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ATOMTESTS Haar verloren

US-Soldaten, die in den 50er Jahren an Atomtests teilgenommen haben, leiden an Krebs und Leukämie.
aus DER SPIEGEL 37/1978

Der Gegner ist unsichtbar, nur vom Geigerzähler auszumachen. Er durchdringt mühelos die Wände von Regierungsgebäuden in Washington, verseucht das Trinkwasser in Virginia, verdirbt den Weizen auf den Feldern in Arkansas.

Wer von ihm getroffen wird, trägt Erbschäden davon oder stirbt, meistens einen langsamen und qualvollen Tod.

So stellen sich amerikanische Militärs die Auswirkungen radioaktiver Strahlung in den USA vor. Sie wissen, wovon sie reden, denn sie haben den Strahlenkrieg schon geübt: Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre bei Versuchen mit US-Soldaten in der Wüste von Nevada.

Die Kriegstechniker untersuchten dabei vor allem die bei Atomexplosionen freiwerdenden radioaktiven Strahlen und ihre Auswirkung auf die Einsatzbereitschaft der Truppe.

Wieder aufgedeckt wurden die gefährlichen Strahlenexperimente durch die »Washington Post«, weshalb sich der Kongreß-Unterausschuß für Gesundheit und Umwelt jetzt mit den Atom-Versuchen eingehend befaßt.

Bei den seit Januar dieses Jahres stattfindenden Hearings interessierte die Abgeordneten vor allem der Zusammenhang zwischen den Strahlentests und der zunehmenden Zahl früherer Soldaten, die vorgeben, sie seien als Folge der Experimente an Krebs oder Leukämie erkrankt.

Schon jetzt scheint sicher, daß amerikanische Soldaten über ein Jahrzehnt lang als menschliche Versuchskaninchen mißbraucht wurden.

Beispiel: Am 31. August 1957 zündeten US-Militärs den Atomsprengsatz »Smoky« in der Wüste Nevada, viermal so stark wie die Hiroschima-Bombe. Ein Beobachter: »Der radioaktive Fallout war der größte, den ich je auf dem Testgelände erlebt habe.«

Wenige Stunden nach der Atomexplosion schickten die Militärs bereits 1140 Soldaten in das verseuchte Testgelände. Sie sollten den Einsatz unter »atomaren Kriegsbedingungen« üben. Die Strahlungsstärke, der die Soldaten dabei ausgesetzt waren, ist bis heute Geheimsache des Pentagon.

Die Armee war mit den Ergebnissen der Menschenversuche zufrieden. Ein Report verzeichnete militärisch knapp das Ergebnis: »Es gab keinen Anhaltspunkt für Furcht bei den eingesetzten Truppenteilen.«

Mit dem Atomtest Smoky waren die Armee-Experimente aber keineswegs abgeschlossen. Noch bis 1962 bombte die Armee in der Nevada-Wüste weiter, und immer wieder testete sie dabei Soldaten.

Energisch dementierten das Pentagon und die Atomenergie-Behörde jeden Zusammenhang zwischen der radioaktiven Strahlung und den später aufgetretenen Krankheiten, doch die in den Kongreß-Hearings aufgetauchten Fakten beweisen das Gegenteil.

Die Regierung nimmt die Langzeitwirkung atomarer Strahlen inzwischen ernster, als sie zugibt. 139 Bewohner des ehemaligen Atombomben-Testgeländes auf dem Bikini-Atoll, die 1968 nach der angeblichen Entseuchung auf ihre Insel hatten zurückkehren dürfen, mußten letzten Monat erneut umziehen -diesmal vermutlich für immer.

Bis zu 300 000 Soldaten, so schätzt das Pentagon, haben zwischen 1948 und 1962 an den Atomtests teilgenommen. Zwar galt der größte Teil davon nur als Beobachter, mindestens 40 000 aber waren der radioaktiven Strahlung -- nach Meinung der Atomwissenschaftler der U. S. Army nur der zulässigen Dosis -- direkt ausgesetzt.

In Wahrheit haben allein 900 Personen, das mußten Pentagon-Offizielle jetzt zugeben, bei Strahlentests zwischen 1951 und 1962 höhere Anteile an Gamma- und Beta-Strahlen aufgenommen, als zulässig war. Bei einigen Versuchen hatten nicht einmal alle Soldaten Strahlen-Dosimeter, jene Spezialgeräte, die ihnen den Strahlungsgrad anzeigen sollten.

Andere, die solche Geräte besaßen, konnten sich nicht darauf verlassen, sie zeigten zu niedrige Werte an. Der radioaktive Staub, den viele Soldaten einatmen mußten, konnte mit den vorhandenen Instrumenten überhaupt nicht gemessen werden.

Im Rollstuhl gab erst kürzlich einer der Geschädigten vor dem Kongreß zu Protokoll, wie sich die Radioaktivität be« ihm ausgewirkt hatte. Ex-Soldat Russel J. Dann: »Ich verlor mein Haar in Büscheln, meine Zähne fielen aus. und mein linkes Ohr wurde taub.«

Der so Geschädigte gehört noch zu denjenigen Soldaten, die glimpflich davongekommen sind. Mindestens 2400 andere Testteilnehmer, so berichtete die »Washington Post« im August, hätten noch weit schlimmere Schädigungen erlitten. Die Diagnose bei ihnen lautet auf Leukämie oder Krebs.

Aufgeschreckt durch diese Zahlen ein Mehrfaches der durchschnittlichen Krebsquote -- hat das Pentagon jetzt eine umfassende Untersuchung aller Atomtests angeordnet.

Sie ist aber nicht leicht zu führen. Bis heute nämlich gibt es keine genauen Listell aller Testteilnehmer. Und auch die jeweilige Strahlendosis ist nicht bei allen Tests genau erfaßt worden.

Helfen soll ein kostenloser Telephonservice des Pentagon. Unter der Rufnummer (800) 638-8300 können sich alle früheren Testpersonen rund um die Uhr im US-Verteidigungsministerium melden. Sie werden dann von Offizieren nach Einzelheiten der Atomtests befragt, an denen sie teilgenommen haben.

Allein in den ersten vier Tagen riefen 2000 frühere Soldaten an. Die Army hofft, mit den Zeugenaussagen und den noch vorhandenen Testunterlagen alle Atomversuche rekonstruieren zu können. Vizeadmiral Robert Monroe: »Auf uns lastet eine schwere Verantwortung gegenüber den Betroffenen.«

Inzwischen sind selbst Befürworter der Atomversuche skeptisch geworden. Major Skerker, ein mit der Untersuchung beauftragter Armee-Offizier: »Die Bedeutung der biologischen Auswirkungen von Beta- und Neutronenstrahlen wird immer offensichtlicher.«

Dieser Meinung war wohl auch der »Board of Veterans Appeals«, eine Behörde, die Rentenansprüche und die Krankenversorgung ehemaliger US-Soldaten regelt.

Anfang August sprach der Board dem Ex-Soldaten Donald Coe, Teilnehmer am Atomtest Smoky, volle Arbeitsunfähigkeit zu. Begründung: Radioaktive Strahlen seien »höchstwahrscheinlich« der »ausschlaggebende Faktor« für Coes unheilbare Leukämieerkrankung.

Die unerwartet eindeutige Entscheidung hat weitere ehemalige Soldaten veranlaßt, gleichfalls auf Invaliditätsrente zu plädieren. Ein Angestellter der Behörde: »Da kommen noch Tausende von Anträgen auf uns zu.«

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