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NATIONALITÄTEN / BRETAGNE Gwenn ha du

aus DER SPIEGEL 5/1969

Sie können davon ausgehen, daß es die Bretagne nicht mehr gibt -- und das ist schade.

Madame de Sévigné, 1675

Es gibt die Bretagne noch immer. Aus dem englischen Exil rief im Krieg Charles de Gaulle die Bretonen zur Résistance gegen deutsche Besatzer.

Aus dem irischen Asyl rufen jetzt heimatvertriebene Bretonen zum Widerstand gegen die französischen Unterdrücker.

So wie ihre keltischen Brüder in Irland, Schottland und Wales Freiheit von England fordern, so wollen die bretonischen Separatisten Unabhängigkeit von Frankreich. Charles de Gaulle selbst lieferte ihnen auch jetzt die Parole. Seinen Ausruf »Vive le Quebec libre« (Es lebe das freie Quebec) wandelten sie um in »Vive la Bretagne libre!«.

Wie in Irland. Schottland und Wales, so detonierten Bomben in der Bretagne. Auf einer Generalstabskarte in seinem Hauptquartier in Bray bei Dublin markierte der Exil-Bretone Yann Goulet, 52, Sekretär eines »Nationalen Befreiungskomitees«, mehr als dreißig Sprengstoffanschläge. Goulet: »Die Franzosen scheinen nur Gewalt zu verstehen.«

Länger als zwei Jahre blieben die Bombenleger unauffindbar. Doch als Frankreichs Staatschef de Gaulle für den 31. Januar seinen Besuch in Frankreichs unterentwickelter Westprovinz ankündigte, verstärkten die Fahnder ihre Aktivität.

Seit Jahresbeginn verhafteten sie mehr als 40 Aktivisten und Komplicen der autonomistischen Geheimorganisation, darunter vier Priester. In mehreren Verstecken entdeckte die Gendarmerie insgesamt etwa eine Tonne Sprengstoff.

Auf die Spur der Bombenleger kam die Polizei durch einen lautstarken Ehezank in einem Bistro in Nantes. Die Wirtin Nedelec hielt ihrem Mann vor, er verführe den minderjährigen Sohn Roger zu gefährlichen Bomben-Abenteuern. Ein Spitzel hörte mit, und eine Woche später saßen Vater und Sohn Nedelec sowie die gesamte 8. Abteilung ("Kevrenn") der geheimen »Republikanischen Bretonischen Armee« hinter Gittern.

Im Departement Côtes-du-Nord hoben Kriminalbeamte die 4. Kevrenn der Freiheitsfront aus. Zu dieser Abteilung zählen auch Vikar Antoine Le Bars, 37, der als »Logistikchef« auf dem Hof seines Onkels ein Pulverarsenal von 525 Kilo Dynamit verwaltete, sowie Abbe Joseph Lec'hvien, 49, der unter dem Fußboden seiner Dorfschule 30 Kilo Sprengstoff und sechs Tarnanzüge hütete.

Aus der Kevrenn-Numerierung folgern die Fahndungschefs in Rennes, daß in der Bretagne noch sechs andere Abteilungen der »Front de libéation de la Bretagne« (FEB) operieren insgesamt etwa 200 Mann -, geleitet von einem mysteriösen »Kriegsminister«.

Während die FEB-Partisanen aus dem Untergrund für »Gwenn ha du« (weiß und schwarz, die Farben der Bretagne) kämpfen, wollen das »Mouvement pour l'organisation de la Bretagne« (MOB) und die »Union démocratique bretonne« (UDB) mit legalen Mitteln die regionale Selbstverwaltung der Bretagne wiederherstellen. Franzosenkönig Franz 1. hatte sie dem einst unabhängigen Keltenland schon 1532 garantiert -- als Preis für den Anschluß an das französische Reich.

Doch bereits die Bourbonenkönige hielten sich nicht an die Garantie. Und seit der Revolution wird die Bretagne ebenso zentralistisch von Paris aus verwaltet wie das übrige Frankreich.

Schon 1932 protestierten »Gwenn ha du«-Männer gegen die 400jährige »Annexion der Bretagne« mit Bomben: Vor dem Rathaus von Rennes sprengten sie ein Denkmal: die Bretagne als kniende Jungfrau vor dem Franzosenkönig. Der Platz blieb bis heute leer.

1939 setzten die bretonischen Separatisten auf die Deutschen, ihre Führer wanderten ab ins Reich und kehrten mit den Deutschen zurück. Bis zur Landung der Alliierten fühlten sie sich als Sieger und träumten von einem unabhängigen Staat. Wegen Kollaboration mit den Deutschen wurden nach dem Krieg 819 Bretonen erschossen. Einige ihrer Anführer, darunter auch Yann Goulet, entkamen zu den irischen Blutsbrüdern und kämpften fortan aus der Ferne gegen das französische Joch.

Denn anders als de Gaulles unterdrückte Brüder und Schwestern in Quebec, die ihre Frankophonie uneingeschränkt pflegen, können die Bretonen in der Schule bestenfalls als Wahlfach ihre Muttersprache erlernen.

In Quebec senden Radio und Fernsehen Programme in französischer Sprache. In der Bretagne dagegen -- wo immer noch knapp die Hälfte der 2,5 Millionen Bretonen keltisch spricht -widmet de Gaulles Staatstelevision der Minorität ein Regionalprogramm von höchstens drei Minuten die Woche.

Die Bretagne, ein Jahrhundert lang industriell und verkehrstechnisch von der Zentralgewalt in Paris vernachlässigt, fühlt sich vom Fortschritt der Nation ausgeschlossen.

16 000 Bauern jährlich müssen unrentabel gewordene Höfe aufgeben, Und in kaum einer Provinz sind die Durchschnittslöhne so niedrig wie in der Bretagne: Ein Pariser zum Beispiel verdient fast das Doppelte.

Trotz staatlich geförderter Entwicklungsprojekte hat nur einer von zehn jungen Bretonen Aussicht auf einen Arbeitsplatz in der Bretagne. Rund 10 000 Bretonen wandern jährlich ins feindliche Gallien ab. Die beiden größten Arbeitgeber der Bretagne sind die Kriegsmarine und Paris -- mit rund 400 000 Zuwanderern die größte Bretonen-Siedlung Frankreichs.

Auf bretonischem Boden will Charles de Gaulle den Bretonen nun Ende dieser Woche sein großes Reformwerk verkünden: die Regionalisierung Frankreichs.

Die Separatisten sind zwar skeptisch, vorerst aber zum Waffenstillstand bereit. Die FLB erklärte, sie wolle die Botschaft de Gaulles nicht mit Bomben übertönen. Separatistenführer Goulet: »Wir wollen ihm noch einmal eine Chance geben.«

Ob er sie wahrzunehmen gedenkt, sollen seine Reden zeigen: So wie er in Rußland russisch, in Polen polnisch, in der Türkei türkisch sprach, muß er nach Meinung der Bretonen in der Bretagne auch bretonisch sprechen -- und damit dem Vorbild eines Großonkels aus dem vorigen Jahrhundert folgen.

Jener Charles de Gaulle hatte sich als keltischer Traditionspfleger einen legendären Ruf erworben und wird noch heute gerühmt als der Barde »Carl Ar Vro C'hall« -- Charles aus dem Lande Gallien.

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