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Hänsel und Gretel von heute

aus DER SPIEGEL 42/1994

»Das ist der Fluch der kleinen Verhältnisse, daß sie die Seelen klein machen.«

Der Junge verschließt die Augen vor seiner Wirklichkeit und lächelt versonnen: »Alles war so bunt«, sagt er und erinnert sich an das »Allerschönste«, das er je erlebte: »Diese vielen Lichter, und dann hat sich alles um uns gedreht, als wir in der Riesenkrake waren. Aber das Tollste waren die Gespenster in der Geisterbahn.«

Der glanzvollste Höhepunkt seiner Kindheit war ein Besuch auf dem Hamburger Dom, aber der ist nun auch schon lange her. Wenn sich das Riesenrad und die Karussells wieder drehen, dann gewiß nicht für ihn, denn so ein teures Vergnügen lassen seine Verhältnisse nur in seltenen Sternstunden zu. Christopher, 10, weiß das, »aber Mama gibt mir immer das letzte Geld«.

Jennifer, 8, hat das Wünschen noch nicht verlernt, und so ist es ein Märchen von der Erfüllung aller Wünsche, das durch ihre Träume zieht. Sie war einmal im Kino, Disneys Klassiker »Cinderella« wurde gezeigt. Da muß wohl geschehen sein, daß sie eins wurde mit dem armen Aschenputtel und schließlich doch in der Kürbiskutsche zum Ball des Prinzen fuhr. Das wundersame Glück, das sie nach all dem Elend stellvertretend erfuhr, wirkte so nachhaltig, daß »Cinderella« das »schönste Erlebnis« ihrer jungen Jahre wurde.

Die Geschwister Chrischi und Jenni verleben eine typische Armutskindheit in einem reichen Land. Während Konsumkinder der oberen Zwei-Drittel immer neue Maßstäbe setzen, befinden sich 1,2 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren im sozialen Schatten. Ihre Eltern können sie nicht aus eigener Kraft durchbringen, das Netz der Allgemeinheit hält sie, damit sie nicht ins Bodenlose stürzen wie einst die Hänsels und Gretels. Sie sind einigermaßen versorgt, aber zu versorgen sind immer mehr.

Die »Infantilisierung der Armut«, so ein neues Schlagwort, schreitet rasch voran, seit sich die Arbeitslosigkeit wie ein Krebs in der Gesellschaft festgefressen hat. In den neunziger Jahren müssen fünfmal so viele Kinder und Jugendliche aufgefangen werden wie in den siebziger Jahren. Besonders betroffen sind die Söhne und Töchter alleinerziehender Mütter, von denen rund 45 Prozent keine Arbeit haben.

Solche Kinder sind Chrischi und Jenni. Ihre Welt ist so etwas wie ein Armen-Ghetto in Hamburg, einer Stadt, die in einem Vergleich der EU-Kommission als die reichste Europas ermittelt wurde.

Beeindruckt von den weißen Patrizierhäusern an der Elbe und dem ganzen Flair dieser so wenig protzigen Prosperität, hatte der Reporter des britischen Independent »das Gefühl, daß in dieser Stadt wahrscheinlich nie das Geld ausgeht«. Als er nach Wilhelmsburg kam, in die Gegend, wo Chrischi und Jenni leben, staunte er: »Selbst die unattraktiven Hochhäuser dieses Stadtteils sind nicht - wie viele ihrer Pendants in London und Liverpool - verdreckt, verkommen und mit Brettern vernagelt.«

Hier ist die Armut so wenig zu sehen und schon gar nicht mit Händen zu greifen, daß man sie in Kenntnis der weltweiten Mißstände kaum so zu nennen wagt. Sie durchzieht vielmehr in subtiler Form ein merkwürdiges Sozialgebilde, das am Tropf des Staates hängt und so vor der Verelendung bewahrt wird.

»Arm«, nein, so würden Christopher und Jennifer sich niemals nennen. Sie kennen auch keine »armen Kinder, die wohnen weiter weg in den Containern für die Asylanten«. In dem sozialen Gefüge, das sie überschauen, gibt es aber auch keine Kinder aus wohlhabenden Verhältnissen. Von der Realität der Zwei-Drittel-Gesellschaft haben sie keine Ahnung, sie sind orientiert an ihrer Insel Wilhelmsburg.

Auf Deutschlands größter Flußinsel, umschlungen von Elbarmen, lebt jeder fünfte der 46 800 Einwohner von Sozialhilfe, und von den abhängigen Erwerbspersonen hat jede siebte keine Arbeit. Jede dritte Wohnung ist durch Eigner eines Dringlichkeitsscheins belegt, und in vielen Blocks massieren sich die Probleme.

Ein Plattenbau aus den siebziger Jahren, der sich von den Scheußlichkeiten des Ostens vor allem dadurch unterscheidet, daß die ockerfarbene Fassade durch schwarze Mosaikfelder - wenn auch triste - strukturiert wurde: Hier sind Christopher und Jennifer mit ihrer Mutter zu Hause, wie 1200 andere Bewohner, die alle durch das Wohnungsamt in diesen Komplex der städtischen Saga eingewiesen wurden.

Keiner der Familienvorstände verdiente bei der Vergabe mehr als 21 000 Mark brutto jährlich, zuzüglich 9600 Mark für jede weitere Person im Haushalt. Wer über die Einkommensgrenze gerät (inzwischen angehoben auf 24 000 Mark und 11 000 Mark für jedes zusätzliche Familienmitglied), muß eine Fehlbelegungsabgabe zahlen, so daß er sich tunlichst nach einer etwas anderen Gegend mit mehr Wohnwert für dasselbe Geld umsieht. Seit Jahren ist es nun schon so, daß sozial Starke wegziehen und sozial Schwache nachziehen.

Sehnsucht, woanders zu wohnen - oft verspürt sie »diese kleine Bitterkeit, daß das nicht geht«, sagt Annegret S., 34, die Mutter der Kinder. Die Villen an der Elbe und Alster haben ihre zwei nie gesehen.

Unter schönen Häusern kann sich Jenni nur vorstellen, was sie im Fernsehen gesehen hat: »So weiß mit blauem Wasser davor.« Ihr Bruder träumt sich dagegen mehr in die Realität der Nachbarschaft, in eines von den schlichten Siedlungshäuschen »mit so einem Garten und Blumen«. Dort aber wohnen nur Leute, wie er weiß, »die eine gute Arbeit haben«. Die Klassenschranke verläuft in seinem Weltbild zwischen einer guten und keiner Arbeit.

In seinem Umfeld hat er einen »reichen Mann« ausgemacht: »Der Vater von Kevin, der ist beim Zoll, der kontrolliert Autos, die raus und rein in den Hafen fahren. Und auch ein bißchen reich ist der Vater von meinem Freund, der repariert Autos.«

Unter Reichtum stellt er sich exakt 40 000 Mark vor, »weil 50 000 zuviel und 30 000 zuwenig ist. Soviel Geld möchte ich haben, dann kann ich der Mama ein Auto kaufen«.

Sie besaß auf dem Gipfel ihres Arbeitslebens ein Sparbuch über 2000 Mark: »Jetzt habe ich nichts mehr.« - »Aber du hast da doch noch was auf dem Balkon«, erinnert sie Christopher an einen Kasten mit leeren Bierflaschen, den Bekannte für eine Feier mitbrachten: »Den bringen wir weg und holen uns das Pfand, wenn wir mal gar nichts mehr haben.«

Die Tüchtigen mit den bescheidenen Vermögen, die den Jungen so beeindrucken, wohnen nicht im Block. »Hier sieht er nur Männer, die den ganzen Tag faulenzen«, sagt die Mutter. Von den zehn Parteien im Hausabschnitt mit demselben Eingang finanziert sich nur eine Familie durch Arbeit auch noch von Mann und Frau. Die Doppelverdiener sind bezeichnenderweise Türken.

Ausländer, allen voran die Türken, stellen 29 Prozent der Einwohner von Wilhelmsburg, im Volksmund auch der »kleine Balkan« genannt. Im Block zeigt sich ein Sozialphänomen: Die Leute, die das Risiko in der Fremde wagten, heben sich durchweg in ihrer Reg- und Strebsamkeit ab von der verbreiteten Lethargie unter ihren deutschen Mitbewohnern und zahlen überwiegend ihre Miete selber.

Daß der Türke mit einem Mercedes vorfährt und der Deutsche zu Fuß zum Bus geht, ist hier ein Neidklischee, das durchaus reale Grundlagen hat. Auch die vielen Satellitenschüsseln an den Balkons von Türken signalisieren Überlegenheit.

Zwischen In- und Ausländern gärt es. Aus Kleinigkeiten wird Krach, mal um das Fett, das die Türken oben ins Klo gossen und damit den Abfluß für die Allgemeinheit verstopften, mal um den Haufen, den ein deutscher Hund im Flur hinterließ.

Wer in diesem Haus ein »Kanaka« ist, steht mit fettem Filzstift im Fahrstuhl geschrieben, aber auch »Fuck the Naziz«. Wie in den Schmierereien, die niemand mehr wegmacht, weil doch wieder neue erscheinen würden, zeigt sich der Zündstoff in verletzenden Szenen. Annegret S. wollte auf dem Hof einen Kinderstreit schlichten: »Da baut sich der neunjährige Ahmed vor mir auf und schreit mich an: ,Was willst du denn, geh erst mal arbeiten, du gehst ja zur Stütze.' Alle anderen Kinder grinsen, und der steht da wie der kleine King.«

Mal knuffen sie sich, mal können sie miteinander, wie es unter Kindern dieses Alters üblich ist, aber in dieser Gesellschaft muß ein Junge durchaus mit bösen Folgen rechnen, wie Christopher zu spüren bekam. Sein kleines Ätsch - »Aber wir haben gestern 3:0 gewonnen« - genügte, und schon schlug Dschingis derart zu, daß er zu Boden ging. Der Arzt diagnostizierte eine Kopfprellung, mit rasenden Schmerzen lag er vier Tage im Bett.

Es sind aber deutsche Jugendliche, die von den Kindern des Blocks am meisten gefürchtet werden. Wenn Andi und Ralle aufkreuzen, verändert sich die Szenerie auf dem Hof. Wo sind sie geblieben, die kleinen Mädchen, die gerade eben noch mit Jenni ihre Murmeln in ein Erdloch rollten? Und auch die Jungen, die bei Christophers Lieblingsspiel »Abbacken« auf den Müllbehältern hin- und hersprangen, um den Ballwürfen ihrer Kameraden auszuweichen?

Zu oft mußten die Kinder erleben, wie Andi und Ralle mit ihrem schrottreifen Moped auf sie zurasten: Schreiend spritzten sie dann auseinander. Zu oft wurde ihr Spiel von den Großen zerstört. Unvergessen blieben auch ihre Pfeile, die im Po eines sechsjährigen Nachbarmädchens landeten. Christopher nahmen sie die Spielzeugpistole weg und schossen ihm damit einen Plastikpfropfen ins Ohr: »Das Geräusch tat so weh, als ob alles zerspringt.«

28 Familien wollten die kleinen Gemeinheiten nicht länger erdulden. Sie unterschrieben eine Eingabe an die Saga mit dem Ziel, die Unruhestifter zu verdrängen - ein Schicksal, das der Familie wegen ihrer aggressiven Jungen schon einmal in einem anderen Block widerfahren war.

Die Atmosphäre war gereizt, als Annegret S. auf dem Hof stand und abwartete, daß Bronko, ein tapsiger Mischlingswelpe, den sie als Bereicherung für ihre Kinder gerade angeschafft hatte, sein Geschäft machte. Unter Tritten der bösen Brüder jaulte das Tier auf. »Verpißt euch": Annegret S. reagierte rüde, obwohl sie sonst so eine Sprache nicht benutzt.

»Anne, die Doofe, macht noch in die Hose«, schallte es zurück, und dann auch: »Geh doch lieber ficken, du alte Sau.« Da vergaß sie sich, wie Annegret S. im nachhinein bedauert, und pöbelte zurück. Vor ihrem Wortschwall verzogen sich die Jungen in ihre Wohnung. Nachbarn, die auf den Balkons erschienen waren, klatschten Beifall.

Doch der Sieg, in dem sich Annegret S. sonnen konnte, endete jählings. Die Brüder schossen wieder aus dem Haus und prügelten auf die Frau ein, daß sie hinfiel und für Minuten die Besinnung verlor. Der Türke von unten kam ihr als erster zur Hilfe, dann erschien auch noch der »Schrank von einem Mann« aus dem zweiten Stock, während den Jugendlichen ihr sturzbetrunkener Vater beisprang.

Durch Wimmern und Barmen brachte Annegret S. gerade eben noch zuwege, die Männer auseinanderzuhalten, bis sie vom Krankenwagen abtransportiert wurde, unter Jubel von den Balkons: »Endlich haben wir Beweise.«

In Blutergüssen, faustgroß, manifestierten sie sich auf dem Brustkorb von Annegret S., die vor Aufregung nur noch schnappend Luft bekam, so daß sie in der Klinik an ein Sauerstoffgerät angeschlossen werden mußte. Es war der zweite Übergriff, der ihr in nur einem Monat widerfuhr.

Christopher wollte zum Abendbrot so gern eine Pizza essen, und so machte sie sich mit ihm auf den Weg zum italienischen Imbiß, fünf Minuten zu Fuß im nahe gelegenen Einkaufszentrum. Auf dem nach Geschäftsschluß verödeten Platz vertraten ihr ein paar Jugendliche vor der Spielhalle den Weg. Sie konnte nur noch schreien: »Christopher, lauf weg«, da hatten sie ihr schon den Arm umgedreht und das Portemonnaie mit über 200 Mark entwendet.

Wilhelmsburg gehört zu den »schwarzen« Kreisen der Hansestadt, »wo die Gewalt regiert«, so das Hamburger Abendblatt in einem achtfarbigen Kriminalitäts-Stadtplan. Während im vornehmen Blankenese 25 Gewaltdelikte registriert wurden, gab es auf der Elbinsel im vergangenen Jahr 233 vergleichbare Fälle.

Auch die kleinen Verbrechen ziehen wie die spektakulären Untaten einen Mahlstrom von Gesprächsstoff nach sich. Zu den eigenen traumatischen Erfahrungen kommen viele Geschichten, die Annegret S. kennt, etwa die ihrer Bekannten, die zwei Jahre auf einen Spanien-Urlaub sparten und einen Tag vor Reiseantritt um all ihr Geld beraubt wurden: »Die fuhren dann auf Kredit los und zahlen noch heute ab.«

Während sich Jennifer traumwandlerisch abschirmt gegen die Unbill in ihrer Umgebung, macht das Klima der Verunsicherung Christopher zu schaffen. Daß seine Mutter überfallen, angegriffen, verletzt wurde und er zu schwach war, um sie zu beschützen - er brauchte jedesmal Tage dumpfer Brüterei, um diese Vorfälle einigermaßen zu verarbeiten, er weigerte sich, zur Schule oder auch nur nach draußen zu gehen. »Mama, ich hab' solche Angst«, sagte er immerfort, »Mama, daß die wiederkommen. Mama, wann ist der Bronko so groß, daß wir sagen können: Faß, Bronko?«

Draußen zu sein, das bedeutet für ein Kind, stark sein zu müssen, um seine Dinge zu verteidigen. »Draußen wird alles kaputtgemacht«, klagt die Mutter. »Ich spar' mir vom Munde ab, um den Kindern zu ermöglichen, was sie sich wünschen, und dann ist das so schnell hin.« Wie Christophers Fahrrad, eine für die Familie riesige Investition von 300 Mark. »Jetzt eiert es nur noch, weil mir so ein Döskopp einen Stock in die Speichen gesteckt hat.«

Auch von der Saga, die ein Büro schräg gegenüber hat, wird der zunehmende Vandalismus verzeichnet. So manchen Eltern schlägt er aufs Gemüt. »Was soll«, so fragt sich Annegret S., »nur aus Kindern werden, die soviel Zerstörung um sich herum mitkriegen?«

So gut es geht, versucht sie, die Ihren fernzuhalten von den Fährnissen da draußen. Dabei bietet die Gegend mit ihren Grünanlagen voller Spielgeräte, einer Skateboardbahn, einem Kinderbauernhof und einem Stück urigen Elbstrand durchaus ein Terrain für Abenteuer.

Aber ein Gefühl der Verunsicherung, ein Gemisch aus rationalen und irrationalen Ängsten verbietet es der Mutter, die Kinder allein umherschweifen zu lassen. Solche Besorgnis muß sich multiplizieren, denn attraktive Plätze und lauschige Stellen sind sogar an strahlenden Sonnentagen seltsam verödet.

Bleibt nur das beschützte, weil überwachte Schwimmbad als monotone Abwechslung. »So oft ich nur kann, geb' ich ihnen die zwei Mark fünfzig, damit sie bloß weg sind vom Hof«, sagt die Mutter.

Sie gibt überhaupt, was sie nur kann, für die Kinder aus. »Ich will nicht, daß sie ausgegrenzt sind«; Annegret S. verinnerlichte den soziologischen Terminus und kämpft beständig darum, daß ihre Kinder diesseits der imaginären Grenze verbleiben.

Um ihr Nest zu gestalten, »da hab' ich Banane gemacht«, will heißen: krummgelegt. Sie muß tatsächlich ein wenig krumm auf dem noch nicht abbezahlten Eckrundsofa liegen, wo sie nächtigt, seit sie das eheliche Schlafzimmer verkaufte, um Jennifer ein Mädchenzimmer einzurichten: ganz in Weiß wie aus dem Prospekt der kleinen Träume, die Möbelmärkte dem Volksgeschmack eingerimst haben.

Auch Christopher wohnt wie ein Junge aus der Werbung: robuste Kiefer, Hochbett mit Leiter und integriertem Spielzeugschapp. Dafür mußte das uralte Auto weggehen, das Annegret S. in verliebten Tagen von einem Freund geschenkt bekam, aber nicht mehr unterhalten konnte.

Mit den dreieinhalb Zimmern einer 90,99 Quadratmeter großen Wohnung, für die Annegret S. der Saga nach offiziell festgelegtem Schlüssel 1236 Mark Monatsmiete bezahlen muß, ist die Familie privilegiert und doch nur so gestellt wie der Durchschnitt in der Mittelschicht. Die Unterschicht kann eine sogenannte Sozialwohnung nur durch staatliche Transferleistungen finanzieren.

Als Annegret S. noch Sozialhilfe bezog (724 Mark monatlich), übernahm das Amt zusätzlich die Miete. Seit sie in ein ABM-Programm integriert wurde, bekommt sie im Monat 2003 Mark überwiesen: Hat sie ihre Miete bezahlt, bleiben ihr 767 Mark, wovon noch 124 Mark für Strom abgehen, so daß sie ihren Lebensunterhalt von 643 Mark bestreiten muß. Für jedes Kind bekommt sie zusätzlich 450,50 Mark an Unterhalt und Kindergeld. In vergleichbarer Lage befinden sich auch kinderreiche Familien, die von nur einem Ernährer mit niedrigem Lohn durchgebracht werden. Der Sozialstaat hat die Differenz beinahe eingeebnet: eine kollektive Leistung für die einen, doch für die anderen ein Grund zur Erbitterung.

Die teure Wohnung erscheint Annegret S. als Luxus und zugleich als Hemmschuh, die soziale Abhängigkeit je überwinden zu können. Im Gegensatz zu den unterstützten Deutschen drängen sich türkische Großfamilien, die ihre Miete selber verdienen, auf engem Raum. Ein eigenes Zimmer, wie es Christopher und Jennifer bewohnen, haben sie bei ausländischen Kindern nie gesehen.

Die Wohnung ist für Annegret S. das Feld unaufhörlicher Selbstbeweise. Wie zwanghaft hält sie auf Ordnung und Sauberkeit. Diesem Wert zu genügen ist ihre Rückversicherung, daß sie nicht abgesunken ist ins Chaos der Asozialen.

Diesen Wert schleift sie ihren Kindern ein durch ein permanentes »Laß das«. Sie müssen sich vorsichtig durch die Welt der Mutter bewegen, damit sie ja nichts durcheinanderbringen, und ecken doch immer wieder an: »Hör auf damit.« - »Was soll das schon wieder?«

Andererseits bedient Annegret S. gern ihre Kinder, um sie durch diese Art der Verwöhnung, die ja nichts kostet, für materielle Entbehrungen zu entschädigen. Voller Service-Ansprüche stehen sie denn auch ihrer Umwelt gegenüber. Frust ist oft die Folge.

Die beschränkten Verhältnisse kosten Annegret S. Nerven. Es ist schließlich keine Kleinigkeit, sondern ein komplexes Management, die Armut einigermaßen zu glätten und zu kaschieren, damit die Kinder sie nicht ständig spüren.

265 Mark Kindergeld im Monat und 636 Mark Unterhalt, der jeden Ersten aus der staatlichen Vorschußkasse kommt, weil der arbeitslose Vater nicht zahlt: von diesem Geld sind Christopher und Jennifer unauffällig-ordentlich gekleidet. »Tolle Klamotten, die hätten sie schon gern, besonders Jennifer. Aber in solche Kinderboutiquen, wo ich mir nicht mal leisten kann, die Füße abzutreten, gehen wir natürlich nicht rein.«

Von diesem Geld werden die Kinder vornehmlich durch Sonderangebote des Minimal-Marktes ernährt. Oft gibt es Eintopf, zweimal in der Woche Fleisch, aber fast jeden Tag Ketchup satt. »Fürs Wochenende«, sagt die Mutter, »bring' ich auch mal 'ne Cola mit oder was sie gerne mögen.«

Immer wenn Geld gekommen ist, zieht Annegret S. los mit ihrem »Hackenporsche«, wie sie ihren Einkaufswagen nennt, und hortet Vorräte. Dann wirtschaftet sie aus dem vollen, kocht und brutzelt stundenlang, um die Tiefkühltruhe zu füllen. »So hab' ich hingekriegt, daß die Kinder niemals gehungert haben, wenn mir das Geld ausgegangen ist.« Ihr gefrorener Schatz hat schon manches Mal geholfen, daß in der Nachbarschaft der Tisch zu Ultimo nicht leer blieb. Aber auch ihr ist schon ein paarmal passiert, daß sie Christopher das Fahrgeld für den Bus nicht geben konnte.

Wie auch immer - sie kriegte es hin, die Kinder zu Weihnachten mit dem Status-Spielzeug der modernen Kindheit zu bescheren, dem »Game Boy«. Da sie nur einen bezahlen konnte, stotterte sie auch noch einen zweiten, »damit es gerecht ist und sich die beiden bloß nicht zanken«, auf Raten ab.

Christopher schätzt ihn groß ein, seinen kleinen Besitz: als Geschenk eines Kinderheims das ferngesteuerte Auto, das aber nicht fährt, weil die Batterien fehlen, das Keyboard, das aus dem gleichen Grund nicht spielt, das kaputte Dartspiel, ein tolles Zelt, klasse Rollschuhe, ein bißchen Lego von der Oma und von der Mama, »als ich so krank war«, der Stoffelefant, von Mamas Freundin der abgelegte Tennisschläger und dann auch noch der ausrangierte Fernseher, der nichts mehr empfängt, doch noch taugt für ein Videospiel.

Aufblitzende Wünsche, Christopher zieht sie schnell wieder zurück: »Na gut, dann wünsch' ich mir nicht mehr, was nicht geht.« Jenni dagegen »nervt und nervt« ihre Mutter: »Die ist zäh, die läßt nicht locker. Nach jeder Werbung im Kinderprogramm kommt sie an: ,Kann ich das haben oder das?' Neulich drängelte sie auch noch nach der Visa-Karte: ,Die mußt du dir holen, dann kannst du alles kaufen, was ich will.'«

Aus dem Fernsehhimmel kam Barbie zu Jenni hernieder und streßt sie nicht schlecht: »Erst ihren ganzen Krims auspacken und dann ihren ganzen Krams wieder einpacken, das nervt.« Zum Geburtstag mußte es ein »Baby born« sein, weil auf dem Bildschirm kinderherzzerreißend die echte Liebe versprochen war. Wenn der technisierten Puppe ein Chemikalienbrei aus der Tüte eingeflößt wird, vermag sie den in die Windel zu drücken und das Wasser wie Tränen abzusondern. Das Prestige-Geschöpf mit dem leicht verstopften Röhrensystem liegt meist unbeachtet in Jennis Bett, und die frustrierte Puppenmutter quengelt: »Was soll ich bloß spielen?«

Was wohl in einer Umgebung, in der von morgens bis in die Nacht der Fernseher läuft, wenn Annegret S. nicht gerade mit der Hausarbeit beschäftigt ist: »Ich guck' nicht immer hin, aber wenn der Fernseher an ist, hab' ich das Gefühl, ich bin nicht so allein.« Sie weiß wenig mit sich anzufangen: »Oft hab' ich das Gefühl, mir fällt die Decke auf den Kopf.«

Ein fataler Konflikt prägt ihr Leben. Frauen ohne Qualifikation können nur Arbeit zu Bedingungen finden, die sie in der Regel derart auspowern, daß ihnen die Kraft für die Kinder fehlt. Von den Jahrgängen 1960 bis 1969 verblieben 1,5 Millionen junge Leute ohne abgeschlossene Berufsausbildung, wie Annegret S., stets eine der Guten in der Hauptschule. Eine Lehre als Friseuse mußte sie wegen Allergien abbrechen.

Als Arbeiterin in einer Kaffeefabrik wurde sie mit 17 Jahren wegrationalisiert. Der Schock der frühen Arbeitslosigkeit ließ sie das Glück schätzen, wieder einen Job zu finden. Als sie mit 18 in jugendlicher Torheit, wie sie heute empfindet, ein Kind ohne sozialen Vater bekam, wollte sie keineswegs der Stütze anheimfallen.

Die Teenager-Mama war wild entschlossen, das Kunststück einer berufstätigen Mutter fertigzubringen. Das bedeutete: morgens um vier Uhr das Baby aus dem Schlaf zu reißen und fertigzumachen, um es zur Oma zu bringen, damit sie als Fahrerin die Arbeiter einer Reinigungsfirma rechtzeitig an ihre weit über Hamburg verstreuten Einsatzorte bringen konnte. Mittags hatte sie frei für ihr Söhnchen, und nachmittags begann sie, ihre Leute wieder einzusammeln, was oft bis in den Abend dauerte.

Die Großmutter sah sich den Streß für die Tochter und den Enkel nicht lange an und erreichte, daß das Kind in ihre Obhut überging. Annegret S. behielt ihren Job und ihre ökonomische Unabhängigkeit bis zur Heirat, aber die Wunde durch den verlorenen Sohn ist bis heute nicht verschlossen, trotz ihrer zwei nachgeborenen Kinder.

Nachdem ihr Mann sie sitzengelassen hatte, ohne Unterhalt für Christopher und Jennifer zu zahlen, machte sie einen neuen Anlauf, ihre Selbständigkeit zu gewinnen. »Putzen war nicht gerade mein Traumjob, aber selbstverständlich hab' ich mich nicht gescheut, putzen zu gehen.« Die Zusammenarbeit mit den anderen Frauen ihrer Kolonne war »lustig und locker«.

Die Kontakte wogen zunächst die Anstrengung auf: eineinhalb Stunden Wegezeit, um die Kinder ins Tagesheim zu bringen und selber zur Arbeit zu fahren, ab sieben Uhr morgens acht Stunden rackern, eineinhalb Stunden zurück, in rasender Hektik einkaufen. Wenn sie dann fix und fertig zu Hause war, reagierte sie nervös, um so nervöser wurden die Kinder.

Die kleinsten Erziehungsfragen ballten sich zum Problem der alleinstehenden Mutter. Und dann die Hustenanfälle der Kinder, ihre nächtlichen Fieberschübe.

Wilhelmsburg, durchschnitten von Auto- und Schienentrassen, ist auch der industrielle Vor- oder Hinterhof Hamburgs mit Raffinerien, einem Stahlwerk, Farbenfabriken, Getreidesilos, Speditionen, Recyclingdepots und dem größten dioxinverseuchten Müllberg Europas. Was immer die Abgasfackeln, Staubwolken und der Ausstoß des allgegenwärtigen Lasterverkehrs im Organismus der Kleinkinder angerichtet haben mögen - Christopher und Jennifer hatten ständig Bronchitis, des öfteren Lungen- und Rippenfellentzündungen.

Auch die eigene Gesundheit machte Annegret S. zu schaffen, ein Wirrwarr der Hormone nach Entfernung von Gebärmutter und Eierstöcken. Und über allem hing wie eine Trauerglocke ihre nicht verkraftete Verlassenheit. Annegret S. erinnert sich noch genau an den nachtschwarzen Wintermorgen, als ihr die hustenden Kinder, die sie auf einem Schlitten durch die schneidende Kälte zum Tagesheim zog, auch noch in den Schnee stürzten, während der Wind die Reservewindeln davontrug. Es war der Moment, da sich Annegret S. eingestehen mußte: »Irgendwie konnte ich nicht mehr weiter, meine Probleme waren mir über den Kopf gewachsen.«

Sie gab die Arbeit auf, rutschte nach einiger Zeit abwärts in den Kreis der Sozialhilfeempfänger und noch tiefer in eine Lebenskrise. Zu was war sie überhaupt noch fähig? Die kleinsten Verrichtungen gingen ihr schwer von der Hand. Sie schämte sich wegen ihrer Schwäche. Wenn sie die Tür aufmachte, war das, »als ob ein Hammer auf mich zukommt«. Irrationale Ängste hinderten sie, nach draußen zu gehen. In dumpfer Depression hockte sie in ihrer Wohnung.

Was wie ein Einzelschicksal anmutet, folgt einer Gesetzmäßigkeit. Die Forschung hat belegt, daß im Armutsmilieu überproportional viele Störungen der seelischen Gesundheit und der Persönlichkeit vorkommen, ein Formenkreis, der von Aggression und Gewaltbereitschaft eher bei den Männern bis zu Apathie, Angst und Depression eher bei den Frauen reicht. Die Sozialen Dienste in Wilhelmsburg verzeichnen einen alarmierenden Anstieg psychischer Erkrankungen, vor allem bei Müttern.

Für Christopher und Jennifer war es ein Segen, daß die Behörde sie im Kindertagesheim beließ, obwohl die Mutter nun zu Hause war. Dabei fehlen in Wilhelmsburg über 1000 Plätze allein für den Notbedarf. Die Auswahl wird schwieriger, da immer mehr geschädigte Kinder diese Hilfe dringend brauchen, andererseits eine sinnvolle Gruppenarbeit nur möglich ist, wenn genug stabile Kinder als Vorbilder da sind.

Die Leiterin Monika Post, 45, ist »heilfroh« über eine Reihe türkischer Kinder aus intakten Familien, die einen Schuß Vitalität in ihre Schar bringen. Fast die Hälfte wächst ohne Vater auf, bei vielen anderen schlägt sich die Resignation des arbeitslosen Vaters nieder, während quengelige Übermüdung wiederum jene kennzeichnet, die vor der Frühschicht um sechs Uhr morgens abgegeben werden.

Für keines der 202 Kinder wird der volle Satz gezahlt. »Die finanzielle Seite sehe ich als weniger problematisch an«, sagt die Leiterin. »Die Eltern sind auf erstaunliche Weise bereit, Geld für ihre Kinder auszugeben, wie immer sie sich das abzwacken mögen.« Es ist nach ihrer Beobachtung nicht der Mangel an Dingen, unter dem die Kinder leiden: »Was mich erschreckt, ist die emotionale Armut vieler Eltern, ihre Sprachlosigkeit und Kontaktunfähigkeit, ihre Apathie und Traurigkeit. Kein Lachen, nur ein leerer Blick, wenn sie kommen oder gehen.«

Gegen diese Trostlosigkeit baut das Kinderhaus, voll von pädagogisch sinnreichem Spielzeug, eine Gegenwelt auf, die geprägt ist vom Einfühlungsvermögen der Leiterin, ihrem glockenhellen Lachen und ihrer Nonchalance. Probleme nimmt sie unkompliziert in Angriff, wie etwa die unschönen Graffiti jugendlicher Gangs: Statt nach Reinigung zu rufen, sprüht sie was Hübscheres darüber. Nach demselben Prinzip versucht sie auch, den Kindern ihre Last zu erleichtern, was manchmal pädagogisch verblüffend einfach ist und dann wiederum unsäglich mühsam. Wie bei Christopher und Jennifer.

Die Krise ihrer Mutter wurde im Hort als Drama der Kinder registriert. Christopher geriet von einem Konflikt mit Spielgefährten in den anderen. Er igelte sich ein, ließ nicht mehr mit sich reden und begann zu stottern. Jennifer reagierte mit Hyperaktivität und Eßstörungen: Sie wurde spindeldürr.

Die immer schwieriger werdenden Kinder kündigten es an: Nach dem totalen Zusammenbruch mußte die Mutter für drei Monate in eine psychiatrische Klinik. Die Kinder wurden in ein Heim gebracht, wo sie die Großmutter so verstört vorfand, daß sie ihre Enkel bei sich aufnahm.

Inzwischen stabilisierte sich Annegret S. einigermaßen. Sie traute sich zu, wieder arbeiten zu gehen, und lechzte in ihrer Langeweile nach Abwechslung durch Gespräche mit »Leuten, die was anderes im Kopf haben als immer nur Haushalt«. Im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme sollte sie als Fahrerin Aufräumtrupps in öffentliche Anlagen bringen. Dann aber fehlte dem Gartenbauamt der Wagen, und sie landete in einem ausgeflippten Trupp arbeitsloser Teenager: »Die haben sich nur vor der Arbeit gedrückt und nichts weiter als Disco im Kopf gehabt.«

Daß sie sich hätte langsam einarbeiten sollen, hat ihr niemand gesagt, so legte Annegret S. beim Reinigen der Parks ein derartiges Tempo vor, daß sie bald ihren rechten Arm nicht mehr heben konnte. Der Arzt gipste ihn ein: Sehnenscheidenentzündung von der Schulter bis in die Hand.

Das Krankengeld, von dem ihr 43 Mark mehr bleiben, als die Sozialhilfe beträgt, kommt ihr zwar gelegen wie ein kleines Geschenk. Aber die paar Mark können ihre soziale Trostlosigkeit nicht beschwichtigen. Sie sucht so dringend einen Platz im Leben, sie würde so gern im Krankenhaus oder in der Altenpflege arbeiten. Für eine Umschulung erscheint sie dem Arbeitsamt als alt. »Ich habe«, sagt sie in ihrem 35. Lebensjahr, »die Hoffnung verloren, eine anständige Arbeit zu finden.«

Verflochten, wie die Biographien der Kinder mit der ihrer Mutter sind, besserte sich zwar ihr Zustand, aber in ihrer Freudlosigkeit schlägt sich doch die Resignation von Annegret S. nieder. Immerhin nahm Jennifer nach einer achtwöchigen Kur an der Ostsee wieder zu. Sie ist immer noch dünn und hippelig, zumeist aber packt sie ihr kleines Leben. »Große Klappe und viel Wille«, so charakterisiert die Mutter mit untergründigem Stolz ihr Mädchen. In der Schule gehört es zu den Besten, es fand in seiner Lehrerin eine Figur, mit der es sich identifizieren kann. Lehrerin will auch Jennifer einmal werden.

Christopher überwand mit Hilfe von Sprachtherapeuten sein Stottern, aber seine Lehrerin etikettiert ihn noch immer als »schwierig«. Von der Klassenreise wurde er ausgeschlossen. Nachdem er sich auch noch mit dem Direktor anlegte, will ihn die Schule loswerden. Er soll in eine Sonderklasse für Kinder mit Verhaltensproblemen.

Dabei hat er einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, aber gerade dieser Anspruch zieht einen Rattenschwanz von Konflikten nach sich, die er nicht lösen kann. Immer wieder läßt er sich in die Rolle des Sündenbocks drängen und reagiert aus dem Abseits mit ungebärdiger Wut. Gegen Versuche, mit ihm zu reden, verschanzt er sich hinter Sprachlosigkeit.

Andererseits ist er oft bereit, mit seiner Stärke Schwächere zu beschützen. Aber irgendwie passiert ihm dann, daß seine besten Absichten verkannt werden und er wieder als Raufbold dasteht, anstatt endlich einmal Anerkennung zu erfahren. Die hat er bitter nötig.

Seine Mutter sorgt sich, »daß der Christopher zuwenig Selbstbewußtsein hat und zu schnell aufgibt«. Im Leben wie in der Rechtschreibung: »Was soll ich üben«, sagt er, »ich mach' sowieso so viele Fehler.«

Immerhin fand der Junge, der seinen Vater als Kleinkind verlor und ihn, obwohl er auch in Wilhelmsburg wohnt, nur einmal in einer enttäuschenden Begegnung wiedersah, in seinem Fußball-Trainer ein Vorbild. Der Betriebselektriker Norbert Iwasieczko, 37, hat sich vorgenommen, aus der Jugend des SV Vorwärts Ost eine klasse Mannschaft zu machen. Dabei geht es ihm weniger um Tore als um das Prinzip der Kooperation.

Warum er sich ehrenamtlich um die Jungen kümmert und sie auch noch zum Grillen in seinen Garten einlädt? »Weil ich selber Vater bin.« Er steht, so gut er kann, seinen Mann gegen die Defizite der Umgebung und holt aus Christopher dessen Qualitäten heraus: »Wir wollen ihn nur einfügen, aber nicht brechen, deshalb lassen wir ihm seinen Dickkopf.«

Trotz seines Talents, ein Fußballer will Christopher nicht werden. Der Junge, der all seine Ferien zu Hause verbrachte, bis er im vergangenen Sommer endlich einmal für eine Woche verreisen konnte, aber nicht weiter kam als in die nähere Umgebung in ein Zeltlager, steckt voller Fernweh. Er repräsentiert das andere Extrem zum Phänomen der kindlichen Vielflieger, für die von der Lufthansa ein Sonderservice eingerichtet wurde. Pilot will er werden: »Dann kann ich all die fernen Länder sehen.«

Damit aber aus Jennifer tatsächlich eine Lehrerin wird und aus Christopher ein Flugzeugführer, bedarf es noch einer ganzen Reihe von empathischen Persönlichkeiten, die den Lebensweg dieser Kinder positiv prägen. Denn Armut in einem reichen Land hat die fatale Tendenz, sich sozial zu vererben. Y

»Wann ist unser Hund so groß, daß wir sagen können: Faß, Bronko?«

»Na gut, dann wünsch' ich mir nicht mehr, was nicht geht«

Der Junge, der nie weit kam, träumt von Reisen in ferne Länder

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