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H-BOMBE VERMISST ...

aus DER SPIEGEL 46/1967

Der Ablauf war geplant, berechnet und bis ins vorletzte Detail durchexerziert. Das letzte Detail ließ sich nicht üben: Es ist der Atomkrieg.

Doch bis auf den endgültigen Befehl des Präsidenten der Vereinigten Staaten, der die Bomber auf vier imaginären Himmelslinien zu ihren Zielen lenken würde, war die Operation ebenso eingespielt und vertraut wie die tägliche Autofahrt zur Arbeit. Die Männer hatten sie einige dutzendmal vollführt und immer dafür gesorgt, daß sie in den letzten zwölf Stunden vor dem Start einen achtstündigen Schlaf fanden.

Noch war man auf dem Stützpunkt aufgeregt und gespannt -- wie immer, wenn eine Bomberformation des SAC (Strategic Air Command Strategisches Luftwaffenkommando) ihren Bereitschaftsdienst in der Luft antritt. Auch wenn die Männer bei jedem Flugauftrag immer genau das gleiche getan hatten, wußten sie doch nie vor der Umkehr zum Heimflug, ob es sich wieder nur um eine Übung handelte.

Die 51. Bomberstaffel des SAC war auf dem Luftwaffenstützpunkt Seymour Johnson bei Goldsboro im US-Staat North Carolina stationiert. Etwa alle zehn Tage übernahm jede Besatzung eine B-52, deren acht Düsenaggregate die Kraft von 30 Lokomotiven besitzen und die mit vier Wasserstoffbomben beladen ist -- jede mit mehr Zerstörungskraft ausgestattet als alle jemals abgeworfenen konventionellen Bomben.

Die Einsätze dauern 24 Stunden: in dieser Zeit können die Maschinen gerade die Risikogrenze erreichen und wieder heimkehren. Außerdem sind 24 Stunden eben die Zeitspanne, in der die Mannschaften nach menschlichem Ermessen aufmerksam unter erträglichen Verhältnissen arbeiten können.

Ehe man in der Abenddämmerung des 16. Januar 1966 zum Flug startete, erinnerte der Einsatzoffizier die Mannschaften wie jedesmal daran, daß Müdigkeit eines der Probleme sei, die man gegen Ende des Auftrags zu beachten habe. Auch das war nur ein Punkt unter anderen in der langen Routine von Vorbereitung, Instruktion und Flug. Am Tag vorher hatte die Besatzung eines anderen Bombers, die in Bodenbereitschaft stand, den Bomber Nummer 256 überprüft.

Die Mannschaften des Bereitschaftsdienstes, die jederzeit die Hälfte der 680 SAC-Bomber übernehmen können, verbringen jeweils vier Tage und drei Nächte in der Nähe ihrer beladenen Maschinen. Sie müssen in der Lage sein, binnen sechs oder sieben Minuten zu starten, nachdem sie ein Signalhorn zum Krieg -- oder zu einer der ständigen Bereitschaftsübungen -- gerufen hat. Worum es sich jeweils handelt, erfahren sie, wenn sie sich im Cockpit niedergelassen haben.

Die maximale Zeitspanne, die das amerikanische Radarwarnsystem beim Anflug feindlicher Raketen gewährt, beträgt zwanzig Minuten. Doch wenn etwas versagen, wenn es dem nach Sekundenbruchteilen kalkulierten Mechanismus nicht gelingen sollte, die am Boden stehenden Bomber in die Luft zu bringen, ehe der Stützpunkt atomisiert ist, stehen für einen Gegenschlag immer noch die Maschinen der Luftbereitschaft zur Verfügung.

Die Mannschaft des Bombers 256, dessen Rufname damals Tea-16 war, startete mit der untergehenden Sonne im Rücken zur ersten Etappe der südlichen Route von »Chrome Dome«, wie die Kodebezeichnung der vier SAC-Luftbereitschaftsmissionen lautete. Seit 1961 waren Tag und Nacht beladene Bomber irgendwo auf diesen vier Routen unterwegs gewesen.

Die südliche Strecke war die angenehmste. Die drei anderen fächern sich nach Norden auf, über Alaska hinauf, über Kanada hinweg, nach Grönland zu. Sollten die Bomber jemals den Angriffsbefehl erhalten, würden sie über das Polargebiet fliegen und sich von der Arktis her auf ihre Ziele stürzen.

Der vierte Chrome-Dome-Einsatz führte über den mittleren Atlantik, quer über Spanien und halb

übers Mittelmeer. Von hier aus ginge es dann im Ernstfall über freundliches blaues Wasser weiter, bis es an der Zeit wäre, in die südlichen Gebiete eines feindlichen Landes abzuschwenken.

Das erste Auftanken verlief reibungslos. Hauptmann Charles F. Wendorf, der Kommandant des Bombers, zündete sich eine Maiskolbenpfeife an. Wendorf dachte nicht viel über Verwicklungen, Einsätze und die ganze Maschinerie nach, als das Flugzeug dröhnend über den Ozean raste. Das taten die SAC-Besatzungen selten. Es gab mehr als genug zu tun, und es war gut, einen Ersatzpiloten an Bord zu haben, der die sechs regulären Besatzungsmitglieder von Zeit zu Zeit ablösen konnte.

Wendorf hatte bereits mehr als 2500 Flugstunden in sein Flugbuch eingetragen, 2100 davon in B-52-Bombern, und er zeigte die entspannte Zuversicht, die jedermann in dem Gefühl bestärkte, man werde mit der Arbeit schon fertig werden.

Wie sämtliche Besatzungsmitglieder wußte er genau, was in jede der unzähligen Taschen einer Fliegermontur gehörte. Einer seiner Männer hielt das Fangmesser in der Tasche über der linken Wade stets geöffnet gegen das Ende der Fangleinenklammer gerichtet, damit er keinen einzigen Sekundenbruchteil verlöre, wenn er sich einmal aus dem Fallschirm zu schneiden hätte. Eine solche Vorsichtsmaßregel war Wendorf nie in den Sinn gekommen.

Alles verlief ungestört. Die ganze Besatzung hatte Stunden damit verbracht, den Flugplan zu studieren. Ebenso hatten die Männer einen weiteren Flugplan so gründlich studiert, daß sie die Gebäude, die Weiler, die Hügel vor Augen hatten -- einen Plan, dem sie nicht ohne ausdrückliche Anordnung durch den Präsidenten der Vereinigten Staaten folgen würden; und diese Anordnung mußten wenigstens drei von ihnen gemeinsam auf gleiche Weise entschlüsseln und verstehen.

Wendorf hatte diesen Plan in einer rechteckigen schwarzen Aktentasche bei sich, sie glich einer ledernen Reisetasche mit steifen Kanten. Auf roten Streifen standen in schwarzen Buchstaben die Worte Top Seeret (äußerst geheim); man nannte sie respektvoll CMF (Combat Mission Folder Kampfeinsatztasche).

Mit 29 Jahren war Wendorf der drittjüngste in seiner Besatzung, der jüngste der Mannschaft war der 23jährige Navigator, Oberleutnant Steven G. Montanus. Er war dunkelhaarig und dunkelhäutig, alle mochten ihn und machten herzlich-derbe Scherze über seine hübsche 19jährige Frau Corinne. Die Zielscheibe der schärfsten Witze bildete Oberleutnant Michael J. Rooney, unter Freunden Mike genannt, der einzige Junggeselle in der Besatzung.

Neben Wendorf, dem Kopiloten Rooney und dem Navigator Montanus waren die übrigen regulären Besatzungsmitglieder Hauptmann Ivens Buchanan, 34jährig, ein untersetzter, scheuer, äußerst ordnungsbewußter Mann, eingeteilt als Radarnavigator -- eine euphemistische Bezeichnung für den Mann, dessen Hand Wasserstoffbomben auslöst; Oberleutnant George J. Glesner, 26jährig, ein zurückhaltender Mensch, der als Elektronik-Offizier diente und die Aufgabe hatte, feindliche Radareinrichtungen zu stören; und der Oberfeldwebel Ronald P. Snyder, den vier 12,5-Millimeter-Kanonen im Flugzeugheck zugeteilt und Helfer für alle, die ihn benötigten.

Außerdem flog diesmal auch ein Reservepilot mit, Major Larry G. Messinger, der mit seinen 44 Jahren der älteste und der einzige an Bord war, der jemals Bomben im Ernst geworfen hatte. Er hatte sich bei B-17-Einsätzen während des Zweiten Weltkriegs in Europa und B-29-Einsätzen über Korea eine Reihe von Auszeichnungen erworben.

Mit Ausnahme von Messinger waren sie etwa ein Jahr lang zusammen geflogen, sie kannten sich gegenseitig so gut, daß es nichts weiter zu sagen gab. Der Lärm, die Anspannung durch die dauernde Kontrolle Hunderter von Meßgeräten, Zifferblättern und Schaltern, die regelmäßigen Meldungen und Kontrolldurchsagen an die Bodenstelle und die andere B-52, die das übliche Bomberpaar anführte -- all das ließ wenig Gelegenheit für Plaudereien.

Es dämmerte eben, als das zweite Auftank-Rendezvous stattfand. Ein Tankflugzeug vom amerikanischen Luftstützpunkt bei Torrejón in der Nähe Madrids traf zur vorgesehenen Zeit und an der angegebenen Stelle hoch über dem spärlich bewohnten nordspanischen Landstrich zwischen Zaragoza und Barcelona mit der B-52 zusammen.

Mit etwa 150 000 Litern Düsentreibstoff versorgt, flog der Bomber übers Mittelmeer hinweg. Über der Adria, knapp außerhalb der Reichweite des Kreml-Warnsystems, bog er scharf nach Süden ab, und wenig später folge eine ebenso scharfe Wendung nach Westen.

Erst in diesem Moment bestand Sicherheit, daß der Einsatz schließlich Nieder nur ein »Schulungsflug« war. Man brauchte sich um nichts weiter zu sorgen, als reichlich weiteren Treibstoff zu tanken und nach Hause zu kommen.

Das letzte Tankertreffen fand über Südspanien statt, über einem Gebiet knapp hinter der Mittelmeerküste. Beim SAC hieß es Auftankzone »Saddle Rock«. Diesmal sollte der £anker vom amerikanischen Stützpunkt bei Morón, in der Nähe von Sevilla, kommen.

Die KC-135, eine schwerfällige fliegende Tankstelle, traf planmäßig zur ersten Kontaktaufnahme ein.

Die SAC-Anweisungen gestatten den Flugzeugen nicht mehr als 30 Sekunden zeitliche Abweichung vom Einsatzplan. Beide Maschinen fliegen knapp unter Schallgeschwindigkeit. Sie haben weniger als zehn Minuten Zeit, sich auf die vorgeschriebene Weise gegenseitig zu identifizieren und einander zu nähern.

Als sie keine fünf Minuten mehr auseinander waren, ging der Bomber etwa 700 Meter tiefer als der Tanker. und dieser wiederum setzte zu einer scharfen U-Kurve an, die ihn einige Kilometer vor die B-52 bringen sollte In diesem Augenblick stieg der Stabsfeldwebel Lloyd Potolicchio, der der Ausleger des Tankers bediente, zur roten Matratze im Reck seines Flugzeugs.

Potolicchio war ein großer Mann, ein ehemaliger Basketball-Nationalspieler, und er mußte sich abquälen, in die enge Vertiefung zu gelangen, vor der aus er das Manöver zu leiten hatte. Potolicchio streckte sich au dem Bauch aus und schnallte sich fest damit er nicht vom Sog hinausgerissen würde, falls das Innenfenster nachgab, nachdem er der besseren Sicht halber den äußeren Plexiglasschutz hochgeschoben hatte. Während Eier nächsten zehn oder fünfzehn Minuten, bis zum Abschluß des Manövers, kommandierte er im Grunde die beiden Flugzeuge.

Die übrigen drei Mitglieder der Tankerbesatzung blieben wie gewöhnlich im Cockpit und überließen die wesentlichen Einzelheiten der Koppelung dem Mann am Ausleger. Major Emil J. Chapla, der Pilot, schwärmte von seinem Dienst in Spanien: Chapla war ein leidenschaftlicher Tourist, und zu einer Tankerbesatzung zu gehören hatte den Vorteil, daß man gelegentlich einige Wochen in Gegenden verbringen konnte, welche die Bombermannschaften nur aus zehn Kilometer Höhe sahen.

Der Kopilot, Hauptmann Paul R. Lane, war ein Spaßvogel von 180 Pfund, und der Navigator, Hauptmann Leo E. Simmons, begeisterte sich für spanische Gitarrenmusik.

Das Auftanken war eine heikle Angelegenheit. Aber beide Mannschaften hatten es einige hundertmal ausgeführt. Sie hatten deshalb nicht das Empfinden eines besonderen Risikos und keinen Anlaß zu besonderer Vorsicht, als sie sich wieder daranmachten.

»Tea-16, Tea-16«, rief Potolicchio. »Hier ist Troubadour 14.« Er las Geschwindigkeit und Höhe ab. Der Bomber kroch in Reisegeschwindigkeit höher, holte aber nur langsam zum Tanker auf, er war nur um wenige Stundenkilometer schneller.

Als die Entfernung noch 800 Meter betrug, schob sich das metallene Tele-

* Linkes Bild: Der Bomber (l.) näher sieh dem Ausleger des Tankers. Rechtes Bild: Der Tanker dirigiert den Bomber an sein Treibstoffrohr heran.

skoprohr, über das der Bomber mit Treibstoff versorgt werden sollte, in den leeren Raum. Potolicchio ließ den Ausleger in die richtige Stellung unnittelbar hinter dem Tanker »fliegen«. Er zog wie ein Schwanzstummel hinter der Maschine her.

Wendorf und Messinger saßen an den Steuerknüppeln der B-52. Rooney machte Pause und las in der Koje im engen Gang zwischen dem Vorderteil nies Cockpits und dem zweistöckigen Hinterteil eine Zeitschrift. Glesner und Snyder saßen, in ihre Sitze geschnallt, hinter ihm und beobachteten ihre Instrumente. Unter ihnen sahen Montanus und Buchanan auf ihren Radarschirmen die blaßgrüne Markierung, die den Tanker darstellte.

Nur die Piloten konnten aus den schrägen Fenstern der Führerkanzel sehen. Die B-52-Maschinen besitzen so zahlreiche elektronische Augen, Ohren und Gehirne, daß die Besatzung Kerne Panorama-Aussicht benötigt. Doch das Anpassen an den Tankerausleger erfordert menschliche Führung, menschliches Urteil, menschliche Sensibilität. »Augapfelfilegen« nennen es die Besatzungen. Der Pilot muß sich so anpassen, daß die »Lippen« seines Bombers, die sich über der Tanköffnung unmittelbar hinter der Führerkanzel öffnen, auf beiden Seiten nicht weiter als höchstens 180 Zentimeter von der herabhängenden Ausleger-Düse entfernt sind.

Der Mann am Ausleger, der von oben zusah, ließ seine Signallichter aufleuchten: rotes Licht, um Geschwindigkeits- und Kurskorrekturen anzuzeigen, grünes, wenn der Bomberpilot seine Maschine genau in die richtige Position manövriert hatte.

Der Pilot und der Mann am Ausleger hatten zu sprechen aufgehört und teilten sich die letzten Anweisungen durch Lichtsignale und Handbewegungen mit. Aber ihre Funkanlagen blieben auf einer gemeinsamen Frequenz eingeschaltet. Kurz bevor der Ausleger niederfallen und sich befestigen mußte, brach Potolicchio das übliche Schweigen der letzten zwei oder drei Minuten.

»Tea-16, Tea-16«, rief er, »gebt beim Beilegen acht.« Er meinte, der Bomber komme etwas zu rasch näher; seine Stimme klang normal. Seine Warnung deutete nichts von einem Unheil an. Der Bomberpilot drosselte die Geschwindigkeit.

Kaum eine Minute später geschah es. Die Explosion, das kreischende Beben des ganzen metallenen Körpers, der Ausbruch der Flammen -- alles schien gleichzeitig zu geschehen.

Wendorf, auf dem linken Pilotensitz in der Kanzel, hörte und spürte es und riß am Griff seines Schleudersitzes. Wahrscheinlich löste das den Absprungalarm an allen anderen Plätzen der Maschine aus, doch daran konnte sich nachher niemand mehr erinnern. Wendorf wußte später nicht mehr, was er zuerst bemerkt hatte, den Lärm, das Feuer oder das übermächtige Beben der Kabine. Nur ein Gedanke schoß ihm durch den Kopf: »Mein Gott, wir explodieren. Es zerreißt uns.«

Der Ausleger hatte die Tanköffnung verfehlt. Statt dessen schlug die Düse gegen den Rumpfholm des Bombers, die steife metallene Wirbelsäule des Flugzeugs. Die scharfe, plötzliche Berührung brach dem Bomber das Rückgrat. Flammen rasten am Ausleger empor, zu den riesigen vollen Tanks der KC-135 hinauf. In einem Augenblick war der kühle Himmel mit der sengenden Feuerkugel von 150 000 Litern Düsentreibstoff erfüllt, die in Flammen aufgingen.

Sämtliche vier Besatzungsmitglieder des Tankers waren verkohlt, noch ehe die Trümmer ihrer Maschine 10 000 Meter tiefer auf die Erde schlugen. Im Fall zerbarst das Flugzeug in große Stücke. Doch der Hauptteil, die Tragflächen und der Rumpf, ging einfach in Flammen auf.

Als sich das Feuer selber verzehrt hatte, lag das geschmolzene Metall im erkennbaren Umriß eines Flugzeugs auf der Erde, als sei es von einer zitternden Hand aus einem Schmelztiegel flach ausgegossen worden.

Die Besatzungsmitglieder des Bombers hatten diesen Notfall nie geübt, aber sie waren zu instinktivem Reagieren ausgebildet worden. Wendorf und Messinger in den vorderen Sitzen, Buchanan und Montanus im hinteren Unterteil der Kanzel zerrten an den schwarz-gelb gestreiften Griffen neben sich. Eine kleine Sprengladung schleuderte die beiden Piloten mit ihren Sitzen durch das Dach der Kabine.

Ähnliche Ladungen sprengten die Navigatoren durch den Boden. Montanus wurde vielleicht im Augenblick des Hinausschleuderns bewußtlos geschlagen, oder er hatte auf andere Weise Unglück. Sein Fallschirm öffnete sich nicht. Noch immer in den schweren Sitz geschnallt, schlug er auf die Erde auf. Sein langer Körper war zerschmettert und sein hübsches dunkles Gesicht vor Schrecken erstarrt, als man ihn fand.

Buchanan, der neben ihm gesessen hatte, bedachte sorgfältiger die Schritt-für-Schritt-Instruktionen, die sie alle bekommen hatten. Sein Sitz versagte wie der von Montanus, löste sich nicht und riß seinen Fallschirm nicht auf. Buchanan zerrte am Gurt, fiel aber zu schnell, als daß die Finger mit gewohnter Leichtigkeit hätten arbeiten können. So beugte er seinen Oberkörper so weit wie möglich nach vorn und riß an der Öffnung des Fallschirmsacks hinter seinen Schultern.

Mit der Hand holte er das rettende Nylon aus dem Sack und hielt es in den Luftzug. Schließlich breitete sich der Führungsschirm aus; und Buchanan zog den weiß-orangefarbigen Hauptschirm (Durchmesser: acht Meter) heraus und entfaltete ihn.

Die Landung verlief trotzdem hart. Der ungefüge Sitz mit dem noch immer an die Armlehnen geschnallten Mann polterte zu Boden, stürzte nach vorn und preßte Buchanans Gesicht gegen die Erde.

Er war noch bewußtlos, als man ihn fand. Nach einigen Minuten kam er zu sich. Er wußte nicht, ob er durch die große Feuerkugel gestürzt oder vielleicht in die Nähe eines brennenden Flugzeugteils geraten war. Er hatte schlimme Verbrennungen, und sein Rücken war vom heftigen Aufprall verletzt. Doch er lebte.

Glesner und Snyder kamen nie heraus. Die Öffnung des Treibstofftanks war über und nur etwa 30 Zentimeter hinter ihnen. Der Zusammenstoß mit dem Ausleger hatte vielleicht die Schaltung der Schleudersitzmechanismen verklemmt oder den hinteren Teil der Führerkanzel zerschmettert, ehe ein Gerät funktionieren konnte.

Rooney blieb strauchelnd, eigentlich schwebend, im fallenden Vorderteil zurück. Er trug seinen Fallschirm wie immer, aber es gab nur sechs Schleudersitze, und er hatte gerade eine Verschnaufpause eingelegt. Sein Weg in die Sicherheit mußte, wie er von endlosen Instruktionen wußte, durch das Loch an der Unterseite der Maschine führen, nachdem sich die Navigatoren ins Freie geschleudert hatten.

Er versuchte verzweifelt, dorthin zu kriechen. Einmal warf ihn die Schwerkraft in Richtung des Loches. Dann legte sich die Kabine auf die Seite, und er wurde gegen die Decke gepreßt, unfähig, sich zu bewegen. Schließlich drehte sich das stürzende Wrackteil wieder mit der rechten Seite nach oben, und Rooney warf sich in den Himmel.

Der Führungsschirm öffnete sich und zerrte an ihm. Wenige Meter von ihm entfernt stürzte ein brennendes Düsenaggregat zur Erde. Die Hitze versengte ihm die Armhaare. Dann entfaltete sich der Hauptfallschirm, und Rooney überließ sich erleichtert dem Niederschweben.

Messinger schleuderte sich kurz vor dem Piloten aus der Maschine. Es blieb keine Zeit, einen Befehl über den Bordfunk zu erteilen, und niemand hatte die Möglichkeit, der Bodenstation etwas zu sagen.

Messinger riß die Leine mit der Hand kurz nach Verlassen des Flugzeugs. Eine Luftströmung erfaßte seinen Fallschirm und zerrte ihn aus dem Regen brennenden Metalls. Es war ein gleißend klarer Tag. Messinger beobachtete, wie das rosa und gelbe Land mit seinen grünen Flecken nach hinten verschwand.

Einen Augenblick lang konnte er die Brandung erkennen, dann war er über dem Wasser und trieb immer weiter nach Osten ab. Als er aufs Meer aufschlug, war er fast 20 Kilometer von der Küste entfernt.

Wendorf mußte das Flugzeug ein paar Minuten vor Rooney verlassen haben. Als er sich in die Luft schleuderte, stieß er gegen etwas, das ihn betäubte, so daß er nur halb gewahr wurde, was um ihn vorging, als er stürzte. Doch er konnte sich erinnern, wie der Fallschirm aufging und mit einem sanften Ziehen vom Wind ergriffen wurde. Er sah zu dem Baldachin hinauf. Vier der Fallschirmbahnen brannten.

Ein Fetzen entflammten Stoffs fiel ihm in den Nacken und hinterließ eine Verbrennung. Das bemerkte er kaum, während er sich Sorgen um den Fallschirm machte: Sein Rettungskasten hatte sich in den Umhüllungsleinen verfangen und hinderte so den Fallschirm daran, sich ganz zu öffnen.

»Ich streckte meinen rechten Arm hoch, um die Leinen zu entwirren«, sagte er später, »und er schmerzte. Also versuchte ich es mit dem linken. Und da spürte ich, wie der Knochen unter meiner linken Schulter herausstand. Irgendwie bekam ich die Leinen auseinander. Als letztes weiß ich noch, daß das Feuer in den brennenden Bahnen erloschen war. Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Wasser.«

Rooney und Wendorf kamen etwa fünf Kilometer von der Küste entfernt aufs Wasser nieder, nicht weit getrennt voneinander, doch auch nicht

Die Rakete GAM-72 wird von dem B-52-Bomber kurz vor einem Angriff abgeschossen, um die Aufmerksamkeit der feindlichen Abwehr vom Bomber abzulenken.

nahe genug, um sich über die Wogen hinweg zu sehen.

Alles übrige von den beiden Flugzeugen, elf Millionen Dollar wert und rund 360 Tonnen schwer, stürzte wirr durcheinander auf ein Quadrat von 16 Kilometer Seitenlänge über Land und Meer. Der Tanker zerbarst in ein paar riesige Trümmer und einen Sprühregen von kleinen Stückchen.

Der Bomber hatte sich in Tausende von Stücken aufgelöst. Das größte Teil, das als Ganzes zur Erde stürzte, war das Hech.

Der Explosionsdruck, der das Flugzeug zerriß, sprengte den Bombenschacht auf. Die Verpackung von vier Köder-Attrappen, einem drei Meter langen Täuschungsflugzeug -- es sah auf Radarschirmen wie eine B-52 aus -- und vorprogrammierten Instrumenten, die es wie eine sich auf den Feind stürzende B-52 fliegen ließen, wurde von dem hinteren Gestell gerissen.

Am vorderen Gestell waren die vier Wasserstoffbomben befestigt gewesen; sie hätten mit ihrer Sprengwirkung von je einer Million Tonnen TNT ausgereicht, ganz Südspanien zu vernichten.

Wäre Tea-16 auf dem Weg zu ihrem vorbestimmten Ziel gewesen, so hätte mehr als ein Besatzungsmitglied Knöpfe gedrückt und Schalter betätigt, um mehrere Zündschaltkreise in der Bombe in Gang zu setzen. Einer der Männer hätte eine Platte abschrauben und einen Hebel in die Stellung »Ein« schieben müssen. Dann würde, im entscheidenden Moment, die Hand des Bombenschützen einen gedrungenen Hebel neben sich gefaßt haben, und der Augenblick weltweiter Ängste wäre nur noch Sekunden entfernt gewesen.

Die entsprechenden Signale waren nicht gegeben, die Vorbereitungen nicht getroffen worden. Die Bomben waren deshalb nicht geschärft, nicht »gerüstet«, wie es in der Air Force heißt, und so konnte die komplizierte nukleare Maschinerie nicht in Tätigkeit treten.

Doch sie war vorhanden und verband die wertvollen Brocken radioaktiven Metalls und den Wasserstoffvorrat. Das Bombengestell bog sich und riß entzwei, als das Flugzeug auseinanderbrach, und die Bomben fielen auf das spanische Dorf Palomares und seine Umgebung.

Palomares lag nicht an einer Straße irgendwohin. Obwohl die 16 000-Kilometer-Route von Chrome Dome darüber hinwegführte, war es einfach die Endstation eines gefurchten Wegs, der sieben Kilometer weit über ausgedörrte gelbe Hügel und durch enge Täler zu einer zweispurigen Asphaltstraße lief.

Das Dorf besaß eine Art Platz, eine unregelmäßige, ausgetrocknete Lehmfläche, wo alte Männer vor der Kneipe herumsaßen und plauderten. Einige niedrige Häuser umschlossen den Platz auf drei Seiten. Auf der vierten Seite verlieh ein fensterloser Betonbau dem Platz etwas von Würde. Es war das vor anderthalb Jahren errichtete Kino.

Die meisten der weißgekalkten Ziegelhäuser standen verstreut drunten im Tal oder auf der schmalen Ebene, die sich zum Meer hin öffnete: zu dreien oder vieren zusammengedrängt und fast alle mit einem Büschel purpurner Winden oder sorgsam gepflegter Dotterblumen verziert.

Da und dort standen Betontonnen, bis zum Rand mit grünem Wasser gefüllt. In einigen Häusern hatte man als Neuerung eine Installation mit Tanks im Dach, Pumpen und Zisternen anlegen lassen, seit vor 15 Jahren der Exportmarkt für Wintertomaten und damit eine Quelle für Bareinnahmen erschlossen worden war.

Montag, der 17. Januar 1966, war ein gewöhnlicher Montag zur Hauptzeit einer gewöhnlichen Tomatenernte in Palomares. Die saftigen roten Früchte hingen dicht an den von Rohrstöcken gestützten Ranken. Sie wuchsen wirr durcheinander auf kleinen Äckern, die durch ebenso kleine Bohnen- und Maisfelder voneinander getrennt waren.

Einst hatte das Land Schätze hergegeben, Kupfer, Blei und andere Mineralien. Niemand konnte sich erinnern, wie lange es her war, daß die Minen gegraben wurden, doch Doña Antonia Navarro Mula, die stattliche Frau des Bürgermeisters, entsann sich, gehört zu haben, daß ihr Urgroßvater in den Hütten auf dem Hügel und am Meer gearbeitet und zuweilen die Barren auf einem Eselskarren nach dem 640 Kilometer entfernten Madrid transportiert habe.

Die Minen waren Anfang des Jahrhunderts erschöpft gewesen. Überall gab es offene Schächte, sie sahen wie Krater in den Feldern aus, aber sie reichten in Tiefen hinab, die keinem Dorfbewohner bekannt waren.

Als die Minen geschlossen worden waren, brachen für Palomares harte Zeiten an. Die Leute machten sich an den Ackerbau, aber Weizen und Mais wuchsen niedrig und spärlich. Zahlreiche Männer gingen fort, um weit weg in Fabriken und Hütten zu arbeiten. Sie schickten Geld nach Hause, und wenn sie zu ihren Familien zurückkehrten, verwendeten sie ihre mitgebrachten Ersparnisse, um weiteres Land und einige Tiere zu kaufen und so dem widerspenstigen Boden etwas mehr Nahrung abzuringen.

Über Palomares kennt der Himmel keine Grenzen. Er erstreckt sich strahlend klar, soweit der Blick reicht. Die Menschen in dem einsamen Dorf warteten jetzt jeden Morgen zwischen zehn und elf Uhr darauf, daß zwei sich nähernde weiße Streifen am Himmel erschienen und zwei winzige Flugzeuge eine seltsame und kurze Umarmung vollführten. Dem SAC war noch nicht bewußt geworden, daß sein höchst geheimer Zeitplan so gut bekannt war.

Vormittags um 10 Uhr am Montag des Unglücks blickte der 68jährige Eduardo Navarro Portillo vom Gewirr seiner Tomatenranken auf. Das Feld lag unmittelbar hinter dem Haus, das jetzt leer stand, weil Navarros beide Töchter geheiratet hatten und seine Frau Anna zu Besuch bei ihrem Sohn in Barcelona war.

Navarro sah einen Augenblick lang zwei Flugzeuge übereinander, fast im Huckepack. Im nächsten Moment erfolgte eine heftige Explosion. Ein Feuerregen ging nieder. Ein glühender, verbogener Metallbrocken fiel auf das benachbarte Feld. Navarro beobachtete ihn, gelähmt von Furcht. Dann sah er ein anderes großes Stück, wie er meinte, auf den Laden seiner Tochter zustürzen, und so lief er hin, um sie und ihre Kinder zu retten.

Weil er rannte, sah er nicht die große Röhre hinter seinem Rücken aufschlagen. Sie landete neben der steinernen Stützmauer seines Tomatenfelds und gab ein betäubendes Brummen von sich. Trockene Erde wirbelte in alle Richtungen. Später entdeckte Navarro in der Hauswand einen Riß. Der Riegel war aus der Tür gesprengt. Die Fenster waren zersprungen, und ein Fenstergriff fehlte. Tage später fand Navarro ihn weit entfernt auf einem Acker.

Um 10.22 Uhr am Montag des Unglücks korrigierte Pedro Domingo Sãnchez Gea am ungestrichenen Pult im Schulzimmer Rechenaufgaben, während 51 kleine Buben den Kopf über die neuen Aufgaben beugten. In dem langen, weißen, rechteckigen Schulgebäude gab es zwei Räume und auf beiden Seiten große Glasfenster. Es war der Stolz des Dorfes.

Sãnchez und seine Frau genossen bei den Dorfbewohnern hohes Ansehen, und zwar nicht nur wegen der Schule, sondern auch wegen der kleinen Apotheke, die der Lehrer in einem Raum hinter der kleinen Küche eingerichtet hatte. Im Dorf gab es keinen Arzt, und wenn Sãnchez auch nicht als Apotheker ausgebildet war, besaß er doch genügend pharmazeutische Kenntnisse, um Mittel gegen Husten, Fieber und Infektionen zu verordnen und Injektionen und Impfungen vorzunehmen.

An jenem Montag vernahm Sãnchez zuerst einen brausenden Widerhall und dann ein wütendes Beben. Er hielt es für ein Erdbeben und sagte den Kindern, sie sollten ruhig bleiben. Doch seine Frau Milagro hatte die Feuerkugel und die große weiße Wolke gesehen. Sie lief in die Schule, um es ihrem Mann zu sagen. Er blickte hinaus und sah die Wrackteile vom Himmel fallen.

»Ich räumte die Schule« erzählte er später. »Wir rannten in die Tomatenfelder und riefen den Kindern zu, sich so weit wie möglich voneinander zu entfernen. Ich sagte ihnen, sie sollten sich auf der Erde ausstrecken. Dann wollte ich in unser Haus zurückkehren. An dem Tag waren unsere Kinder krank. Sie lagen allein im Bett. Aber wir kamen nicht heim. Ein riesiges Wrackteil stürzte vor uns nieDer Gegenstand, den er hatte herabschießen sehen, war der Bombenschacht mit seinen paar Tonnen verbogenen, bleigrauen Metalls. Er fiel auf die Straße, 25 Meter von der Schule und dem Haus der Sãnchez entfernt. Als der gewaltige Klumpen herunterkam, zerriß er die einzige Stromleitung, die an den schmalen Pinienpfosten ins Dorf führte.

Noch immer fielen Wrackteile vom Himmel, doch Sãnchez und seine Frau liefen zu ihren Kindern und brachten sie zu Nachbarn. Dann rannte der Lehrer wieder auf die Felder.

Jemand fuhr auf einem Motorroller vorbei. Sãnchez wußte nicht, wer es war, aber er winkte, sprang auf und hielt sich am Gürtel des Fahrers fest »Bring mich dorthin«, schrie er und zeigte auf einen großen Flammen- und Rauchwirbel über einem Hügel hinter dem Dorf.

Alles rannte über die Felder und sah auf den Hügeln nach, was heruntergefallen sei. Nun wurde den Leuten bewußt, daß es sich um einen gewaltigen Flugzeugunfall handelte, und alle dachten an die Menschen: an die Menschen aus dem Dorf, die von den Trümmern getroffen sein mochten, und an die Menschen aus den Flugzeugen, über die das Unheil hereingebrochen war.

Sãnchez fand keinen, der Hilfe gebraucht hätte. Zusammen mit anderen warf er Erde auf die brennenden Wrackteile des Tankers. Als sich die Flammen legten, fanden sie Leichen. Sie mußten noch mehr Erde werfen, um das in menschlichem Fleisch glosende Feuer zu löschen.

Am frühen Nachmittag machte sich zier Lehrer auf den Heimweg. Er zitterte. So verordnete er sich ein Glas Ricote und eine Passiflorin-Tablette, ein Beruhigungsmittel für die Nerven.

Niemand im Dorf war verletzt. Der Unfall war natürlich eine Tragödie, aber, wie es schien, nicht für Palomares. Sämtliche Dorfbewohner empfanden Sympathie für die Menschen, die so schauerlich vom Himmel gestürzt waren. Es gab viele Einzelheiten, viele kleine Neuigkeiten zu erzählen, viele erstaunliche Berichte auszutauschen.

Milagro hatte einiges gehört. Mit geweiteten Augen fragte sie ihren Mann: »Hast du die Bombe gesehen?« Er hatte sie nicht gesehen, doch das konnte man sich nicht entgehen lassen. Sie stiegen in ihr kleines Auto und fuhren zum Acker Navarro Portillos, und dort lag sie, ein langes Geschoß, teilweise unter Erde begraben. teils gebrochen, aber zweifellos eine Bombe.

Sie untersuchten die Bombe. Sie schien harmlos zu sein. Sãnchez gehörte zu »den wenigen in Palomares, die von Kernwaffen gehört hatten, aber er kam keinen Augenblick auf den Gedanken. eine Atombombe vor Augen zu haben. Der Schrecken des Tages hatte ihn erschöpft. Um drei Uhr war er wieder daheim und fiel ins Bett.

Kaum war er eingeschlafen, als Don Juan, der Arzt aus Cuevas, an die Tür klopfte, um ihn zu holen. Wie zahlreiche Menschen aus der ganzen Gegend hatte auch Dr. Juan Miguel Garcia die Explosion in der Luft gehört und den Metallregen und einige Fallschirme gesehen. Über 500 Menschen: alle, die ein Transportmittel fanden, eilten nach Palomares, getrieben von instinktiver Bereitschaft zu helfen und ebenso von unwiderstehlicher Neugierde.

»Wir müssen die Leichen sammeln«, sagte der Arzt zum Lehrer. Miteinander gingen sie zu dem aschgrauen Hügel zurück. Man hatte einfache Särge gebracht und bemühte sich, die menschlichen Überreste ehrerbietig einzusammeln. Einige Leichen waren verstümmelt. Was man fand, legte man in zwei Kisten, später in fünf Särge. Das sollte zu einigen bürokratischen Schwierigkeiten führen, als die Air Force die Opfer abholen wollte. Im Tanker waren nur vier Männer gewesen.

Vormittags um 10.22 Uhr am Montag des Unglücks besuchte Manolo González die Schule, wo seine junge Frau Dolores Alegria die Mädchenklasse unterrichtete. Manolos Vater ist Don José Manuel González Fernandez, der Bürgermeister von Palomares.

Als Don Josés Sohn hatte es auch Manolo zu Ansehen und verhältnismäßiger Bequemlichkeit gebracht. Er war Elektriker, besaß einen kleinen Citroën-Lieferwagen und ein neues Haus.

Als er an diesem Montag den donnernden Lärm hörte, lief er wie die Mädchen im Schulzimmer ans Fenster. Er drängte sich zwischen ihnen zur Tür, um zu sehen, was vorging; in einiger Entfernung, auf der anderen Seite des Dorfes, sah er einen Fallschirm langsam zur Erde sinken. Manolo sprang in den Citroën, hetzte ihn über den Fuhrweg und auf den Hügel zu, wo der Fallschirm niedergegangen war.

Er brauchte nicht lange zu suchen. Der weiß-orange Baldachin war wie eine Erkennungsmarke über die Stoppeln gebreitet. Manolo lief zu dem Mann. Zuerst hielt er ihn für tot. Der Schleudersitz, in den er noch immer festgeschnallt war, überdeckte den schlaffen Körper wie ein eingestürztes Dach. Vorsichtig kippte ihn Manolo zurück und entdeckte eine Möglichkeit, den Sitzgurt zu öffnen.

Der Mann atmete, obwohl sein Gesicht und seine Hände schlimm verbrannt waren. Mit anderen Dorfbewohnern hob Manolo ihn auf und trug ihn zum Wagen. Inzwischen hatte der Radarnavigator Hauptmann Ivens Buchanan das Bewußtsein wiedererlangt. Manolo fuhr ihn in die nächstgelegene Stadt, nach Vera, und übergab ihn im Krankenhaus der Fürsorge eines Arztes. Dann eilte er nach Palomares zurück, um zu sehen, was er noch tun könne.

Vormittags um 10.22 Uhr am Montag des Unglücks rasierte sich Roberto Puig im Badezimmer seines bäuerlichen, aber stilvoll umgebauten Hauses in Mojácar. Mojácar ist, auf steilen Terrassen unter dem Gipfel eines Kegelberges angelegt, ein Überbleibsel der Mauren.

Als er an diesem Montag das Feuer und den Trümmerregen durchs Fenster sah, beeilte er sich mit dem Rasieren und fuhr nach Palomares, um einen weiteren Blick auf das zu werfen, was er das »schöne, prachtvolle Schauspiel« nannte.

Wie viele andere spazierte er über die Hügel. Weit droben, hinter der hohen Friedhofsmauer, stieß er auf einen Zylinder, der in einem Krater stand Er stieß ihn mit dem Fuß beiseite und zerrte an der schweren Röhre, aber sie stak zu tief im Boden, als daß er sie hätte herausziehen können.

»Ich war in der Armee, bei den Pionieren«, sagte Puig später, »daher wußte ich, daß es eine Bombe war. Sie war sonderbar, hatte keine Flossen, doch ich wollte wissen, ob sie einen Zünder besaß. Ich kniete mich nieder und stemmte mich dagegen, konnte sie aber nicht bewegen. Ich hielt es für gefährlich, Gewalt anzuwenden.

»In der Nacht fühlte ich mich erbärmlich. Ich konnte überhaupt nicht schlafen. Ich hielt es nicht für wichtig und schob es auf die Aufregung. Am anderen Tag entdeckte ich ein Mal unterm Knie, wo ich die Bombe berührt hatte. Es war wie eine Verbrennung. Als ich schließlich erfuhr, daß es eine Atombombe war, wußte ich, daß ich eine radioaktive Verbrennung erlitten hatte. Ich habe sie tatsächlich berührt, wissen Sie. Ich habe die Radioaktivität berührt.«

An jenem Montag des Unglücks sah Pater Francisco Navarrete Serrano in seiner kahlen ebenerdigen Wohnung in Cuevas die Pfarrberichte durch. Als Kaplan des Kuraten von Cuevas, des Paters Enrique Arriaga, war er auch für Palomares und andere einsame Dörfer zuständig, die keine eigenen Priester hatten.

Er hörte den Lärm, ahnte aber nicht, was geschehen war.

Pater Enrique, der gerade in der Schule Religionsunterricht hielt, ließ ihm ausrichten, er solle sofort kommen. Er zog seinen Priesterrock übers graue Perlonsporthemd und eilte ins Freie. Das Auto, das ihn abholte, gehörte dem örtlichen Polizeichef, der bereits den Richter mitbrachte. Pater Enrique rief ein Taxi, und sie fuhren hintereinander nach Palomares.

Dort trennten sie sich und ließen sich zu den Stellen führen, wo man die Leichen gefunden hatte. Mit wachsender Verwunderung erfuhren sie -- als sie die Unmenge von Trümmern zwischen den Häusern und auf den Feldern sahen, wo Männer gearbeitet und Schäfer ihre Tiere versorgt hatten -, daß niemand getroffen worden war, nicht einmal eine Ziege oder ein Huhn.

Pater Francisco ging zu dem brennenden Tanker und sah sich nach Toten im Wrack um. »Ich sah ein Bein auf der einen Seite, einen Arm auf der anderen. Ich wußte nicht, wie viele Leichen es waren, aber ich sprach die Absolution für alle Toten auf dem Hügel, auf dem ich stand.«

Später fand man einen unverstümmelten Leichnam. Um den Hals des Toten hing eine Kette mit einem Kreuz, ein Name und das Wort »katholisch« waren eingraviert. Eine Brieftasche in der Nähe enthielt eine Kennkarte, das Bild einer Frau und zweier Kinder und einige spanische und amerikanische Banknoten.

Vormittags um 10.22 Uhr am Montag des Unglücks blätterte Hauptmann Isidoro Calín Velasco leicht erheitert das Aktenstück auf seinem Schreibtisch durch: den Polizeibericht der letzten Tage. Er war der Chef des Guardia-Civil-Hauptquartiers von Vera. Als er die Explosion hörte, lief er aus seinem Büro.

Von der Schwelle aus sah er eine große Feuerkugel und noch eine kleinere am Himmel, herabstürzendes Metall, teils glänzend, teils geschwärzt, und einige Fallschirme. Ein Mann stürzte durch die Flammen. Sein Fallschirm war nur halb aufgegangen und schien zu verbrennen. Der heftige Landwind verteilte den Trümmerregen über den ganzen Himmel.

Calin hatte eine Not-Telephonverbindung zum Provinzhauptquartier in Almeria. Er rief an. Palomares, das im übrigen rechtlich zu Cuevas gehörte, unterstand der Polizeigewalt seines Postens in Vera. Dann brach er mit 14 Leuten auf, befahl ihnen, die Motorräder der Verkehrsstreifen zu nehmen, setzte einen Geländelastwagen seines Postens und alle übrigen verfügbaren Transportmittel ein.

Während Calin unterwegs war, verständigte das Provinzhauptquartier Flugplätze und Rettungsmannschaften in Sevilla und Granada und die Polizei-Posten in der ganzen Umgebung. Sowie Calin berichten konnte, man habe Fallschirme aufs Meer niedergehen sehen, wurde auch das Marinekommando benachrichtigt. Binnen einer guten Stunde waren reichlich 100 Polizisten in Palomares.

Calin fand einige Feuer noch brennend vor. Als sie erloschen waren, kümmerte er sich darum, daß die Toten nach Cuevas gebracht wurden, wo man sie im Empfangssaal des Rathauses zwischen brennenden Kerzen aufbahrte. Ein Priester hielt einen Totengottesdienst, und die Leute aus der Stadt kamen, um niederzuknien und letzte Ehren zu erweisen.

Der Polizeichef durchwühlte die Felder und sammelte alles, was an Ausweisen und Wertgegenständen gefunden wurde. Wo ein großes Wrackteil lag, stellte er einen Posten auf. Den Dorfbewohnern wurde eingeschärft, nichts zu berühren.

Als er schließlich mit dem Ergebnis seiner Erkundungen zufrieden war, zog Calin einen Kordon um das ganze Gebiet, um weitere Besucher fernzuhalten und die Leute zur Heimkehr zu bewegen.

Ehe er in seine Polizeistation zurückkehrte, um die gesammelten Wertgegenstände zu protokollieren, erkundete Calin die Stimmung im Dorf. Einige Leute grollten mißvergnügt. »Euch wurde nichts wirklich beschädigt. Die Amerikaner haben Flugzeuge und Piloten verloren, es ist tragisch für sie. Was geht euch ab?« fragte er sie.

»Ja«, sagte einer aus dem Dorf, »aber der Schrecken und die Sachen, die vom Himmel heruntergekommen sind. Da war auch eine Bombe.«

»Du erinnerst mich«, antwortete Calín, »an den Mann, der eines Morgens bleich und verzweifelt seinen Freund traf. Der fragte: »Was fehlt dir?' Der Freund erwiderte: »Ich habe eine schreckliche Nacht hinter mir. Er öffnete die Joppe und zeigte auf ein rundes Loch im Hemd.

»Mit der Zigarette hineingebrannt?' »,Nein. Ein Gewehrkugelloch.' »Wie ist das passiert? Das ist ja schlimm.

»,Ja, das war schlimm, aber nicht so schlimm, wie wenn ich das Hemd angehabt und nicht über den Stuhl gelegt hätte.«

Vormittags um 10.22 Uhr am Montag des Unglücks saß Paquita, das neunte der dreizehn Kinder, die Manuel Sabiote Flores gezeugt hatte, im Flur ihres Hauses über den Stickrahmen gebeugt. Sie war zwar erst neun Jahre alt, dennoch hatte sie geschickte Finger.

Paquita sah die Feuerkugel und die fallenden Trümmer, und ehe die Schallwellen der Explosion das Mädchen erreichten, sprang es vom Stuhl auf. Mit fliegenden dunkelblonden Zöpfen rannte sie quer über bebaute Äcker, bis sie an den Hügel kam, wo ihr Vater arbeitete.

Sie war außer Atem. »Sag, Papa«, rief sie, »müssen wir jetzt alle sterben?«

Dieser Montag des Unglücks war einer der Tage, welche die Männer von Villaricos -- dem kleinen Fischerdorf anderthalb Kilometer von Palomares entfernt -- zwangen, trübselig auf ihren Booten zu hocken, Netze zu flicken und Taue zu spleißen. Es herrschte stürmischer Wind, und sie hatten keinen Wellenbrecher, der ihre leichten Vier-Meter-Fahrzeuge bei solchem Seegang vor den nahen Klippen geschützt hätte, daher war das Auslaufen zu gefährlich.

In der Nähe lag ein spanisches Kriegsschiff. Ein norwegischer Tanker stand am Horizont, und ein paar kleine Fahrzeuge kreuzten vor der Küste. Die drei handfesten Schleppnetzboote, die vor Palomares ihre Netze aufs offene Meer hinauszogen, waren von Aguilas heruntergekommen: Die »Dorita«, die »Manuela Orts« und die »Agustín y Rosa« waren unterwegs zu den Garnelenbänken vor Palomares.

Als die Netze ausgeworfen und die Maschinen auf langsame Fahrt gedrosselt waren, hatten die Fischer Zeit, den Blick über die bewegte See und die ruhigen Gipfel hinter der Küste schweifen zu lassen. Alle sahen das Auf blitzen des Feuerbal'ls und den Trümmerhagel, den der Wind auf sie zutrieb.

Francisco Simó Orts, Kapitän der »Manuela« und zugleich Eigentümer der von seinem Bruder Alfonso kommandierten »Agustin«, zählte sechs Fallschirme am Himmel. Einer verschwand bald »hinter der Küste. Die anderen schwebten weiter auf die Boote zu.

Zwei der Fallschirme -- sie kamen schräg auf sein Boot zu -- sahen anders aus als die weiter entfernten. Einer sank gemächlich und ohne im Wind zu schaukeln. Simó sah entsetzt, daß etwas daran hing, das ihm wie ein halber Mensch vorkam, ein Oberkörper mit etwas darunter, das scheußlich flatterte. Es sah wie Eingeweide aus. 25 Meter von Simós Boot entfernt setzte es aufs Wasser auf und versank rasch.

Simó konzentrierte sich auf den zweiten, wesentlich größeren Fallschirm, der ruckweise schwankend direkt auf die »Manuela« zukam. Simó manövrierte etwas mit seinem Boot und beobachtete, wie der Fallschirm über ihn wegglitt. Seine Last war unversehrt.

Gegen die Sonne blinzelnd konnte der Fischer nicht sagen, ob das, was wie ein Mensch aussah, lebendig und beweglich oder starr war. Jedenfalls bereitete er sich eilends auf eine Rettungsaktion vor. Er hatte den Fallschirm schätzungsweise sieben bis acht Minuten lang beobachtet. Etwa 75 Meter seewärts vom Boot berührte er das Wasser, und Simó fuhr auf ihn zu.

Als er an der Stelle ankam, war der Fallschirm mit allem Zubehör bereits tief unter dem Meeresspiegel versunken.

Simó merkte sich die Stelle. Die Garnelen verkauften sich zwar gut, waren aber nicht im Überfluß vorhanden. Ein kluger, erfolgreicher Fischer sorgte Tag für Tag dafür, den Teil des Meeres im Gedächtnis zu behalten, den er abgeerntet hatte. So konnte er an anderen Tagen andere Plätze bearbeiten, bis die Natur ihre Vorräte wieder ergänzt hatte.

In dieser Gegend besaß man keine kunstvollen Navigationsgeräte. Die Garnelenfischer visierten eine bestimmte Berg-Silhouette und dann einen anderen Gipfel oder einen der hohen Kamine des alten Bergwerks an und ermittelten so ihren Standort auf dem Wasser fast genauso präzis wie ein Funkpeilgerät.

Simó kannte jede Einzelheit der Küste auswendig. Er brauchte nur Sekunden, um sich den Punkt einzuprägen, wo seiner Ansicht nach ein Flieger sein Grab gefunden hatte. Auch merkte er sich, daß der Fallschirm dieses Fliegers grau-weiß gewesen war, anders als die weiß-orangefarbigen Baldachine, die sich in der Nähe der anderen Boote niedergelassen hatten.

Während die Fallschirme noch hoch am Himmel schwebten, berechnete Bartolomé Roldán Martinez, der Kapitän der »Dorita«, aus Entfernung und Windstärke die Stelle, wo sie niedergehen mußten. Die Netze einzuholen hätte zu lange gedauert. Er ließ sie etwas höher ziehen, so daß sich das Boot besser bewegen konnte, und fuhr auf den nächsten Fallschirm zu.

Zehn Minuten nachdem Hauptmann Wendorf aufs Wasser niedergegangen war, hatte sich Roldán genügend genähert, um einen Rettungsring auszuwerfen. Er hörte ein schmerzliches Stöhnen, als der Mann einen Arm um den schwimmenden Ring zu legen versuchte und es dann mit dem anderen Arm probierte, und er sah, daß der Mann sehr blaß war.

Die Fischer holten die Leine ein und packten den Mann am freien Arm, um ihn ins Boot zu ziehen. Die Spanier legten eine Matratze aufs Deck und zogen Wendorf geschickt jeden Fetzen seiner triefenden Kleidung aus. Während sie ihn in Decken hüllten, beschleunigte Roldán die Motoren und nahm Kurs auf den zweiten Fallschirm.

Wendorf sah schweigend zu. Bei jedem Schlingern des Bootes erkannte er Mike Rooney im Wasser. Als Rooney den Rettungsring zu fassen bekam und nach dem Bootsrand griff, beugte sich Roldán vor, um ihm vorsichtig an Bord zu helfen. Dabei sah er, daß die Hose am Gesäß des Mannes bös zerfetzt und blutgetränkt war. Die Spanier schlossen die Wunde, so gut sie konnten, und verbanden sie notdürftig.

Zur gleichen Zeit näherte sich die »Agustin y Rosa« dem einzigen übrigen Fallschirm, der noch in etwa fünf Meilen Entfernung auf dem Wasser sichtbar war. Es war der von Major Messinger. Die »Manuela«, die ein Funkgerät besaß, kreuzte auf. Roldán rief Simö zu, er habe zwei Überlebende, die ärztliche Hilfe brauchten, und er bat, einen Funkspruch nach Aguilas durchzugeben, damit ein Krankenwagen am Dock bereitstehe. Dann fuhr er mit voller Kraft heimwärts.

Als die Amerikaner auf ihren Matratzen lagen und sich allmählich be-

* Piloten Wendorf, Messinger und Rooney im Hospital des US-Stützpunktes Torrejón.

wußt wurden, daß sie wirklich mit dem Leben davongekommen waren, begannen sie miteinander zu reden. »Eines hätte den Tag ganz komplett gemacht«, sagte Wendorf, »wenn sich nämlich herausgestellt hätte, daß das ein russisches Fischerboot war.« Sie mußten sich in Erinnerung rufen, daß sie über Spanien waren, als »es« geschah, und daß der Wind sie aufs Wasser getrieben hatte. Er konnte sie nicht quer über Südeuropa getragen haben.

»Außerdem«, sagte Rooney, »habe ich in der Schule etwas Spanisch gehabt. Es klingt irgendwie nach Spanisch, das Zeug, das sie plappern.«

Wendorf dachte darüber nach. »Ja«, sagte er »sie sagen nicht 'njet'. Hab's kein einziges Mal gehört. Ich schätze, es sind keine Russen.«

In Aguilas warteten der Chef der Guardia Civil, der Hafenmeister und ein Krankenwagen gemeinsam mit der Menge Neugieriger, die sich immer einfand, wenn ein Schiff einlief. Die beiden Geretteten wurden ins Krankenhaus geschafft. Etwas später brachte die »Agustín y Rosa« Major Messinger.

Die Amerikaner bekamen frische Krankenhauspyjamas und Beruhigungsmittel. Sie taten ihr möglichstes, um die Air Force zu verständigen, und versuchten, sich zu entspannen. Für sie schien die Prüfung fast durchgestanden.

IM NÄCHSTEN HEFT

Das SAC-Hauptquartier alarmiert den atomaren Sicherheitsapparat -- US-Botschafter Duke beschwichtigt Spaniens Regierung -- Suchtrupps in Palomares finden die erste der abgestürzten H-Bomben

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