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H-BOMBE VERMISST ...

aus DER SPIEGEL 48/1967

2. Fortsetzung

Die radioaktive Verseuchung

Im Januar bricht in Palomares der Tag erst kurz vor acht Uhr an. Die Amerikaner versammelten sich am Heckteil des abgestürzten Bombers in dem ausgetrockneten Flußbett des Almanzora, um die Suche nach den vermißten H-Bomben aufzunehmen.

Oberst Carl Payne, der die Suchaktion leitete, vermaß das Gebiet vom Flußbett aus und teilte es grob in drei Abschnitte auf. Wer nicht eine andere dringende Aufgabe hatte, wurde zu den Such-Gruppen abkommandiert -- Ärzte, Bombentechniker, Public-Relations-Offiziere und Anwälte.

Eine Stunde später funkte jemand die erste Erfolgsmeldung zum Befehlsstand: Von einem Hubschrauber aus war ein Fallschirmbündel entdeckt worden und eine Metallröhre, die auf einem Hügel hinter dem Friedhof aus der Erde ragte. Es war die Bombe, gegen die sich der Architekt Puig tags zuvor gestemmt hatte und deren zweieinhalb Meter breiten, fast einen Meter tiefen Krater er sich nicht erklären konnte. Der halb vergrabene Metallbrocken sah aus wie eine gewöhnliche Bombe. Doch es war massives Uran.

Die Kernwaffen-Fachleute wußten sehr genau, was der Krater bedeutete. Es stellte sich heraus, daß der konventionelle Sprengstoff der Bombe detoniert war.

Das hochexplosive Pulver in einer geschärften H-Bombe hat die Funktion, eine Reihe von Plutoniumklumpen zu einer massiven Kugel zusammenzupressen. Dabei werden aus einigen der Atome Neutronen herausgeschlagen. Trifft eines davon einen anderen Plutoniumkern, spaltet er dieses Atom und setzt so weitere Neutronen

© Copyright 1957 Flora Lewis. Deutsche Buchrechte: C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh.

frei. Sind genügend Neutronen vorhanden, so entsteht eine Kettenreaktion.

Sie kann, etwa in einem Atomkraftwerk, verlangsamt werden, um eine stetige Energiequelle zu bilden. Unkontrolliert entläßt die Kettenreaktion ihre gewaltigen Kräfte im Bruchteil einer Sekunde. Die elementare Gewalt, die das Atom in sich zusammenhält, wird in einer Druck-, Hitze- und Radioaktivitätsexplosion frei.

Um das Plutonium in einer Bombe zur kritischen Masse zusammenzupressen, muß der konventionelle Sprengsatz in einem Augenblick mit seiner vollen Kraft explodieren. Dies kann nur geschehen, wenn die Bombe geschärft ist.

Wird die Explosion durch Feuer oder Aufschlag ausgelöst, pulverisieren Hitze und Druck das radioaktive Metall, statt im Plutonium eine Kernspaltung in Gang zu setzen. Das Plutonium versprüht zu einem unendlich feinen, unsichtbaren und nicht spürbaren Pulver, das leicht brennt und sich mit dem Staub der Luft und den von der Explosion hochgeschleuderten Erdpartikeln vermischt.

Die Detonation des konventionellen Sprengsatzes einer solchen Bombe läßt unvermeidlich eine Plutoniumwolke entstehen. Die radioaktive Verseuchung hängt vom Wind und der Erdmenge ab, die das Plutoniumpulver aufnimmt. Der Uranblock der Bombe ist weit weniger radioaktiv als das Plutonium und daher auch weit weniger gefährlich, obwohl er vierzigmal soviel Energie von sich gibt.

Die Wasserstoffatome einer H-Bombe -- H ist das chemische Zeichen für Wasserstoff (Hydrogenium) -- werden durch die unbeabsichtigte Explosion freigesetzt. Sie bilden keine Gefahr. Solange der Wasserstoff einfach entweicht, ist er ohne Bedeutung. Kommt es jedoch zu einer Verschmelzung von zwei leichten Atomkernen zu einem einzigen schweren (Fusion), so wird die gewaltigste Kraft frei, welche die Welt kennt.

Doch die Fusionsreaktion läßt sich auf der Erde nur durch eine Kernspaltung erzielen. Alle H-Bomben sind zur Zündung auf eine A-Bomben-Reaktion angewiesen, bei der schwere Atome in zwei oder mehr leichtere Elemente gespalten werden.

Die größte Gefahr bei einem Kernwaffenunfall gebt von dem künstlich hergestellten Element Plutonium aus. Für die Experten in Palomares war es selbstverständlich, daß infolge der konventionellen Detonation die Umgebung mit Plutonium verseucht sein mußte. Zu untersuchen blieb, wie intensiv und wie weit es sich ausgebreitet hatte. Zunächst wurde angeordnet, die umliegenden Felder gegen jeden Zutritt abzusperren, bis sich gewissenhafte Messungen durchführen ließen.

Nach den beiden anderen Bomben hielten die Männer der Air Force noch immer aufs Geratewohl Ausschau, da für eine methodische Suche weder Personal noch Ausrüstung zur Verfügung stand. Die Guardia Civil berichtete von einem Torpedo in einem Tomatenacker, und ein Polizist dirigierte die Amerikaner auf die andere Seite des Dorfes. Dort fanden sie unterhalb der Gartenmauer von Eduardo Navarro Portillo die Bombe Nr. 3.

Feldwebel Howe, der Experte für Strahlenverseuchung, erkannte sofort, daß ein Teil des konventionellen Sprengsatzes detoniert war. Brocken halb verbrannten Sprengstoffs lagen herum, dazu Stücke des Bomben-Gehäuses. Die kritischen Verbindungen im Bombeninnern waren durch die Explosion unterbrochen worden.

Die Bombe schien unmittelbar hinter der Stützmauer des Gartens aufgeschlagen zu sein. In die Mauer war ein Loch von ein oder zwei Meter Durchmesser gesprengt. Auch das war ein kleiner glücklicher Zufall. Die Mauer hatte die Explosionswirkung in Richtung des Hauses gedämpft und zugleich die Ausbreitung der Plutoniumwolke begrenzt.

Die Leute von Palomares sahen zu, wie die Amerikaner mit Handschuhen kleine Dinge aufhoben und sie in Plastikbeuteln sammelten. Die Sprengstoffbrocken wurden auf den Hügel zum Fundort der zweiten Bombe gebracht und dort ins Feuer geworfen; in der Luft und ohne zusätzliche Hitze verbrannte das Pulver harmlos zu Asche.

Und die Leute sahen zu, wie Howe mit seinem Strahlenmeßgerät an jedes Metallstück heranging. Howe überzeugte sich, daß wenig Gefahr bestand. Der Hauptteil der Bombe war in drei Stücke auseinandergebrochen. Er hob sie auf und legte sie in Holzkisten, in denen man sie zur Sammelstelle bei der zweiten Bombe brachte. Am nächsten Tag wurden die drei Bomben auf Lastwagen nach San Javier geschafft, von dort nach Torrejón und dann, nachdem sie neu verpackt waren, in die Vereinigten Staaten geflogen.

Von der vierten Bombe fehlte jede Spur. Hauptmann Ramirez durchstreifte das weitgestreckte Dorf und die Felder und fragte die Leute, ob sie etwas vom Himmel hätten fallen sehen. Eine alte Frau deutete auf ein Metallstück, das hundert Meter von ihrem Haus entfernt lag; es war der Ausleger des Tankflugzeuges.

»Skip« Young sprach einen tomatenpflückenden Bauern an: Ob er zufällig so eine Art Zylinder beobachtet habe? Der Bauer schüttelte den Kopf. Seine Frau, die neben ihm auf einem Esel hockte, sagte eifrig, sie habe so etwas gesehen. Young folgte ihr über die Äcker. Der Hinweis führte nur zu einer röhrenförmigen Starterhülse des Bombers.

Die Amerikaner inspizierten, registrierten und maßen, und als sie sämtliche Einzelheiten aufgenommen hatten, wurde jedes Wrackteil von den Bergungsmannschaften zu einem Schuttabladeplatz am leeren Strand geschafft. Der Trödelhaufen, wie man ihn nannte, wuchs rasch.

Am Dienstagvormittag fand man auch die sogenannte Kampfeinsatztasche, in der die folgenreichsten Geheimpapiere des Strategischen Luftkommandos (SAC) -- Code und Ziele eines H-Bomben-Einsatzes -- verschlossen waren. Die schwarze Ledertasche lag neben dem Wrack der Pilotenkanzel. Sie war stark angesengt, doch es gab kein Anzeichen dafür, daß etwas entfernt oder berührt worden wäre.

Bei Tagesanbruch war die Kommission vom SAC-Hauptquartier in Omaha eingetroffen. Die Experten von der Atomunfallstelle (Janac) in Albuquerque und vom Atomforschungszentrum Los Alamos kamen kurz darauf an. Mit zusätzlichen Strahlungsmeßgeräten machte man sich daran, das Gebiet der Verseuchung festzustellen und zu umgrenzen. Die Bombenkrater bildeten die Ausgangspunkte. Von hier aus mußten die Männer Schritt um Schritt durch das unwegsame Gelände stapfen und die Radioaktivität der Erde messen, bis sie an die »Null-Linien« kamen, hinter denen die Meßgeräte keine Strahlung mehr anzeigten.

Vom US-Luftstützpunkt Morón kamen einige Busse mit Air-Force-Soldaten, so daß Oberst Payne jetzt fast zweihundert Mann für die Suche nach der vierten Bombe zur Verfügung standen. Payne ließ sie in einer langen Linie Aufstellung nehmen, und zwar so nahe nebeneinander, daß sie sich mit den Fingerspitzen berühren konnten. Der rechte Flügelmann trug eine Fahne, nach der sich die Reihe auszurichten hatte.

Die Suche begann an den Stellen, auf denen die größeren Wrackteile gelegen hatten. Erdaufschüttungen, große Kaktusgruppen, niedrige, aber schroffe Klippen, Felsbrocken, Gräben versperrten immer wieder den Weg. Die Männer hatten Befehl, die Linie nicht abreißen zu lassen und kein Hindernis zu umgehen. Ehe es zu dunkeln begann, waren mehrere Kilometer durchgekämmt.

Am Spätnachmittag trafen die Busse vom Air-Force-Stützpunkt Torrejón ein, mit ihnen einige Tieflader und ein ganzes Feldlazarett. Die Nacht mußten die Soldaten in den Bussen und Lastwagen verbringen, einige legten sich in ihren Schlafsäcken aufs Feld. Erst am nächsten Morgen wurden im Almanzora-Flußbett Zelte aufgeschlagen. Von Air-Force-Stützpunkten in Deutschland, Libyen und den Vereinigten Staaten kam jetzt allmählich Nachschub.

Die Dorfbewohner schüttelten erstaunt den Kopf darüber, wie schwer die Amerikaner arbeiteten und wie närrisch sie sich zuweilen verhielten. Es sah so aus, als wollten sie im Flußbett leben, an der staubigsten, unbequemsten und offensten Stelle der ganzen Gegend. Gewiß, der Almanzora war völlig ausgetrocknet. Doch unerwartete Wolkenbrüche im Gebirge konnten eine Springflut in seinem Bett zu Tal jagen.

Nach zwei Tagen sahen die Amerikaner ihren Fehler ein. Sie verlegten ihr »Camp Wilson« auf eine kleine Ebene am Rand der Küste. Dort standen die Reste eines alten Minenbauwerks, die ein wenig Schutz gegen den Wind boten und als Kantine und Erholungsraum dienen konnten.

Vom Air-Force-Stützpunkt Wheelus in Libyen trafen Gray-Eagle-Pakete ein, riesige Kisten mit allem, was eine Feldeinheit brauchen konnte, die ohne reguläre zivile Nachschubverbindung operiert: Generatoren, Ofen, Kühlschränke, Schaufeln, Zelte, Werkzeug, Decken und Hängematten. Nur eines hatte man vergessen, nämlich eine Wäscherei.

Die erste Vorsichtsmaßregel gegen Alphastrahlen bestand darin, den Plutoniumstaub abzuwaschen, ehe er eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen werden konnte. Am ersten Tag wurden die Männer, die sich an der Suchaktion beteiligt hatten, vor dem Abendessen in voller Uniform zu einem Bad ins Meer gejagt. Die Wassertemperatur betrug wenig über zehn Grad, und wenn man mit der triefenden Kleidung in den schneidenden Wind kam, schien die Kälte noch unerträglicher zu sein.

Komplette bewegliche Waschanlagen samt Waschmaschinen wurden von Deutschland herangeflogen. Sie füllten zwei Zelte und verbrauchten täglich fast zwanzig Pfund Reinigungsmittel. Man schaffte tragbare Duschen herbei, um das tägliche Untertauchen im frostigen Meer zu vermeiden.

Zwei Wochen nach dem Unglück hatte sich eine Gemeinde gebildet mit 64 Zelten, 747 Bewohnern, einem Wagenpark, einer Küche mit 22 Köchen, einer Marketenderei (PX) und einem Freiluftkino.

Aus Sevilla war ein spanischer Offizier erschienen, General Ramiro Pascual, der mit General Wilson die militärischen Maßnahmen zu koordinieren hatte. Als immer mehr Menschen in Palomares ankamen, war die Telephon-Vermittlung in Vera bald überlastet. Die spanische Regierung ließ sich überreden, eine größere zu installieren, die Air Force zahlte monatlich 2500 Dollar Miete für ein Kabel nach Madrid und legte ihre eigene Leitung vom Camp Wilson nach Vera.

Den ersten vollständigen Lagebericht gab Generalmajor Donovan, der Befehlshaber der US-Streitkräfte in Spanien. Als am Ende des dritten Tages das Unternehmen Gestalt annahm, flog er von Palomares nach Madrid zurück. Donovan informierte den amerikanischen Botschafter Duke und setzte sich auch mit General Muñoz Grandes, dem Chef des spanischen Generalstabs, in Verbindung.

»Es ist etwas Radioaktivität verbreitet«, sagte er dem spanischen Stabschef, »aber es besteht kein Grund, sich um die Gesundheit der Bevölkerung Sorge zu machen.« Muñoz Grandes nahm den Bericht zur Kenntnis und entwickelte seinerseits Pläne. Seiner Meinung nach war es an der Zeit, daß die spanische Regierung eine aktivere Rolle bei der Operation spielte. Und er erkundigte sich, ob die Vereinigten Staaten beabsichtigten, die SAC-Einsätze über Spanien fortzusetzen.

Auf seiner nächsten Sitzung verlangte das spanische Kabinett die Einstellung der Flüge über Spanien. Das amerikanische Verteidigungsministerium entschied etwa zur selben Zeit, es könne vorerst nicht die unheilvollen Verwicklungen eines zweiten Unfalls über Spanien riskieren. Die spanisch-amerikanische Vereinbarung wurde ohne Diskussion geändert.

Unter strategischem Gesichtspunkt war es ein böser Schlag. Die Luftbereitschaftsroute in Richtung Südrußland war unterbrochen. Doch Verteidigungsminister Robert McNamara hatte längst den Wert der kostspieligen SAC-Einsätze bezweifelt. Jetzt ordnete er an, die Zahl der Flüge auf die Hälfte zu reduzieren. Diese Entscheidung wurde jedoch erst Wochen später und ohne Hinweis auf Palomares bekanntgegeben.

Muñoz Grandes war der Meinung, die spanische Regierung solle sich selber Informationen über die radioaktive Gefahr beschaffen; er sorgte dafür, daß die spanische Atomenergiekommission (JEN Junta de Energía Nuclear) eingeschaltet wurde.

Weder Spanien noch die Vereinigten Staaten hatten bisher offiziell zugegeben, daß H-Bomben abgestürzt waren. Erst am 20. Januar, drei Tage nach dem Unfall, bestätigte die Air Force in einer kurzen öffentlichen Erklärung, an Bord des Bombers hätten sich »Kernwaffen« befunden.

Einige Reporter waren bereits nach Palomares gefahren, um das verbissene offizielle Schweigen zu durchlöchern. Sie sahen in dem erstaunlichen Menschen- und Materialaufgebot der Air Force ein Indiz dafür, daß man hier nicht nur Wrackteile einsammeln und die Toten bergen wollte, sondern eine größere und längere Operation vorhatte.

André del Arno vom Madrider Upi-Büro war der erste Reporter auf dem Schauplatz. Als er eines Nachmittags am Rand eines Feldes stand, rief ihm ein amerikanischer Feldwebel zu: »He, boy, sprechen Sie spanisch?« »Sicher.«

»Also, dann sagen Sie dem Bauern dort drüben, er soll um Gottes willen aus dem Feld herausgehen. Ich kann ihm zum Teufel nichts verständlich machen. Da ist Radioaktivität, und wir müssen die Leute davon fernhalten.«

Die Nachricht verbreitete sich rund um die Welt. Noch verlautete zwar nichts in der zensierten spanischen Presse und im Rundfunk. Doch die osteuropäischen kommunistischen Sender griffen die Meldung auf. Radio España Independiente strahlte aus Prag furchteinflößende Berichte über weitverbreitete »radioactividad« in Südspanien aus.

Bald sprach ganz Palomares fast nur von »radioactividad«. Einige sagten, das sei so etwas wie die Pest. Man könne es nicht sehen oder riechen oder schmecken, aber wer es bekomme, werde daran sterben. Und doch war seit dem Unglück niemand krank geworden. Aber die geheimnisvollen Maschinen der Amerikaner und die Anordnungen, von bestimmten Äckern fernzubleiben, lösten unter den Dorfbewohnern Unbehagen aus.

Den Strahlen-Experten war inzwischen klargeworden, daß sich die Verseuchung zu einem weit größeren Problem auswuchs, als man nach den ersten Messungen angenommen hatte. Jedesmal, wenn man die Null-Linien überprüfte, waren sie gewandert, zuweilen um drei Meter und mehr. Der Wind wehte noch immer und verteilte den Plutoniumstaub auf eine immer größere Fläche.

Um die Wochenmitte wurden einige Dorfbewohner aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen: Auf den Mauern und Dächern waren Spuren von Radioaktivität festgestellt worden. Einige Leute schlichen sich nachts zurück, um ihr Vieh zu füttern. Tagsüber bummelten sie unglücklich durchs Dorf.

Immer mehr Felder wurden für die Bauern gesperrt. Such- und Entseuchungstrupps kappten die dichten Tomatenstauden mit Macheten, Taschenmessern und Sensen. Man holte Feuerwehrwagen, um die Straßen, die Felder und die Haufen niedergemachter Pflanzen zu besprengen und so die weitere Ausbreitung des Staubs zu verhindern.

Die spanische Atomenergiekommission sandte eine eigene Arbeitsgruppe nach Palomares, die im Morgengrauen des 20. Januar mit ihrem motorisierten Strahlenprüflabor in dem Dorf ankam und sogleich mit den Messungen begann. Zunächst fand man nichts. Die Spanier standen vor einem Rätsel.

Dann begaben sie sich ins Camp Wilson, um von den Amerikanern zu erfahren, wo das Problem lag. Der General verwies sie an »Doc« Norcross und Hauptmann Pizzuto, die Experten der Air-Force-Atomsicherheitsbehörde aus Albuquerque.

Oberst Norcross durfte eigentlich nicht offenbaren, daß die Bomben Plutonium enthalten hatten. Doch er fand die Geheimnistuerei den spanischen Kollegen gegenüber absurd, und als sie berichteten, daß ihre Meßgeräte weder Beta- noch Gammastrahlen angezeigt hätten, brummte Norcross aufmunternd: »Stimmt, es gibt keine. Es sind Alphastrahlen vom Plutoniumstaub.«

Die Spanier und die Amerikaner bildeten dann gemeinschaftliche Schürftrupps. Die Zusammenarbeit war angenehm: Die meisten Spanier hatten an amerikanischen Universitäten studiert. Schon nach wenigen Tagen war klar, daß die Strahlungsintensität des Bodens weit unter dem Pegel akuter Gefahr lag, aber auch, daß die Säuberungsarbeit wegen der Größe des betroffenen Gebiets riesig sein würde.

Überdies mußte damit gerechnet werden, daß die Einwohner von Palomares durch tägliches Einatmen winziger Mengen radioaktiven Staubs gefährdet waren. Die einfachste Methode, den Grad der Bedrohung festzustellen, bildeten Strahlungsmessungen an der Körperoberfläche. Das JEN-Team lieh sich deshalb das Dorf-Kino aus und stellte dort seine Geräte auf.

Für die Dorfbewohner war es ein furchterregender Anblick. Dennoch zeigten sie sich gefügig, als man sie zur Untersuchung aufforderte, und stellten sich bereitwillig an, bis sie an der Reihe waren und mit dem Rohr des Strahlungszählers abgetastet wurden. Ein paar Kinder weinten zuerst und fürchteten, die Maschine würde stechen oder schneiden; ältere Leute blickten gebannt auf die Nadel, die nervös über die Skala zitterte.

Bei einigen, besonders bei den Polizisten, die am ersten Tag bei den Bomben Wache gestanden hatten, ergaben sich hohe Meßwerte. Man sagte ihnen, sie sollten sich, ihre Kleidung und die Schuhe waschen, einige wenige wurden sogar angewiesen, ihre Kleidungsstücke zu verbrennen. Andere machten es ihnen nach.

»Wie sollte ich meinen Anzug waschen?« fragte der Bürgermeister. »Er wäre auf jeden Fall ruiniert gewesen. Also habe ich ihn verbrannt.«

Schweine, Esel, Ziegen, Kaninchen wurden abgetastet, und einige mußten gewaschen werden. Als Navarros Frau fünf Tage nach dem Unfall von einem Besuch in Barcelona ins Dorf zurückkehrte, erfuhr sie, ihr Schwein habe »radioactividad«. Es schien undenkbar, daß man etwas so Ungreifbares mit Wasser abwaschen könne. »Ich durfte kein Risiko eingehen«, sagte sie. Das Schwein wurde geschlachtet, das Fleisch untersucht und für sicher befunden. Doch die Frau verbrannte heimlich den ganzen Kadaver.

Genau eine Woche nach dem Unglück traf Dr. Wright Langham vom US-Atomforschungszentrum Los Alamos im Camp Wilson ein. Langham, der schon an der Entwicklung der ersten Atombombe mitgearbeitet hatte, galt als der bedeutendste Plutoniumfachmann der Welt. Er begab sich sogleich zu den beiden Bombenkratern und studierte dann die Ergebnisse der angestellten Messungen.

Bisher hatte es keinen Zwischenfall wie den von Palomares gegeben. Und dennoch kam Langham alles vertraut vor -- nicht nur, weil die Landschaft so sehr an die Wüste von New Mexico erinnerte, sondern weil er die gleiche Situation unheimlich genau schon einmal erlebt hatte.

Der Unfall von Palomares entsprach bis in Einzelheiten einem der vier Tests der Operation »Roller Coaster« (Berg-und-Tal-Bahn). »Palomares«, sagte Langham später, »war der Prototyp des Unfalls, den wir seit über zehn Jahren vorausgesehen, von dem wir aber gehofft hatten, er werde sich nie ereignen. Es war »der klassische Fall.«

Schon in den fünfziger Jahren hatte Langham mit einer Forschergruppe Untersuchungen über die Gefahren eines Kernwaffenunfalls angestellt. 1963 eröffneten dann die Vereinigten Staaten und Großbritannien im US-Staat Nevada gemeinsam die Operation Roller Coaster. Das Ergebnis: Absturz, Brand, Aufprall oder irgendeine andere Beschädigung einer ungeschärften Atombombe führen auch unter den schlimmsten Unfallbedingungen nicht zu einer Kernexplosion.

Außerdem zeigte die Operation Roller Coaster, was mit dem Plutonium geschehen würde, falls bei einem Unfall der konventionelle Sprengsatz einer Bombe explodierte. Es wurden Strahlungsmessungen an Luft- und Erdproben in unterschiedlicher Entfernung von der Aufschlagstelle und zu verschiedenen Zeitpunkten vorgenommen.

Um festzustellen, welche Plutoniummenge im Verhältnis zur Luftverseuchung in die Lungen gelangt, welchen Weg das Plutonium durch den Körper nimmt, welche Schädigungen es hervorruft, wurden 100 Hunde, 100 Esel und 100 Schafe in gemischten Gruppen und an verschiedenen Stellen dem Plutoniumstaub ausgesetzt. Einige Tiere schlachtete man unmittelbar nach der Explosion, um festzustellen, wieviel sie schon von der vorüberziehenden Plutoniumwolke aufgenommen hatten. Andere wurden dann in regelmäßigen Abständen getötet und seziert.

Durch Roller Coaster lernten die Experten, aus Luftproben die in der Lunge eines Lebewesens festgesetzte Plutoniummenge abzuschätzen und die Gefahren für den Menschen zu berechnen. Sie studierten die Ergebnisse der verschiedenen Entseuchungsmethoden: Pflügen, Befeuchten, Abheben der Erdoberschicht.

Und sie erkannten, daß die Gefahr einer Plutoniumverseuchung dann am größten ist, wenn ein Unfall bei Windstille stattfindet: Die Atomwolke hebt und senkt sich wieder und legt sich als ein dichter, heißer Staubschatten auf die Erde.

Palomares hatte Glück gehabt. Die Windgeschwindigkeit in Bodenhöhe betrug 55 Stundenkilometer, und sie reichte aus, die fliegenden Partikel rasch zu zerstreuen und die Plutoniumwolke schnell vom Dorf wegzutragen. Außerdem kam der Wind vom Land und trieb die Wolke aufs Meer hinaus. »Die schlimmste Plutoniumgefahr war vorüber, ehe jemand überhaupt wußte, was sich abgespielt hatte«, sagte Langham später.

Langham bekam Palomares nie richtig zu Gesicht. Fast eine Woche lang arbeitete er vom Morgengrauen bis tief In die Nacht in einem der bewachten Zelte draußen im Camp Wilson. Als die Messungsergebnisse auf Karten übertragen waren, entwickelte er einen Plan für die Entseuchung des betroffenen Gebietes. Die Spanier machten einen Gegenvorschlag, der etwa fünfzigmal soviel Arbeit und Kosten erfordert hätte.

»Denken Sie an die psychologischen Probleme«, argumentierten die JEN-Physiker, »und an die wirtschaftlichen Auswirkungen. Die Touristen werden nicht kommen. Die Grundstückspreise werden ins Bodenlose fallen. Und wie wird es mit dem Tomatenexport im nächsten Jahr stehen? » Das seien keine Fragen der Physik, erwiderte Langham.

General Wilson ließ indessen seine Luftwaffensoldaten einfach mit der Säuberungsaktion beginnen. Die Dächer und Mauern einiger Häuser wurden gewaschen oder sogar neu gestrichen. Eine Farbschicht reichte aus, jede Alphastrahlung abzuschirmen, die nach dem Waschen allenfalls noch vorhanden war. Das Wasser sollte den Staub niederhalten und die weitere Verbreitung radioaktiver Partikeln verhindern.

Die abgeschlagenen Tomatenstöcke und andere vernichtete Pflanzen wurden in einen großen Graben geschafft, angefeuchtet und mit einer Plastikplane bedeckt, bis über ihre endgültige Behandlung entschieden werden konnte.

Spanische und amerikanische Expertentrupps setzten ihre Messungen fort. Erwies sich ein Feld als strahlungsfrei, wurden an seinen Ecken grüne Fahnen aufgestellt; dem Besitzer händigte man eine wortreiche Bescheinigung aus:

Hinsichtlich der Fruchtbarkeit und der Sicherheit des betreffenden, in diesem Dokument genannten Landes bestehen zu diesem Zeitpunkt die gleichen Verhältnisse, wie sie vor dem 11. Januar 1966 gegeben waren, und dieses Land kann seinen Eigentümern zur normalen Benutzung zurückgegeben werden.

Das Zertifikat, in Englisch und Spanisch abgefaßt, war von allen beteiligten Autoritäten unterschrieben und so pompös offiziell, daß jeder, der es erhielt, mindestens ebenso verwirrt wie beruhigt war.

In Madrid verhandelten inzwischen der JEN-Präsident Dr. José Maria Otero Navacues und John Hall, der Verbindungsmann der amerikanischen Atomenergiekommission (AEC), über die weiteren Säuberungsarbeiten. Sie hatten vorher schon oft zusammengearbeitet, Hall kannte Oteros dreizehn Kinder, über die ein spanischer Wissenschaftler gern sagte, sie bildeten »ein schwerer losbares Problem als die Atomenergie«.

Nach· wochenlangen Diskussionen einigte man sich am 14. Februar, fast einen Monat nach dem Unglück, auf einen Kompromiß. Wilson hatte bereits mehr Land gesäubert, als nach dem neu ausgehandelten Plan vorgesehen war. Schließlich wurden 240 Hektar Land abgetragen oder umgepflügt, wobei man die Krume überall dort entfernte, wo die Messungen mehr als vierhundert Mikrogramm Plutonium pro Quadratmeter ergaben.

Die Entseuchungsarbeiten dauerten acht Wochen. Nach der Ansicht eines Air-Force-Offiziers hätte man in den USA drei oder vier Tage dafür gebraucht. Doch die Äcker in Palomares waren winzig, manche nicht größer als ein Haus. Kaktuszäune, Erdaufschüttungen, Bewässerungsgräben und alte Steine bezeichneten die Grenzen. Die Katasterpläne waren ungenau und überholt.

Die Bauern hatten sich nie mit Landvermessungen und Verträgen aufgehalten, sie erkannten ihr Eigentum an den alten Markierungen. Und jetzt begannen die großen Erdbewegungsmaschinen, die einzigen Merkmale zu zerstören, die den Dorfbewohnern die Grenzen ihres Besitzes anzeigten. Lautstarke Proteste zwangen die Air Force, zwischen den kleinen Grenzmarkierungen zu arbeiten oder sie zu umgehen.

An einem der ersten Tage rückte ein Trupp einen Felsbrocken beiseite, der dem Pflug im Weg lag. Der alte Mann, der zusah, wie die Metallzähne tiefer und tiefer in die Erde eindrangen, setzte sich neben den Stein und weinte. Oberst Alton E. White, der »den Trupp kommandierte, fragte ihn, was geschehen sei.

»Das ist mein Markstein«, sagte der Bauer unter Tränen. »Mein Großvater hat ihn hier aufgestellt. Da war mein Land und das Land meines Vaters und das Land meines Großvaters zu Ende. Jetzt wird mein Nachbar sagen, dieses Stück Land gehört ihm. Wie kann ich beweisen, daß es mir gehört?«

»Bud« White, der vor seinem Eintritt in die Air Force Farmer in Texas gewesen war, bückte sich und hob den Stein mit seinen großen, starken Händen auf. Er trug ihn wie ein Baby zu seinem Loch zurück, wo er drei Generationen lang gelegen hatte.

»Es ist nicht das gleiche«, klagte der Bauer. »Er ist bewegt worden. Die Dinge hier sind alle nicht mehr die gleichen.«

Die Air Force hatte drei riesige Baumzerkleinerungsmaschinen aus den Vereinigten Staaten herbeischaffen lassen, um die Pflanzen zu zermahlen, die man von den Feldern geholt hatte. Reife Tomaten und Luzernen verschwanden zusammen mit Kaktus und Salbei in den Maschinen und kamen als zähe Kleie wieder zum Vorschein. Insgesamt wurden 3728 Kippwagenladungen Vegetation zum Flußbett gefahren, wo man einen Graben ausgehoben hatte.

Die spanischen und amerikanischen Experten hatten sich auch Gedanken über die Zukunft der abgetragenen Erde gemacht. Geologen untersuchten die Festigkeit des Grundes und die Möglichkeit von Erdbeben, und die Amerikaner begannen eine Grube auszuheben, in der die verseuchte Erde begraben werden sollte. Doch die JEN erklärte, daß die atomare Begräbnisstätte eingezäunt werden müsse; die Amerikaner hätten Pacht zu zahlen und die Verantwortung zu übernehmen, bis der radioaktive Zerfall völlig unerheblich geworden sei.

Langham rechnete rasch nach. Durch ein solches Begräbnis in Spanien wären die Vereinigten Staaten verpflichtet worden, sich praktisch auf unbegrenzte Zeit um einen Winkel dieses Landes zu kümmern -- und das wagte sich nicht einmal Langhams zukunftsgerichteter Geist vorzustellen. Jemand schlug vor, die Erde statt dessen an einer tiefen Stelle des Mittelmeers zu versenken. Der radioaktive Gehalt sei so gering, daß er keine wahrnehmbare Gefährdung darstelle.

Da meldete sich Otero zu Wort. »Meine amerikanischen Freunde«, sagte er, »ich rate Ihnen, das nicht ohne die Genehmigung Jacques Cousteaus zu tun. Sie halten Cousteau bloß für einen berühmten französischen Tiefseeforscher. Aber er selber hält sich für den König des Mittelmeers.«

Otero berichtete von einer Konferenz europäischer Atomexperten auf Mallorca. Man hatte darüber diskutiert, was mit den wenig verseuchten Abfällen aus der Atomindustrie der einzelnen Länder geschehen solle. Der französische Vertreter schlug vor« den Atommüll weit draußen im Meer abzuladen.

Als Cousteau in Monaco davon erfuhr, organisierte er eine Protestkundgebung aller Bürgermeister der Mittelmeerküstenstädte. De Gaulle rief den französischen Delegierten von der Konferenz zurück, und er erschien auch auf keiner anderen mehr. »Sie können sich vorstellen«, schloß Otero, »womit Sie zu rechnen haben, wenn Sie das Meer ohne Cousteaus Einwilligung benutzen.«

Schließlich entschieden sich die Amerikaner, die gesamte verseuchte Erde nach Amerika einzuschiffen und sie dort zu begraben. Oberst White, der damals die Säuberungsaktion leitete, errechnete, daß er etwa 5500 Fässer brauchte, um die Erde zum Versand unterzubringen. Über das Materialersatzamt in Neapel wurden die Stahlfässer von einer italienischen Firma besorgt. Sie kosteten 27 000 Dollar.

Als sie eintrafen, ließ White drei Fässer testen. Sie wurden gefüllt und von einem Hubschrauber aus fünf Meter Höhe fallen gelassen. Als sich zeigte, daß sie weder brachen noch rissen oder splitterten, begannen die tollen Tage der Fässer. Für die Aktion legte man eine neue Straße an, so daß die vollen Fässer nicht durchs Dorf gefahren werden mußten.

Schließlich waren 4879 dieser blauen Metallbehälter gefüllt, an den Strand gebracht und auf Barkassen verladen, die sie zu dem Marine-Frachtschiff »Boyce« transportierten. Am 8. April traf die »Boyce« in Charleston im US-Staat South Carolina ein.

Den Leuten von Palomares war wenig erklärt worden, und die Informationen sickerten nur langsam durch. Unsicherheit und das Gefühl der Hilflosigkeit wuchsen. Und es fehlte noch eine vierte Bombe. Die nüchtern-stumme Hingabe der Amerikaner an ihre geheimnisvolle Arbeit löste schon in den ersten Tagen nach dem Unfall ein Unbehagen aus, das sich bald zum heimlichen Schrecken auswuchs.

»Die Amerikaner halten noch immer nach etwas Ausschau, wollen aber nicht sagen, wonach«, meinte ein Beamter aus der Nachbarschaft vor ausländischen Journalisten. Es müsse etwas ungeheuer Wichtiges sein, sagten die Dorfbewohner untereinander, als sie sahen, wie sich immer mehr hohe Offiziere, immer mehr Luftwaffensoldaten und Polizisten, immer mehr gigantische Geräte einfanden.

Wer ein Radio besaß, versuchte ausländische Sender einzustellen, um mehr zu erfahren als das, was in den Zeitungen stand. Man hörte kommunistische Sendungen aus Prag, Ost-Berlin oder Algier, wo ein Geheimsender für die Peking-Gruppe der verbotenen Kommunistischen Partei Spaniens arbeitete.

Bald sprachen die ausländischen Sender offen von der Suche nach einer vermißten H-Bombe und über »mögliche tragische Konsequenzen einer atomaren Verseuchung«, über die Gefahr von »Krebs, wie er in Hiroshima als Folge der Bombe auftrat, die von den Amerikanern im Zweiten Weltkrieg abgeworfen wurde«.

Die Pariser Zeitung »Paris-Jour« brachte in jener Zeit eine Karte mit der Überschrift: »Die Bombe in Spanien hätte explodieren können«. Sie zeigte das Gebiet totaler Vernichtung, das der Teilzerstörungen und der radioaktiven Niederschläge. Angeblich bestand für ganz Spanien, einen großen Teil Südfrankreichs und weite Bereiche Afrikas »hohe radioaktive Gefahr«.

Hätte eine Kernwaffen-Explosion stattgefunden, wären durch Hitze, Druckwelle und Radioaktivität wahrscheinlich Tausende getötet worden. Je nach den Windverhältnissen hätten die Menschen in einem weitaus größeren Bereich möglicherweise erhebliche Strahlungsschäden davongetragen. Während die Amerikaner mit ihren Meßgeräten durch die Felder streiften, überließen sich die Einwohner von Palomares einer ungewohnten Trägheit. Sie waren angewiesen worden, die Erntearbeiten nicht fortzusetzen. Durch diese Maßnahme sollte verhindert werden, daß sich der radioaktive Staub weiter ausbreitete, bevor die Strahlungsmessungen abgeschlossen und die Null-Linien endgültig festgelegt waren. Doch niemand machte sich die Mühe, den Bauern diese komplizierten Zusammenhänge zu erklären. Den Offizieren der Air Force fiel auf, daß sie keine alten Leute, keine Frauen herumstehen sahen. Zwar gab es immer eine Menge Dorfbewohner,

Am Strand bei Palomares, vor der Verladung nach Amerika.

die den Amerikanern zuschauten, wie sie über ihren Suchplänen grübelten, oder wie sie 20 Minuten Pause machten, um ihr Konservenmittagessen zu verzehren. Doch diese Spanier schienen aus einem anderen Dorf von ausschließlich jungen Männern und Kindern zu kommen.

Ein Amerikaner machte Emilio Iranzo, einen Mitarbeiter des JEN-Teams, darauf aufmerksam. Der zuckte unglücklich die Schultern: »Es gibt sie schon hier, die alten Leute und die Frauen. Sie sitzen in den Häusern und erwarten den Tod.«

Die Leute aus Palomares hatten sich auf dem Weg zum Markt in Vera gewöhnlich von angehaltenen Wagen mitnehmen lassen. Eines Tages kam die Frau des Bauern Bienvenido Flores Gil zitternd vor Zorn und Furcht nach Hause. »Ich stieg auf den Wagen«, erzählte sie ihrer Familie, »und als ich sagte, ich komme aus Palomares, schrie mich die Frau an und fluchte. Sie sagte: »Steig ab, steig ab. Wir wollen nicht auch angesteckt werden. Alle fürchten sich, uns nahe zu kommen. Und niemand will uns etwas abkaufen.«

Am Strand wurde ein toter Wal angetrieben.« Wenn die verlorene Bombe im Meer liegt«, sagten die Leute, »dann bringt sie nicht nur Fische um. Sie hat einen Wal umgebracht.« Niemand wagte, den Kadaver zu berühren. Er lag tagelang am Strand, bevor er endlich weit ins Meer hinaus gezogen wurde. Doch seine geheimnisvolle Erscheinung vergaß man lange nicht.

Don Enrique, der Pfarrer aus Cuevas, sprach mit dem amerikanischen Diplomaten Joe Smith über die wachsende Furcht. Smith war von Botschafter Duke aus Madrid nach Palomares geschickt worden, um sich über die Lage am Unfallort zu informieren.

»Die Menschen leiden«, sagte der Pfarrer. »Sie leben in Unwissenheit. Sie sind Opfer einer schrecklichen Geheimnistuerei. Ich halte etwas von Aufrichtigkeit und Klarheit. Lassen Sie Ihre Experten mir erklären, worum es sich handelt. Ich bin kein Naturwissenschaftler, aber ich werde mein Bestes tun, um die Sache zu begreifen« und dann will ich sie den Leuten so erklären, daß sie es verstehen.«

Das Angebot wurde an die höheren amerikanischen und spanischen Dienststellen weitergeleitet. Don Enrique erhielt keine Antwort. Die spanische Regierung verweigerte jede Äußerung, und der amerikanische Sprecher hatte Anweisung, auf Fragen zu antworten: »Wir diskutieren die Vorgänge um Atomwaffen nicht.«

Doch allmählich wurde den höchsten Behörden bewußt, daß die Schwierigkeiten größer und verwickelter waren, als sie sich selbst in der ersten schlimmen Woche nach dem Unfall vorgestellt hatten. Zwischen den beiden Regierungen gab es ein fortwährendes Hin und Her, aber keine Übereinstimmung darüber, was der Öffentlichkeit mitgeteilt werden solle. Daher wurde nichts gesagt, das die Gerüchte zerstreut hätte.

Unveröffentlicht blieb auch das Telegramm, das der amerikanische Außenminister Dean Rusk an seinen spanischen Kollegen Fernando Castiella sandte:

Botschafter Duke und ich stehen in engem Kontakt bezüglich des unglücklichen Unfalls zweier US-Flugzeuge in Spanien. Wir möchten Ihnen versichern, daß wir entschlossen sind, alles Notwendige zu tun, um die Auswirkungen des Unfalls so gering wie möglich zu halten. Ich habe Botschafter Duke gebeten, mir täglich über die Angelegenheit zu berichten. Inzwischen möchte ich ihnen zum Ausdruck bringen, wie sehr wir Ihre Mitarbeit schätzen.

Botschafter Duke fuhr nach Palomares, um sich an Ort und Stelle zu informieren. In seinem Bericht an das US-Außenministerium äußerte er sich offen und pessimistisch. Es bestehe kein Anlaß mehr, mit einem raschen Ende der Operation zu rechnen. Die Entseuchung werde eine langwierige Arbeit sein. Die Aussichten, die vermißte H-Bombe bald zu finden, seien sehr gering.

Die spanische Regierung zeigte sich nicht so beunruhigt. »Sie werden sie finden«, sagten spanische Beamte zu ihren amerikanischen Partnern. »Sie unternehmen so viel, Sie haben eine so reichhaltige Ausrüstung. Je weniger man sagt, um die Leute zu beunruhigen, desto besser.«

Doch Madrid schickte Brigadegeneral Arturo Montel als Bevollmächtigten der spanischen Regierung an den Unfallort. Montel und General Wilson verstanden sich sofort; und das war gut, denn sie sollten noch ermüdende Monate Seite an Seite zu arbeiten haben.

Dann stattete Montel den spanischen Behörden in der Umgebung Besuche ab. Er fand die Leute »restlos durcheinander. Sogar die Bürgermeister waren völlig kopflos«.

Die Anordnung, bestimmte Felder nicht zu betreten, hatte den Verdacht erweckt, alle frischen Lebensmittel seien gefährlich. Die Menschen weigerten sich nicht nur, die vor dem Unglück geernteten Bohnen und Tomaten zu essen, sie warfen auch Eier und Milch fort. Der Kaufmann Antonio Martinez Saez meldete einen Ansturm auf Konserven, wie er ihn noch nie erlebt hatte.

Der Lehrer von Palomares, Pedro Sánchez Gea, berichtete, über die Hälfte der Kinder würden von der Schule ferngehalten. Die zum Unterricht kamen, schwatzten in den Pausen von nichts anderem als von der Gefahr und der vermißten Bombe.

Die Angst hatte sich weiter ausgebreitet als die radioaktive Verseuchung. Die Bauern aus Palomares, die ihre Produkte auf dem Markt in den Städten zu verkaufen suchten, wurden gemieden. Ebensowenig wollten die Leute essen, was frisch aus dem Meer kam. Die Garnelenpreise sanken auf weniger als ein Drittel.

Nicht nur in den Nachbarorten, sogar in Almeria und in Madrid fand sich kein Absatzmarkt. Die Fischer verbrachten ihre Tage damit, in den Hafenkneipen Bier oder Branntwein zu schlürfen. Welchen Zweck hatte es auszulaufen, wenn doch niemand den Fang kaufen wollte?

Um die Bevölkerung zu beruhigen, ließ General Montel alle Familienoberhäupter aus Palomares und dem Fischerdorf Villaricos zu einer Versammlung einladen, auf der die Lage erklärt werden sollte. Fünf Männer -- jeder von ihnen bedeutender und einflußreicher als alles, was Palomares vor dem Unfall je zu Gesicht bekommen hatte -- sprachen auf der feierlichen Veranstaltung im Kino.

General Montel rühmte die Verdienste der Amerikaner für die Verteidigung der freien Welt gegen die Kommunisten: eine Aufgabe, die Amerikaner zwinge, Tag und Nacht zu fliegen und sogar den Verlust von Menschen und Flugzeugen bei Unfällen zu riskieren.

General Wilson berichtete über sein Kommando in Torrejón und über die Arbeit, die seine Leute in Palomares taten, »um die bei einem solchen Flugzeugunfall notwendigen Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen«. Er dankte den Leuten für ihre Hilfe.

»Es ist in der Tat ein Wunder«, sagte Wilson, »daß niemand verletzt wurde. Ich weiß, daß die Hand Gottes diese Gemeinde beschützt hat.«

Die Amerikaner stillten das Bedürfnis nach Vertrauen aber auch auf handgreiflichere Weise. Sobald die systematische Suchaktion begonnen hatte, widmete sich Hauptmann Joe Ramirez der Aufnahme und Überprüfung von Ersatzansprüchen. Ramirez, der dem Unfallkommando Wilsons als Rechtsvertreter zugeteilt war, bemerkte rasch, daß er nicht durch die Felder streifen mußte, um den Besitzer einer zur Vernichtung bestimmten Ernte zu finden.

Die Leute in der Kneipe wußten stets Bescheid, und in einer Minute war der betreffende Bauer zur Stelle. Die Amerikaner traktierten ihn mit Kaffee und Schnaps und ließen ihn nie zahlen. Dann sprachen sie übers Geschäftliche. Ein paar Tage lang amtierten die Juristen in dem kleinen Zimmer über der Kneipe. Später bezogen sie ein Zelt im Camp Wilson, und dort stand stets eine lange Besucherschlange.

Die Leute brachten Fische, die sie nicht verkaufen konnten, und die Amerikaner kauften sie. Die ausführlichen Vorschriften der Air Force für die Bearbeitung von Ersatzansprüchen mit ihren Formularen, Fragebogen und Ausführungsbestimmungen funktionierten beim Ankauf geernteter Früchte zum Tagespreis. Schwieriger war es, den Wert noch nicht erntereifer Tomaten festzulegen.

Unter Mitwirkung des Bürgermeisters wurde ein »Nachbarschaftsaussschuß« gegründet, der von Feld zu Feld zog und Schätzungen anstellte.

Der Leiter der Rechtsabteilung des US-Stützpunktes in Torrejón, Oberstleutnant Joseph G. Stulb Jr., erschien in Palomares. Er hatte 10 000 Dollar in Pesetenscheinen mitgebracht, ein dickes Bündel, aus dem er einem Antragsteller nach dem anderen als Not- und Abschlagzahlung auf eine künftige Rechnung ein paar Noten hinblätterte.

General Montel machte die spanische Regierung ruhig, aber nachdrücklich darauf aufmerksam, daß unmittelbare Maßnahmen zur Belebung des Markts im ganzen Bezirk nötig seien. Die Einkäufer lehnten die Erntegüter ab; teils wollten sie die Provinz Almeria und das benachbarte Murcia nicht aufsuchen, teils fürchteten sie, die Lebensmittel nicht exportieren zu können.

Sogar in Madrid fragten die Hausfrauen auf dem Markt vorsorglich, ob die Tomaten etwa aus Palomares stammten. Viele waren entschlossen, eine Zeitlang ohne frisches Gemüse auszukommen.

Auf Monteis Vorschlag griff die Regierung ein und kaufte etwa zehn Tage lang große Mengen landwirtschaftliche Produkte aus dem Unfallgebiet auf. Sie wurden vermutlich zum Teil auf dem normalen Markt abgesetzt oder an das Militär und an Krankenhäuser weitergegeben. Binnen zwei Wochen war die akute Gefahr einer wirtschaftlichen Katastrophe von der ganzen Gegend abgewendet.

Als Hauptmann Ramirez einmal mit dem Bürgermeister im Jeep durch die Felder fuhr, hielt eine zerlumpte Frau sie mit einer Flut lautstarker Verwünschungen auf. Ramirez stieg aus, um sie anzuhören. Sie sprach so aufgeregt, daß er kaum etwas verstand. Der Bürgermeister sagte, sie komme aus Villaricos.

Ramirez hörte zum erstenmal etwas von diesem Fischerdorf und begriff allmählich, daß die Menschen dort vom Hunger bedroht waren, weil sie in ihrem Fanggebiet nicht fischen durften. Er besuchte den kleinen Hafen, und man vereinbarte, den untätigen Fischern Gelegenheitsarbeiten im Camp Wilson und andere Gelegenheitsaufträge anzubieten.

Anfang Februar gingen in der Universität und in den Arbeitervierteln von Madrid Flugblätter von Hand zu Hand. Es wurde aufgerufen zu einer Massendemonstration vor der US-Botschaft am 4. Februar, abends um halb acht Uhr.

»Yankees, haut mit euren Bomben aus Spanien ab.« »Spanien ja. Yankees nein.« So lauteten die Schlagzeilen. Der Text besagte, daß »riesige Gebiete der Provinz Almeria verseucht und einige hundert Menschen von Radioaktivität befallen sind ... Solange es in Spanien amerikanische Stützpunkte gibt, kann jeden Tag ein Unglück wie das in Almeria geschehen«.

Die Polizei verständigte die amerikanische Botschaft und richtete an jenem Abend eine diskrete Überwachung ein. Die Schätzungen über die Zahl der Demonstranten schwankten zwischen 500 und 2000, je nachdem, ob man auch die Spaziergänger in den Nebenstraßen mitrechnete.

Nach ungefähr zwanzig Minuten erschien die Polizei und löste die Demonstration auf. Es gab einige Balgereien. Von Verletzten hörte man nichts. Botschafter Duke und seine Mitarbeiter hatten sich Sorge gemacht, aber schließlich ging alles ganz harmlos vorüber.

In Mexico City verurteilte eine Versammlung von 400 Franco-feindlichen Exilspaniern die Existenz ausländischer Stützpunkte in Spanien und verlangte in einer Protestnote das Eingreifen der Vereinten Nationen. Vor dem amerikanischen Konsulat in Frankfurt kam es zu einer Demonstration spanischer Gastarbeiter.

Als sich die erste Welle des Schreckens in Palomares gelegt hatte, setzte den Amerikanern eine andere Furcht immer nachhaltiger zu, die Furcht vor dem Verlust einer Bombe -- vor dem Verlust selber wie vor der Notwendigkeit, ihn vor aller Welt eingestehen zu müssen.

IM NÄCHSTEN HEFT

Die Spur der vierten H-Bombe wird im Meeresschlamm entdeckt -- Washington dirigiert eine Suchflotte an die Unfallstelle -- Ein sowjetisches Abhörschiff taucht vor Palomares auf

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