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POLITIKER Häutungen im Zeitraffer

Die Münchner Fotografin Herlinde Koelbl hat seit 1991 jährlich einen ausgesuchten Kreis von aufstrebenden Politikern und Managern in Bild und Ton festgehalten. Ihre Arbeit dokumentiert die Deformierungen der Mächtigen durch die Macht.
Von Hartmut Palmer
aus DER SPIEGEL 37/1999

Politiker sind auch nur Menschen. Aber was für welche? Emotional verkrüppelt, kalt, berechnend und verlogen, karrieregeil, machtsüchtig, eitel und hinterhältig - weiß doch jeder.

Aber dass sie selbst es auch wissen, ungeschützt darüber reden und ihre Bekenntnisse mit Bild- und Tondokumenten auch noch zur Veröffentlichung freigeben - das ist neu und ungewöhnlich.

Der Münchner Fotografin und Buchautorin Herlinde Koelbl, 59, ist dieses Kunststück gelungen. 15 aufstrebende Machtmenschen aus Politik und Wirtschaft, die sie in der Zeit von 1991 bis 1999 einmal jährlich fotografierte und ausfragte, ließen bei ihr die gewohnte Vorsicht fahren. Sie hatten den Mut oder die Tollkühnheit, ehrlich zu sein, obwohl sie wussten, dass ihnen das schaden kann.

Nicht nur über den politischen Überlebenskampf redeten sie. Auch über Ehekrisen, Eifersucht und Partnerfrust, über Konkurrenten und Verbündete, über Niederlagen und Triumphe, über Visionen und Ängste, über Vater und Mutter, Kirche und Gott - als säßen sie im Beichtstuhl.

Mit der Kamera wollte Koelbl dokumentieren, wie sehr sich die Mächtigen im Lauf der Jahre verändern, wenn sie ein wichtiges Amt haben - oder es verlieren. Aber auf den optischen Beleg ihrer These allein verließ sie sich - zum Glück - nicht. Neben ihrer Hasselblad (Baujahr 1978) brachte sie jedes Mal auch ein Tonbandgerät, eine Videokamera und viele Fragen mit.

Das Ergebnis der Langzeit-Observation legt sie jetzt vor. Es bestätigt die Befürch-

* Herlinde Koelbl: »Spuren der Macht«. Knesebeck Verlag, München; 390 Seiten; 98 Mark. ARD: »Spuren der Macht - Die Verwandlung des Menschen durch das Amt«, 29. September, 23.00 Uhr; West III: »Spuren der Macht - Joschka Fischer«, 4. Oktober, 22.35 Uhr; »Spuren der Macht« - Ausstellung im Kronprinzenpalais Unter den Linden, Berlin, 12. Oktober bis 16. November.

tungen - allerdings weniger durch die Bilder als durch die Interview-Texte, die Koelbl aus den Ton- und Videobändern destillierte*.

Gewiss ist es eindrucksvoll, im Zeitraffer zurückzuverfolgen, wie sich Mimik und Gestik eines Prominenten im Lauf der Jahre geändert haben. Ohne die begleitenden Gespräche und Geständnisse aber wären die Bilder-Reihen banal: Jeder Mensch, der älter wird, ändert sich - mit und ohne Amt. Erst die Kombination von Wort und Fotografie gibt dem Projekt Tiefenschärfe und macht aus dem Bildband einen spannenden und aufregenden Report über den Zustand der politischen Klasse.

Menschlichkeit scheint in dem Gewerbe Mangelware zu sein. Freundschaft, Solidarität, Zuneigung zählen nicht. »Was die Politiker als Freundschaft ausgeben, ist meistens Kumpanei auf Zeit«, gab Gerhard Schröder noch als Ministerpräsident Anfang 1994 zu Protokoll. Er sprach aus Erfahrung. Fairness? »Können Sie völlig abhaken«, bekannte die heutige CDU-Generalsekretärin Angela Merkel. Offenheit? »Ich verstelle mich mehr.«

Wenn es hart auf hart geht, lernte Monika Hohlmeier, mittlerweile CSU-Kultusministerin in Bayern, ist »in der Politik selbst unter persönlichen Freunden die eigene Sicherheit höherwertig«. Gemeint war der Ministerpräsident Edmund Stoiber, der - obwohl ein treuer Vasall ihres Vaters Franz Josef Strauß und sogar Patenonkel eines ihrer Kinder - zu ihr und der Familie auf Distanz gegangen war, als 1993 die Amigo-Affären ruchbar wurden.

Dass Macht eine Droge ist und eigentlich unter das Betäubungsmittelgesetz fallen müsste, weil sie schnell von denen Besitz ergreift, die glauben, sie gefahrlos »ausüben« zu können, haben alle erfahren, auch wenn sie es anders nennen.

»Ein Rausch ist es nicht«, sagt die Kieler Ministerpräsidentin Heide Simonis, »aber ein Lustgefühl.« Monika Hohlmeier spricht von der prickelnden »Erotik«, Entscheidungen fällen und Dinge verändern zu können. Schröder findet nur »Spaß« am Regieren - unter »Erotik« verstehe er etwas anderes, fügt er süffisant hinzu.

Aber fast immer, wenn sie über ihre Gefährdungen reden, geraten Vokabeln aus dem Drogenbereich in ihre Sprache. »Ich bin süchtig nach Selbstbestätigung«, bekennt Renate Schmidt, SPD-Oppositionsführerin aus Bayern. Angela Merkel berichtete bereits im ersten Ministeramtsjahr, sie habe im Urlaub schon nach zwei Tagen »Entzugserscheinungen«.

Alle Geständnisse passen so gut ins Klischee vom »schmutzigen Geschäft«, dass man fast schon wieder misstrauisch werden muss. Politiker können auch mit Worten posieren, wenn es um ihr Fortkommen geht, und darum geht es fast immer. Die Attitüde der Selbstzerknirschung putzt in Zeiten wachsender Polit-Verdrossenheit ganz ungemein.

Vielleicht aber fanden sie es nicht nur schmeichelhaft, sondern tatsächlich wohltuend, von einer bekannten und angesehenen Porträt-Fotografin so einfühlsam behandelt zu werden. Sie konnten sicher sein, dass ihnen ihre Konfessionen nicht im aktuellen Tagesgeschäft um die Ohren fliegen würden. Denn für die Dauer des Projekts war Stillschweigen vereinbart. Und für die Zeit danach galt nur das autorisierte Interview-Wort.

Merkel war zunächst misstrauisch. »Was soll der Quatsch?«, fragte sie. »Das Buch erscheint ja erst in acht Jahren, man muss heute in der Presse auftauchen« - da hatte sie ihre ersten Lektionen bereits gelernt.

Später aber merkte sie, dass ihr die jährliche Befragung wichtig geworden war. »Ich musste also feststellen, dass ich offensichtlich doch eitel genug bin, Ihr Projekt interessant zu finden«, gestand sie der Autorin zum Schluss.

Anfangs wollte sich die Frau aus der Uckermark »nicht vorstellen, dass mein restliches Leben so ablaufen wird, wie es jetzt abläuft«. Im siebten Amtsjahr aber stellte sie fest, was alle irgendwann einmal bemerken: »Ich bin nicht mehr so, wie ich war.«

Privaten Gesprächen könne sie nicht mehr lauschen, ohne das Gefühl zu bekommen, sie müsse leitend eingreifen - ein typisches Machtsyndrom, über das fast alle klagen. Auf den Bildern ist die Verwandlung vom kleinen Ossi-Mädchen zur Chefin der CDU-Zentrale gut zu verfolgen: Anfangs guckt sie scheu von unten nach oben in die Kamera. Zum Schluss reckt sie das Kinn selbstbewusst nach oben.

Die Verbindung von Fotografie und Interview, die die Künstlerin auch bei früheren Arbeiten ("Jüdische Portraits« oder »Wie Schriftsteller zu Werke gehen") erfolgreich praktizierte, verschafft dem Betrachter eine Kontrollmöglichkeit, die er beim bloßen Lesen der Texte nicht hat: Er kann überprüfen, ob die verbale Attitüde echt ist oder ob die Körpersprache etwas ganz anderes ausdrückt.

Denn manchmal dementiert der Körper die Worte. »Ich bin jetzt weniger verletzlich als früher«, verkündet Joschka Fischer, nachdem sich seine Frau Claudia im August 1996 von ihm getrennt hat. Aber sein Gesicht will gar nicht dazu passen. Wie ein kleiner Vogel, der aus dem Nest gefallen ist, reckt er den wieder dünnen Hals und blickt aus tiefen Augenhöhlen traurig in die Kamera.

Auch bei Schröder passen Pose und Wort nicht immer zusammen. Wenn er im Januar 1994 - rückblickend auf das für ihn verheerende Vorjahr - erklärt, er habe das »Fernziel Bundeskanzleramt« aufgegeben, lohnt es sich, das dazugehörige Bild genauer zu betrachten. Da guckt einer ziemlich arrogant und finster entschlossen in die Kamera. Von wegen Verzicht, sagt der Blick. Euch werde ich es noch zeigen.

In Schröders Gesicht hat der Kampf um die Macht kaum Spuren hinterlassen. Jedenfalls fallen sie auf den ersten Blick kaum auf. Herlinde Koelbl entdeckte und fotografierte dennoch eine bemerkenswerte Änderung.

Als die Fotografin den Ministerpräsidenten von Niedersachsen im Oktober 1991 das erste Mal traf, leuchteten seine Augen. »Was ich von mir selbst erwarten konnte, habe ich erreicht«, sagte er stolz. »Das Land Niedersachsen muss mich jetzt malen lassen, in Öl. Daran war ja gar nicht zu denken, als ich anfing.«

Anfang 1999 aber, als feststand, dass Deutschland ihn jetzt malen lassen muss, war das Leuchten verschwunden. »Er ist härter geworden, der Blick kälter«, registriert die Künstlerin.

Fischers plötzliche Verdünnung und die damit einhergehende allmähliche Verfertigung des Staatsmanns beim (und durch das) Reden ist das Glanzstück im »Macht«-Werk der Porträt-Künstlerin, optisch wie verbal. Kein anderer Mitspieler hat derart spektakuläre Häutungen durchgemacht und sie hinterher so wortgewaltig als Haupt- und Staatsaktion inszeniert wie er.

Feist und stiernackig, dem jungen Franz Josef Strauß verblüffend ähnlich, und von gleicher Beredsamkeit wie dieser, so baute er sich in den ersten Jahren vor der Fotografin auf. Anfangs versucht er noch, die Hände schützend vor die Wölbungen des Bauches zu legen. Aber als sie ihn im November 1995 darauf anspricht, breitet er die Arme aus, legt sie hinter die Stuhllehne und posiert, breit und bräsig - ein Machtmensch mit Bauch. »Politiker, das sind die Menschen mit den schmalen Lippen«, höhnte er. »Weil man so viel wegstecken muss. Runterschlucken muss.«

Ein Jahr später sieht er selbst wie einer aus. Und es wird Jahre dauern, bis der Blick wieder fest und die Lippen wieder voll geworden sind - im November 1998 ist es so weit und die Verwandlung zum Staatsmann vollendet. Da ist er Außenminister und wieder fest liiert.

Nicht die Macht ließ ihn dünn werden, sondern die Ohnmacht, nichts ändern zu können. Als seine Frau Claudia mit einem anderen auf und davon ging, weil sie Kinder haben wollte, inszenierte Fischer die Katastrophe als Katharsis: Die Journalisten sollten sich mit seiner Abmagerung beschäftigen und ihn mit der Ehesache in Ruhe lassen - eine Zeit lang funktionierte das Ablenkungsmanöver ganz gut.

Die Welt wenigstens zu erklären, wenn man sie schon nicht verändern kann - das war immer Fischers Leidenschaft. Der plötzliche Tod des Vaters, dessen »nach Fett riechende Arbeitstasche« der Metzgers-Sohn aus dem Schlachthof holte, wird im Gespräch mit Herlinde Koelbl zum Erweckungserlebnis: »Da sagte ich mir: Nein, so nicht, so wirst du nicht enden. Damit hatte ich mich endgültig entschlossen, die mir vorgegebene Existenz hinter mir zu lassen.«

Das unabwendbare Scheitern seiner Ehe deutet Fischer retrospektiv zur Damaskus-Wende um - wortgewaltig und bilderreich, wie die Bibel, in der er gern liest. »Es war am Swimmingpool unseres Ferienhauses. In dem Moment, wo mir klar war, es ist vorbei, jetzt bist du allein, da fiel mir der Himmel auf den Kopf, und gleichzeitig gab es ein riesiges Erdbeben. Ich wusste, entweder nutzt du jetzt die Chance, dein Leben völlig neu zu sortieren, oder du kommst unter die Räder und säufst dich tot.«

Warum wird so einer Politiker? Und was treibt einen Mann wie Schröder auf die Rampe?

Dem Ministerpräsidenten Schröder, der vorher Anwalt war, ist ein Satz entschlüpft, der vermutlich für alle in der Zunft gilt: »Wenn ich nicht Politiker wäre, würde ich etwas machen, das auch mit Darstellung zu tun hat.« Politik als großes Welttheater und er - zugleich Regisseur und Hauptperson - immer mittenmang. Das war und ist Schröders Traum.

Nie vergisst er, den Leuten zu erklären, dass er einer ist, der immer unter Wert gehandelt wurde und sich deshalb durchbeißen musste. »Ich musste mich von Anfang an selbst darum kümmern, dass ich nicht zu kurz kam.«

Bei Fischer und Heide Simonis sind es die übermächtigen Mütter, denen sie durch die Flucht in die Öffentlichkeit zu entkommen suchten. »Vieles von dem, was ich gemacht habe, habe ich sozusagen gegen sie getan«, berichtet Fischer.

Sie sei, bekennt Simonis, ihr Leben lang von der Mutter erdrückt und ungerecht behandelt worden und eigentlich nur deshalb in die Politik gegangen, um »meiner Mutter zu zeigen, dass ich nicht in der Gosse lande«, wie die es immer prophezeit hatte.

Dürfen Politiker so ehrlich sein? Oder ist Offenheit nur eine besonders raffinierte Form der Tarnung?

Heide Simonis war lange genug in Bonn, um zu wissen, wie die Kumpanei zwischen Medienleuten und Politikern funktioniert. Je enger man aufeinander hockte und je mehr man, auch privat, voneinander wusste, desto weniger stand darüber in den Zeitungen. »Dieses Getue, dass wir rückhaltlos offene Menschen seien, ist ein Teil des Schutzschildes«, sagt sie deshalb. »Wer wirklich offen wäre, würde sofort in ein offenes Messer rennen.«

Mag sein, dass es so ist - aber Heide Simonis rennt, und zwar in jedes offene Messer. Geradezu selbstmörderisch rücksichtslos tischt sie ihre Selbstbezichtigungen auf: »Dass ich Niederlagen nur mit Mühe verkrafte. Dass ich eine schlimme Nervensäge sein kann. Vielleicht auch eine gewisse Rücksichtslosigkeit und mit Sicherheit ein grauenvolles Mundwerk« - alles Eigenschaften, die sie ihrer Mutter verdanke.

Gegen sie wird ein ganzes Politikerleben ins Feld geführt, sie ist der Aggressor, mit dem die Tochter sich immer noch identifiziert. »Ich sehe in den Spiegel und sehe meine Mutter.« Das ist keine Attitüde, sondern die blanke Not. »Ich will Recht behalten, nicht nur Recht bekommen. Recht haben« - redet so ein Mensch, der vor den Leuten schöntun will?

Mehrfach haben ihre Mitarbeiter sie beschworen, sie möge die allzu freimütigen Passagen wieder aus den Interviews streichen. Nächstes Jahr sei Wahlkampf, und man wisse nie, ob die Union die offenherzigen Bekenntnisse der Landesmutter nicht gegen sie verwenden wird. Aber sie blieb dabei: Es sei nun mal gesagt, und sie habe es autorisiert.

Schröder bekam Bedenken, je weiter das Koelbl-Projekt gedieh. Anfangs war er hellauf begeistert und erzählte überall stolz, dass er für ihre Langzeit-Beobachtung ausgewählt worden war, obwohl damals doch Björn Engholm der Hoffnungsträger war.

Und in den ersten Jahren breitete er auch sein Privatleben bereitwillig aus. Mal prahlte er mit Ehefrau Hillu ("Ich bin mit der schönsten Frau verheiratet, die ein Politiker in diesem Land jemals hatte"), mal verklärte er seine Ehekräche als andauernden Lernprozess ("Was mich hoffen lässt, ist gerade die Tatsache, dass gestritten wird").

Als es dann aus und vorbei war, fand er, dass seine Ehe »niemanden etwas angeht«. Wenn ein Lebensentwurf scheitere, fügte er hinzu, sei das »nicht, wie wenn man eine Tasse Kaffee ausschüttet«, sondern durchaus »ein schmerzhafter Prozess«.

Seitdem blockte er alle Fragen nach seinem Privatleben rigoros ab. Kein Wort mehr über Hillu. Kein Wort über den schnellen Wechsel zu Doris. »Verluste« habe es »sicher« gegeben, beim Aufstieg nach oben. Aber: »Das ist ein Bereich, der gehört nicht in die Öffentlichkeit.«

Und je näher die 98er Wahl und das Kanzleramt rückten, desto mürrischer und verschlossener wurde Schröder.

Ein Zeitungsartikel, so lamentierte er, habe keine langfristige Wirkung: Die Leute würden ihn lesen und vergessen. Ein Buch aber, das man in den Schrank stellen und jederzeit wieder hervorholen könne, das sei doch viel zu riskant.

Der Mann könnte Recht behalten.

HARTMUT PALMER

* Herlinde Koelbl: »Spuren der Macht«. Knesebeck Verlag,München; 390 Seiten; 98 Mark. ARD: »Spuren der Macht - DieVerwandlung des Menschen durch das Amt«, 29. September, 23.00 Uhr;West III: »Spuren der Macht - Joschka Fischer«, 4. Oktober, 22.35Uhr; »Spuren der Macht« - Ausstellung im Kronprinzenpalais Unterden Linden, Berlin, 12. Oktober bis 16. November.

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