei Behdery.

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