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KANZLER-URLAUB Häschen und Spinnweben

aus DER SPIEGEL 33/1967

Unten in Bebenhausen, zehn Autominuten von Tübingen entfernt, wird Holz gehackt und Mist gefahren. Die betuliche Betriebsamkeit, in dem kleinen Sommerhaus oben am Hang nur gedämpft zu hören, wirkt wie bestellte Urlaubskulisse: In ländlicher Beschaulichkeit, inmitten schwäbischer Idylle, feiert Deutschlands Kanzler »Vakanz«.

Wie ein Wall umschließt eine mannshohe Hecke das verwinkelte Landhaus. Baumgruppen verwehren den Einblick in das Anwesen, hinter dem gleich der Wildwuchs des Schönbuchs beginnt, des württembergischen Wanderer-Dorados.

In Bebenhausen hat Kurt Georg Kiesinger ersten Kontakt zur Politik gefunden: Nach dem Krieg, als sich der Landtag des Miniaturstaats Südwürttemberg-Hohenzollern in Bebenhausens einstigem Zisterzienserkloster und späterem Jagdschloß der Könige von Württemberg versammelte, wurde der damalige Staatspräsident Gebhard Müller auf den Tübinger Rechtsanwalt Kiesinger aufmerksam -und trug ihm den Posten des CDU-Landesgeschäftsführers an.

In Bebenhausen, dem Startpunkt seiner Karriere, macht zwanzig Jahre später der Bundeskanzler Kiesinger Ferien von der Großen Koalition.

Nach Cadenabbia, nach dem Tegernsee nun -- vorerst -- dieses dörfliche Abseits: 400 Einwohner hat der Ort, über die kein Polizist, kein eigener Pfarrer wacht, aber vier Gasthöfe sorgen fürs Gemeindewohl.

Eine Eisenbahn-Verbindung gibt es nicht. Alle Stunde hält an der Umgehungsstraße vor der Stadtmauer der Bus nach Tübingen oder Stuttgart. Die Gemeinde hat einen ausgeglichenen Haushalt von 130 000 Mark. »Schulde mache mir net«, beteuert der ehrenamtliche Bürgermeister Fritz Seethaler und fügt gleich hinzu, wie das Refugium auf den von Bonner Finanzsorgen geplagten Regierungschef wirkt: »Wenn der Kiesinger hier ischt, blüht er gleich auf wie ein Blumenstrauß, den man ins Wasser legt.«

Seethaler, mit Kiesinger aus Stuttgarter Tagen bekannt, hat auch das Urlaubsquartier vermittelt: ein die meiste Zeit des Jahres leerstehendes Haus, das einem jetzt in der Schweiz lebenden Exportkaufmann gehört. Der hat es in den dreißiger Jahren gekauft, als er, aus China zurück, seinen eineinhalbjährigen einzigen Sohn mit einer Tropenkrankheit in die Tübinger Universitätsklinik bringen mußte. Die Krankheit war tödlich. Im Namensschild des Hauses bewahrte der Vater das Andenken seines Sohnes: »Gerhardsruh«.

Die Schriftzüge auf der Tafel, die an die braune Holzfassade des Hauses geheftet ist, sind verwittert. Doch ein Hauch von Melancholie ist erhalten. Die grünen Fensterläden haben durchbrochene Herzen und sind mit unschuldigen Tierbildern bemalt: Häschen, Eichhörnchen, Pelikane, Gemsen. Überall Spinngewebe: unter den Dachbalken, am Eingangserker.

Als »ein etwas merkwürdiges, verwunschenes Gebilde« empfindet Feriengast Kiesinger seine Herberge. Für ihn ist sie eine Stätte der Erbauung.

Gerahmte Schiller-Worte an der Wand geben Lebenshilfe: »Arbeit ist des Bürgers Zierde / Segen ist der Mühe Preis / Ehrt den König seine Würde / Ehret uns der Hände Fleiß.«

Der Blick ins Dorf ist laubverhangen. Selbst die gegenüberliegende Anhöhe ist kaum auszumachen. Im Grundbuch heißt sie »Auf dem Berg«, im Volksmund »Obersalzberg": Kleine und große Nazis siedelten -- oder siedeln -- dort: vom verstorbenen, ohne Nachfolger gebliebenen Dorfpolizisten mit Rechtsdrall bis zum ehemaligen Inspekteur der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (Napola), August Heißmeyer, und seiner Frau, der ehemaligen Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink (die beide noch leben).

Nur dem Telephon und dem Offenburger Verleger und Kiesinger-Freund Franz Burda gelingt es, in das Kanzler-Nest einzudringen. Burda schickte letzten Donnerstag drei Werbeflugzeuge mit Schlepp-Spruchbändern: »Gute Erholung wünschen Bunte Illustrierte, Bild und Funk«.

Die Botschaft, in immer neuen Ehrenrunden wiederholt, blieb nicht ohne Antwort: »Da wollen wir mal winken«, meinte der Urlaubskanzler, zog sein Taschentuch und schwenkte es fleißig.

Das Telephon ist die Nabelschnur zum politischen Leben der Bundeshauptstadt. »Eben war Brandt am Apparat«, der Regierende in Urlaubskleidung -- graue Hose, kurzärmeliges, weißes Hemd mit offenem Kragen -- bekommt Sorgenfalten. Die Tschechen hatten sich darauf versteift. im Handelsvertragsabkommen mit Bonn »Deutsche Bundesrepublik« an Stelle der Bonner Diktion »Bundesrepublik Deutschland« zu schreiben. Der Kanzler gab seinem Außenminister Order, den deutschen Unterhändlern in Prag grünes Licht zur Unterschrift zu geben, wenn in einem Briefwechsel statuiert werde, daß mit »Deutsche Bundesrepublik« die »Bundesrepublik Deutschland« gemeint sei.

»Es scheint tatsächlich an Besonderheiten der tschechischen Sprache zu liegen«, erläuterte Kiesinger. »Die Tschechen sagen auch: Österreichische Bundesrepublik oder Schwedisches Königreich.«

Drei Stunden später meldet das Kanzleramt telephonischen Vollzug. Bonn und Prag errichten Handelsmissionen, noch hat die deutsche Verhandlungscrew nur minimale politische Zugeständnisse eintreiben können: Die deutsche Mission darf Sichtvermerke für tschechoslowakische Staatsbürger, die in die Bundesrepublik reisen wollen, ausstellen. Dagegen ist ihr nicht offiziell zugestanden, den Deutschen in der CSSR konsularische Betreuung zu gewähren. Außer dem Telephon gibt es noch eine Fernschreib-Verbindung zwischen Bonn und Bebenhausen. Der Fernmelder ist nicht im Urlaubshaus »angeschlossen, er steht in einem provisorisch installierten Meldebrückenkopf unten im Dorf. Hierher tickert das Kanzleramt die Presseübersicht und -- gemäß Kiesinger-Weisung aufs Notwendigste beschränkte -- Anfragen.

Nach dem Frühstück, morgens gegen neun Uhr, betreibt der Kanzler im einstweiligen Ruhestand Regierungsgeschäfte. Sekretärin Hella Franke nimmt Diktate auf. Sie ist die einzige Gehilfin am Ferienort. Anders als Erhard verzichtet Nachfolger Kiesinger im Urlaub bewußt darauf, mit einem ganzen Stab wieselnder Beamter Regierungshektik zu entfalten.

Sekretärin Franke gewöhnt sich allmählich an naturgebundenes Leben: In ihrem Zimmer im Gasthof Hirsch muß sie bis zur Abenddämmerung die Kanzlerpost geschrieben haben, denn die einzige Lampe im Raum gibt zuwenig Licht; Nachtarbeit ist nicht möglich.

Zwei Bereitschaftspolizisten mit umgehängter Maschinenpistole und drei Beamte der Bonner Sicherungsgruppe sind zum Schutz des Kanzlers nach Bebenhausen abgestellt. Wenigstens einer der Wächter folgt dem Regierungschef, wenn er vormittags und nachmittags, versehen mit einem Fläschchen Essenz gegen Insektenstiche, zu ausgedehnten Märschen durch den Schönbuch aufbricht.

Während der Kanzler wandert, unternimmt Frau Marie-Luise Kiesinger Autotouren mit einem neugekauften

* SPIEGEL-Redakteur Peter Koch

VW-Kabriolett (Kennzeichen TÜ-LU 88). Sie hat vor 30 Jahren zusammen mit ihrem Mann den Führerschein gemacht, seither aber ihm das Steuer überlassen. Kiesinger: »Jetzt bekommt sie plötzlich revolutionäre Gedanken.«

Fußgänger Kiesinger vertieft sich in der mittelalterlichen Bilderbuch-Umgebung Bebenhausens mit Vorliebe in Urlaubs-Reflexionen, wie der veraltete Verwaltungsapparat der Bundesregierung (Kiesinger: »Das ist ja alles 19. Jahrhundert") dem im 20. Jahrhundert verlangten Regierungs-Management angepaßt werden kann. Des Kanzlers Urlaubslektüre: Klaus Mehnerts Neuerscheinung »Der deutsche Standpunkt« und Aufsätze des Tübinger Soziologen Ralf Dahrendorf.

Eine erste Reform der Regierungsgeschäfte ist Kiesinger bereits geglückt. Im Kabinett wird bei großer Hitze auf Kanzlerwunsch in Hemdsärmeln diskutiert. Kiesinger über diese Neuerung: »Es war hochinteressant zu sehen, wer im Kabinett trotzdem sein Jackett anbehielt« -- zum Beispiel Verteidigungsminister Gerhard Schröder.

Nicht nur über Arbeit, auch über künftige Ferien sinniert der Urlauber Kiesinger. Er hat sich bereits bei dem früheren persönlichen Referenten Adenauers, Ministerialdirigent Selbach, erkundigt, nach Welchem Schlüssel die Kosten der Adenauer-Urlaube in Cadenabbia auf Staats- und Privatkasse verteilt wurden. Kiesinger will sein endgültiges Ferienlager aber in Deutschland, irgendwo im Alpenvorland, aufschlagen. Auch an den Tegernsee hat er dabei schon gedacht.

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