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Haftgrund: Trauer um den Papst

aus DER SPIEGEL 5/1979

Die Verfolgung durch Gerichte und Geheimpolizei richtet sich in der CSSR nicht nur gegen die prominenten Dissidenten. Die Anfang 1977 gegründete Menschenrechts-Bewegung »Charta 77« hat jüngst eine Reihe besonders absurd erscheinender Fälle von Willkürakten der Staatsgewalt zusammengestellt und schreibt dazu: »Franz Kafka kann von Glück sagen, daß er nicht mehr am Leben ist. Die gespenstische Vision in seinem Roman »Der Prozeß« wird von der heutigen Realität weit übertroffen.«

Der ehemalige Sekretär der Prager Parteiorganisation, Ladislav Lis, der zu den Unterzeichnern der Charta 77 gehört und jetzt als Waldarbeiter tätig ist, wurde im Sommer 1978 über zwei Monate inhaftiert. Vorwurf: Er habe für seine Kollegen bestimmte Gelder in die eigene Tasche gesteckt. Die Quittungen, die das Gegenteil beweisen, beschlagnahmte die Polizei bei einer Haussuchung. Ferner warf ihm die Anklage vor, »seine Ziegen auf staatseigenem Boden geweidet« zu haben.

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Der Verwalter der katholischen Kirche in Breclav, Frantisek Bublan, Unterzeichner der Charta 77, ist angeklagt, weil er anläßlich des Todes von Papst Paul VI. am Pfarrhaus eine schwarze Trauerfahne aufhängte.

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Der Ingenieur Vladimir Lastuvka und Ales Machacek wurden zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie ausländische Literatur und Zeitungen besaßen. In dem Urteil heißt es, »der angeklagte Ingenieur borgte von dem Zeugen Holub die westdeutsche Zeitung »Die Zeit«, angeblich um seine Deutsch-Kenntnisse zu vervollkommnen ... Hätte der Angeklagte tatsächlich ein solches Interesse, wären ihm zweifellos genügend Bücher und Zeitschriften zugänglich gewesen, die, aus der DDR importiert, die Interessen der CSSR nicht angreifen ...«

Der protestantische Pfarrer Jan Simsa aus Brünn ging für acht Monate ins Gefängnis, weil er während einer Hausdurchsuchung einen Polizisten schlug, der seiner Frau Milena die Hand umdrehte und ihr schwere Prellungen zufügte. Das Urteil, schreibt der Prager Schriftsteller und Dissident Ludvik Vaculík, »ist ein bemerkenswertes Dokument. Es bezeugt, daß das willkürliche Vorgehen der Staatsorgane gegen Menschen in Brünn solche Ausmaße angenommen hat, daß selbst ein professionell in Demut erzogener Christ es nicht ertragen konnte und seine Hand erhob ...«

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Petr Cibulka, Libor Chloupek und Petr Pospíchal, alle etwa 25, wurden zu mehrjähriger Gefängnisstrafe verurteilt, weil sie Stücke von Václav Havel -- der nie dafür verfolgt wurde, daß er sie schrieb -- und andere Literatur sowie Tonbänder mit Musik und Liedern kopierten, die offiziell unerwünscht waren.

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Ebenso sitzt Jirí Veselý aus Reichenberg unter der Anklage im Gefängnis, Briefe kritischen Inhalts an die Staatsorgane gerichtet zu haben.

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Professor Vladimír Ríha, 72, seit 1924 Mitglied der kommunistischen Partei und von den Nazis verfolgt, wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, weil er »sich sehr aktiv in der ideologischen Sphäre der Aktivitäten rechtsgerichteter Gruppen engagierte« und »politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Ereignisse in der Republik und im Ausland kommentierte«. *

Frau Zdena Ertelová, eine Akademikerin, weigerte sich, während des Verhörs auf der Prager Polizei die Frage zu beantworten, für welche ihrer Freunde sie literarische Texte abschreibe. Darauf wurde sie in eine Klinik für Geschlechtskrankheiten in Apolinár gebracht, gynäkologischen Untersuchungen unterzogen und trotz negativer Befunde zwangsweise ins Krankenhaus eingewiesen, wo sie zwei Wochen unter Prostituierten lebte. *

Am 25. Oktober 1978 verurteilte das Bezirksgericht in Most den Techniker Jirí Chmela, 25, zu 18 Monaten Gefängnis, weil er »anderen Personen ermöglichte, die Charta 77 zu unterzeichnen«. Alle fünf Zeugen hatten vor Gericht ihre Aussage zurückgezogen und erklärt, die Polizei habe sie zur Unterschrift gezwungen.

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