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Hader um Hymnen

aus DER SPIEGEL 37/1966

Gegen 15 Uhr klingelte an letzten Mittwoch bei dem Dortmunder Eisengießer Willi Daume das Telephon Am Apparat war Professor Werner Ernst, Staatssekretär im Bundesinnenministerium. Er verscheuchte Daumes gute Laune.

Der Staatssekretär behelligte den Präsidenten des Deutschen Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees mit dem leidigsten Hick-Hack in der Geschichte des Sports reit Ende des Zweiten Weltkrieges - dem alle Jahre wiederkehrenden Hader um Hymnen, Flaggentuch und Wappenzeichen

Schlimmes war nach Ansicht der Bundesregierung im Nep-Stadion zu Budapest geschehen. Dort starteten - mit Genehmigung des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) - zum erstenmal bei einer Leichtathletik-Europameisterschaft die Athleten der DDR unter eigener Flagge und eigenem Hammer-und-Zirkel-Emblem. Für ihre Sieger wurde Ulbrichts Becher-Hymne gespielt.

Professor Ernst ersuchte den deutschen Sport-Chef im Auftrage der Bundesregierung, bei der IAAF in Budapest zu protestieren. Falls der Protest erfolglos bleibe, so empfahl Ernst, möge die deutsche Sportführung Konsequenzen ziehen« und ihre Athleten nach Hause schicken. Daume kühl: »Ich nehme diese Bitte zur Kenntnis.«

Am nächsten Morgen wünschten ostdeutsche Sportler ihren westdeutschen Kameraden bereits »gute Reise«. Doch nichts lag den westdeutschen Sportlern ferner als eine vorzeitige Heimreise. Noch in der Nacht zum Donnerstag hatte Daume den westdeutschen Leichtathletik-Präses Dr. Max Danz in Budapest informiert. Die beiden Sport-Chefs waren sich einig: Sie wollten den Bonner Protest an die IAAF weiterreichen. jedoch keinesfalls Konsequenzen ziehen, die im Widerspruch zur Realität stehen würden und daher gerade den Veranstaltern der Olympischen Spiele 1972 in München übel vermerkt werden könnten.

Zwar hatte die IAAF, die den Protest erwartungsgemäß verwarf, ihre Wettkämpfe zu Budapest ursprünglich nach einem 1965 in Madrid gefaßten Olympia-Protokoll abhalten wollen. Nach dieser Regelung sollten in Budapest beide deutsche Mannschaften wie bei Olympischen Spielen unter Olympia-Fahne und mit Beethoven-Hymne starten. Da jedoch die DDR in Ungarn diplomatisch anerkannt ist, gestattete ihr die IAAF - wie auch den Westdeutschen -eigene Tücher und Töne.

Damit hat sich die IAAF zumindest für den Ostblockbereich den übrigen Sportverbänden (Ausnahme: Rudern) angepaßt, bei deren Wettkämpfen außer in den Nato-Ländern seit Jahren die Spalterflagge wehen darf. Selbst die Nato-Front vermochten Ulbrichts Sport-Funktionäre aufzuweichen: Als jüngst DDR-Schwimmer mit dem Spalter-Wappen bei den Europameisterschaften in Holland antraten, protestierte Bonn vergebens.

Daume: »Wie soll ich denn in Budapest erreichen, was Bonn nicht mal beim Nato-Partner Holland durchsetzen kann.«

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