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H-BOMBE VERMISST ...

3. Fortsetzung und Schluß Fahndung unter Wasser
aus DER SPIEGEL 49/1967

Hauptmann Joe Ramirez war am Tag nach dem Unfall nach Aguilas gefahren, um mit den Fischern zu sprechen, die drei Überlebende des abgestürzten H-Bombers aus dem Meer geborgen hatten. Im Büro des Hafenkapitäns übergab man ihm einen Stapel Fundstücke: Rettungskisten, Rettungsringe und eine Reihe kleinerer Gegenstände. Alle Spanier sprachen in aufrichtiger Anteilnahme von den Toten und freuten sich, daß sie drei Menschen hatten retten können.

»Es war eine Sache der Menschlichkeit«, erklärte Simó, der Kapitän der »Manuela«, und die anderen nickten zustimmend. Roldán, der mit seiner »Dorita« die Piloten Wendorf und Rooney gerettet hatte, bedauerte, daß ein Flieger an seinem Fallschirm ertrunken sei. Ramirez sagte nichts, obwohl er wußte, daß kein Besatzungsangehöriger vermißt wurde.

Statt dessen erkundigte er sich nach allen Einzelheiten des Unfalls. Simó berichtete von zwei Fallschirmen: einem kleineren bräunlichen und einem größeren grauen, der das Boot überquert habe und 100 Meter weiter aufgeschlagen sei. Der erste habe einen »halben Menschen mit herabhängenden Eingeweiden« getragen. Am anderen habe »ein Toter« gehangen.

© 1967 Flora Lewis. Das von Dr. Wilhelm Höck übersetzte Buch erscheint Anfang Dezember unter dem Titel »H-Bombe vermißt« im C. Bertelsmann Verlag.

Simó entschuldigte sich abermals, daß er den Leichnam nicht geborgen habe. Aber er sei sicher, daß der Mann tot war, weil er in der Luft so starr gewesen und samt seinem Fallschirm so schnell untergegangen sei.

Am nächsten Morgen lieferte Ramirez die Fundstücke im Lager des US-Suchkommandos ab und erstattete General Wilson Bericht. Wilson befahl ihm, zusammen mit einem Waffenexperten nochmals nach Aguilas zu fahren und mit den Fischern zu sprechen. Am Abend fand eine weitere lange Sitzung im Hafen statt.

Die Befragung war sehr präzis, und die Fischer beantworteten alles. Sie gaben die Tiefe des Wassers an der Stelle an, wo sie sich zur Unfallzeit befunden hatten, sie berichteten über Sonnenstand und Windverhältnisse; jede Angabe wurde genau protokolliert.

Als die erste Woche der Suchaktion verging, ohne daß die vierte H-Bombe gefunden war, nahmen sich die Amerikaner die Akten mit sämtlichen Zeugenaussagen nochmals vor. General Wilson hatte inzwischen veranlaßt, daß die US-Marine und die Sandia Corporation in Albuquerque sich verstärkt an der Aktion beteiligten.

Alle erreichbaren Informationen über Flugzeug- und Windgeschwindigkeiten, Höhe, geographische Lage, Trümmerverteilung, ballistische Eigenschaften der Bomben ohne Fallschirme und mit Fallschirmen in verschiedenen Stadien der Entfaltung wurden dem großen Sandia-Computer eingefüttert.

Ein Sandia-Team ermittelte erste Schätzungen über den Aufenthalt der Bombe. Als sich herausstellte, daß die Daten, mit denen der Computer arbeitete, zu einem großen Teil falsch waren, sandte man zwei Ballistik-Experten nach Palomares. Sie überprüften an Ort und Stelle nochmals alle Informationen und Augenzeugenberichte und kabelten die Ergebnisse für eine neue Computerrechnung nach Albuquerque.

Aus Gesprächen mit den Überlebenden ergab sich, daß der Kopilot Messinger seinen Fallschirm in 8400 Meter Höhe selbst geöffnet hatte. Wendorf und Rooney, deren Schirme durch den automatischen Mechanismus in 4200 Meter Höhe entfaltet wurden, waren dicht beieinander fünf Kilometer von der Küste entfernt gelandet.

Man berechnete die Flugbahnen der Männer und präzisierte so die Angaben über Luftwiderstand und Windgeschwindigkeit in verschiedenen Höhen. Rooneys Aussagen darüber, wie er aus dem torkelnden Flugzeug herausgeschleudert worden war, halfen mit, die Einflüsse der Schwerkraft beim Auseinanderbrechen der B-52 zu ermitteln. Dadurch wiederum ließ sich der genaue Zeitpunkt errechnen, zu dem der Bombenschacht geborsten sein mußte.

Die Bomben konnten im Fallen mit Wrackteilen zusammengeraten sein, und bei einem solchen Zusammenstoß waren möglicherweise die Bomben-Fallschirme ausgelöst worden. Im hinteren Teil des Bombenzylinders befinden sich drei von einer Verschlußplatte festgehaltene Schirme. Bei einer geschärften Bombe wird die Verschlußplatte nach dem Abwurf in einem vorher bestimmten Augenblick durch einen Sprengsatz gelöst, so daß sich die Schirme entfalten können.

Bei einem Zusammenprall konnten nun diese Verschlußplatten losgesprengt worden sein. Sorgsame Analysen zeigten, daß die Fallschirme der beiden beschädigten Bomben sich nicht entfaltet hatten. Sie waren erst nach dem Aufschlag der Bomben aus der Umhüllung herausgepreßt worden.

Ein glücklicher Fund brachte den ersten triftigen Hinweis auf die verlorene Bombe. Nahe der Küste fand man einen Teil einer Verschlußplatte mit dazugehörigem Ring. Drei Verschlußplattenringe waren bereits geborgen. Vier Ringe aber waren zuviel für drei Bomben. Die Serien-Nummer auf der Verschlußplatte ließ sich noch erkennen. Ein Telegramm aus Albuquerque brachte die Bestätigung: Es handelte sich eindeutig um einen Bestandteil der vermißten Waffe.

Durch die Entdeckung der Verschlußplatte war erwiesen, daß die vierte Bombe sich anders als die übrigen verhalten hatte. Der Unterschied konnte darin bestehen, daß einer oder mehrere ihrer Fallschirme beim Absturz aufgegangen waren. Die Aussagen der Fischer von Aguilas bekamen damit neue Bedeutung.

Randall C. Maydew, der leitende Ballistik-Experte, den die Sandia Corporation nach Palomares geschickt hatte, fuhr am 3. Februar zusammen mit Hauptmann Ramirez nach Aguilas, um Simó und Roldán selbst zu befragen. Die Berichte der Fischer waren ihm inzwischen vertraut, doch er wollte detaillierte Bestätigungen haben. Er bat Simó, eine Zeichnung der Vorgänge anzufertigen, die er gesehen hatte.

Dann skizzierte Maydew einen Fallschirm und fragte: »Sah er so aus?« Simó schüttelte den Kopf. Er korrigierte Maydews Skizze. Der Baldachin war höher und hatte auch eine andere Form. Es war der »Schirm des Toten«, sagte Simó.

Dann zeichnete Simó den anderen, den »Schirm des halben Menschen«. Seine Krone war langgestreckt und bestand aus Bändern, nicht aus einem ganzen Stoffstück. Der erste Fallschirm habe sieben bis acht Minuten in der Luft geschwebt. Er sei viel größer gewesen als die weiß-orangenfarbigen Schirme weiter draußen und langsamer niedergegangen als der Bänderschirm.

Um Simós Beobachtungsgabe und die Zuverlässigkeit seines Gedächtnisses zu prüfen, hatte Maydew den großen Fallschirm der Bombe absichtlich falsch gezeichnet und den kleinen Bänderschirm überhaupt nicht erwähnt.

Die Korrekturen des Fischers waren zutreffend, und der »Schirm des hal-

* Mit einer Skizze der von Simó beobachteten Bomben-Fallschirme.

ben Menschen«, den Simó skizziert hatte, war offensichtlich der zweite von den insgesamt drei Schirmen der Bombe. Der erste Schirm ist ein Windfänger, der den Bänderschirm aus dem Bombengehäuse zu ziehen hat. Dieser Bänderschirm bremst den Fall der Waffe bis zu einer bestimmten Höhe, in der sich der große Hauptschirm voll entfaltet.

Der »halbe Mensch«, den der Fischer gesehen hatte, war zweifellos die Verpackung des großen Fallschirms mit herunterhängenden Riemen. Der »Tote«, davon war Maydew jetzt völlig überzeugt, mußte die vermißte Bombe gewesen sein.

Simó erklärte sich einverstanden, den Amerikanern die Stelle zu zeigen, an der er die Schirme hatte landen sehen. Man bestellte einen Hubschrauber, der ihn und Roldán am nächsten Morgen zum Hafen von Garrucha brachte. An Bord eines amerikanischen Minenräumers fuhren sie aufs Meer hinaus. Als sie sich auf See befanden, musterte Simó die Berge, die den Horizont gliederten, und gab seine Position an. Der Kapitän des Minenräumers ermittelte sie durch Funkpeilung und trug sie in seine Seekarte ein.

Nach einigen Tagen brachte man die Fischer bei anderem Wetter wieder zu einem der Minenräumer. Simó dirigierte das Boot abermals über die leere See und ließ es nur ein paar hundert Meter von der Stelle entfernt stoppen, die er beim erstenmal angegeben hatte.

Maydews Gruppe fertigte drei »Drehbücher« über den Absturz der Bombe an: eines für den Fall, daß sie intakt geblieben war; eines für den Fall, daß sie in der Luft geborsten und teils aufs Land, teils ins Meer gestürzt war; und eines für den Fall, daß der konventionelle Sprengsatz in der Luft explodierte. Das Gewicht der Bombe oder ihrer Teile war jedesmal verschieden, und deshalb mußte für jeden Fall eine andere Flugbahn ermittelt werden.

Abermals wurden alle Augenzeugenberichte, Zeichnungen und Testergebnisse nach Albuquerque übermittelt und dem Computer eingegeben: Er mußte den fehlenden letzten Akt für jedes Drehbuch verfassen. Als die Ergebnisse ins Camp Wilson zurückgekabelt waren, zeichnete man eine große Karte des Suchgebiets.

Ein Kreis von dreieinhalb Kilometer Durchmesser um die von Simó angegebene Stelle begrenzte die Zone Alpha I (höchste Wahrscheinlichkeit). Die Zone Alpha II (hohe Wahrscheinlichkeit) reichte bis an die Küste heran. Außerdem gab es noch die Zone Bravo, um die man sich später kümmern wollte, und -- auf dem Land -- die Zone Charlie, ein Gebiet, das inzwischen schon ein dutzendmal durchgekämmt worden war.

Diese Karte verringerte die zu durchforschende Meeresfläche von 320 auf 70 Quadratkilometer. »Es war, als wollte man einen Beutel Würmer in einem Korb Schlangen in einem Faß Aale zu fassen bekommen«, meinte Maydew später.

Die Navy traf im Lauf der zweiten Woche in zunehmender Stärke ein. Konteradmiral William 5. Guest, Befehlshaber der US-Seestreitkräfte in Europa, hatte am 23. Januar in seinem Haus bei Neapel einen Anruf aus Washington bekommen. Er wurde angewiesen, sofort zum Air-Force-Stützpunkt Torrejón zu fliegen.

Am Flugplatz übergab ihm sein Adjutant ein Aktenstück. Es enthielt Meldungen über den Zusammenstoß bei Palomares und einige skizzenhafte Berichte über die bisherige Suchaktion. Und dazu den Befehl, eine Einsatzgruppe der 6. Flotte habe die verlorene Bombe aus dem Meer zu fischen, falls sie sich dort befinde. Die Einsatzgruppe erhielt die Bezeichnung 65; Guest war zum Kommandanten ernannt.

Als Guest im Camp Wilson bei Palomares eintraf, waren erst zwei Minenräumer mit ihrer Taucherbesatzung angekommen, um die Suche im Meer aufzunehmen. An diesem Tag hatten Taucher zwei Martin-Baker-Schleudersitze der B-52 aus dem Wasser geholt. Guest sprach mit General Wilson und ließ sich dann zu dem Minenräumer »Skill« bringen.

In den Vereinigten Staaten waren inzwischen alle Institutionen und Firmen alarmiert worden, die Erfahrungen mit Unterwasser-Operationen hatten. Bald wurden auch unaufgefordert alle möglichen Vorschläge gemacht. Jemand meinte, man solle einen riesigen Magneten durch den Ozean ziehen. Doch der Bombenmantel bestand aus Aluminium. Ein anderer schlug vor, man solle es mit einem Schleppnetz versuchen. Doch das Terrain war unbekannt, die Bombe konnte beschädigt werden.

Admiral Guest erinnerte sich später: »Von vielen Dingen, die man uns anbot, hatte ich noch nie etwas gehört. Ich mußte erst fragen, worum es sich handelte, ehe ich mir eine Vorstellung darüber machen konnte, ob sie uns etwas nutzten.«

Als erste Stücke einer langen Reihe von seltsamen Geräten trafen zwei Tauchboote, sogenannte Deep Jeeps, von der Marineforschungsstation in Pasadena (Kalifornien) an der Unfallstelle ein. Die Firma Westinghouse sandte fünf »akustische Fische«, offiziell Meeresgrundschallsonden genannt: elektronische Ohren, die man über den Meeresgrund schleppen kann. Aber sie waren nicht imstande, ein zerklüftetes Gelände abzutasten. Drei von ihnen stießen gegen Felsspitzen und Steinbrocken, und zwei gingen für immer verloren.

Zu Beginn der zweiten Woche nach dem Unfall erschien das Hydrographenschiff »Dutton« und begann den Meeresgrund zu vermessen. Unterwasser-Experten, die sich im April 1963 an der Suche nach dem im Atlantik versunkenen Atom-Unterseeboot »Tresher« beteiligt hatten, trafen mit ihrer Ausrüstung ein. An der Küste richtete man eine Navigationsanlage ein, die für den Fortgang der Aktion brauchbare und genaue Karteneintragungen möglich machen sollte.

Bis in eine Tiefe von vierzig Metern suchten die Froschmänner, Schulter an Schulter schwimmend. Echogeräte, Unterwasser-Horchapparate und Fernsehkameras bearbeiteten tiefere Abschnitte. Nach einer Woche hatte man 66 Objekte ermittelt. Sie mußten identifiziert oder sogar geborgen werden.

Für die Suche in Wassertiefen, die den Leuten der Navy mit ihren Ausrüstungen nicht zugänglich waren, wurden aus den USA drei kleine Unterseeboote an die Unfallstelle geschickt: die »Cubmarine«, ein Tauchgerät für zwei Personen (Tauchtiefe 60 bis 120 Meter), die »Aluminaut«, ein Sechs-Mann-Boot mit 81 Tonnen Wasserverdrängung und 2,5 Knoten Geschwindigkeit (Tauchtiefe 4500 Meter, Tauchzeit 32 Stunden), und die 6,70 Meter lange »Alvin«, die für drei Besatzungsmitglieder eingerichtet war, mit zwei Knoten Geschwindigkeit manövrieren und acht Stunden lang tauchen konnte.

Aus Gründen der Geheimhaltung und der Sicherheit wurde die Zone, in der die US-Marine operierte, von der spanischen Regierung für alle Fahrzeuge gesperrt. Zwar lag ein beträchtlicher Teil des Suchgebiets in internationalen Gewässern, doch niemand machte davon viel Aufhebens.

Als im Februar ein sowjetischer Fischdampfer am Horizont auftauchte, schickte Admiral Guest zwei Zerstörer aus, um ihn fernzuhalten. Vermutlich beobachteten die Russen die amerikanische Suchaktion. Die Russen taten so, als merkten sie nichts; tagsüber näherten sie sich bis auf zwei Meilen der Suchzone, und nachts zogen sie sich fast dreißig Meilen aufs offene Meer zurück. Guest traf seine Vorkehrungen; ein Schlepper seiner Flotte stand in Bereitschaft.

»Hätten die Russen einen Störversuch unternommen«, erklärte der Admiral später, »hätte ich den Schlepper zwischen das sowjetische Fahrzeug und uns postiert. Wäre es noch näher gekommen, hätte ich es einfach beiseite geschoben.« Doch der Russe dampfte nach zehn ungemütlichen Tagen ab. Aufklärungsflugzeuge folgten ihm nach Süden, bis er sich aus der Gegend entfernt hatte.

Am 16. Februar bestellte der sowjetische Außenminister den Moskauer US-Botschafter Foy Kohler zu sich, um ihm eine Note zu überreichen. Die Russen erklärten, die Vereinigten Staaten hätten ihre Verpflichtungen aus dem Kernwaffen-Teststoppvertrag von 1963 gebrochen. Es sei »allgemein bekannt, daß der wichtigste Zweck dieses Vertrages darin besteht, eine radioaktive Verseuchung der Atmosphäre, des Weltraums und der Gewässer unseres Planeten zu verhindern. Die Südküste Spaniens ist jetzt jedoch der radioaktiven Verseuchung durch US-Kernwaffen ausgeliefert«.

Die Note forderte die augenblickliche Einstellung aller H-Bomber-Flüge »über die nationalen Grenzen hinaus«. Am folgenden Tag erhob sich auf der Genfer Abrüstungskonferenz Sowjetbotschafter Semjon Zarapkin und verlas die Hauptpunkte der russischen Note. Er setzte feierlich hinzu: »Ein dichtbevölkertes Mittelmeergebiet befindet sich jetzt in ernster Gefahr.«

Der polnische Delegierte unterstützte die sowjetische Forderung, die Konferenz solle einen »dringenden Appell« zur Beendigung derartiger Flüge erlassen. Der amerikanische Vertreter, William C. Forster, erklärte die Anschuldigungen für falsch und warf den Russen vor, sie trieben ein bloßes Propagandaspiel.

Am 25. Februar überreichte Botschafter Kohler in Moskau die Antwort der Vereinigten Staaten auf die sowjetische Note: Bei dem Unfall über der spanischen Küste habe »keine Kernexplosion irgendwelcher Art und keine radioaktive Verunreinigung des Meeres stattgefunden«. Es sei »tief bedauerlich, daß die Sowjet-Union gewillt ist, die Bedeutung internationaler Verträge zu verdrehen, um sie den Zwecken eines Propagandafeldzuges anzupassen

Das Pentagon und die amerikanische Atomenergiekommission (AEC) wurden durch diesen diplomatischen Wortwechsel weniger beunruhigt als durch die Vorstellung, ein anderer Staat könnte die Bombe finden. Die bei Palomares vermißte H-Bombe war von neuester Bauart. »Ich sage Ihnen, ich bekäme nur zu gern eine russische Waffe in die Hände«, sagte einer der Experten, um auszudrücken, welchen Wert die US-Bombe darstellte.

Aber auch die Spanier mußten einsehen, daß ein Mißerfolg der amerikanischen Suchaktion verheerende Konsequenzen haben konnte. In Paris kursierte ein Flugblatt mit dem Text »Paßt auf! Die Erde Spaniens ist radioaktiv! Kein spanisches Obst oder Gemüse auf euren Tisch! Keine Ferien in Spanien«. Und das spanische Fremdenverkehrsministerium erhielt von den Reiseagenturen immer mehr Berichte, daß Buchungen für den Sommer rückgängig gemacht wurden.

Knapp die Hälfte der 14 Millionen Touristen, die im Jahr zuvor Spanien besucht hatten, kam aus Frankreich. Aus Westdeutschland, Großbritannien und Portugal, wo sich nun der Alarm gleichfalls verbreitete, war je eine Million gekommen. Spanien hatte 1965 mit dem Fremdenverkehr vier Milliarden Mark verdient; Tourismus und der Export von Obst und Gemüse nach dem nördlichen Europa bildeten fast die einzige Devisenquelle des Landes.

Ein kleiner Vorfall signalisierte dem US-Botschafter Duke in Madrid die drohende Gefahr. In einem Geheimtelegramm berichtete Botschafter George McGhee aus Bonn, daß deutsche Zollbeamte Gemüsetransporte aus Spanien auf Radioaktivität hin untersucht hätten. Duke deutete die Nachricht über diese ungewöhnlichen Überprüfungen als Anzeichen dafür, daß die Ausbreitung der Furcht noch immer anhielt.

Manuel Fraga Iribarne, der spanische Fremdenverkehrsminister« berichtete dem Botschafter, er habe seinen ersten Assistenten nach Paris entsandt, um festzustellen, was man zur Beruhigung der Touristen unternehmen könne. Juan de Arespacochaga y Felipe, ein liebenswürdiger Baske, traf sich mit einigen französischen Journalisten und mit den Geschäftsführern der wichtigsten Pariser Reisebüros. Aber seine Mission war ein Fehlschlag. Die Zahl der Abbestellungen stieg weiter.

Man mußte etwas Dramatisches und Auffälliges unternehmen, um zu beweisen, daß wirklich keine Gefahr bestand.

Am Strand von Mojácar -- nur wenige Kilometer von Palomares entfernt -- war gerade ein neues regierungseigenes Hotel, das »Parador de los Reyes Católicos«, fertiggestellt worden. Der Neubau gehörte zu einem Entwicklungsprogramm, mit dem die Regierung private Unternehmer zu Investitionen in unerschlossenen Gebieten anreizen wollte. Minister Fraga hatte die Absicht, das Parador in Mojácar mit zeremoniellem Pomp zu eröffnen, um so dem Programm einen publizistisch guten Start zu sichern.

Die Fremdenverkehrssaison begann im April, und bis dahin sollte das Hotel in Betrieb genommen sein; doch die Eröffnung wurde wiederholt verschoben, weil die amerikanische Suchflotte und die Zeltstadt der Air Force amen Hintergrund bildeten, der das erwartete Geschäft zunichte machen mußte. Fraga schlug vor, die Feier dennoch zu veranstalten und darauf zu hoffen, niemand werde bemerken, was sich nebenan abspielte. Duke zeigte sich skeptisch.

Doch Fraga bestand darauf, daß man jetzt endlich etwas unternehmen müsse, um der Welt zu zeigen, daß Palomares, die Provinz Almeria und Spanien ohne Gefahr besucht werden könnten. Der Botschafter war noch immer überzeugt, daß Reportagen über die Szenerie von Palomares kaum von Nutzen seien. Man brauchte einen dramatischen Auftritt. Als ihm die Idee dazu kam, besprach er sich erneut mit den Atomenergie-Fachleuten. Dann unterbreitete er Fraga seinen Vorschlag.

Sie einigten sich auf den 7. März. Presse und Fernsehen wurden so rechtzeitig verständigt, daß sie mit ihrer Ausrüstung an Ort und Stelle sein konnten. Duke flog am Vorabend zusammen mit Frau und Kindern an die Küste. Fraga richtete sich darauf ein, am nächsten Morgen mit seiner Familie nachzukommen. Er wollte im Parador eine Ansprache halten und auf einer Rundfahrt durch die Umgebung dem Dorf Palomares einen Sonderbesuch abstatten.

Um halb zehn an jenem Morgen erschien Duke mit seinen Kindern auf dem Strand vor dem Parador in Badekleidung. Auch Generalmajor Donovan, der Befehlshaber der amerikanischen Streitkräfte in Spanien, trug Shorts, ebenso Bill Walker, Rechtsreferent der US-Botschaft, der an einer schlimmen Erkältung litt. Mehrere Reporter hatten sich gleichfalls zum großen Schauschwimmen gerüstet.

Ein Kellner des Parador folgte den hohen Gästen bis an den Rand des Wassers. Er trug ein Tablett mit Gläsern und einer stattlichen Cognacflasche. Selbst in Südspanien sind die Märzvormittage kühl, und das Meer ist noch ausgesprochen kalt.

Dann stürzten sich alle ins Wasser. Tim Towell, Dukes Assistent, schmerzte es, als er den Botschafter ins Meer hinauskraulen sah. Er war zwar auf ein ausführliches Bad nicht versessen, aber pflichtbewußt eilte er hinterher. Niemand bekam einen Krampf oder eine plötzliche Lähmung.

Duke sprang aus dem Wasser und verkündete vor dem Fernsehen, er habe auf Long Island schon manchmal im Juli ein kälteres Bad genommen. Es war pure Diplomatie. Alle anderen froren, stellten sich aber sämtlich den Photographen, ehe sie sich in Badetücher wickelten und ins Parador zurückrannten, um ein heißes Bad zu nehmen.

Als nächstes standen Fragas Ansprache und die Blitztour durch die Dörfer auf dem Programm. Der Empfang war hektisch. Dorfbewohner aus Palomares trugen Schilder mit den Aufschriften: »Wir brauchen Fremdenverkehr« und »Willkommen, Minister Fraga und Mr. Botschafter«. In der Aufregung darüber, daß man sie endlich in Madrid wahrgenommen hatte, und in der Erwartung kommender Entwicklungsgelder war ihnen die Bombe offenbar völlig aus dem Sinn gekommen.

Die Aktion erfüllte ihren Zweck. »Sie lockerte die Spannung und dämpfte die Furcht«, sagte Duke später. Von nun an klangen die öffentlichen Kommentare über die verlorene Bombe viel, weniger katastrophal. Das offizielle Washington, das Tag um Tag die geheimen Suchberichte verfolgte, sah allerdings keinen Anlaß zum Jubeln. Die Kosten der Operation stiegen ins Unermeßliche. Es hieß, wenn man alles zusammenrechne, käme man auf siebzig Millionen Dollar, also rund eine Million pro Tag.

Die Air Force flog zur Unterstützung der Operation bei Palomares 900 Einsätze, sie verlor dabei eine C-12-Transportmaschine mit der gesamten Besatzung. Die Navy hatte rund 3000 Mann und zahlreiche Schiffe an die Unfallstelle entsandt, und die Vertragsfirmen, die mit Technikern und Instrumenten aushalfen, stellten hohe Rechnungen.

Die US-Regierung setzte eine Kommission aus Vertretern aller beteiligten Ministerien ein. Experten der Navy, der Air Force, der Atomenergiekommission und des Außenministeriums sollten erwägen, ob eine zeitlich uneingeschränkte Suche überhaupt sinnvoll sei oder ob die Vereinigten Staaten es sich erlauben könnten, die Aktion abzubrechen und ihren Mißerfolg einzugestehen.

Mittlerweile wurde die Operation an der Küste vor Palomares fortgesetzt. Es dauerte einen Monat, ehe die Ausrüstung, das Personal und die Karten für eine wirklich planmäßige Durchforschung der zerklüfteten Tiefen beisammen waren.

Am 14. Februar tauchte das Forschungsboot »Alvin« zum erstenmal nach der Bombe. William Rainnie und Maryin McCamis fungierten als Piloten, Kopilot Valentine Wilson blieb als ihr Fernkommandant über Wasser. Ein wesentlicher Teil der Arbeit bestand darin, für neue Computer-Berechnungen die Strömungen zu messen.

In etwa 250 Meter Tiefe schalteten die Piloten die Lichter ein, um sich umzusehen. Sie beobachteten, wie der »Schnee« nach oben fiel: das Plankton, das fast regungslos im Wasser schwebte und aufzusteigen schien, während sie weiter sanken. An jenem Tag gingen sie auf 540 Meter Tiefe und tauchten nach sechs Stunden wieder auf, um in die Schleuse des Dockschiffes »Fort Snelling« zurückzukehren.

Die »Alvin« mußte nach jedem Tauchen zur Inspektion, zum Aufladen der Batterien und zur Reinigung aus dem Wasser geholt werden. Nach dem vorgeschriebenen Einsatzplan sollte sie mindestens jeden dritten Tag pausieren und möglichst nur einmal täglich tauchen. Vor Palomares aber tauchte sie nun ununterbrochen Tag für Tag, bis die Überholung unbedingt eine Pause nötig machte.

Admiral Guest überwachte täglich die Operationen, schickte die Boote an Stellen, wo die Echogeräte etwas aufgespürt hatten, das er identifiziert haben wollte. Die Unterseeboot-Besatzungen sah er nicht oft, doch wenn er mit ihnen zusammentraf, tat er alles, um ihnen klarzumachen, daß sie -- Zivilisten oder nicht -- seinem Kommando unterstanden.

Einmal entfernte sich die »Aluminaut« aus dem ihr zugewiesenen Planquadrat und folgte einer Anzeige ihres Echolots, die auf ein größeres Objekt hinwies. Kapitän Arthur Markel wurde am Abend zu einem Anpfiff aufs Flaggschiff zitiert. »Sie haben Befehle mißachtet«, wütete der Admiral und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Sie haben Ihr Gebiet verlassen.«

»Wir haben es nicht verlassen«, sagte Markel mit gepreßter Stimme, »wir sind vom Kurs abgekommen und haben etwas gefunden.« Es war ein wichtiger Fund: ein großes Teil des B-52-Rumpfs. Seine Entdeckung derart weit draußen im Meer bedeutete die erste sichere Bestätigung, daß schwere Wrackteile tatsächlich über ein weites Gebiet verstreut waren und daß die Bombe sehr wohl noch weiter draußen liegen konnte.

»Sie haben nicht gehorcht«, wiederholte der Admiral. »Sie sind unzuverlässig. Wenn Sie es nochmals tun, müssen wir Sie nach Hause schicken.«

Noch immer stand für die Unterwasser-Operationen keine zuverlässige Karte des Meeresbodens zur Verfügung. Als die »Aluminaut« einmal mit einem für 360 Meter Tiefe berechneten Ballast beladen war, stieß sie bei 180 Meter hart auf Grund. Das Tauchboot mußte einen Abhang hinunterschleifen, um in tieferes Wasser zu gelangen.

Als Markel am Meeresgrund den Ballast abwarf, bekam das Boot keinen Auftrieb und bewegte sich nicht mehr. Das Leben der Besatzung ließ sich durch Absprengen des Kiels retten: Markel wußte, daß dies die letzte Rettungsvorrichtung des Bootes war. Doch in Palomares gab es keinen Ersatzkiel.

Über Wasser besaß man keine Geräte, die das Boot hätten hochziehen können. Alle durchlebten eine Zeit des Schreckens. Markel nahm an, sie steckten im Schlamm fest. Er befahl seiner Besatzung, in einem Pulk von einem Ende der Kabine zum anderen zu laufen, um so das Boot freizuschütteln. Schließlich hob es sich sehr langsam.

Es war ein langer, qualvoller Aufstieg. Erst als sie aufgetaucht waren und das Tauchboot aus dem Wasser hievten, entdeckten die Männer, daß

* In Palomares, März 1966.

die Gefahr größer als vermutet gewesen war. Gewaltige Schlammbrocken hatten die »Aluminaut« schwerer gemacht, als sie zum Aufstieg hätte sein dürfen. An Deck der »Fort Snelling« brauchte man zwei Tage, um die zähe Erde abzuschaben.

Am 1. März entdeckte die »Alvin« die Spur. Rainnie arbeitete an diesem Tag als Verbindungsmann über dem Wasser. Kapitän Frank Andrews, ein ehemaliger Navy-Kapitän, der sich als Unterwasserberater der Einsatzgruppe 65 angeschlossen hatte, war als Beobachter an Bord. Andrews und Kopilot Wilson spähten durch die Bullaugen, während McCamis steuerte.

»Ich sehe eine Spur«, sagte Wilson plötzlich. Er machte Andrews Platz, damit auch der sie betrachten konnte. Die Spur war viel breiter und tiefer als die von Schleppnetzen, sie war grabenförmig wie von einem Faß, das einen schlammigen Hügel hinabgerutscht ist. Sie folgten ihr am Rand einer Klippe abwärts und meldeten Richtung, Tiefe und Position nach oben. Ein Manöver gegen die Strömung brachte das Tauchboot einen Augenblick vom Kurs ab, und die Spur war verloren. Die Batterien leerten sich. Es blieb keine andere Möglichkeit, als aufzutauchen und die Stelle am nächsten Tag neu zu suchen.

Doch am nächsten Tag schickte Admiral Guest das Boot in eine andere Richtung. Ein paar Kratzer auf dem Meeresgrund beeindruckten ihn nicht. Der tägliche Bericht nach Washington sollte nach Guests Meinung von einem neuen abgesuchten Quadrat sprechen, nicht von einer weiteren Fahrt über denselben unergiebigen Grund.

Die Besatzung der »Alvin« murrte und fluchte im Chor, aber sie gehorchte. Doch bei jeder abendlichen Lagebesprechung auf der »Fort Snelling« bekräftigten McCamis und Wilson ihre Überzeugung, die Spur stamme von der Bombe, und man solle ihr nachgehen. Fregattenkapitän Rhodes Boykin, der Führungsoffizier der »Alvin«, und Fregattenkapitän Roy Springers, der Führungsoffizier der Suchaktion, zeigten sich beeindruckt.

Jeden Abend fuhren sie von der »Fort Snelling« zu Guests Flaggschiff »Boston«, um über die Arbeit des Tages zu berichten und vorzuschlagen, die »Alvin« solle am nächsten Tag jene Spur wiederaufnehmen. Doch der Admiral schärfte ihnen nur jedesmal ein, die Aufgabe der Tauchboote bestehe darin, den Überwasser-Echokontakten nachzugehen und die Objekte zu identifizieren. Es sei unproduktiv, die Unterseeboote selbständig manövrieren zu lassen.

An einem Tag, an dem kein Tauchmanöver vorgesehen war, beschloß die Mannschaft der »Alvin«, auf eigene Faust zu tauchen und nochmals nach der Spur zu suchen. Nach langer Jagd fand man sie wieder. Abermals war es wegen der schwindenden Batteriekraft zu spät, die Fährte zu verfolgen, doch diesmal befand sich Fregattenkapitän Boykin als Beobachter an Bord, und er bekräftigte, daß die Rinne im Schlamm von besonderer Art sei, eine Bombe passe genau hinein.

Am folgenden Tag umkreuzten sie die Klippe, wo man die Spur entdeckt hatte. Sie blieben länger als sieben Stunden unter Wasser, gingen auf 810 Meter hinab und fanden nichts. Aber sie hatten sich davon überzeugt, daß die Spur verfolgenswert sei, und wurden erneut auf sie angesetzt.

Am 15. März, zwei Wochen nach der ersten Entdeckung der Spur, tauchte die »Alvin« zum 19. Mal vor Palomares. Inzwischen kannten die Männer das Gebiet recht genau. Konservendosen, Eierschalen, Stoffetzen auf dem Meeresgrund waren ihnen zu Wegweisern geworden, die ihnen zeigten, daß sie sich dem gesuchten Punkt näherten.

Ein Tonbandgerät auf der »Petrel« hielt ihre Gespräche fest. Die Männer waren zu sehr damit beschäftigt, ihr Tauchboot zu steuern, die Instrumente abzulesen und den Meeresboden zu beobachten, als daß sie vor dem Auftauchen schriftliche Aufzeichnungen hätten machen können. McCamis und Wilson steuerten. Das Klopfen des Echolots, das schrille Surren des Luftumwälzventilators im Tauchboot und das Kratzen des Tonbands bildeten eine rauhe Geräuschkulisse.

Kurz nach der Ankunft unten sprach Wilson, der auch die Kamera zu bedienen hatte, mit seinem Kopiloten.

»Das sieht verdammt bekannt aus, ich schätze, es ist eine Klippe.« »Was ist das, zum Teufel?«

»Du hast es genau vor dir. Das ist die Spur. Komm nicht auf Grund und mach keinen Wirbel, sonst sehen wir nichts.«

»Okay, mach deine Bilder.«

»Wenn wir den Bankert erwischen, stehn wir ganz groß da.«

McCamis entschloß sich, das Boot rückwärts laufen zu lassen, da man die Spur vom Bug aus genauer beobachten konnte. Zweimal hatten sie versucht, ihr vorwärts zu folgen, und sie dabei verloren, weil sie sich selber die Sicht verstellten.

»Verflucht, ist das steil. ich probiere zu wenden.«

»Okay, du bist bei 25 Metern.« »Wir gehen schnell tiefer. Es ist jetzt 30,40.«

Zwanzig Minuten später: »Die Tiefe ist 735. Ich sehe etwas, ich habe die Spur links drüben wieder erwischt. Ich kann nicht zu nahe hin. Ich gerate gleich an diesen wackeligen Abhang.« Langes Schweigen folgte. »Was soll ich tun?«

»Sie ist jetzt rechts ... Du mußt genau zurückstoßen, wenn du hinkommen willst. Okay, jetzt nach unten.«

»Noch fünf Zentimeter, und du stößt an.«

»Das sieht aus wie ein Fallschirm! Ein halbgeblähter Fallschirm.« »Fang mit den Aufnahmen an.« »Ich bin direkt an der Spitze von diesem flatternden Fallschirm.«

»Dahin ist diese Stinkbombe also gewandert. In diesen Graben hinunter.«

»Nein. Ich glaube, sie wird unter dem Fallschirm liegen. Gehen wir höher und sehen es uns genauer an. Dort ist die Bombe, genau vor dir.« »Wie zum Teufel bekommen wir heraus, ob es wirklich die Bombe ist?«

»Am besten, wir machen eine Menge Aufnahmen, die sie dann analysieren können.«

Zwanzig Minuten vergingen. Dann, als Meldung nach oben: »Hier »Alvin«. Wir haben einen sehr großen Fallschirm gefunden. Es sieht so aus, als sei ein Wrackteil darunter. Es liegt neben einem sehr steilen Graben. Wir kommen nicht nahe genug an den Schirm heran, um nachzusehen, was darunter liegt ... Ein Teil freilich sieht wie eine Flosse aus, eigentlich wie ein Spant.«

»Hier Echo. Verstanden. Bleibt einen Augenblick an der Stelle. Justiert euch darauf.«

Fünfundzwanzig Minuten später: »Ich glaube, wir haben genügend Identifizierungskennzeichen. Wir würden uns gern aus dieser Gegend davonmachen. Verschiedene Leinen hängen lose herab. Wir haben keinen Zweifel an dem, was wir sehen. Es ist in den Fallschirm gewickelt. Wir können es gut erkennen. Es hat genau die Form, die wir auf Abbildungen gesehen haben.«

Das Tauchboot erhielt den Befehl, sich auf eine Position nahe bei der Bombe zurückzuziehen. Dort hatte es zu warten, bis die »Aluminaut« zur Ablösung herabkam.

Um die Position zu halten und die Energie der »Alvin« nicht im Kampf gegen Strömung und Drift aufzubrauchen, zwängten die Piloten ihr Fahrzeug in eine Spaltöffnung. Sie saßen wartend acht Stunden im Dunkel und knipsten nur zuweilen kurz ihre Lichter an, um die Batterien nicht zu erschöpfen. Als das Wasser im Süden jadegrün zu glimmen begann, war es ein fast ebenso aufregender Augenblick wie bei der Entdeckung der Bombe: Die »Aluminaut« erschien, und die »Alvin« konnte auftauchen.

In Guests Bericht nach Washington hieß es, ein Fallschirm sei gesichtet worden und er umhülle etwas, das sich nicht identifizieren lasse. Der Admiral weigerte sich, auch nur zu erwägen, daß es die Bombe sei. Die Photos wurden unter äußerster Geheimhaltung ans Pentagon geschickt. Die Experten in Washington kamen zu demselben Schluß wie die »Alvin«-Piloten und die Stabsoffiziere der Einsatzgruppe 65: Die Suche war erfolgreich abgeschlossen. Die nächste Aufgabe bildete die Bergung.

Guests Angst vor falschen Hoffnungen hinderte ihn nicht, sich sofort dem Problem der Bergung zu widmen. Aus solcher Tiefe hatte man noch nie ein größeres Objekt ans Tageslicht gebracht. Das Terrain -- eine Reihe steiler Klippen, die nochmals 300 Meter abfielen -- erhöhte die Schwierigkeiten. Hinzu kam die Gefahr, daß die Bombe beschädigt war oder daß sie Schaden erleiden könnte, wenn eine heftige Bewegung, ein Stoß oder ein Sturz den hochexplosiven konventionellen Sprengsatz zündete.

Die »Aluminaut« hielt, den Bug im Schlamm vergraben, 22 Stunden lang Wache vor der Bombe, während die »Alvin« für ein neues Tauchmanöver vorbereitet wurde. Sie sollte mit einem mechanischen Greifarm eine dünne Kunststoffleine als Leitseil für ein schweres Einholkabel nach unten bringen. Jon Lindbergh, der von der Herstellerfirma des U-Boots »Cubmarine« an die Unfallstelle geschickt worden war, entwarf einen Spezialanker für das Leitseil. Er hatte von seinem Vater Charles A. Lindbergh das technische Interesse, den Abenteurergeist und die Schüchternheit geerbt.

Die kleinen Unterseeboote, mit denen man vor Palomares operierte, befanden sich im gleichen Entwicklungsstadium wie die Luftfahrt vor vierzig Jahren, als Charles Lindbergh den Atlantik überquert und damit bewiesen hatte, daß der Mensch in einer gebrechlichen Kiste mit Motorantrieb von Kontinent zu Kontinent gelangen konnte. Bei Palomares führte man den Beweis, daß der Mensch in der Tiefe zu arbeiten vermag. Jon Lindbergh ließ in der Maschinenwerkstätte der Flotte einen Spieß mit zwei zusammenklappbaren Flossen anfertigen. Die Arbeit dauerte die ganze Nacht.

Der Abstieg war für die »Alvin« schwieriger als erwartet. Noch nie hatte jemand eine Leine in eine solche Tiefe gebracht; jede Drift und jeder Strudel in der Strömung erzwang eine Kursänderung, eine neue Berechnung. Als endlich die Stelle erreicht war, drang der Anker nicht in den Boden ein; er war zu leicht für den harten Grund.

McCamis verwendete die »Alvin« als Hammer. Die Spitze des Anker-Spießes erhoben, fuhr sie mit voller Kraft gegen eine Klippe etwa zwölf Meter neben der Bombe. Die Schrauben des kleinen Boots wirbelten, bis der Greifer bis zum Gelenk verschwunden war. Dann ließen die künstlichen Finger los. Der Anker saß fest.

Doch als am nächsten Tag das Leitseil auf einen Minenräumer geholt wurde, brachen die Ankerflossen, und der Anker löste sich aus dem Boden. Auch ein zweiter Versuch, bei dem die »Alvin« eine Reihe Leinen direkt an den Bändern des Bombenfallschirms befestigen sollte, scheiterte.

Erst acht Tage nach der Entdeckung der Bombe konnte man einen dritten Versuch unternehmen. Die Experten der Flotte hatten dafür neues Werkzeug konstruiert. Sie nannten ihre Erfindung einen »Pudel«. Es war eine Vorrichtung mit mehreren aufgewickelten Leinen, welche die »Alvin« fassen, abrollen und an den Fallschirmbändern befestigen sollte. Der »Pudel« hing an einem Tau über einem schweren Anker, den der Minenräumer »Mizar« 24 Meter neben der Bombe deponiert hatte.

Als sich alles am vorgesehenen Platz befand, machte sich die »Alvin« an die Arbeit. Trotz aller Vorsicht verwirrten sich die Leinen. Hin und her schwankend, brachte das Boot eine bis zum Fallschirm und mußte dann mit fast völlig erschöpften Batterien auf tauchen. Bei einem zweiten Manöver gelang es, an sechs Fallschirmtauen Leinen anzubringen.

Admiral Guest entschied, es sei an der Zeit, in der Nacht auf alle Fälle die Bergung zu wagen. Er befahl, die Bombe in seichtere Gewässer zu ziehen, damit bei einem Fehlschlag der nächste Versuch leichter zu bewerkstelligen sei. Das Ankerkabel wurde an der Winde der »Mizar« befestigt, und das Hochziehen begann.

Alle beobachteten nervös, wie sich das Seil straffte und wie es sieh langsam um die Rolle wand. Durch Lotungen versuchte man zu verfolgen, was sich drunten abspielte. Die Ungewißheit dauerte nicht lange. Nach Schätzungen der Männer hing die Bombe etwa dreißig Meter über dem Grund, als die Leine sich plötzlich scharf anspannte und hochschnellte: Die Bombe war erneut untergegangen.

Erst nach Tagen, am 2. April, fand man sie wieder. Die Bombe lag in einer Tiefe von 840 Metern und etwa 110 Meter südlich der ersten Fundstelle. Während der Suche hatte Admiral Guest völlig neue Bergungspläne erwogen. Die Teststation für Meeresunternehmungen in Pasadena hatte eine ihrer neuesten Erfindungen angeboten: die »Curv«, ein über Kabel gesteuertes unbemanntes Unterwasser -- Forschungsfahrzeug, das für die Bergung von Testtorpedos konstruiert war.

Am 6. April hatte die »Curv« schließlich zwei Seile an den Fallschirmleinen befestigt. Bei dem Versuch, auch noch ein drittes anzubringen, verfing sich das Gerät in dem Bombenfallschirm. Die »Curv« bewegte sich weder nach oben noch nach unten. Der Motor des Greifers war lahmgelegt.

An Bord der »Petrel« brach Howard Talkington, der Unterwasser-Techniker aus Pasadena, der die· »Curv« betreute, vor Erschöpfung zusammen. Fast jeder war am Ende seiner Kräfte.

Dennoch mußte eine Entscheidung fallen. Guest gab Befehl, die beiden bereits befestigten Leinen anzuziehen und damit vielleicht den Fallschirm so weit ruhigzustellen, daß die »Curv« freikam. Die See ging hoch, der Wind blies heftig, und man konnte nicht sicher sein, ob die Leinen hielten.

Die Matrosen an der Winde der »Petrel« begannen langsam zu drehen und konzentrierten sich darauf, die Bewegung gleichmäßig zu halten und die Leinen nicht durch einen plötzlichen Ruck zu belasten. Keiner von ihnen hatte mehr ein Gespür für die Straffung der Leinen. Die Männer mußten sich völlig auf ihre Berechnungen verlassen.

Einer der Zivilexperten hörte den Mann an der Winde »720« rufen. »Was haben Sie da eben gesagt?« »720. Es sind noch 720 Meter Leine.« »Aber das ist nicht möglich. Das Wasser ist 840 Meter tief. Es ist ein Fehler.«

»Nein«, sagte der Matrose und wies auf die grüne Markierung, die eindeutig die Länge anzeigte.

Ohne daß es jemand bemerkte, hatte sich das ganze Gewicht der Bombe auf das Seil verlagert, und sie schwebte bereits 120 Meter über dem Meeresgrund. Es war der heikelste Augenblick einer achtzigtägigen Bemühung. Die Bombe hing an zwei dünnen Nylonleinen statt an dreien.

Sollte man das Ganze wieder hinablassen? Lotungen ergeben, daß die Bombe über einer Kluft hing. Sie wäre auf 900 Meter oder noch tiefer gesunken und die »Curv« vermutlich zusammen mit ihr verlorengegangen. Es blieb kein anderer Ausweg, als weiterzuziehen.

Und so trat am Donnerstag, dem 7. April 1966 kurz vor der Morgendämmerung, die H-Bombe Nr. 4 ihren Aufstieg an. Fast zwei Stunden dauerte der Aufzug.

Als die Spitze des Fallschirms den Wasserspiegel durchbrach, befahl Guest, das Ziehen einzustellen. Es bot sich ein sonderbarer Anblick. Auf dem weißen Fleck im Wasser lag ein Gewirr von Rädern und Stangen: es war die »Curv«. Noch bestand Gefahr, daß die Leinen unter der Spannung rissen. Der Admiral ließ Taucher Drahtseile um die Bombe legen und sie an starken Leinen der »Petrel« befestigen. Der Fallschirm und die »Curv« wurden abgeschnitten und gesondert eingeholt.

Um 8.45 Uhr am Morgen des Gründonnerstags wurde die verlorene H-Bombe sorgsam aufs Deck der »Petrel« niedergelassen.

Die Bombenexperten hatten im Vorderschiff gewartet, um nicht die nervenaufreibende Arbeit am Achterdeck zu stören. Sowie die tropfende Röhre auf dem Schiff lag, rief Admiral Guest die Experten einzeln zur Besichtigung.

Jeder von ihnen versicherte, es sei die gesuchte Bombe. Endlich seiner Sache gewiß, stürzte der Admiral in

Im Vordergrund: Tauchboot-Mutterschiff »Petrel«.

den Funkraum, um die Siegesbotschaft abzuschicken: Mission erfolgreich beendet. Niemand jubelte oder machte vor Aufregung Luftsprünge -- alle waren zu erschöpft. Man hatte etwas erlebt, das niemand vergessen würde, das Leben aber ging weiter.

Die vier Geretteten des abgestürzten H-Bombers taten wieder Dienst, drei von ihnen starteten weiter mit Bombern vom Stützpunkt Seymour Johnson, Mike Rooney war auf eigenen Wunsch als Jagdflieger nach Vietnam abkommandiert. Admiral Guest erhielt die Verdienstmedaille für »außergewöhnlich wertvolle Leistungen«.

Der Fischer Simó wurde als Empfänger einer symbolischen Danksagung an die spanische Nation von US-Botschafter Duke nach Madrid eingeladen; eine Woche lang logierte er im Hilton-Hotel, auf einem Empfang überreichte Duke ihm eine Dank-Urkunde und eine Inaugurationsmedaille mit den Präsidenten-Initialen LBJ.

Aber Palomares (= Ort der Tauben), ein entlegener Fleck in der übervöl-

* L.: General Wilson. Über die Bombe gebeugt: Admiral Guest.

kerten Welt, geriet in Vergessenheit. Nur weil zufällig die extremste Kriegsmaschine auf Palomares herabstürzte, war es zum Ort einer einzigartigen Operation geworden.

Die Bewohner von Palomares ließen ihre Phantasie nicht bei der schrecklichen Vorstellung verweilen, was bei der Explosion einer Bombe hätte geschehen können. Für sie bestand das Vermächtnis der Bombe nicht in Zorn, Krankheit und Zerstörung, sondern in der Pest der Ungewißheit, die bereits einen großen Teil der Welt befallen hatte.

Es ist inzwischen zur Binsenweisheit geworden, daß es quälend gefährlich ist, Kernwaffen über den Köpfen der Menschen zu schwenken

gleichgültig, wie unhörbar und wie hoch sie fliegen. Doch Palomares hat gezeigt, daß die Gefahr durch das Vertrautsein mit ihr nicht verblaßt, daß es nicht gut ist, sie zu vergessen oder wegzuwünschen, damit sie nicht eines Tages an einem friedlichen Erntetag aus heiterem Himmel herabstürzt. Ende

Flora Lewis
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