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BUNDESMARINE Guter Überblick

Im ersten »selbstgestrickten« Admiral, dem neuen Marine-Rüstungsohef Dieter Wellershoff, sehen viele schon den nächsten Flottenchef.
aus DER SPIEGEL 43/1977

Vor zwei Jahren hatte er in der Marineführung noch einen »mittleren Aufstand« ausgelöst mit der Bemerkung, es sei ihm »scheißegal«, wie die Skagerrak-Schlacht von 1916 verlaufen sei, er könne daraus für seinen Job nichts lernen.

Die frechen Worte brachten dem damaligen Kapitän zur See Dieter Wellershoff bittere Vorwürfe seiner Vorgesetzten und Schmähbriefe des konservativen Marinebundes ein. Dies sei, wurde ihm sogar prophezeit, das Ende seiner Karriere.

Nun ist der 44jährige Nachkriegsseemann Admiral geworden, der erste »selbstgestrickte« (Bundeswehr-Jargon) der Marine. 20 Jahre nach Eintritt in die Bundeswehr, zehn Jahre nach Besuch der Hamburger Führungsakademie wurde Wellershoff am 1. Oktober zum Leiter der Rüstungs-Abteilung des Marineführungsstabes berufen -- eine Aufgabe, die ihm schon in den nächsten Tagen viel Ärger bringen wird.

Bei der Werftüberholung eines Schnellbootes der Klasse 143 (Marine-Inspekteur Günter Luther: »das technisch vollkommenste und höchstentwickelte Waffensystem") haben Techniker nämlich entdeckt, daß die in einem Spezialverfahren aus Holz, Aluminium und Stahl zusammengefügten Bootsrümpfe nicht genügend öl- und seewasserbeständig sind -- ein Vorgang, der an den Skandal mit dem rostanfälligen antimagnetischen Stahl der ersten deutschen Nachkriegs-U-Boote erinnert.

Nach ersten Schätzungen werden die Reparaturkosten für die zehn Schnellboote

Dieter Wellershoff, der bis Ende September Kommandeur Flottille der Minenstreitkräfte in Wilhelmshaven war, wird die Akte an diesem Montag bei seinem Dienstantritt auf der Bonner Hardthöhe vorfinden. Bisher weiß der Flottillenadmiral nicht einmal, warum gerade er für den Rüstungsjob ausgesucht wurde.

Nach dem Abitur im Jahre 1953 besuchte er zwar die Technische Hochschule in Aachen, gab das Maschinenbau-Studium aber nach einigen Semestern auf. Wellershoff: »Ich bin ein Musterbeispiel für falsche Berufsberatung durch die Eltern.«

Gegen den Willen des Vaters wurde er mit 24 Jahren Soldat. Den letzten Anstoß zu diesem Schritt gab der Ungarn-Aufstand 1956, eine für viele Angehörige der nichtwehrpflichtigen »weiße Jahrgänge« (1929 bis 1937) typische Begründung.

Die Karriere des untersetzten, ein wenig phlegmatisch wirkenden Wellershoff unterschied sich in den ersten Jahren kaum von der seiner Crew-Kameraden: zunächst Minen-, dann Fernmeldespezialist, schließlich Operationsoffizier auf dem Zerstörer »Schleswig-Holstein«

1967 wurde er auf die Führungsakademie nach Hamburg geschickt, die er zwei Jahre später mit dem Heusinger-Preis des Lehrgangsbesten verließ. Nun holte General Franz Joseph Schulze, heute Nato-Oberbefehlsbaber Europa-Mitte, den aufstrebenden Soldaten in die Stabsabteilung Militärpolitik des Verteidigungsministeriums, die neben Führungsakademie und Planungsstab -- als Karriereschleuse der Bundeswehr gilt.

Doch schon nach zwei Jahren hatte die Marine wieder eine neue Verwendung für Wellershoff. Da bei der traditionsbewußten Seestreitmacht nur ganz nach oben kommt, wer auch einmal ein großes Schiff geführt hat, wurde er Kommandant des Zerstörers »Hessen In der »Ständigen Einsatzgruppe Atlantik« der Nato unter dem Befehl eines holländischen Admirals bestanden Wellershoff und sein Schiff die Prüfung mit »sehr gut«.

Es folgten Aufgaben als Einsatz- und Operationsoffizier beim Flottenkommando in Glücksburg und als Flottillen-Kommandeur der Minensucher in Wilhelmshaven. Wellershoff: »Ich leiste zwar auf keinem Spezialgebiet Hervorragendes, aber ich habe einen guten Überblick.«

Zeit für Hobbys und Häuslichkeit blieb nie. Aber seine Frau und seine drei Kinder haben sich inzwischen an das Herumzigeunern gewöhnt. »Sie ziehen mit«, wie Wellershoff sagt.

Der Umzug nach Bonn war wohl nicht sein letzter. Denn Dieter Wellershoff, da sind sich die Kollegen von der Admiralität inzwischen einig, hat das Zeug zum Flottenchef, Sitz Glücksburg.

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