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NAHER OSTEN / KRISE Gutes Recht

aus DER SPIEGEL 39/1968

Wenn du eine Katze in die Enge treibst, wundere dich nicht, wenn sie springt.

Mohammed Hassan el-Sajjat, ägyptischer Regierungssprecher, zum SPIEGEL.

Die ersten Schüsse 21, gelten dem

Staatschef. In Ägyptens Hauptstadt feuerten Ägypter Salut für Rußland-Heimkehrer Gamal Abd ei-Nasser.

Der Präsident, von seinen Sowjet-Ärzten körperlich kuriert, dankte, zog sich zur Nachkur nach Alexandria zurück -- und schwieg.

Dann fielen wieder Schüsse, diesmal gezielt: Am Suez-Kanal lieferten sich in der vorletzten Woche israelische und ägyptische Artillerie das härteste Dauerduell seit dem Junikrieg im letzten Jahr. Und der Pharao vom Nil. zurück in Kairo, tönte wie einst im Vorkriegsmonat Mai.

»Ägyptens Wiederaufrüstung ist beendet«, verkündete der abgemagerte Staats- und Parteichef auf dem zweiten Kongreß seiner ägyptischen Einheitspartei ASU. Nach der jetzt beginnenden Etappe der »Abschreckung« werde Ägypten »schließlich das besetzte Land befreien ... Das Ist nicht nur unser gutes Recht, sondern eine heilige Pflicht«.

Und: »Was mit Gewalt gewonnen wurde, kann nur mit Gewalt zurückgeholt werden.«

Zur selben Zeit drohte Israels Premier Levi Eschkol im Gaza-Kibbuz Jad Mordechai: »Unser Befreiungskrieg, der 1948 begonnen hat, ist noch nicht beendet.«

15 Monate nach der arabischen Blitzniederlage im Sechs-Tage-Krieg hat sich die Spannung an den von Is-

* Das Haus wurde am 5. September bei einem Artillerie-Duell schwer beschädigt. raels Panzern gezogenen Grenzen -- im israelisch besetzten Teil Syriens, Im besetzten Westjordanien und im besetzten Sinai -verschärft. 15 Monate nach dem letzten Krieg scheinen sich Sieger und Besiegte mit Waffen und Worten in einen neuen Krieg zu schaukeln.

Die Israelis weigern sich nach wie vor, die eroberten Gebiete zu räumen -wie es die Uno verlangt. Sie wollen vielmehr das besetzte Land -- wie es Sinai-Sieger Mosche Dajan verlangt -- schnellstens mit Israelis besiedeln und zum Bollwerk gegen die arabischen Nachbarn ausbauen.

Schon beschloß Israels Ministerrat, was kritische Israelis als »De-facto-Annexion« ansehen: Die besetzten Gebiete werden künftig nicht mehr ausschließlich dem Militär unterstehen, sondern einer gemischten interministeriellen Kommission.

Und als in der vorletzten Woche die Araber das Feuer der israelischen 160-Millimeter-Mörser -- Beutewaffen russischer Herkunft -- mit 280 Tonnen Munition aus Ihren russischen Ersatzkanonen übertrumpften, da versicherte die »Jerusalem Post": »Der Feuerüberfall wird Israels Entschlossenheit nur bestärken, damit der schwer errungene Sieg auch permanente Sicherheit einbringt.«

Längst ist »die ausgezeichnete Panzerfalle« -- so ein israelischer Minister über den Suez-Kanal -- zu einer der am schwersten befestigten Grenzen der Welt geworden.

So, wie sich einst die Israelis vor den Ägyptern fürchteten, fühlen sich jetzt die rund vier -Millionen Einwohner Kairos -- nur hundert Kilometer hinter der Kanalfront -- von Israels spurtschnellen Panzern bedroht.

Deshalb konzentrierten die Ägypter ihr mit Sowjethilfe aufgefülltes Arsenal zwischen Suez und Port Said, und beinahe täglich überqueren Geschosse aller Kaliber -- auch Raketen -- den Kanal.

Mosche Dajan warnte die Araber: Für Israel wäre ein ägyptischer Vorstoß über den Kanal »unerwünscht«, für Ägypten aber »tödlich«. Da ein Dauer-Duell mit schweren Waffen In den ägyptischen Kanalstädten Suez und Ismailia · tatsächlich größeren Schaden anrichten würde als auf der besetzten Sinai-Seite, meiden die Araber die direkte Konfrontation.

Sie kämpfen einstweilen aus dem -- Untergrund: Seit einigen Monaten registrieren die Israelis auch auf der Sinai-Halbinsel eine steigende Aktivität ägyptischer Infiltranten. Wie die El-Fatah-Kämpfer im Jordantal, verwickeln Terroristen die Besatzer zunehmend in Feuergefechte. Immer häufiger verminen Sinai-kundige Ägypter Straßen und Wege.

Je stärker die arabische Résistance, desto heftiger die israelische Reaktion: Vergebens protestierte letzte Woche Hamdi Kanaan, Bürgermeister im besetzten Nablus, gegen die Sprengung eines Hauses, in dem Waffen gefunden worden waren. Dajan: »Sie haben kein Recht, gegen die Strafaktionen der israelischen Sicherheitsorgane zu protestieren.« Im Gazastreifen erschossen israelische Sicherheitsorgane gar einen der arabischen Friedensrichter« Scha uki el-Fara, auf der Flucht: Er soll mit den Befreiungskämpfern konspiriert und im Gefängnis die Aussage verweigert haben.

Nasser läßt sich durch die Besatzer-Strenge nicht beirren. In Kairo plädierte er für konzertierten arabischen Widerstand und bezeichnete die Tätigkeit der Partisanen als »legitim«. Jeder Araber müsse sie unterstützen.

Denn wie Dajan nicht herausgeben will, was seine Soldaten eroberten, so will Nasser nicht aufgeben, was seine Soldaten verloren: »Wir werden niemals arabisches Territorium abtreten.«

Prompt forderten die ASU-Delegierten schnelles und entschlossenes Handeln. Einer von ihnen schlug sogar vor, sofort eine Volksarmee aufzurüsten. Doch Nasser lehnte ab.

Noch ist für ihn die Etappe der »Befreiung« nicht gekommen. »Unser Kampf«, so dämpfte er seine ASU-Jünger, »ist schwierig und kompliziert, denn Israel steht nicht allein.«

Nasser nannte auch Israels Helfer. Was US-Präsident Johnson nicht bewilligen wollte, versprachen die beiden Nachfolge-Kandidaten Humphrey und Nixon Amerikas 3,5 Millionen jüdischen Wählern: Israel soll mehr US-Waffen erhalten als bisher -- auch 50 der in Vietnam erprobten Angriffjets vom Typ F-4 »Phantom«.

Für die Ägypter könnte diese Bomber-Armada tödlich sein. Denn ihr Aktionsradius reicht bis zum Assuan-Hochdamm. Israel könnte Ägypten unter Wasser setzen.

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