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JERUSALEM Halb so lustig

Am Sabbat kein Kino, kein Auto, keine Disco - gegen diese orthodoxen Regeln wehren sich weltliche Juden. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Freitag, in der abendlichen Dämmerung, steht Jerusalems Bürgermeister Teddy Kollek an der Ausfahrt seiner Stadt und zählt westwärts abfahrende Autos. Innerhalb weniger Stunden flitzen Hunderte Fahrzeuge voller Jugendlicher in Richtung der Discos, Cafes und Klubs in der Küstenebene.

Allwöchentlich, zu Beginn des Sabbat-Ruhetages, verwandelt sich Jerusalem in eine tote Stadt. Der öffentliche Verkehr wird eingestellt, die meisten Restaurants, alle Geschäfte und Vergnügungsstätten schließen. »Jerusalem ist dann zehnmal größer als der Friedhof von Tel Aviv, aber nicht halb so lustig«, sagt ein Einwohner, der jeden Freitagabend in das »nur 70 Kilometer, aber 2000 Jahre entfernte« mondäne Tel Aviv zieht.

Erst am Samstagabend, wenn die drei ersten Sterne am Firmament der heilighimmlischen Stadt auszumachen sind, beginnt auch dort wieder ein normales Leben.

Dagegen rebelliert jetzt Jerusalems säkulare Mehrheit: Die allzu harten religiösen _(Vergangene Woche bei einer Demonstration ) _(gegen eine Kino-Vorstellung am Sabbat. )

Bestimmungen müßten weg. »Wir wollen zumindest in unseren Wohnvierteln ein von religiösem Zwang freies Leben führen«, fordern ihre Wortführer.

Eine militante orthodoxe Minderheit will das unter keinen Umständen zulassen. Denn Jerusalem »ist die Seele des Volkes«, wütet der religiöse Stadtrat Meir Porusch, und Jehuda Meschi-Sahaw, ein frommer Fanatiker, stimmt zu: »Was schert''s mich, wenn Jerusalem seinen Charakter als moderne Hauptstadt Israels einbüßt. Meinetwegen soll es Jordaniens Kapitale sein, solange der von Gott verfügte Sabbat eingehalten wird .«

Denn laut 1. Mose, Kapitel 2, segnete Gott »den siebenten Tag und heiligte ihn, darum, daß er an demselben geruht hatte«. Zwar stellen die etwa 120000 frommen »Gendarmen Gottes« nur ein Drittel der jüdischen Bevölkerung Jerusalems, doch sie möchten der weltlichen Mehrheit ihre eigene archaische Lebensart im Stil des »Stetl«, des Gettos, aufzwingen.

Um des Himmels und des lieben Friedens willen mied die Mehrheit bisher einen offenen Kulturkampf zwischen Knesset und Bet Knesset also zwischen Parlament und Synagoge Religionsausübung und -nichtausübung.

Diese Koexistenz basierte auf einem in Israels Gründungsjahren vom ersten Staatspräsidenten Ben-Gurion ausgetüftelten Status quo. Demzufolge wurde der Sabbat zum offiziellen Ruhetag bestimmt, was die meisten Religiösen befriedigte. Nur einige extremistische Außenseitergruppen, denen die Bildung des unabhängigen jüdischen Staates - vor dem Kommen des Messias - als ein Sakrileg galt, befehdeten diesen tragfähigen Kompromiß.

Erst nachdem 1977 das rechtskonservative Likud-Lager an die Macht kam nutzten die religiösen Parteien ihren politischen Einfluß, um strengere Sabbat-Regeln durchzusetzen.

So blockierten sie den Bau eines städtischen Stadions, in dem am Ruhetag Fußballspiele stattfinden sollten, und widersetzten sich verbissen kulturellen Veranstaltungen schon am Freitagabend. Sie erzwangen die Sperrung von einem halben Hundert Straßen, die durch ihre Wohnviertel fuhren - auch Autofahren gilt ihnen am Sabbat als Gotteslästerung.

Eine Minderheit der Strenggläubigen will nun die ganze Stadt für ihre Weltanschauung erobern. Schon jetzt beherrschen sie mehrere Wohnviertel, wo sie Dutzende Synagogen, Bethäuser, Ritualbäder und unabhängige Schulen etablierten, meist mit finanzieller Hilfe des Staates, jedoch ohne jede staatliche Kontrolle. Ihre Losung: »In 20 Jahren wird die Stadt uns gehören«.

Weltkinder fühlen sich derweil als Fremde in der eigenen Heimat und wandern ab. 5000 hauptsächlich junge jüdische Familien wichen in den letzten drei Jahren aus Jerusalem, die Hälfte davon flüchteten vor dem Druck der starren Zeloten.

Dafür übersiedeln viele religiöse Neueinwanderer nach Jerusalem. Auch die Geburtenrate ist unter den Eiferern fast doppelt so hoch wie unter der übrigen Bevölkerung - »die Zeit arbeitet für uns«.

Nun ist es genug. »Wir wollen uns nicht länger von der Orthodoxie erwürgen lassen«, beteuert Dani Ben-Schitrit, ein Wortführer der Weltlichen, »wir sind entschlossen, unsere Rechte zu verteidigen.« Zum Signal für den »Beinahe-Bürgerkrieg« (Kollek) gerieten Kinovorstellungen am Freitagabend - ein »unnötiger Luxus«, so der radikale Rabbi Abraham Josef Leiserson; »sie sollen am Sabbat gefälligst vor ihren TV-Truhen zu Hause bleiben«, so Rabbi Abraham Schapira.

Der Status quo verbietet Filmvorführungen am Sabbat-Vorabend, besonders in Jerusalem. Gestattet sind »kulturelle Veranstaltungen«, inklusive von Vorträgen umrahmte Filme in nichtreligiösen Vierteln. Seit einigen Wochen sind dort am Freitagabend wieder einige Filmsäle geöffnet. Eintrittskarten werden vorsichtshalber am Vortag verkauft.

Diese Kinos sind nun voll, Hunderte konnten keinen Einlaß finden und blieben auf der Straße, wo sie aus Protest eine Zeile aus Israels Nationalhymne sangen: »Ein freies Volk im eigenen Land sein«.

»Offenen Kampf« drohte Stadtrat Meir Porusch dem Sabbat-Kino an. Kohorten bärtiger Frommer zogen aus ihren Getto-artigen Wohngegenden in Richtung der weltlichen Teile der Stadt.

Mit Steinewerfen und Schmährufen ("Nazis« oder »Raus aus dieser Stadt") eröffneten sie eine Sabbat-Fehde. Mehr als 1000 Polizisten sorgten an der Nahtstelle zwischen dem irdischen und dem gläubigen Jerusalem für Ordnung. Stundenlang ähnelte »Jeruschalajim« (Stadt des Friedens) einer belagerten Festung, wo man sich wie so oft in der 3000jährigen Geschichte der Stadt im Namen Gottes den Schädel einschlug.

Rabbi Menachem Porusch, Abgeordneter der orthodoxen Agudat-Israel-Partei, nannte den Protest »ein Stück biblischer Strategie«. Denn die Bibel empfehle, zuerst zu verhandeln, was erfolglos blieb. Dann müsse gebetet und schließlich, als letzte Möglichkeit, ein offener Krieg ausgetragen werden. »So wird''s geschehen«, versprach Rabbi Leiserson.

Die Gegenseite beschreibt Bürgermeister Kollek, 76, so: »Nach dem Jom-Kippur-Krieg und dem Libanon-Feldzug ist hier eine neue, andere Jugend herangewachsen. Sie will sich nicht länger dem Diktat der Frommen fügen.«

Die Fundamentalisten wollen alle Steuerzahlungen einstellen, Sitzstreiks in den Büros der Stadtverwaltung oder an Straßenkreuzungen abhalten und aus der Koalition in der Stadtverwaltung austreten: »Wir können doch nicht mit einem Gremium kooperieren, das einen Bürgerkrieg gegen fromme Juden anzettelt«, so der religiöse Stadtrat Abraham Cohen. Sein Kollege Meir Porusch kündigte den Gotteslästerern »manche bitteren Überraschungen« an.

Die Ultras erwägen sogar eine eigene Bürgerwehr, um ihre Wohnviertel gegen säkulare Eindringlinge abzuriegeln. Für »unvorstellbar und unverzeihlich« hält es dagegen die »Jerusalem Post«, Israels Hauptstadt einer extrem-orthodoxen Kultur zu unterwerfen. »Doch gerade das passiert jetzt.«

Vergangene Woche bei einer Demonstration gegen eine Kino-Vorstellungam Sabbat.

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