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ITALIEN / KOMMUNISTEN Häutung am Flügel

aus DER SPIEGEL 52/1970

In dieser Partei können wir uns nicht wiedererkennen«, zürnten 82 radikale Genossen aus Neapel. Denn diese Partei -- Italiens KP -- »hat auf Kosten des Klassenkampfes die Verteidigung nationaler Interessen übernommen«.

In einem Brief an das Zentralkomitee erklärten die enttäuschten neapolitanischen Kämpfer geschlossen ihren Partei-Austritt.

Und damit folgten sie nur dem Beispiel anderer Dissidenten. Allein im Oktober verließen in Bergamo 16, in Turin 52, in Rom sogar 87 »compagni« (Genossen) die KPI. Sie schlossen sich der pro-chinesischen Gruppe um die Zeitschrift »Il Manifesto« an.

Zu den Überläufern gehören mittlerweile fünf der 177 kommunistischen Parlamentsabgeordneten, gehören Stadträte, Gewerkschaftler, Studenten. Das Wochenblatt »Epoca« diagnostizierte: »Eine ständige Erosion an der Basis der kommunistischen Partei.«

Tatsächlich kennzeichnet ·der rote Exodus eine Krise, wie sie die mächtigste westliche KP (1,5 Millionen Mitglieder, rund acht Millionen Wähler) kaum je erlebt hat: Die »Partito comunista italiano« ist bei vielen militanten Marxisten in Mißkredit geraten.

Nach Meinung der Ultras nämlich rückt die KP-Führung schon seit geraumer Zeit nach rechts und verrät die Ideale der sozialistischen Revolution. Der Beweis dafür scheint nicht einmal schwerzufallen: Italiens KP >will auf legalem Weg, etwa durch ein Bündnis mit Sozialisten und Linkskatholiken, die Macht in Rom erringen -- deshalb pflegt sie einen demokratischen Revisionismus, der die parlamentarische Ordnung akzeptiert;

* will aus Angst vor Stimmenverlusten keine Wirtschaftskrise riskieren -- deshalb warb sie jüngst, nach großen Streiks, für die »Wiederankurbelung der Produktion« und bekräftigte mithin indirekt das kapitalistische System.

In dieser KP, so tadelten etwa die Rebellen von Bergamo, »ist der revolutionäre Wille durch den Geist des Kompromisses ersetzt worden, die Demokratie durch die Bürokratie«. Dem innenpolitischen Opportunismus entspreche die außenpolitische Anpassung.

Der Vorwurf betrifft vor allem das Verhältnis der KPI zum großen Bruder in Moskau: Die Partei hat ihre ursprüngliche Verurteilung der russischen CSSR-Invasion immer mehr abgeschwächt.

Daß die KPI-Führung, indem sie jeden grundsätzlichen Konflikt mit Moskau vermied, Konflikte in den eigenen Reihen riskierte, deutete sich schon im Frühjahr 1969 an:

Zwar betonte damals der zum Partei-Vize aufgerückte Enrico Berlinquer mit Blick auf den russischen Führungsanspruch die »Souveränität jeder kommunistischen Partei«. Und er verwies erneut -- ähnlich wie vor ihm die Parteichefs Togliatti und Longo -- auf den besonderen Italienischen Weg zum Sozialismus. Aber derselbe Berlinquer verurteilte zugleich jeden »Antisowjetismus« -- und schwenkte dann vorsichtig auf Kreml-Kurs ein.

Damit erzürnte er die sogenannte Neue Linke seiner Partei. Denn die machte nach wie vor heftig Front gegen den sowjetischen Panzerkommunismus und rügte den mangelnden Klassenkampf-Eifer der KP.

Wichtigste Wortführerin der Innerparteilichen Opposition war ZK-Mitglied Rossana Rossanda.

Die dem Großbürgertum entstammende Signora, so spottete die Zürcher »Weitwoche«, »trägt echte Perlen am Hals und die erträumte Revolution im Hirn. Sie erinnert an jene italienische Spielart des Salon-Kommunismus, der von poveren Dienstboten Drinks servieren läßt und zum Geklapper der Eiswürfel über schwielige Arbeiterhände theoretisiert«.

Im Juni 1969 brachte Rossana Rossanda ("Die Aktion ist der Anfang von allem") das erste »Manifesto«-Heft heraus. Fortan machte die Zeitschrift durch ihre abweichlerischen Ansichten den KP-Apparat nervös. Ende 1969 wurden Rossana Rossanda und drei Gesinnungsgenossen aus der Partei ausgestoßen.

Viele »Manifesto«-Sympathisanten sahen In dem Rausschmiß einen neuen Beweis, daß innerhalb der kommunistischen Partei kein Platz für Pluralismus sei. Die »Häutung der KPI an ihrem extremen linken Flügel« (so die Wiener »Presse") ging weiter.

ZK-Mitglied Sergio Segre spielt die Abfallbewegung herunter: »Das ist ein begrenztes Phänomen, das uns absolut keine Sorgen bereitet.« Die Trennung von Extremisten sei vielmehr nützlich: weil sich die KP als Ordnungspartei anbieten möchte. Anfang letzter Woche, nach blutigen Demonstrationen in Mailand, forderte KP-Vize Berlinquer sogar die Regierung auf, die »kryptofaschistischen Gruppen der äußersten Linken« zu beseitigen.

Dal ei geht es der Partei vor allem darum, nicht links überholt zu werden. Der »Manifesto«-Erfolg hat viele Funktionäre der KP und der Sozialproletarischen Partei (PSIUP) verunsichert. Frankreichs »Express« bezifferte die Manifestler-Stärke bereits auf 25 000. Die »Manifesto« -Auflage (60 000) ist meist rasch vergriffen.

Im Februar 1971 wollen die Roten um Rossana Rossanda eine Partei gründen. Bis dahin wird diskutiert -- auf der Grundlage der 200 »Manifesto«-Thesen über den Kommunismus. Kernthese 46 besagt: »Die chinesische Revolution ist die einzige Alternative zur Krise der sowjetischen Strategie und der kommunistischen Bewegung,«

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