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USA Hakenkreuz am Himmel

aus DER SPIEGEL 6/1964

In einer Höhe von 1100 Metern umflog der graugestrichene Tiefdecker die Freiheitsstatue. Dann kurvte das einmotorige Flugzeug auf den New Yorker Kennedy Airport ein. Die Markierungen wiesen es eindeutig als Restbestand der großdeutschen Luftwaffe aus: Am Rumpf und auf den Tragflächen prangten Balkenkreuze, das Leitwerk zierten Hakenkreuze.

In einem Kauderwelsch aus gutturalem Deutsch und amerikanischem Flieger-Slang sprach der Pilot über Funk den Kontrollturm des Flughafens an: »Dis ist Messerschmitt One-null-ackt-U requesting clearance to proceed by at threetausend-fünf-hundred feet« (in Klartext: »Messerschmitt 108-U bittet um Durchflugerlaubnis in 3500 Fuß Höhe").

Die Kontrollturm-Beamten brauchten einige Augenblicke, ehe sie ihre Verblüffung überwunden hatten. Dann fragten sie zurück: »Ihr Funkspruch kommt hier offensichtlich verstümmelt an. Bitte, wiederholen Sie.«

Die amerikanischen Flugkontrolleure - an Typenbezeichnungen wie Boeing, Douglas oder Lockheed gewöhnt - wußten mit dem Typ Messerschmitt nichts anzufangen. Die Me 108, die Ende Januar in voller NS-Kriegsbemalung im Luftraum über New Yorks Broadway kreuzte, war die erste Maschine dieses Typs, die je den Luftsprung über den Atlantik wagte.

Besitzer des fliegenden Veteranen aus den dreißiger Jahren ist der amerikanische Luftfahrtschriftsteller und Messerschmitt-Fan Martin Caidin, 36. Für 34 000 Mark hatte er Ende vergangenen Jahres in England zwei Me 108 ("Taifun") erstanden. Dort hatten die beiden viersitzigen Reiseflugzeuge, zu Jagdflugzeugen à la Me 109 umfrisiert, dem US-Filmproduzenten Darryl F. Zanuck bei seinem Invasionsfilm »Der längste Tag« als Requisit gedient.

In sieben Etappen ließ Caidin die Maschinen von angeheuerten britischen Piloten westwärts steuern. Einer der beiden Oldtimer machte auf einer Insel vor der amerikanischen Atlantik-Küste eine Bruchlandung. Die andere Me, gesteuert von dem ehemaligen britischen Luftwaffenpiloten John Hawke, erreichte heil das amerikanische Festland.

Als Pilot John Hawke ("Ich bin ein unverbesserlicher Witzbold") von der New Yorker Flugsicherungsstation zur Wiederholung seines Funkspruchs aufgefordert wurde, kündigte er abermals deutsch-englisch radebrechend die Ankunft der ersten Me 108 über US-Territorium an: »Dis ist Messerschmitt One null-ackt-U requesting clearance.«

Antworteten die Beamten verstört: »Hören Sie mal, wer immer Sie auch sein mögen, die Durchflugerlaubnis ist gewährt.« Und mit dringlichem Unterton: »Please, go home.«

Minuten später verebbte das Gebrumm der Messerschmitt. Der Himmel über New York war wieder frei von Balken- und Hakenkreuzen.

Atlantik-Überquerer Me 108 »Taifun«

»Dis ist Messerschmitt«

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