Zur Ausgabe
Artikel 38 / 66
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

VATIKAN / ARBEITER Habt ihr keine Seele?

aus DER SPIEGEL 10/1966

Die halboffene Mercedes-Limousine

mit dem päpstlichen Kennzeichen »SCV-1« bog in die feuchten Lehmwege der Großbaustelle Pietralata am Stadtrand Roms ein. Zwischen Gerüsten und Zementmaschinen warteten 1000 Bauarbeiter.

Papst Paul VI. drängte durch die Menge, schüttelte Hände und erkletterte ein hölzernes Podium, auf dem ein mit rotem Damast bespannter Sessel - als Papstthron - aufgestellt war. Paul VI. zu den Arbeitern: »Da ihr nicht zu mir kommt, komme ich zu euch.«

Zum erstenmal in der Geschichte des Papsttums besuchte ein Heiliger Vater Roms Proletarier. Sechs Tage später folgte eine zweite Visite. Am Vorabend ihres dreitägigen Streiks empfingen 4000 römische Straßenkehrer den Papst im Werkhof der Stadtreinigungszentrale. Sie schenkten ihm eine Mistkarre en miniature und klatschten Beifall, als er ihnen versicherte: »Je bescheidener eine Gruppe den Mitmenschen erscheint, um so höher ist ihr Rang im christlichen Licht.« Letzten Donnerstag schließlich besuchte der Papst die Arbeiter einer pharmazeutischen Fabrik.

Papst Paul VI., der schon als Erzbischof von Mailand den Kontakt zum Proletariat suchte, will die Arbeiter für die Kirche zurückgewinnen.

Schon Papst Pius XI. (1922 bis 1939) hatte die Kluft zwischen Kirche und Arbeitern als »größten Skandal des Jahrhunderts« beklagt. Doch unter seinem Nachfolger Pius XII. war diese Kluft noch gewachsen. Der Pacelli-Papst bedrohte alle Marxisten mit Exkommunikation und versperrte dadurch seinen Priestern den Zugang zu den Fabriken.

Erst Papst Johannes XXIII. deutete in seiner Enzyklika »Pacem in terris« die Möglichkeit einer Verständigung mit den Marxisten an, und sein Nachfolger Paul VI. weigerte sich, einen neuen Bannstrahl gegen den Kommunismus zu schleudern, wie 450 Konzilsväter letztes Jahr gefordert hatten.

Die Masse der italienischen Arbeiter - auch soweit sie nicht kommunistisch ist - geht heute allenfalls bei Familienereignissen wie Hochzeit und Taufe in die Kirche. Jetzt wurde sie von Paul VI. gefragt: »Habt ihr denn keine Seele?« Dann folgte das Angebot: »Schließen wir wieder Freundschaft, und die Welt der Arbeit wird heiter, christlich und glücklich wie einst sein!« Und schließlich kam das Bekenntnis: »Wir begreifen euch, Wir lieben euch, Wir sind eure Freunde.«

Für seine ersten beiden Ausflüge ins Proletariat hatte Paul VI. sich zwei römische Arbeitergruppen ausgewählt, die fest in Händen der Kommunistischen Partei sind. Kirchenfeindliche Demonstrationen brauchte er dabei nicht zu fürchten: Italiens KP sucht von sich aus den Dialog mit der Kirche und hat der atheistischen Propaganda feierlich abgeschworen.

Die kommunistischen Zeitungen Roms berichteten spaltenlang über die »herzlichen Begegnungen des Papstes mit römischen Arbeitern« ("Paese Sera").

Die Begegnung mit den römischen Stadtreinigern am Vorabend eines Streiks war so herzlich, daß sie zu einer kommunistischen Niederlage führte: Zum erstenmal seit Jahren beteiligte sich nur ein knappes Drittel der Straßenkehrer am Ausstand.

Paul VI. bei Roms Straßenreinigern: Christlich und glücklich wie einst

Zur Ausgabe
Artikel 38 / 66
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.