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»Häufig ein allzu unangenehmes Selbstgefühl«

SPD-MdB Gerhard Schröder über ein politisches Porträt des Bundeskanzlers Helmut Kohl *
Von Gerhard Schröder
aus DER SPIEGEL 41/1985

Helle« tanzte toll Tango. Er war, auch mit zusammengebundenen Beinen, ein vorzüglicher Schwimmer. Als Mittelläufer war er ein kraftstrotzendes, kaum zu umspielendes Bollwerk. Er schoß beidfüßig, rechts wie links, gleichermaßen treffsicher. Noch stärker aber war er bei Kopfbällen: »Er hatte«, heißt es, »eine harte Birne.«

Einst, in der Volksschule, war er noch der Kleinste in der Klasse. Weil er des öfteren aufmüpfig sein konnte, setzte es auch Prügel. In Deutsch und Geschichte schaffte er die Note »sehr gut«. In Mathematik hingegen stand auf seinem Abiturzeugnis eine glatte 6. Er war ein geschätzter Klassensprecher, taktierte und argumentierte geschickt, galt als guter Redner.

Er züchtete Seidenraupen und Blaue und Weiße Wiener. Einige Zeit hielt er sich auch einen Pfau im elterlichen Garten. Er lernte das Pflügen mit Zugochsen. Beinahe wäre er Bauer geworden. Für »Helle«, so heißt es, »gab es kein Problem, das unlösbar erschien«. Schon als Schüler sei er »unverwüstlich, froh, lebenslustig, kontaktfreudig und optimistisch« gewesen.

Schon damals habe er, schildert ein anderer, die Gabe besessen, »Zukunftsperspektiven zu eröffnen und mit politischem Weitblick zu handeln«. Und: »Er zeigte bereits mit siebzehn Jahren ein erstaunliches Verhältnis zur politischen Macht.« Und schon früh, der Pubertät kaum entwachsen, sagte »Helle« über sich: »Ich werde einmal der erste Mann in diesem Lande.«

Frei nach Tratschke wäre zu fragen: Wer ist's? Wer ist der Junge mit den Max-und-Moritz-Allüren, der inzwischen an die Spitze geschwommen ist, der aller Welt seine »harte Birne« beweisen möchte? Wer ist der Kleine, der einst Blaue und Weiße Wiener züchtete und sich zum »Schwarzen Riesen« gemausert hat? Richtig: »Helle« ist Bundeskanzler Helmut Kohl.

Dies alles erfahren wir aus einem Buch, das kürzlich auf den Markt gekommen ist, geschrieben von den Journalisten Werner Filmer (WDR) und Heribert Schwan (Deutschlandfunk). Sie selbst und mehr als fünfzig »Zeitzeugen« und Journalisten versuchen auf 432 Seiten ein Bild von Helmut Kohl zu vermitteln. Sie alle mühten sich, den Weg »Helles« vom schmächtigen Kaninchenzüchter zum mächtigen Kanzler nachzuzeichnen und einen Helmut Kohl zu zeigen, »wie er wirklich ist«.

Ist er wirklich so, wie er hier in Anekdoten und Analysen, in Lobpreisungen und kritischen Anmerkungen vorgeführt wird? Kohls »Schichtungen, sein Wesen, sein Umfeld, sein Profil, aber auch seine Verschlingungen« (was immer damit gemeint sein mag), so die Herausgeber Filmer und Schwan, sollen »gründlich« ausgelotet werden in diesem Buch, sozusagen »scheibchenweise«. Und das Ganze auch noch »jenseits der Klischees«.

Um dies alles zu erreichen, »wurden unterschiedliche Autoren gebeten, Freunde und Feinde, Helmut Kohl auf den Leib zu rücken«. Denn, so untermauern die Herausgeber ihren Anspruch mit einer Platitüde, einer von vielen: »Die Wahrheit ist vielschichtig.«

Ich will hier nicht über Gebühr mäkeln und auf vordergründige »Ausgewogenheit« pochen. Doch wenn »Freunde und Feinde« im Verhältnis von etwa sieben zu eins dem Kanzler »auf den Leib rücken« dürfen, kann das sicher nicht nur Zufall sein.

Es liegt nahe, daß CDU-Bundesgeschäftsführer Peter Radunski über seinen Vorsitzenden Helmut Kohl schreibt. Gern hätte ich gelesen, was SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz zur Person Kohl zu sagen hat. Es liegt nahe, daß frühere Minister aus Kohls Mainzer Kabinett, daß andere Pfälzer Wegbegleiter und Politiker zu Wort kommen. Aber sicher hätten zum Beispiel auch der Rheinland-Pfälzer Hugo Brandt oder der frühere Bremer Bürgermeister Hans Koschnick und Nordrhein-Westfalens früherer Ministerpräsident Heinz Kühn, die beide Kohl aus gemeinsamen Zeiten im Bundesrat kennen, Wissens- und Bemerkenswertes beisteuern können. Die Liste ließe sich verlängern.

Ich möchte den Herausgebern nicht zu nahe treten, die von sich sagen, daß sie weder zu Kohls »Bewunderern noch zu seinen Parteigängern« gehören. Aber ich hatte häufig das Gefühl, das Konrad-Adenauer-Haus in Bonn, die CDU-Zentrale, könne mit dem Buch zufrieden sein. Geschickte PR-Berater könnten im Grunde kaum besser arbeiten, wenn sie das, gelinde gesagt, angekratzte Image des Kanzlers kräftig aufpolieren wollten.

Ohne Zweifel sind über Helmut Kohl eine Menge Klischees im Umlauf. Und ebenso unstreitig ist er selbst daran nicht schuldlos. Hamburger »Kloakenjournalisten« von SPIEGEL und »Stern« malen seit Jahr und Tag durchaus genüßlich, zuweilen hämisch, an dem Bild, das viele Bürger von Helmut Kohl haben: politischer Tolpatsch, Aussitzer vom Dienst, führungs- und entscheidungsschwach, Kanzler von Franz Josef Strauß' Gnaden.

Die »Welt der Arbeit« ("WdA"), die Wochenzeitung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), überschrieb kürzlich einen Kohl-Kommentar: »Die Republik lacht über den Aussitzer«. »WdA«-Chefredakteur

Dieter Schmidt: »Soweit ich es überblicke, überall im Lande wird über die Regierung, insbesondere über den Bundeskanzler, nur noch gelacht.« So sei er »nach der Affäre Wörner, die fälschlich auch Affäre Kießling genannt wird, als erster Bundeskanzler in der sogenannten Bundespressekonferenz ausgelacht worden, aber dieses Gelächter setzt sich fort«. Bis hin zu den »Erklärungen des Bundeskanzlers aus dem Urlaub« zum Spionagefall Tiedge: »Heiterkeit in (fast) allen Wohnstuben.«

Bestimmt haben viele Bundesbürger, vor allem auch die Leserinnen und Leser des SPIEGEL, solch wegweisende Kohl-Erkenntnisse im Ohr wie: »Am wichtigsten ist, was hinten rauskommt.« Und bestimmt können sich viele noch an seinen Auftritt am 3. Oktober 1976, am Abend seiner Wahlniederlage gegen Helmut Schmidt, erinnern. In die Kameras des Deutschen Fernsehens sagte er damals, wahrscheinlich zur Gaudi »in (fast) allen Wohnstuben«, trotzig: »Ich will Kanzler werden!«

Fast auf den Tag genau sechs Jahre später sah das Fernsehvolk einen Kanzler Helmut Kohl, der sich sichtlich genüßlich und selbstgefällig auf der Regierungsbank räkelte.

Ich will nicht verhehlen, daß etliche seiner Auftritte, etliche seiner Aussagen mich ebenfalls zum Lachen gereizt haben. Diese Mischung aus Selbstgefälligkeit und Verdrängungskunst, die Kohl wie kein anderer Kanzler vor ihm beherrscht, dieser augenfällige Widerspruch zwischen Anspruch und Realität ist vielfach wirklich erheiternd. Nur: Ich halte es für völlig falsch, diesen Mann zu unterschätzen, ihn zur Karikatur ("Birne"), gar zur Witzfigur zu machen. Dieser Mann ist gefährlich, vor allem auch als Bundeskanzler.

Es gibt lesenswerte, nachdenklich stimmende Beiträge und Passagen in dem Kohl-Buch von Filmer und Schwan, die das bestätigen. Durchgängig wird er als machtbewußt beschrieben. Das gilt für seine Zeit in Rheinland-Pfalz ebenso wie für seine Zeit als Oppositionsführer oder Kanzler in Bonn. Nichts beschreibt seine Karriere vom Klassensprecher in Ludwigshafen zum Kanzler in Bonn besser als der Satz seines Ex-Wirtschaftsministers in Mainz, Heinrich Holkenbrink: »Helmut Kohl hatte ein Gespür für Machtausübung.« Und die Tatsache, daß er sich gern als »Enkel« Adenauers bezeichnet, hängt auch damit zusammen, daß er Adenauer »in der Art seiner Machtausübung« bewundert.

Ein potentieller Kohl-Nachfolger, Gerhard Stoltenberg, hat dieselbe Eigenschaft wie Kohl: Er kann warten. Ein anderer, Lothar Späth, übt sich vorsorglich schon mal in Außenpolitik ein. Ein dritter, Ernst Albrecht, der die Kandidaten-Kür zur Bundestagswahl 1980 gegen Franz Josef Strauß verlor, »war schon nach dem kurzen Anlauf zur Spitze erschöpft wieder von der Bildfläche verschwunden«, so Heinz-Joachim Melder vom »Kölner Stadt-Anzeiger«. An Helmut Kohl führt im Moment kein Weg vorbei. Ein Mitarbeiter: »Der Kohl kann momentan nur über seine eigenen Füße fallen ... Vor 1987 wird das nicht der Fall sein!«

Inzwischen hat jeder in der Bundesrepublik erlebt, mit wieviel Lust Helmut Kohl »Amtsträger« ist. Von daher ist der These zuzustimmen: »Er läuft Gefahr, Amt und Person so hochgradig zu identifizieren, daß er Angriffe auf seine Person als Angriffe auf die demokratische Ordnung wertet.« Beispiele dafür gibt's genug.

Und auch diesem Satz kann ich, aus eigenem Erleben im Bundestag, zustimmen: »Immer ist er zunächst Parteiführer und dann erst Kanzler.« So geht es ihm, zum Beispiel mit seinem Auftritt bei den Schlesiern, schlichtweg um innenpolitische Wirkungen. Kohl und sein Kabinett kämpfen bereits jetzt um die Stimmen der Vertriebenen für die Wahl im Januar 1987. Dabei interessiert den Kanzler der außenpolitische Schaden, den er anrichtet, offensichtlich wenig. Ihm geht's darum, seine Macht zu erhalten.

Über Adenauers Umgang mit Parlament und Partei habe ich nur gelesen

oder gehört. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß er in ähnlich offener, deutlicher, geradezu dreister Art und Weise seinen Amtseid mißachtet hat, wie der jetzige »Amtsträger« Helmut Kohl das seit drei Jahren vorexerziert: Einseitig wie kein Kanzler vor ihm mehrt er den Nutzen seiner Klientel, fügt er der Mehrheit des deutschen Volkes, Arbeitnehmern und Rentnern, Schülern und Frauen, Kranken und Behinderten, Arbeitslosen und Auszubildenden Schaden zu. Und dies, obwohl viele von ihnen am 6. März 1983 im Vertrauen auf die »Aufschwung«-Parolen Kohl gewählt haben.

Sein ausgeprägtes Machtbewußtsein darf, vor allem auch von den Sozialdemokraten, nicht unterschätzt werden. Mag sein, daß Helmut Schmidt seinen Herausforderer 1976 unterschätzt hat. Geringschätzig sprach er von Kohl als dem »Mann aus Mainz«, stellte ihn gern als Marionette von Franz Josef Strauß hin. Schon damals hatte der Rheinland-Pfälzer Sozialdemokrat Wilhelm Dröscher, der seinen Landsmann Kohl gut kannte, in einem Brief den SPD-Vorstand gemahnt: »Ihr nehmt den Kohl zu leicht. Der ist viel gefährlicher, als Ihr Euch das vorstellt. Er ist ein Mann, der dem deutschen Kleinbürger auf den Leib geschrieben ist.«

Der unaufhaltsame Aufstieg des Helmut Kohl ist nur zum Teil mit dessen unstillbarer Lust an der Macht zu erklären. Drei andere Punkte kommen hinzu: zum einen die pfälzische Herkunft, diese Form von wein- und wurstseliger Provinzialität, dieses vertraute, private Ambiente, in dem sich Kohl wohl und zu Hause fühlt. In seiner Dissertation schreibt er über die Pfälzer: »Neben einem ausgeprägten Sinn für Toleranz besteht jedoch häufig ein allzu starkes und unangenehmes Selbstgefühl.«

Da Selbstkritik seine Sache nicht ist, wird Kohl sich damit nicht gemeint haben. Zutreffend aber ist, zweiter Punkt, daß ihm von Kindesbeinen an ein erstaunliches Selbst- und Sendungsbewußtsein zugeschrieben wird. Paul Pucher über Kohl: »Er glaubt an sich.« Kohl über Kohl: »Ich bin der beste Mann.« Daß auch Strauß das von sich glaubt, dürfte Kohl in seinem Selbstgefühl nicht erschüttern.

Der dritte, möglicherweise entscheidende Punkt für die Kohl-Karriere: Allenthalben wird seine Fähigkeit gelobt, »Freundschaften zu schließen und zu pflegen«. Ganz offensichtlich hat er es bereits in seiner Schüler- und Studentenzeit verstanden, Freunde an sich zu binden, sie für sich einzunehmen, sie zu verpflichten, ihnen in späteren Jahren dann auch Karrieren zu eröffnen, Posten zuzuschanzen.

Bedingung war: Die Freunde mußten ihm treu ergeben sein. Andernfalls konnte und kann »Helle« Kohl sehr nachtragend sein, da endete manche Karriere abrupt. Mit Unterstützung seiner Freunde in der Jungen Union jedenfalls schaffte Kohl den Sprung in den rheinland-pfälzischen CDU-Landesvorstand, zum Vorsitzenden der CDU-Fraktion im Landtag. Mit Hilfe seiner Freunde entmachtete er 1969 Ministerpräsident Peter Altmeier, der 22 Jahre im Amt war.

Die Seilschaften funktionieren bis heute. Kohl sieht Politik weitgehend personenbezogen. Beispiele sind Heiner Geißler, Bernhard Vogel, Wolfgang Schäuble, Philipp Jenninger, auch Waldemar Schreckenberger.

1982 begannen auch die Karrieren seiner engsten Berater und Vertrauten: Horst Teltschik (Filmer und Schwan: »Das As"), Wolfgang Schäuble ("Der Amtschef"), Eduard Ackermann ("Doktor Carbonara"), Wolfgang Bergsdorf ("Der Unentbehrliche"), seit Juni auch Friedhelm Ost ("Der Verkäufer"). Die Männer in der »Crew des Kanzlers« werden als kluge, strategisch denkende, taktisch versierte, politischprofessionelle Kanzler-Helfer beschrieben.

Juliane Weber dagegen, Persönliche Referentin Kohls, ist die »Seele des Kanzleramtes«. Die Autoren wörtlich: »Kohl spürt in ihrer aktiven Demut und schöpferischen Aktivität seine eigene intakt gebliebene Welt. In ihrer Selbstbescheidung ersetzt sie seine anders verlaufende Wesenslinie. Sie gibt ihm im Bonner Dschungel ein Stück Heimat.« Natürlich ist sie ein »Energiebündel an Arbeitsleistung und Engagement«. Das Rollenbild aus bundesdeutschen Fibeln läßt grüßen - eine von mehreren ärgerlichen Fehlleistungen.

Zugegeben: Wir erfahren viele Details aus dem Leben des Helmut Kohl. Manches davon dürfte für eine breitere Öffentlichkeit überraschend und neu sein, zum Beispiel, daß Helmut Kohl Humor hat. In seinen frühen Mainzer Tagen hatte Kohl einen Schäferhund, »Igo«, auf den er sehr stolz war. Auf die wahrlich komische Frage: »Bist du ein Soz?« begann der Hund angriffslustig zu kläffen. Willibald Hilf, aus der Mainzer Staatskanzlei auf den Intendantensessel des Südwestfunks gehievt, lobt »Igo« für diese »Demonstration feinsten Hundeinstinkts«.

Machtinstinkt, Selbst- und Sendungsbewußtsein, Seilschaften, die Herkunft aus dem katholischen, eher kleinbürgerlichen pfälzischen Elternhaus: Die steile wie stetige Karriere, sorgfältig geplant und inszeniert, der rasante wie rabiate Durchmarsch des Helmut Kohl ins Kanzleramt werden in ziemlicher Breite, unter verschiedenen Gesichtspunkten dargelegt. Die Art und Weise, wie ein solcher Aufstieg durchgezogen wurde, ist so wohl nur in der Union möglich, wo nur oben bleiben kann, wer Erfolg hat. Durchaus denkbar, daß der lange Aufstieg des Helmut Kohl Anfang 1987 ein jähes Ende findet.

Erste Anzeichen deuten bereits darauf hin. Darüber aber wird für meinen Geschmack zu kurz berichtet. Der Analyse des Aufstiegs steht nichts Vergleichbares gegenüber, was den deutlich erkennbaren Abstieg des Kanzlers Helmut Kohl betrifft. Ein paar Hinweise, das ist's dann schon. Keine Versuche einer Erklärung für die Tatsache, daß nie zuvor ein Bundeskanzler in der Beliebtheitsskala so rasch und so rapide abgesackt ist - unter Null und hinter Franz Josef Strauß. Gründe dafür gibt's genug:

Die zahlreichen Pannen und Skandale, die einseitig auf die sogenannte »Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen« ausgerichtete Politik, die beklemmend hohe Arbeitslosigkeit, die schwerwiegenden Einschnitte in das soziale Netz, die Versäumnisse und Halbherzigkeiten im Umweltschutz, der Konflikt-Kurs gegenüber den DGB-Gewerkschaften und den Arbeitnehmern, die Garde untragbar gewordener Minister (von Schwarz-Schilling bis Wörner, von Kiechle bis Zimmermann), die aber noch immer fröhlich an ihren Sesseln kleben, die Wahlschlappen im Saarland und in Nordrhein-Westfalen, die kläglichen Versuche Kohls, all dies zu verdrängen und von einer »erfolgreichen Regierung« zu sprechen - selbst diese unvollständige Liste bietet genügend Beispiele, anhand derer die Autoren das Erscheinungsbild von Helmut Kohl hätten abrunden müssen. Doch von wenigen Sätzen abgesehen, geschieht das nicht.

Zwar kommen Kritiker der Kohl-Politik zu Wort. Doch im Gesamtkonzept des Buches haben sie, so mein Eindruck, eher Alibifunktion. Auch zwei andere Fragen, die ich gerade bei einem Buch über den amtierenden Kanzler für unumgänglich halte, werden nur in Ansätzen, jedenfalls unzureichend beantwortet.

Das eine: Was hat der Mann, der angetreten ist, diese Republik geistigmoralisch zu erneuern, der »geistige Führung« versprochen hat, was hat er spätestens seit dem 1. Oktober 1982, dem Tag der »Wende«, politisch bewegt? Einst, in Mainz, wurde der Ministerpräsident Kohl als »Reformpolitiker« gefeiert. Mit diesem Image kam er nach Bonn. Über die »geistig-moralische Erneuerung« ist von ihm viel Nebulöses zu hören, die »geistige Führung« findet nicht statt. Kein Anlaß für eine kritische Analyse?

Das zweite: Wie ist es zu erklären, daß Helmut Kohl, der wie kaum ein anderer Politiker voll aufs Gemüt der »schweigenden Mehrheit« zielt, der nach seinem Wahltriumph mit »Aufschwung«-Parolen inzwischen auf Talfahrt ist, der Meinungsumfragen einen hohen Stellenwert beimißt, daß dieser Mann alles »aussitzt«? Nur Verdrängungskunst, nur Beharrlichkeit, nur Gelassenheit? Auch hier hätte ich mir eine kritischere Auseinandersetzung mit Helmut Kohl gewünscht.

Das Buch wirkt stellenweise unfreiwillig komisch: »Helmut Kohl war nie nur durch einen Körperteil, auch nicht nur durch Kopf, darstellbar. Er ist ganzheitlich, er ist menschlich.« Oder: »Er besaß eine Nase, und alle die, die keine hatten, haben sich an ihm verschätzt.«

Und insgesamt hat das Buch einen weiteren, wohl ebenfalls unfreiwilligen, Effekt: Gelegentlich liest es sich wie ein Nachruf auf eine politische Karriere.

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