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MILLIONÄRE Halle für alle

Ein wohlhabender Westdeutscher investierte in die Kommunalpolitik: Seine »Mieter- und Bürgerliste« schaffte auf Anhieb den Sprung in den Hallenser Stadtrat.
Von Hans-Jörg Vehlewald
aus DER SPIEGEL 25/1999

Im Umfeld des Hamburger Klinikbetreibers Marseille bilden sich gern Vereinigungen. Der »Freundeskreis der Geschädigten der Marseille-Kliniken AG« ist so eine Gruppierung. Darin haben sich ehemalige Mitarbeiter des Millionärs Ulrich Marseille, 43, versammelt, die dem leicht cholerischen Unternehmer dessen allzu rüden Umgang mit seinen Angestellten übelnehmen.

Einen anderen Verein hat Marseille vorsichtshalber selbst gegründet. »Mieter- und Bürgerliste« (MBL) heißt die wohltätige Initiative im ostdeutschen Halle, die laut Satzung »den Gemeinsinn der Hallenser fördern und dem Zusammenwachsen nach der bewegten Wendezeit dienen« sowie »dem einzelnen Hilfe und Rat in Notlagen« geben will.

Der Verein, erst im Januar dieses Jahres gegründet, hat schon viele Anhänger: Bei den Kommunalwahlen am 13. Juni kam die MBL aus dem Stand auf über sieben Prozent (19 766 Stimmen) und sitzt nun neben CDU, SPD und PDS als viertstärkste politische Kraft im Stadtrat.

Besonders großen Zuspruch bekam die MBL in einem Stadtteil, der zu DDR-Zeiten als modernste Plattenbausiedlung des Landes galt: Halle-Neustadt. Knapp elf Prozent der Stimmen in der eher tristen Trabantensiedlung entfielen auf die Marseille-Liste. Viele der Wähler haben dabei einfach für ihren Vermieter gestimmt. Denn Marseille ("Ich habe mich in Halle verliebt") kaufte vor drei Jahren 2700 Plattenbauwohnungen im Stadtteil und gehört damit zu den einflußreichsten privaten Immobilienbesitzern der Stadt.

Den ungewöhnlichen Wahlerfolg hat sich Unternehmer Marseille nach eigenen Angaben rund 420 000 Mark kosten lassen. Seine Bürgerliste, für die er offiziell lediglich als »Kassenwart« firmiert, überzog die Stadt wochenlang mit einer beispiellosen Kampagne im Stil amerikanischer Wahlfeldzüge, Motto: »Halle für alle - alle für Halle«. Mit MBL, so die Werbung, werde es sauberere Straßen und mehr Kneipen mit Stühlen vor der Tür geben, mehr Straßenlaternen und weniger teure Ampeln. »Den Verkehr können auch Polizisten regeln«, so ein MBL-Kandidat, das sei billiger. »Platter kann man Wählerstimmen nicht erschleichen«, ärgert sich CDU-Stadtrat Bernhard Bönisch, dessen Partei bei der Kommunalwahl auf 29 Prozent kam.

Doch Marseilles Truppe scheint die Seele vieler Hallenser getroffen zu haben. Die Stadt leidet unter hoher Arbeitslosigkeit (knapp 20 Prozent), einer trostlosen Innenstadt und dem wachsenden Abzug von Firmen und Einwohnern. Da brauche es, so der Millionär, »soziale Kompetenz«. Die demonstrierten Marseille und seine Mitstreiter mitten in der Stadt. Ende April eröffneten sie nahe dem Bahnhof ein »Kaufhaus ohne Geld«, in dem sich bedürftige Bürger jeden Mittwoch Lebensmittel mit abgelaufenem Verfallsdatum und liegengebliebene Kleidung aus den Lagern von Hallenser Kaufhäusern abholen können. Allein vom Mitteldeutschen Mode Center, erzählt Marseille stolz, habe der Verein 60 000 Kleidungsstücke aus den piekfeinen Vorjahreskollektionen geschenkt bekommen: »Halle ist die einzige deutsche Stadt, in der die Penner in Armani-Anzügen rumlaufen.«

Der Run auf die Gratisgaben ist immens. Mittwoch morgens stehen Hunderte vor der Tür des »Kaufhauses«, um sich verpflegen oder einkleiden zu lassen. Daß sie vor der Wahl dabei an den Werbeplakaten der MBL-Kandidatin Jacqueline Fuhrmann vorbei mußten, war kein Zufall: Die gelernte technische Zeichnerin ist Leiterin des »Kaufhauses ohne Geld«, das nach eigener Darstellung »völlig getrennt ist von Politik und Bürgerliste«.

Nicht minder erfolgreich agiert auch die MBL-Werbefigur »Benno Bürger«, eine Art ostdeutscher Robin Hood mit Baseballkäppchen, der »Bürger-Bier«, »Bürger-T-Shirts« und »Bürger-Würstchen« billig verkauft und alte Menschen oder Studentinnen gern mal vor den Unbilden ihrer Vermieter schützt. So verschaffte »Bürger-Engel Benno« etwa einer Rentnerin mit schimmelfeuchten Wänden in ihrer Altbauwohnung werbeträchtig ein neues, trockenes Domizil.

Einen Konflikt zwischen wirtschaftlichen Interessen und politischem Engagement vermag Marseille nicht zu erkennen, obwohl einer der vier gewählten MBL-Stadträte sein Hallenser Prokurist ist. »Die Initiative für die Bürgerliste ging von den Mieterräten in Neustadt aus«, behauptet er - doch vier der sieben Gründungsmitglieder des Vereins sind Mitarbeiter von Marseilles Erster Wohnungsgesellschaft mit Sitz in Hamburg. Den Leuten im Osten, sagt sein Sprecher Jörg Bretschneider, habe man »halt ein bißchen in den Hintern treten müssen«, damit aus der Sache was wird.

Für Marseilles Geschäfte kann die Verquickung nur von Nutzen sein. Seit langer Zeit klagt der prozeßfreudige gelernte Jurist, der seit der Wende über 25 Rentnerheime und Kliniken in den neuen Ländern übernommen und gebaut hat, gegen zahlreiche Firmen und Behörden, darunter die stadteigene Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft Halle-Neustadt (GWG), die ihm seine 2700 Plattenbauwohnungen in angeblich allzu marodem Zustand überlassen hat. 250 Millionen Mark habe er in die Renovierung der Hochhäuser stecken müssen, so der Unternehmer, 115 Millionen der Kosten will er nun wieder einklagen.

Kein Wunder, daß die Bürgerliste im Wahlkampf in Broschüren und einer eigenen Zeitung das Geschäftsgebaren der Wohnungsgesellschaft und deren »Palazzo Prozzo«, ein neues Verwaltungsgebäude der GWG im Wert von angeblich über 16 Millionen Mark, attackierte. »Ein Hohn für die Mieter«, so die von Marseille bezahlte MBL-Propaganda.

Dabei gebe es, schwärmte die MBL, durchaus positive Beispiele von privaten Wohnungsunternehmen in Halle, die sogar Mieterräte eingerichtet hätten. In einem dieser Räte sitzt zufällig Bernd Stemme, Spitzenkandidat der MBL.

Stemme und seine drei MBL-Kollegen im 56 Sitze zählenden Stadtrat seien »hochmotiviert« und völlig unabhängig, beteuert Marseille. Doch sein Traumziel, die Absenkung des Gewerbesteuerhebesatzes auf bundesweit einmalige 100 Prozent, räumt der MBL-Sponsor ein, werde die Fraktion natürlich mit Tatkraft angehen. »Denn wenn es mit der Stadt aufwärts geht«, so Marseille offenherzig, »dann sind auch meine Wohnungen belegt.«

HANS-JÖRG VEHLEWALD

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