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Briefe

Haarscharf vorbei
aus DER SPIEGEL 33/1981

Haarscharf vorbei

(Nr. 29/1981, Brecht)

Gegen die Heyme-Konzeption der »Dreigroschenoper« hatte ich im WDR, DLF und in drei Beiträgen für die »Allgemeine jüdische Wochenzeitung« Bedenken vorgetragen. Andererseits kam auf meinen Wunsch ein Gespräch zustande, mit dem ich eine Klärung und ein Ende der Auseinandersetzungen herbeiführen wollte. Danach war für mich die Angelegenheit erledigt. Welch schändlich-erbärmliches Spiel, Heyme jetzt mit einem partiellen Berufsverbot zu belegen und dafür das dümmliche Argument des Antisemitismus anzuführen. Würde man diesen Maßstab nur an die alten Nazis anlegen!

Köln GÜNTHER BERND GINZEL

Brecht hat, nachdem er schon in Ost-Berlin wohnte, am 21. Mai 1950 an Peter Suhrkamp geschrieben: »Lieber Suhrkamp, natürlich möchte ich unter allen Umständen in dem Verlag sein, den Sie leiten. Herzlichst Ihr Bertolt Brecht.« Es war also Brecht selbst, der sein Werk einem westdeutschen Verlag anvertraut hat.

Der Vertrag, der dies regelte, wurde nach dem Tode Brechts von Helene Weigel und nach dem Tod von Helene Weigel von den Brecht-Erben bestätigt. Es gibt nicht zwei Brecht-Erben, wie Sie schreiben, sondern drei gleichberechtigte. Vertragspartner für die Theater sind nicht die Brecht-Erben, von denen Sie schreiben, sie hätten »wieder zugeschlagen«, sondern ausschließlich der Suhrkamp Verlag.

Die Unterstellung dauernder Verbote ist falsch. Der Verlag ist zur Wahrung der Werktreue vertraglich verpflichtet. Über das eigentliche Problem, jenen möglichen Widerspruch zwischen der Wahrung von Werktreue und künstlerischer Freiheit, geht der SPIEGEL leichtfertig hinweg.

Der Suhrkamp Verlag verweigert Hansgünter Heyme seit seiner werkverfälschenden, antisemitische Akzente setzenden Inszenierung der »Dreigroschenoper« in Köln weitere Inszenierungen Brechts, solange Heyme auf dieser antisemitischen Interpretation beharrt. Im Punkte Antisemitismus bleiben wir intransigent. Wir haben also dieses Verbot gegenüber Heyme ausgesprochen, zuvor einmal eine Zusage für eine Uraufführung zurückgezogen und die Aufführung eines Films, der ohne Genehmigung gedreht wurde, untersagt.

Das waren »Verbote« des Suhrkamp Verlages.

Frankfurt DR. SIEGFRIED UNSELD Suhrkamp Verlag

Siegfried Unseld argumentiert haarscharf an dem vom SPIEGEL Vorgebrachten vorbei: Für die heutige Situation ist nicht interessant, welche Abmachungen Brecht zu Lebzeiten traf, sondern wie die momentanen Konditionen zwischen den Erben und dem Suhrkamp Verlag aussehen. Vertragspartner der westdeutschen Theater ist zwar der Suhrkamp Verlag, doch bei allen Aufführungen an Großstadtbühnen mußten, zumindest bis zum Heyme-Fall, Regisseur und Hauptdarsteller von Barbara Brecht-Schall gebilligt werden. Es gibt drei Erben, doch in der Praxis zwei »Erbregionen«. Stefan Brecht hat z. B. »Maßnahme«-Aufführungen in den USA erlaubt, Barbara Brecht verweigert Aufführungen in Deutschland die Zustimmung. -- Red.

Sie schreiben, mein Erbe besteht aus Rollen von Brecht: In München geht fast nichts ohne mich. Die Wahrheit ist: Ich habe in meinem ganzen Leben in München zweieinhalb Mal Brecht gespielt. Das erste Mal noch unter Schweikart und Engel die Virginia in »Galilei«, das zweite Mal »Die Gewehre der Frau Carrar«, beides in den Kammerspielen. Und im letzten Winter die »Kleinbürgerhochzeit« in der Drehleier -- aber nur bis zur Premiere wegen einer Virusgrippe. Ich wurde dazu aufgefordert.

Im übrigen stehe ich in der Sache Heyme ganz auf der Seite meiner Schwester Barbara und des Suhrkamp Verlages (er macht die Verträge). Ich bin dagegen, in der »Dreigroschenoper« den Peachum antisemitisch zu interpretieren. Das ist ein Affront gegen Brecht.

Aigen (Österreich) HANNE HIOB

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