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»Hämmern, bis der Nagel sitzt«

Die Attacken der CSU auf Genschers Außenpolitik *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Ein Ziel hat sich Franz Josef Strauß für die kommenden Koalitionsverhandlungen gesteckt: Hans-Dietrich Genscher soll nicht wieder AA-Chef werden, die Wende in der Außenpolitik endlich kommen.

Der Demontage Genschers dienen auch die jüngsten Attacken des bayrischen Ministerpräsidenten und Möchtegern-Außenpolitikers im Bonner Sommertheater. Doch in dem inzwischen vertrauten Repertoire-Stück spielt Genscher nur zu gerne mit. Er führt, wie sein einstiger Generalsekretär Günter Verheugen feststellt, Strauß »bei jeder Gelegenheit am Nasenring vor«.

Genüßlich schürt der Außenminister den bayrisch-österreichischen Privatkrieg. Landesvater Strauß, verbreitete er, habe dem Vizekanzler des Nachbarlandes, Norbert Steger, die Einreise zu einem Pop-Festival gegen Wackersdorf verbieten wollen. »Nachrichtenschwindel«, tönte der Ertappte. Und ausgerechnet einen engagierten Gegner der Apartheid will Genscher zum Botschafter in Südafrika ernennen, obwohl er die Empörung von Strauß voraussehen konnte (SPIEGEL 32/1986).

Bis aufs Blut reizt den Bayern, daß Genscher unentwegt das Außenamt, auch für die Zeit nach der Wahl, für sich reklamiert und sich dabei auch noch auf den Kanzler beruft: »Was nun meinen Wunsch angeht, Außenminister zu bleiben, so stimme ich voll mit dem Bundeskanzler überein, von dem auch bekannt ist, daß er beabsichtigt, Bundeskanzler zu bleiben.«

Strauß reagierte sogleich: »Es gibt keine Erbhöfe«, stellte er fest, und es sei »durchaus an der Zeit«, auch im Außenministerium »einmal einen Wechsel zu vollziehen« - der Krach unter den Koalitionspartnern war wieder da.

Er ist so alt wie die Koalition selbst. Während Genscher für seine Außenpolitik Kontinuität reklamiert, fordert Strauß die Wende. Er will sich mit Genschers Kurs nicht abfinden. Einer seiner Bonner Vertrauten beschreibt die Methode: »Immer hämmern, hämmern, hämmern, bis der Nagel sitzt.« Zweifel beschleichen den CSU-Chef aber allmählich, ob er mit seiner Klopferei den Nagel überhaupt trifft.

Mit dem Grenada-Überfall der Amerikaner war eine der ersten Schlappen des Amateur-Außenpolitikers verbunden. Strauß warf der Bundesregierung eine »windelweiche Haltung« vor, als die sich von der Militäraktion distanzierte.

Nächster Affront: Als Zimmermanns Staatssekretär Carl-Dieter Spranger, für den der US-Geheimdienst CIA einen Besuch auf der Gewürzinsel organisiert hatte, dem Kabinett berichten wollte, erhielt er Auftrittsverbot.

Unvereinbarkeiten kommen bei solchen Gelegenheiten zum Vorschein. Strauß sieht überall die bolschewistischen Weltrevolutionäre wühlen. Antiamerikanismus wittert er, wenn einer dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan die Gefolgschaft versagt. »Man soll nicht mit dem Schepperle neben der Militärmusik herlaufen«, höhnt er über den AA-Chef. Als »pseudodiplomatische Sondertouren« wertet er dessen Reisen zwischen Moskau und Washington ab.

Genscher aber hat, noch ehe Strauß und seine Bonner Besatzung gemerkt

haben, was läuft, den Kanzler längst auf seine Seite gezogen. Hinter dessen breiter Figur wartet er dann gelassen, bis der bayrische Löwe wieder brüllt. »Der Bundeskanzler«, sagt er dann treuherzig, »denkt genauso wie ich.«

Die Methode bringt den Bayern in Weißglut, hat aber immer aufs neue Erfolg: »Ständig gegen die Wand rennen lassen«, beschreibt Staatsminister Jürgen Möllemann das Spielchen, »bis seine Birne weich ist.«

Doch noch nimmt Strauß stets neu Anlauf: Am vorletzten Wochenende traf er sich sogar heimlich mit Kohl, um gegen Genscher zu agitieren. Anschließend ließ er seine Gehilfen Gerold Tandler und Theo Waigel öffentlich auf die Außenpolitik los. Nebenbei keilten die beiden auch gleich nach Volker Rühe aus; der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion hatte es gewagt, Genschers Arbeit zu rechtfertigen - »instinktlos«, tönte das Bayern-Duo: »Die CSU hat es nachgerade satt, daß Politiker aus erfolglosen Landesverbänden der CDU in Bonn das große Wort führen und sich zum Lehrmeister der CSU aufschwingen wollen.«

Strauß macht sich gleichwohl falsche Hoffnungen, wenn er glaubt, er könne den ausgebufften Profi Genscher, vielleicht sogar mit Hilfe der Liberalen, aus dem Amt drängen. Am Wochenende stellte Genscher klar, daß er überhaupt nicht daran denkt, den geforderten Kurswechsel mitzumachen. Auf seine Politik, sagte er, »kann sich jeder verlassen, nach innen und nach außen«.

Soviel Standfestigkeit kommt an. Selbst bei Unionsanhängern erfreut er sich einiger Beliebtheit. Beim Polit-Barometer erreicht er in deren Reihen 1,8 Punkte, und er findet das ganz plausibel: »Die wünschen meine Außenpolitik.« Sogar CDU-General Heiner Geißler bestätigte letzte Woche diese Analyse; die Außenpolitik der Bundesregierung sei »richtig«.

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