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Bunker Halbnackte Hünen

Hitziger Streit unter Historikern: Kann ein Berliner SS-Bunker Denkmal sein?
aus DER SPIEGEL 31/1992

Eine Woche vor Ende des Krieges, in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai 1945, räumten Hitlers SS-Wachmannschaften fluchtartig ihren Aufenthaltsbunker nahe der neuen Reichskanzlei inmitten Berlins.

Russische Stoßtrupps, auf dem Vormarsch durch das Regierungsviertel, fanden den Keller leer, ihr Flammenwerfer traf nur noch die nackte Wand. Gleich darauf muß ein Geschoßtreffer den Eingang verschüttet haben.

Jahrzehntelang ruhte dann die Gegend südlich des Brandenburger Tors als Niemandsland im Schatten der Mauer. Der eingeebnete Bereich um die Reichskanzlei, wo einst Bismarck regierte und ganz am Ende Hitler, war mitsamt seinen weitläufigen Bunkeranlagen Trümmerbrache und unzugänglich.

Erst im vorletzten Sommer betraten Eindringlinge das Gewölbe: Amtliche Sicherheitskräfte, die wegen des geplanten Rock-Spektakels »The Wall« das Gelände auf der Suche nach Munition und Blindgängern durchkämmten, stießen auf zwei unterirdische Bunker. Hinter dem Eingang des einen bot sich ein gespenstischer Anblick: Vor ihnen lag, wie sorgsam konserviert, der voll eingerichtete SS-Dienstraum von etwa 10 mal 30 Meter Grundfläche.

Berlins Konservatoren freuten sich über den unverhofften Fund und die »authentischen Zeugnisse der Geschichte dieser Stätte«, so Alfred Kernd'l, wissenschaftlicher Leiter beim zuständigen Archäologischen Landesamt.

Außer Waffen und Munition lag in der verlassenen Unterkunft allerlei handfester Alltagskram im Stil der Zeit: Bauernmöbel mit Herzeinschnitten, Eßgeschirr, Uniformteile sowie - offenbar wurde gelegentlich geklaut - ein silberner Löffel vom Tafelbesteck des Führers.

Die früheren Nutzer der Räume, Männer von der Fahrbereitschaft und Kämpfer der SS-Division Leibstandarte Adolf Hitler, hatten anscheinend reichlich Leerlauf im Dienst. Davon zeugen laienhaft gemalte, pompöse Wandbilder an den Bunkerwänden.

Höhepunkte der schwülstigen Fantasy-Malerei aus dem SS-Genre: Uniformierte mit breitem Schild bewachen deutsche Menschen, ein herabstürzender Adler krallt sich ein alliiertes Kampfflugzeug, Hitler selbst, mit bloßem Oberkörper als Bodybuilder stilisiert, tummelt sich neben halbnackten SS-Hünen.

Um »mit der Authentizität des Ortes zu wuchern« (Kernd'l), hat der Senat den Kellerkomplex unter Denkmalschutz gestellt und will ihn womöglich später der Öffentlichkeit präsentieren.

Seit Bekanntgabe dieses Schritts ist es um die Ruhe im Mauerbrachland endgültig geschehen. Erbittert wird in der Hauptstadt über die Frage gestritten: »Was soll mit den NS-Bunkern geschehen?« (Berliner Morgenpost).

Längst streiten sich auch die Gelehrten um den rechten Umgang mit den Resten der Hitler-Zentrale. Der Historiker Reinhard Rürup von der Technischen Universität Berlin etwa hält es für »richtig, so etwas zu sichern«. Sein Kollege Heinrich August Winkler von der Ost-Berliner Humboldt-Universität dagegen sieht die Gefahr, dort entstehe eine »makabre Kultstätte«.

An der Freien Universität meldete sich der Faschismusforscher Wolfgang Wippermann ("absoluter Unort") und forderte als erster, das ganze Areal dem Erdboden gleichzumachen. »Um die Banalität des Bösen zu zeigen, muß man nicht unter die Erde steigen«, befand vorige Woche auch Professor Wolfgang Benz von der Technischen Universität in einem Interview mit der Tageszeitung.

Für die einen Streiter geht es darum, »Spuren zu sichern«, so der parteilose Kultursenator Ulrich Roloff-Momin. Andere befürchten, »ein denkmalgeschützter Führerbunker mitten im zukünftigen Regierungsviertel« würde schnell ein »Wallfahrtsort für alte und neue Nazis«, so Berlins Jüdische Gemeinde. Obendrein sei in räumlicher Nähe zu dem Bunker eine Gedenkstätte für ermordete Juden geplant.

Schon entsteht der Alptraum von Touristenrummel und Nazi-Business wie auf dem bayerischen Obersalzberg. Da hilft auch die Erkenntnis nicht, daß sich der Hitler-Kult an falscher Stelle entfalten würde.

Denn der Denkmalschutz gilt keineswegs dem Führer-, sondern einer Art Fahrer-Bunker des SS-Personals. Die Reste des berüchtigten Bunkers, wo Hitler die letzten Tage des Krieges kommandierte und sich schließlich umbrachte, liegen unangetastet eine ganze Strecke seitab unter zehn Meter Bauschutt.

Doch so genau nehmen es viele Kombattanten im Eifer des Gefechts offenbar kaum noch. Auch die erklärte amtliche Zielsetzung geht ziemlich unter: Archäologen wie Kernd'l wollen mit ihrer Schutzmaßnahme verhindern, daß durch Berlins langjährig geübte Praxis, Baureste der Nazi-Zeit einfach zu entsorgen, vollendete Tatsachen geschaffen werden. Über eine künftige Präsentation des Bunkers könne dann sorgfältig beraten und entschieden werden.

Bis zur Beendigung der Debatte haben die Archäologen den SS-Bunker erst einmal den Blicken entzogen. Nach Sicherung des Nazi-Plunders wurde eine Stahlplatte vor den unterirdischen Eingang geschweißt und eine große Menge Betonschutt daraufgeschüttet. An den leidigen Ort komme ihm so schnell keiner mehr dran, sagt Kernd'l - »es sei denn mit ganz schwerem Gerät«.

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