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Junge Union Gute Vorsätze

Die Junge Union ist unzufrieden mit ihrem Vorsitzenden Echternach: Parteifreunde meinen, der Chef arbeitet zuwenig und denkt zuviel an sich.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Wulf Schönbohm, Vorsitzender der Jungen Union im Rheinland, findet seinen Chef »autoritär und erzkonservativ«. JU-Kollege Matthias Wissmann aus Baden-Württemberg nörgelt über die »unglückliche Hand im Führungsstil« und sinniert: »Seine Stellung war schon stärker.« Manfred Schlechtriemen, Lehrer und JU-Kreisvorsitzender in Altenkirchen, kritisierte: »Echternach hält sich nicht an Mehrheitsbeschlüsse.«

Ein Jahr bevor Jürgen Echternach, junge Hoffnung der Union. aus Altersgründen die CDU-Startrampe verläßt, zweifeln seine ehrgeizigen Kollegen stärker denn je an seinen Führungsqualitäten.

Der soignierte Mittdreißiger« der auf frisches Aussehen ebenso großen Wert legt wie auf ein progressives Image, erholt sich nur schwer von einer Pechsträhne, die ihn im Frühjahr dieses Jahres ereilte.

Damals hatte der Deutschland- Rat, das Führungsgremium der Jungen Union, dreimal zur Urne gehen müssen, weil Echternach partout seinen Kandidaten Manfred Ritterbach zum Bundesgeschäftsführer machen wollte.

Als im ersten Wahlgang der von Echternach nicht so geschätzte Peter Helmes mit einer Stimme Mehrheit über seinen Favoriten gesiegt hatte, focht der Vorsitzende das Votum an. Der zweite Wahlgang brachte Echternach nicht weiter, er endete unentschieden. Und im dritten Durchgang schließli »h« der um zwei Monate verschoben wurde, stimmten neun Räte für Helmes, acht für Ritterbach, eine Stimme war ungültig.

Doch der Chef gab immer noch nicht auf. Scharfsichtig deutete er den ungültigen Stimmzettel, auf dem statt eines Namens eine Schlangenlinie gemalt war: »Am Schluß könnte es »bach« heißen.«

Für die übrigen Jung-Räte blieb es gleichwohl eine Schlangenlinie, Echternach und sein Kandidat waren durchgefallen. Sein Gegner Wissmann konnte konstatieren: »Da hat er sich zusätzliche Feinde geschaffen.«

Fast zur gleichen Zeit bekam der Wohnungsbaukassendirektor auch in seiner Heimat Ärger. Als er Amt und Ansehen des Oppositionsführers in der Hamburger Bürgerschaft dafür nutzte. sich einen zinsgünstigen Kredit von 100 000 Mark für eine Eigentumswohnung zu besorgen, nahmen selbst Parteifreunde daran Anstoß. Echternach mußte auf das Darlehen verzichten.

Seither müht er sich, den Vorsitzenden der Hamburger CDU Dietrich Rollmann zu kippen, worüber er freilich »nicht spekulieren« will. Für seine Organisation bringt der Ehrgeizige nicht mehr das rechte Interesse auf. So registrierte die Bonner JU-Zentrale, daß ihr Vorsitzender sich bei der Abfassung eines neuen Grundsatzprogramms auffällig zurückhielt. Er überließ dem Rheinländer Schönbohm die Leitung jener Kommission, die der Jungen Union das Gesicht einer reformfreudigen und aufgeklärten Vereinigung junger CDU-Mitglieder geben soll.

Ohne erkennbare Mithilfe Echternachs, der letzte Woche von Kritik und Kritikern »das erstemal« gehört haben will, verständigte sich das Gremium darauf, künftig in der CDU/CSU »den sachpolitischen und personellen Reformprozeß« voranzutreiben. Keß verkündeten die jungen Unions-Christen, daß sie sogar gegen Revolutionen nichts einzuwenden hätten -- freilich nur dort, »wo sie als Explosionen grenzenloser Hoffnungslosigkeit das letzte Mittel der Unterdrückten darstellen, menschliche Verhältnisse zu schaffen«.

Sogar die Soziale Marktwirtschaft ist vor der JU nicht mehr sicher: Freiheit und Menschenwürde haben »im Konfliktfall Vorrang vor ökonomischem Nutzen«.

Ob diese guten Vorsätze Echternachs Weltbild entsprechen, wird von seinen Kritikern bezweifelt. Für den Deutschlandtag der JU in Fulda, wo Ende September das Programm beschlossen werden soll, prophezeit ein Vorstandsmitglied: »Der Echternach wird das Programm vertreten, aber der Schönbohm wird sich damit profilieren.«

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