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»Hätte man doch Mosche Dajan geschickt«

aus DER SPIEGEL 39/1972

In München wurden die blaßblauen Fahnen offiziell verhökert, das Stück zu fünfzig Mark; in Fürstenfeldbruck markierten Kriminalbeamte die Geschoßbahnen im Hubschrauber D-HADU, jede mit einem Faden; im Institut für Rechtsmedizin der Münchner Universität obduzierten Pathologen »in richterlicher Gegenwart« die Leichen der Opfer -- es war eine Woche danach, Olympia passé, die Aufarbeitung des Schrecklichen hatte begonnen.

Zu Dutzenden waren Beamte in Bonn und Bayern damit beschäftigt, die von Bundeskanzler Brandt geforderte Dokumentation über das Massaker, seine Vorgeschichte wie seine Umstände, zu erarbeiten. Die israelische Regierung betraute Abwehr-Experten mit einer Untersuchung der Vorgänge. Die Staatsanwaltschaft München 1 ermittelte. Und alle Recherchen, alle Klärungsversuche wurden durch die Frage bestimmt, was denn, um das Schlimme abzuwenden, hätte anders gemacht werden müssen oder können.

Wenn es nach Münchner Polizisten ginge -- kaum etwas. Polizeichef Manfred Schreiber blieb dabei, daß die Sache unter so widrigen Umständen gar nicht anders habe ausgehen können. Für ihn waren, so sagte er jedenfalls im nachhinein, die neun Geiseln von vornherein »bereits so gut wie tot«.

Wenn es nach israelischen Militärs ginge -- fast alles. »Jeder israelische Offizier mit den einfachsten Erfahrungen«, schrieb der Militär-Experte der Zeitung »Haaretz«, hätte die Aktionspläne der Westdeutschen verworfen. »Hätte man doch Mosche Dajan oder ein paar Spezialisten nach München geschickt«, so ein israelischer Oberst, »dann hätte das Resultat mit größter Wahrscheinlichkeit anders ausgesehen« besser also.

Mosche Dajan aber, den europäische Rundfunkstationen tatsächlich in München wähnten, verbrachte den Abend des 5. September zu Hause als Hochzeitsgast bei Miriam Janai, der Tochter eines Freundes; erst um vier Uhr morgens erreichte ihn der Anruf von Ministerpräsidentin Golda Meïr: »Mosche, ich muß dir eine böse Botschaft übermitteln.«

Wie anders noch am 9. Mai dieses Jahres, als Dajan vorführte, wie sich solche Sachen machen lassen. Damals war eine Boeing 707 der Sabena von arabischen Terroristen gekapert worden, die die Insassen des Jets nur gegen 270 inhaftierte Palästinenser freigeben wollten -- ausgerechnet auf dem israelischen Flughafen Lod, wo Dajan und Geheimdienstchef Zamir ihr Handwerk demonstrieren konnten.

Ihr Arsenal: erst Verzögerung -- 21 Stunden lang hielten Dajans Parlamentäre das Kaperkommando mit Scheinverhandlungen hin, fast doppelt so lange wie die Polizei in München die Olympia-Terroristen. Dann Sturmangriff -- als die Entführer einwilligten, einen herzkranken Passagier in ärztliche Obhut zu entlassen. stürmten als Mechaniker verkleidete Sicherheitsbeamte die Boeing 707 über die Gangway; zugleich drangen Fallschirmjäger über die Notausstiege ein. Resultat: drei Tote (zwei Terroristen, ein Passagier), fünf Verletzte, 92 befreite Passagiere.

In München gab es keinen Dajan für die Planung, den Einsatz von Fallschirmjägern oder anderen Bundeswehrsoldaten verbot das Grundgesetz, einen Nahkampf nach Lod-Muster begann die Polizei gar nicht erst -- und doch schien man in Israel just dergleichen erwartet zu haben. »Sind die Deutschen etwa keine Militaristen mehr?« fragte ein Leutnant des israelischen Grenzschutzes in Zarid,

Alles hätte in dieser Szenerie nur sinnentstellend wieder Sinn machen können: Die Deutschen konnten den Israelis den Gram nur ersparen, wenn sie wieder martialische Qualitäten an den Tag gelegt hätten -- was nicht nur der Idee von den heiteren Spielen zuwiderlief. Die Israelis konnten den Deutschen das Versagen nur ersparen, wenn sie Nachsicht gezeigt und gemäß Terroristen-Forderung 200 gefangene Palästinenser freigegeben hätten -- was ihrem Selbstbehauptungswillen zuwiderlief. Einstimmige Antwort auf eine Umfrage der Zeitung »Jediot Acharonot«, ob Israel den Forderungen nachgeben solle: »Nein.«

Da die Regierung erst recht nicht von dieser Linie abging (obwohl sie 1968 und 1969 sich auf den Tausch Geisel gegen Palästinenser eingelassen hatte), hatten die Westdeutschen nur noch wenig Entscheidungsspielraum, als der Überfall im olympischen Dorf gelang. Es stellte sich den Politikern und Polizisten gar nicht mehr die ohnedies schon quälerische Alternative, ob sie die Geiseln freihandeln oder freischießen sollten ("Time": »To deal or not to deal"). Der Fall reduzierte sich für sie auf den Ernstfall -- und der geht bei Geiselnahmen selten gut aus.

Selten nur begibt sich der Delinquent ohne Faustpfand vor die Zielfernrohre, wie im Januar dieses Jahres auf dem Flughafen von Poughkeepsie bei New York, wo FBI-Scharfschützen den Erpresser Heinrich von George auf dem Weg zum bereitgestellten Fluchtwagen erschossen.

Daß, der andere Extremfall, selbst optimal scheinende Bedingengen für ein Shoot-out nicht das Leben der Geisel garantieren müssen, demonstrierte im August des Vorjahres die Münchner Polizei. Obwohl die Szene »abgeräumt und sauber« (Oberstaatsanwalt Erich Sechser) war und sechs versteckte Scharfschützen im Anschlag kauerten, konnte Bankräuber Georg Rammelmayr die Geisel Ingrid Reppel erschießen, bevor er unter Polizeikugeln starb.

»Aber das«, meint ein Münchner Beamter, der damals dabei war, »war ja nur ein grausiges Kinderspiel im Vergleich zu den Araberit« Denn: Ist schon die gewöhnliche Kriminalität mit Geiselnahme à la Rammelmayr kaum kalkulierbar hinsichtlich der Chancen einer Befreiung, so gerät die Polizei leicht in den Bereich von Ahnungslosigkeit, Ohnmacht und Chaos, wenn politische Terroristen Geiseln nehmen.

Dann sehen sich Kripo und Schupo, wie in Münchens Connollystraße, unvermittelt einem Tätertypus gegenüber, dem schon der Kriminologie-Altvater Lombroso »eine starke Intelligenz. übertriebene Empfindsamkeit, patriotische und religiöse Ideale, aber auch eine ausgeprägte Neigung zum Selbstmord und einen krankhaften Geisteszustand« bescheinigte -- und womöglich machte die Polizei schon im Umgang mit diesen »ausgefallenen Typen« (so ein Beamter) die entscheidenden Fehler.

Denn wenn es eine Fehlerkette von München gibt, dann begann sie mit der inadäquaten psychologischen Behandlung der Terroristen. Das umfängliche Olympic-Schutzsystem war darauf nicht eingerichtet: ohne erprobtes Einsatzprofil, ohne kriminal-psychologische Schulung und, ohne geeignete Experten als Einsatzberater.

Schon im Ansatz geriet die Operation im Olympiadorf denn auch so kläglich, daß sich Experten wie dem Münchner Professor Paul Matussek, Leiter der Forschungsstelle für Psychopathologie und Psychotherapie in der Max-Planck-Gesellschaft, »ganz generell« der Eindruck aufdrängte, »daß diese Leute für eine extraordinäre Situation nicht optimal geschult sind«.

Matussek: »Angesichts der von der Polizei praktizierten Durchscbnittsmaßnahmen bei diesem Einsatz könnte man überspitzt und karikaturistisch sa-

* Oben: Polizei-Markierung durch Fäden, auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck; unten: im olympischen Dorf.

gen, daß unsere Beamten vorerst nur mit Attentätern fertig werden, die sich vorher persönlich beim Präsidium angemeldet haben.«

Daß Präsident Schreiber im olympischen Dorf mit Polizei-Hundertschaften, mit MP-bewehrten Spezialschützen und sogar mit Panzerspähwagen auffuhr, war psychologisch unvorteilhaft, weil für die Terroristen im Israeli-Quartier selbst »der Tod nicht die höchste Strafe, sondern die höchste Anerkennung« (so der amerikanische Skyjacking-Experte David G. Hubbard) bedeutete und der Aufmarsch der Polizei -- so sie von den Tätern beobachtet wurde -- »wie ein Adrenalinstoß« ("Time") wirken mußte.

Daß als Unterhändler Spitzenpolitiker wie Bundesinnenminister Genscher und Bayerns Innenminister Merk vorgeschickt wurden, mußte zu dem Effekt führen, daß das »schwache Ich dieses Tätertyps unnötig aufgeblasen« (Matussek) und die Position der behördlichen Unterhändler weiter geschwächt wurde.

Daß den Arabern eine »unbestimmte Geldsumme« als Auslösung für die Geiseln angeboten wurde und nicht eine ganz konkrete Summe, stellte »eine totale überforderung der Abstraktionsfähigkeit politischer Fanatiker« dar -- so der Münchner Psychologe Georg Sieber, der diesen Versuch mit dem untauglichen und meist erfolglosen Appell an Kinder vergleicht: »Wenn du artig bist, kriegst du auch was ganz Schönes!« (Schon ein konkretes Fruchtbonbon wäre mehr Verlockung.)

Psycho-Experte Sieber, der von Präsident Schreiber vertraglich als psychologischer Berater der Münchner Polizei verpflichtet wurde, war mit solchen Argumenten schon ein halbes Jahr vor den Olympischen Spielen nicht angekommen, als er der Polizei eine exakt auf den Fall einer Geiselnahme hin entwickelte Expertise vergebens nahezulegen versuchte. Als psychologische Abwehrmaßnahmen hatte er in dem Konzept Aktionen vorgeschlagen, die für Laien abstrus anmuten: »Psychologen haben hier nichts verloren.«

Verfremdung der Tatortumgebung durch auffällig kostümierte Frauen, Vernebelung oder starke Berieselung des Tatorts, Abdecken des überfallenen Hauses durch Tarnnetze -- wobei den Tätern für jede Aktion rationale, plausible Erklärungen geliefert werden wie: Ein großes Folklorefest im Dorf habe nicht mehr abgesagt werden können, im belagerten Haus bestehe Brandgefahr, oder: Die Israelis hätten eine Gegenaktion angekündigt.

Mit derlei Effekten könnten laut Sieber Täter, die »auf eine Phantomlösung fixiert sind und infolge Streß nicht mehr flexibel reagieren können«, psychologisch aus ihrer Blockierung gelöst werden: Gleichzeitig müßte die mögliche Durchlöcherung ihres Konzepts durch Substitute wie die plausiblen Erklärungen oder aber auch gewisse Zusicherungen, Ankündigung von Kontakten zu ihren Hintermännern oder gar Belohnungen für faires Verhalten aufgefüllt werden. Sieber: »Man muß solchen paranoiden Tätertypen sozusagen einen Fuß wegschlagen und gleichzeitig eine Krücke liefern.«

Siebers Fachkollegen wie Matussek zählen solche Psycho-Einsätze bereits zum -- heute in Deutschland noch fehlenden -- »Inventar polizeilicher Maßnahmen«, die man »durch vorausgehendes Simulieren« einstudieren müsse.

Einig sind sich die Experten aber auch, daß im Fall München die Polizei, statt zu schießen, die Täter durch »Beschäftigungstherapie« (Sieber) und »Ablenkungsmanöver« (Matussek) hätte hinhalten sollen bis zu ihrem physischen Tiefpunkt. »Hätten die deutschen Behörden Erfahrung in solchen Dingen« (US-Psychiater Hubbard), so wüßten sie, »daß die Terroristen in der Nacht vor dem Ereignis nicht zu schlafen pflegen« -- mithin wäre die freiwillige Aufgabe der Täter oder deren erfolgreiche Überwältigung nur eine Frage der Zeit gewesen.

Präsident Schreiber aber ließ seinen Psychologen Sieber, als der schwarze Dienstag kam, aus der Kommando-Zentrale komplimentieren: »Psychologen haben hier nichts verloren.« Denn auch Psychologen, so gab der Präsident später kund, hätten »keine größere Lebens- oder Berufserfahrung als alle leitenden Polizeibeamten« -- was richtig ist.

Sieber, der sein Fach als »eine Inge nieurwissenschaft, eine im härtesten Ausmaß technische Wissenschaft« einordnet, konterte: Bei »einem Araber, der einen Wohnblock einer israelischen Mannschaft überfällt«, helfe keine Lebenserfahrung, sondern »nur die wissenschaftliche Methode« -- was wichtiger ist: Auswertung von Tonbandprotokollen etwa, Sprachanalysen, Aufklärung der psychischen Situation der Täter, Verhaltensprognosen.

Von alledem spürten die Münchner Polizisten kaum einen Hauch, als das Ungemach über sie hereinbrach -- geschweige denn vermochten sie sich polizeitechnisch und polizeitaktisch auf das Geschehen wirksam einzurichten.

»Wir wußten ja in keiner Weise, wie die Sache ablaufen würde«, räumte Dr. Georg Wolf, Vizepräsident der Münchner Polizei und Einsatzleiter in Fürstenfeldbruck, später ein; man »konnte sich nicht minuziös auf den bestimmten Ablauf festlegen«.

Festgelegt hatte sich die Polizei nur ganz allgemein: Sie wollte die Geiseln retten, der Terroristen habhaft werden, keinen Unbeteiligten gefähriden -- wann und wie, darüber gab es bei Krisenstab und Einsatzleitung an jenem schwarzen olympischen Dienstag alle zwei Stunden neue Vorstellungen. Das zunächst nur »schwache Alternativ-Programm« (so Oberst Heinz-Günther Kuring, Kommandeur des Fliegerhorstes Fürstenfeldbruck), das dreifache Ziel draußen auf dem Militärflugplatz zu erreichen, wurde ernsthaft erst am späten Nachmittag, 17.15 Uhr, aufgegriffen, als die Terroristen sich erstmals erboten, mit ihren Geiseln auszufliegen.

Aber als die Hubschrauber spät am Abend aus dem olympischen Dorf abhoben, war die Polizei noch unsicher, wohin sie nun fliegen würden. »Wir wußten nicht«, erinnert Einsatzleiter Wolf sich, »ob die nicht nur über Für-

* Oben: am 9. Mai 1972 auf dem Flughafen Tel Aviv-Lod; unten: am 27. Januar 1972 auf dem Flughafen Poughkeepaie.

stenfeldbruck kreisen und den ... vielleicht wieder umdrehen und ins Dorf zurückfliegen oder nach Riem fliegen.«

Sie hätten auch zu einem anderen Flughafen fliegen können, nach Erding (30 Kilometer entfernt), nach Neubiberg (20 Kilometer) oder nach Manching (70 Kilometer). Sie hätten., von den Terroristen dazu gezwungen, auch im Dachauer Moor niedergehen können, und dann wären eine genau geplante, eine militärische Aktion und Operation erforderlich gewesen und vielleicht Scharfschützen aus Frankfurt und Düsseldorf und .eine ganze Armee Beamter.

So aber kam alles andere als das zustande, was Regierungssprecher Conrad Ahlers voreilig eine »genau geplante, wenn Sie so wollen, militärische Aktion und Operation« nannte. Statt dessen rechnete Schreiber-Vize Wolf »mit allen« Eventualitäten, und es stellte sich heraus, daß es mehr Eventualitäten als -- zum Beispiel -- Scharfschützen gab.

Scharfschützen gab es nur 14, und die waren auf drei Einsatzorte verteilt, gerade fünf auf Fürstenfeldbruck, wo ihnen nach ihrer Ankunft nicht mehr als dreißig Minuten blieben, bis die Araber mit den Geiseln kamen.

»Möglichst viel Blei in möglichst kurzer Zeit.«

Zu diesem Zeitpunkt, 22.35 Uhr, stand am Flugplatz ein weiteres Kommando von 17 Polizeibeamten -- Freiwillige für »diese Flugzeuggeschichte« (Wolf), die erst geplante, dann verworfene Überrumpelung der Araber in der Lufthansa-Boeing 727 -- und eine Hundertschaft Bereitschaftspolizisten parat. Zusätzliche Hundertschaften (zur Absperrung), ein weiteres Kommando mit einem Führer und 21 Mann sowie gepanzerte Fahrzeuge trafen erst später ein -- »aprin schieß«, wie ein Beobachter zynelte.

Die fünf Scharfschützen und noch ein Mann mit einer Maschinenpistole wurden laut Wolf »fifty-fifty« auf und neben dem Tower postiert, vor ihnen, 35 Meter entfernt, der Landeplatz der Hubschrauber, weiter rechts, mit laufenden Triebwerken, die Boeing -- die ganze Szene durch drei Giraffenleuchten in »hervorragendes Licht« (Polizeipräsident Schreiber) getaucht, und auch Bundesinnenminister Genscher, der sich im Tower postiert hatte. fand, daß es »richtig hell« war.

Nicht überall allerdings: Bayerns innenminister Merk konstatierte später eine »zwangslaufig zutage tretende Schattenbildung der Hubschrauber« und auch »anderer in diesem Bereich stehender Objekte« -- ein gewiß mißlicher Umstand, der freilich hätte vorausgesehen werden können. Scheinwerfer hätten angefahren werden müssen. Doch man hatte »ja nur Handscheinwerfer gehabt, und jemand, der mit Handscheinwerfer auftritt, der wäre des Todes gewesen« (so Wolf). Zusätzliche Scheinwerfer hätten schon »fahrbar, vollautomatisch« sein müssen und »fernsteuerbar« außerdem, aber »so was gibt es also noch nicht«.

Daß fünf Scharfschützen auf acht Terroristen -- »Time": »Seltsam und verhängnisvoll« -- angesetzt wurden, hatte es wohl auch noch nicht gegeben. Im nachhinein verteidigte Einsatzleiter Wolf das Mißverhältnis damit, »daß wir ja nie mehr als fünf Terroristen vor uns hatten« -- als habe er das geplant gehabt. Wolf befand: »Ein besseres Ergebnis wäre durch ein Mehr an Scharfschützen auch nicht m erzielen gewesen« -- als hätte es sich bei den fünf Mann mit den G-3-Gewehren wirklich um regelrechte Scharfschützen gehandelt.

Sie waren es nicht -- weder von der Bewaffnung noch von der Ausbildung her. Das G 3, mit dem sie schossen, gilt bei Experten wie dem Polizeiwaffenberater Heinz Josef Stammel zwar als »das beste Schnellfeuergewehr der Welt«, doch ist es mit seinem robusten Mechanismus eher für infanteristische Zwecke und »zum Versprühen von möglichst viel Blei in möglichst kurzer Zeit« gedacht und deshalb als »Präzisionsschützenwaffe völlig ungeeignet«. Stammels Fazit: Mit einem G 3 -- großer Streukreis durch kurze Lauflänge, weiter verminderte Schießgenauigkeit durch hohes Abzugsgewicht -- »kann selbst ein erstklassiger Präzisionsschütze kein Präzisionsschütze mehr sein«.

Mit dem falschen Gewehr -- ein richtiges wäre eine langläufige Präzisions-Jagdwaffe wie das Mauser 66 gewesen -- mußte die Tower-Power auch noch auf ungewohnte Ziele anlegen: auf bewegte. Denn wie fast alle Polizeischützen in der Bundesrepublik haben auch die aus München im Training bislang fast ausnahmslos »nur auf Scheibe geschossen« (Schreiber) -- doch als sie auf die Terroristen zielten, waren diese nicht nur in Bewegung, sondern laut Wolf sogar »in Querbewegung«.

»Die Schützen haben sich selbst zum Schießen entschieden.«

Zwar verrichteten die fünf von Fürstenfeldbruck ihr Bestes und trafen die vier Terroristen, die aus den Hubschraubern gestiegen waren. Doch sie trafen nicht schlagartig zur selben Sekunde, weil, wie auch Wolf vermutet, mehrere Schützen zugleich ein und dasselbe Ziel anvisierten -- Indiz für mangelhafte Zielabsprache. »Deren Sinn ja sein sollte, daß nicht zwei Mann auf einen Mann schießen«, wie der Stuttgarter Waffenexperte und Fachbuchautor Siegfried F. Hübner ("Der erste Treffer zählt") findet.

Um solche Koordinationsfehler zu vermeiden, hatte beispielsweise das amerikanische FBI die Rollen in seinen »Anti-Sniper-Squads«, einer auf Flugzeugentführer und Geiselnehmer gedrillten Spezialtruppe« klar verteilt: Bei deren Einsätzen ist einer Gruppenleiter und Beobachter, ein zweiter der Präzisionsschütze« ein dritter gibt Deckungsfeuer, der vierte fungiert als sogenannter Formationsverteidiger.

Ähnlich geht es nun auch beim mobilen Einsatzkommando (MEK) des baden-württembergischen Landeskriminalamts zu, dessen 18 Freiwillige etwa auch spezielle Autofahrkünste beherrschen müssen: Beim MEK-Einsatz, so jedenfalls wird es trainiert, ordnet der Gruppenleiter jedem Präzisionsschützen über Sprechfunk zunächst ein Ziel zu. Erst wenn alle »Ziel erfaßt« gemeldet haben, ergeht der Schußbefehl.

In Fürstenfeldbruck dagegen wurde nur summarisch »Feuer frei« gegeben, danach -- so Wolf -- »haben die Schützen selbst entschieden zu schießen«. Eine Zielabsprache im einzelnen gab es nicht, denn »wir wußten ja nicht, wie die Dinge laufen«. Wolf am Donnerstag vergangener Woche:- »Lassen wir mal die Frage offen, wie die gesteuert worden sind«

So kam es, daß die Scharfschützen ihren Auftrag, »die Täter zu töten, kampfunfähig zu machen« (Schreiber), nicht Knall und Fall, sondern lediglich »ehestens« (Wolf) erledigten: Von den zwei Terroristen, die gerade auf dem Rückweg von der Boeing zu den Hubschraubern waren und zu laufen begannen, als die Schüsse fielen, »stürzte« (Wolf) nur einer, dem anderen gelang es noch, unter einem Hubschrauber in Deckung zu gehen, bevor ihn eine Kugel traf.

Die zwei anderen Terroristen, die bei den Hubschraubern die deutschen Piloten in Schach hielten, brachen beide zusammen, doch nur einer tödlich. Bei dem anderen, so Wolfs letzte Ermittlungen, wurde »nach einer Stunde etwa ... wieder eine Bewegung beobachtet": Er machte sich an seinem Hosenbund zu schaffen, wurde daraufhin erneut von den Scharfschützen beschossen, »und dann krepierte die Handgranate, die er offensichtlich am Gürtel hatte«. Danach, so Wolf, »hat er sich nimmer gerührt«.

Diese eine Stunde, in der sonst nichts geschah -- das war die Zeit, in der es der Polizei dämmern mußte, daß ihr Konzept in die Sackgasse geführt hatte. Das Ziel des Scharfschießens war gewesen« »daß möglichst viele umfallen« (Genscher); aber genau so viele, wie umgefallen waren, saßen noch lebendig in den Hubschraubern, bereit, die Geiseln zu liquidieren. Die Hoffnung des Einsatzstabes, »sie werde der Schock treffen« (Merk), ging ebenso dahin wie die Hoffnung, sie würden »die Waffen strecken oder ihre Munition verschießen und dann aufgeben« (Wolf).

Und Einsatzleiter Wolf ist bereit, es »noch hundertmal« zu sagen: »Wir konnten auf die Terroristen, die sich noch mit den Geiseln zusammen in den Hubschraubern befanden, nie und nimmer schießen, und das stand jedem Sturmangriff entgegen« -- eine Alternative, die Wolf »ein bißchen vom Krimi geprägt« erscheint.

Doch seit Mosche Dajans Coup von Lod gilt, daß Überrumpelung im Nahkampf die zwar härteste, aber wohl noch am ehesten erfolgreiche Methode in solchen Auseinandersetzungen ist: Sobald sich Geiselnehmer der tödlichen Attacke ausgesetzt sehen, wenden sie sich instinktiv gegen den Angreifer und lassen wenigstens für Augenblicke die Geiseln außer acht. Es ist eine Sache von Sekunden -- und von Spezialisten.

Doch über die Fertigkeit, die solche Spezialisten ausmacht, verfügen deutsche Polizeibeamte kaum: das Combat-Schießen aus der Hüfte, das schnellste mit Pistole und Revolver. Der Nahkampfschütze zielt dabei nicht über Kimme und Korn und trifft trotzdem, auch im Dunkeln.

Trainierte Combat-Schützen -- und langes Training ist nötig -- benötigen nur 0,6 Sekunden bis eine Sekunde. um ihre Faustfeuerwaffe aus dem Holster zu ziehen und zu schießen; ein normaler Schütze braucht drei- bis zehnmal so lange. Vorteil der Combat-Technik: Dem Gegner bleibt keine Zeit zur Gegenwehr, Überrumpelung auch auf engem Raum -- so in einem Flugzeug -ist möglich.

Combat-Schießen gehört seit Jahren zum Trainingsprogramm von FBI-Agenten, Combat-Beamte der Police Nationale bewachen Frankreichs Flughäfen, in dieser Technik geübte Israelis waren es auch, die in Lod die Sabena-Maschine freischossen.

in der Bundesrepublik dagegen werden erst seit letztem Winter einige Spezial-Einsatzgruppen der Polizei, darunter das baden-württembergische MEK, in der Combat-Kunst unterwiesen. In München üben sich -- außerhalb des Dienstplans -- die Mitglieder einer 16 Mann starken Sonderfahndungsgruppe darin. Sie waren am Dienstag vorletzter Woche im olympischen Dorf, nicht aber in Fürstenfeldbruck eingesetzt. Auf dem Flughafen nur mit der Pinzette hantiert.

Ob es daran lag, daß es an Spezialisten oder am -Mut zum äußersten Risiko mangelte -- die Einsatzleitung in Fürstenfeldbruck hätte sich schon gescheut, den Terroristen in der Lufthansa-Maschine eine Nahkampf-Falle zu stellen. Die Maschine war zunächst mit Freiwilligen des 17-Mann-Kommandos -- als Piloten und Bordmechaniker getarnt -- besetzt worden, doch bevor die Terroristen landeten, war die Polizei-Crew wieder von Bord gegangen. Schreiber: »Es wäre ein Todeskommando gewesen.«

Statt zu stürmen, so analysierten israelische Militärs vergangene Woche die Operation auf dem Flughafen von Fürstenfeldbruck, habe die deutsche Polizei nur »mit der Pinzette« hantiert und weit vom Gefahrenherd entfernt Deckung und Sicherheit gesucht

ganz. entgegen der israelischen Devise. die von General Sherman aus dem amerikanischen Sezessionskrieg stammt: den Feind direkt, schnell und mit letzter Härte auszuschalten -- »The fastest, with the mostest«.

Dies genau markiert den Unterschied der Positionen. Für die Israelis stellt sich ein Terroristen-Überfall wie in München zwangsläufig als Akt des Krieges dar, der trotz des Waffenstillstandes mit den arabischen Ländern weiterschwelt; die Reaktion ist kriegsmäßig, militärisch. Für die Deutschen aber bedeutet Geiselterror die bislang extremste Form von Gewaltkriminalität, die sich nur mit polizeilichen Mitteln ahnden läßt -- und die sind noch immer mittelmäßig.

Sicher, »niemand sollte«, wie die »Deutsche Zeitung -- Christ und Welt« schreibt, unter diesen Umständen »so tun, als wäre bei ihm das Leben der Geiseln in besseren Händen gewesen«. Mag auch sein, wie Polizeichef Schreiber sagt, daß »in diesem Falle der Enderfolg mit 99 Prozent nicht eintreten konnte«.

Aber aus dem einen Prozent ein bißchen mehr zu machen, wäre jede Anstrengung wert gewesen.

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