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»HABEN SIE AUFGEMUCKT, HERR PROFESSOR?«

aus DER SPIEGEL 8/1968

SPIEGEL: Sie wollen, Herr Professor, sich nicht länger von Studenten als ein -- wir zitieren frei nach der »FAZ« -- »um seine Rechte winselnder Autokrat« apostrophieren lassen. Sie wollen nicht länger hinnehmen, daß man alle Lehrveranstaltungen der Universität als »sterile Langweilerei« hinstellt. Sie sehen sich vor die Wahl gestellt, entweder aus der beschimpften »Korporation« der Professoren auszutreten »oder aber die Gegnerschaft anzunehmen«. Nun ist der Ton der Studenten ohne Zweifel häufig »rüde, erbittert bis zur Bosheit und herrisch doch laufen die Forderungen der Studenten inhaltlich auf ein Ziel hinaus, dem prima fade öffentliche Sympathie sicher ist, nämlich auf »Demokratisierung der Universität«.

HENNIS: Wer der deutschen Universität wohlwill, der wird sie nur als freie, verantwortliche, allen ihren Angehörigen ausreichend Mitbestimmung und Anhörung gebende wollen. Ich bin durchaus der Meinung, daß der Universität eine bessere demokratische Durchlüftung gut tut. Wir müssen mehr voneinander wissen, mehr miteinander sprechen. Das gilt für die Institute, die großen Fachbereiche, aber auch für die Spitze. Wir machen in Freiburg gute Erfahrungen mit Studienausschüssen, in denen Dozenten, Assistenten und Studenten gemeinsam alle anstehenden Fragen durchsprechen. Aber auch der beste Wille stößt in der heutigen Universität schnell an Grenzen.

SPIEGEL: Sachliche Grenzen? Psychologische Grenzen?

HENNIS: Die wechselseitige Animosität und das schleichende Mißtrauen, die das Klima an der Universität zu verpesten drohen, sind eine Konsequenz des uferlosen »Ausbaus« der Universitäten. Man kann eine Universität doch sowenig wie einen Luftballon grenzenlos aufblasen.

SPIEGEL: Wie anders soll man dem Ansturm von Studenten begegnen?

HENNIS: Die Engländer sind auf dem besten Wege, in einem Zeitraum von 20 Jahren die Zahl ihrer Universitäten zu verdoppeln. Der Bundesrepublik stehen dagegen heute vier voll ausgebaute Universitäten weniger zur Verfügung als dem Deutschen Reich der Vorkriegsjahre. Dabei haben wir siebenmal soviel Studenten.

SPIEGEL: Sie sprechen von »besserer demokratischer Durchlüftung. Aber gilt das soziale Klima der deutschen Universität nicht als besonders muffig und autoritär?

HENNIS: Die deutschen Universitäten liegen in Deutschland -- Probleme der Gesamtgesellschaft müssen auch die ihrigen sein. Gewiß wird man in der Universität hier und da auf Herrenmenschen-Allüren stoßen -- genauso wie in deutschen Schulen, Gerichtssälen oder Redaktionsbüros. Der Feudalstil manches deutschen Ministers -- »in meinem Hause« -- soll dem Gehabe dieses oder jenes Klinikchefs ähnlich sein. Niedriger hängen! SPIEGEL: Wer soll das tun?

HENNIS: Jeder, der's sich zutraut. Das Gerede von den autoritären Strukturen in der Bundesrepublik setzt doch ein Volk von Muckern voraus.

SPIEGEL: Aber ist nicht die Abhängigkeit der Studenten und besonders der Assistenten vom Ordinarius so groß, »daß sie in besonderer Weise zur Devotion gezwungen werden?

HENNIS: Die Abhängigkeit ist in der Tat groß, in bestimmten Situationen übermäßig groß. Wir haben faktisch keinen offenen Markt für Assistenten. Ein Student, der kurz vor dem Examen steht und sich mit seinem Professor überwirft, kann die Universität nicht mehr wechseln. Darum brauchen wir in der Tat an der Universität klarere und selbstverständlichere Appellationsmöglichkeiten. Nach bestandener Prüfung muß jedem Kandidaten Einblick in die Prüfungsakten gewährt werden. Hier sollte manches geändert werden. Aber Sie können durch Institutionen nicht Zivilcourage überflüssig machen wollen.

SPIEGEL: Sie waren auch einmal Student und Assistent. Haben Sie aufgemuckt, Herr Professor?

HENNIS: Mein verehrter Göttinger Doktorvater pflegte seinen Doktoranden die Tugenden der Armut, der Keuschheit und des Ungehorsams anzuempfehlen. Wieso die ersten beiden den Fortgang meiner Dissertation fördern sollten, verstand ich nicht so recht. An Nummer drei habe ich mich stets gehalten.

SPIEGEL: Neuerdings hat sich die »Demokratisierungs«-Kampagne der Studenten bis zu der Forderung nach »Drittelparität"* gesteigert, und es sieht so aus, als ob einige Bundesländer, zum Beispiel Baden-Württemberg, jedenfalls eine so oder so »paritätische« Mitbestimmung in den universitären Selbstverwaltungsgremien akzeptieren wollen. Vielleicht äußern Sie sich aber der Einfachheit halber zu der studentischen Maximalforderung nach Drittelparität.

HENNIS: Eine strikt paritätische Zusammensetzung der akademischen Organe wird wohl keinem Landtag und keinem Landesminister vorzuschreiben in den Sinn kommen. Mas-

* Die sogenannte Drittelparität, erstmalig am 29. Juli 1987 vom Hamburger Asta gefordert, bedeutet, daß in den Selbstverwaltungsgremien der Universität drei Gruppen zu Je einem Drittel vertreten sein sollen: die Professoren, der sogenannte Mittelbau (also die Assistenten, akademischen Beamten und nichthabilitierten Lehrbeauftragten) und die Studenten. Die wichtigsten Selbstverwaltungsgremien sind der Senat. in dem heute zumeist nur zwei Studentenvertreter Stimme haben, und die Fakultäten, in denen fast überall Fachschaftsdelegierte nur angehört werden.

senhafte Amtsniederlegungen der Professoren wären die notwendige Folge. Damit Sie mich nicht mißverstehen: Ich bin entschieden für eine breitere Anhörung und verstärkte Mitwirkung der Assistenten und Studenten in allen Angelegenheiten, von denen sie betroffen sind und bei denen sie Sachverstand einbringen können. Aber diese Mitwirkung muß sich orientieren am institutionellen Auftrag der Universität, Forschung und Lehre zu betreiben. Deshalb kann man nun aber nicht das Kind mit dem Bade ausgießen und eine »demokratische« Majorisierung derjenigen erwägen, die die Hauptverantwortung für .die institutionellen Zwecke der Universität tragen. Die Verantwortung für die Universität läge dann bei der Majorität: den Studenten und Assistenten. Das wird im Ernst wohl niemand wollen. Schlimmer finde ich, daß das Prinzip der studentischen Paritätsforderung auf so viel positives Echo der Öffentlichkeit und der Politiker gestoßen ist.

SPIEGEL: Was ist daran schlimm?

HENNIS: Die Verkünder der Drittelparität übertragen ohne viel Bedenken die Verfassungsprinzipien der staatlichen Demokratie auf die Universität. Es soll gesetzgebende und ausführende, handelnde und kontrollierende Organe geben. Alle Gremien sollen durch Wahl von Delegierten aus den drei Gruppen gebildet werden. Die Gleichberechtigung dieser drei Gruppen wird ohne Rücksicht auf den Zweck der Universität schlankweg behauptet. Ob »für die Unterscheidung von Gesetzgebung und Ausführung innerhalb der Universität ein Anwendungsraum gegeben ist, danach wird überhaupt nicht gefragt. Die Studenten übersehen vollkommen, daß das demokratische Modell doch nur dort strikt anwendbar ist, wo man von der Grundlage staatsbürgerlicher Gleichheit ausgehen kann. Mit der schönen alten Formel der »Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden« betreiben sie einen heillosen Begriffsrealismus. Sie starren auf die »Gemeinschaft« und überblicken geflissentlich die kleine Differenz zwischen »Lehrenden« »und »Lernenden«.

SPIEGEL: Wie groß ist die kleine Differenz?

HENNIS: Verantworten heißt doch, für eine Sache einstehen können. Macht ohne Verantwortung ist Despotismus. Wenn heute verlangt wird, die studentischen Vertreter sollten die zuweilen mit großen Ausgaben verbundenen Forschungsprojekte der Institute mitbeschließen, so könnte sich der Staat doch nur dann darauf einlassen, wenn sich die Studenten demselben Amtsrecht unterwerfen würden, das für die beamteten Professoren gilt. Wir müssen einen Amtseid leisten, können wegen Amtspflichtverletzung belangt werden, haften mit unserem Vermögen und schließlich -- nicht ganz unwesentlich -- auch mit unserer Reputation für Fehler und Versagen. Der Student kann nichts Vergleichbares einsetzen. Stellen sich negative Folgen einer von ihm zu verantwortenden Maßnahme heraus, so hat er den Staub der Universität längst von sich geschüttelt.

SPIEGEL: Aber warum bestreiten Sie den Studenten auch die Kompetenz, an der Berufung neuer Ordinarien mitzuwirken? Ist ein Professor der Altphilologie kompetent, wenn es um die Berufung eines Politik-Wissenschaftlers geht?

HENNIS: Mögen der Professor und der Student gleich fachfremd sein, so besteht doch ein wichtiger Unterschied zwischen beiden: Der eine versteht etwas von Berufungen, der andere gar nichts. Der Professor kennt »doch die Eigentümlichkeiten der beteiligten Personen, er kennt die besonderen Anforderungen der Gesamtfakultät. Vor allem aber hat er nach einigen Malen gelernt, die Überzeugungskraft eines Berufungsvorschlags abzuschätzen. Was wir in unserem Beruf doch nun einmal in besonderer Weise trainieren müssen, ist unsere Urteilsfähigkeit in wissenschaftlichen Qualitätsfragen. Und so weiß man sehr schnell, ob es sich bei dem Vorschlag einer Kommission um eine überzeugende, akzeptable, mit argen Mängeln behaftete oder schlechthin unakzeptable Vorschlagsliste handelt. Dem Professor stehen alle Informationsmöglichkelten offen. Er wird sich immer über die Vorgeschlagenen bei jemandem erkundigen können, ·dessen persönliche Urteilskraft er zu beurteilen vermag. Der Student dagegen, der bestenfalls ein Jahr Gelegenheit hat, Erfahrung in diesen Dingen zu sammeln, ist völlig angewiesen aufs Hörensagen oder die Auskunft von Leuten, deren eigene Urteilskraft er nicht beurteilen kann.

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