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TONSTÖRUNG Hahnen zu

aus DER SPIEGEL 37/1966

Mit einem Wurf von 57,42 Metern wurde der Ost-Berliner Sportlehrer Detlef Thorith, 24, am letzten Mittwoch bei den Europameisterschaften der Leichtathleten in Budapest Sieger im Diskuswerfen. Mit beiden Armen winkend, kletterte er - sichtbar für Millionen von TV-Europäern in einer Eurovisionssendung - aufs Siegerpodest. Dann erklang die DDR-Hymne: »Auferstanden aus Ruinen ...«

Zu hören war die Hymne in London und Leipzig, Zürich und Wien, Paris und Moskau. In der Bundesrepublik aber blieben die Geräte stumm: Das von der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands (ARD) ausgestrahlte Erste Programm ließ das garstig Lied nicht erklingen - und statt dessen eine Tonstörung vortäuschen.

Damit war die ARD unredlicher als der DDR-Fernsehfunk, der das bei Sportübertragungen aus dem Westen erklingende Deutschlandlied kommentarlos verstummen läßt.

Daß die DDR-Hymne den westdeutschen TV-Zuschauern nicht zu Ohren kommen sollte, war die Idee des ARDProgrammdirektors Lothar Hartmann. Er hatte am Vortag - nach Rücksprache mit dem ARD-Vorsitzenden Werner Hess - in München angeordnet: Falls bei einem Sieg der DDR-Sportler deren Hymne gespielt würde, sei der Ton abzustellen.

Als ein DDR-Diskus auf Sieg plumpste, führte im Eurovisionsbüro zu München-Freimann der Redakteur Gerhard Konzelmann, 33, den Befehl aus. Um 18.43 Uhr wurde die DDR-Hymne intoniert, und Schwabe Konzelmann sprach zu seinem Toningenieur Reinhold Strebl, 53: »Mach den Hahnen zu.«

Gemeint war der Reglerhebel am Tonmischpult Im Hauptschaltraum des Senders, Dort hörten Konzelmann und drei Ingenieure - als einzige Westdeutsche - das vom Komponist-Kommunisten Hanns Eisler vertonte Lied von Johannes R. Becher.

Als der sogenannte Sternpunkt für TV-Störungen in ganz Deutschland, beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt, den Tonausfall registrierte, taten die Hessen routinemäßig, was sie in solchen Fällen immer zu tun pflegen: Sie blendeten ein Dia-Positiv mit der Mitteilung »ARD - Tonstörung - Wir bitten um Entschuldigung und um etwas Geduld« ein. Die Hessen waren aus München nicht über die geplante Tonvernichtung informiert worden.

Die Bildstörung dauerte fünf Sekunden, die Tonstörung 1 Minute und sieben Sekunden. Um 18.44 Uhr ließ Redakteur Konzelmann den Hahn wieder aufmachen. An die Ohren des bundesdeutschen Publikums drang der tosende Beifall der Budapester Stadiongäste für DDR-Sportler Thorith.

Minuten später beschwerten sich Fernseher aus München, Hamburg, Berlin und Köln über die Schweigeminute. Joachim Hümer, Leiter des Programmbüros des Deutschen Fernsehens in München: Wir haben ihnen gesagt, für uns existiere diese Ost-Hymne nicht.«

Beim Zweiten Deutschen Fernsehen in Mainz existierte sie ein bißchen. Das Zweite Programm ließ die DDR-Melodie, die an Peter Kreuders »Good bye, Jonny« erinnert, stark gedämpft erklingen.

ARD-Programmdirektor Hartmann

Beim Siegesjubel ...

ARD-Störungs-Dia

... eine Minute Schweigen

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