Zur Ausgabe
Artikel 19 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Hallo, mal wieder drüben gewesen?«

SPIEGEL-Reporter Hans-Joachim Noack über den Mauerspringer Rainer-Sturmo Wulf *
Von Hans-Joachim Noack
aus DER SPIEGEL 33/1986

Berlin-Kohlhasenbrück, Westsektor; in einem ländlich verschwiegenen Winkel ein Pfad und am Ende des Pfads ein Hochstand, der den Blick über die Mauer ermöglicht. Der erste Eindruck ist überraschend. Anstelle der ansonsten im Weichbild des sogenannten antifaschistischen Schutzwalls üblichen Öde zeigt sich hier östlicherseits Leben: Babelsberg II im Stadtkreis Potsdam - fast schon eine Idylle, in der sich gepflegte Häuser unter rauschenden Kiefernkronen versammeln.

Nur im Hintergrund, schemenhaft und gedämpft im Dunst der Nachmittagssonne, zeichnen sich die Umrisse eines Wachturms ab. Weit davor, in der geradewegs auf die Grenzbefestigungsanlage zulaufenden Stubenrauchstraße, spielt ein kleines Mädchen am Rinnstein Murmeln. Noch näher steht eine Frau, die mit einem Gartenschlauch ihren »Polski Fiat« reinigt. Diesseits, in Kohlhasenbrück, hält sich auf dem Holzgerüst ein Mann auf, der sich angeregt über die Brüstung beugt. »Hallo, Frau Fischer!« ruft der aufgekratzt, nachdem er ihr eine Weile bei der Arbeit zugeschaut hat. Das sei aber nett, sie mal wieder zu sehen. und überhaupt: »Wie jeht''s denn so?«

Doch Frau Fischer, die Frau mit dem Gartenschlauch, antwortet nicht. Natürlich hat sie den Mann, der da quasi von einem anderen Kontinent aus leutselig Kontakt sucht, gleich erkannt, sich dann aber eher erschrocken wieder abgewandt. Erst als der Mensch weiterhin ungestört auf sie einredet, legt sie mit einer Gebärde des Bittens die flache Hand auf den Mund. »Is ja schon jut«, sagt der Mann nun beschwichtigend. »Frau Fischer, det jeht doch klar«; er wolle ihr selbstverständlich keinen Ärger bereiten. In seiner Stimme aber schwingt dabei ein Anhauch von seltsam frohgemut-triumphaler Drohung mit.

Ein Jahr zuvor - eine Meldung von ADN, der DDR-Nachrichtenagentur: _____« Berlin. Am 29. Juni 1985 verletzte im Raum Potsdam » _____« eine männliche Person die Staatsgrenze der DDR. Der » _____« Grenzverletzer wurde festgenommen. Er ist nicht im Besitz » _____« von Ausweispapieren. Nach eigenen Angaben handelt es sich » _____« um den früheren Bürger der DDR und jetzigen Einwohner von » _____« Berlin (West) Rainer-Sturmo Wulf. Zur Überprüfung der » _____« Identität der Person und der näheren Umstände der » _____« Grenzverletzung wurde er den zuständigen Organen der DDR » _____« übergeben. »

Wahrscheinlich ist, daß Frau Fischer diese Meldung noch im Gedächtnis hat. Und nicht nur die, sondern darüber hinaus auch all die anderen wenig angenehmen Geschichten, die sich mit einem merkwürdig umtriebigen Menschen und immerhin ja ehemaligen Nachbarn verbinden.

Denn seit Ostern 1971 macht der heute 32jährige Rainer-Sturmo Wulf auf eine ziemlich ungewöhnliche Art von sich reden. »Um die deutsche Frage nicht in Vergessenheit geraten zu lassen«, aber auch »aus Gründen der ganz privaten Kriegsführung gegen die DDR«, packt den Bibliotheksangestellten von Zeit zu Zeit der starke Drang, über die Mauer zu steigen.

Von Ost nach West und von West nach Ost und wieder hin und wieder zurück: Gefahren für Leib und Leben scheint der Grenzprovokateur nicht zu fürchten; aufreizend unbekümmert nimmt er in Kauf, daß ihn seine exklusive Methode, sich zwischen Deutschland und Deutschland zu bewegen, am Ende die Freiheit kosten könnte. Darf er sich da wundern, daß Frau Fischer erkennbar zusammenzuckt, als sie ihn so auf dem Hochstand gestikulierend erblickt?

Die erste Flucht des Rainer-Sturmo Wulf - damals noch gemeinsam mit seinem Jugendfreund Joachim ("Mücke") Mückenberger - ist nach Art und Durchführung eher ein Gag; eine ironische Pointe und sicher auch ein bißchen befremdlich angesichts der ungezählten Mauerschicksale, die seit einem Vierteljahrhundert zu beklagen sind.

Sturmo, seinerzeit 18, und »Mücke«, 19, überwinden da die vermutlich bestgeschützte _(Wandmalereien in der West-Berliner ) _(Schloßstraße. )

Grenze der Welt im Zustand der leichten Trunkenheit. Sie bedienen sich nächtens einer simplen Teppichstange, die sie in einem zuvor ausgespähten toten Winkel gegen die 3,80 Meter hohe Betonwand lehnen.

Und sie kehren, als es ihnen im Westsektor ebenfalls nicht gefällt, nach einem Wochenende auf die gleiche Weise unbeobachtet zurück. Eine Gratwanderung zwischen zwei Welten, die auf ewig hätte geheim bleiben können, wäre nicht »Mücke« zu häufig bezecht und überdies noch in die Tochter des Potsdamer Polizeipräsidenten verknallt gewesen.

Der besorgten Freundin, die ihren Vater einweiht, verdankt das geteilte Berlin so die Kenntnis von seiner skurrilsten Mauerstory. Ein gutes Jahrzehnt danach geht der Stoff sogar in die gesamtdeutsche Literatur ein.

Der im Westteil der Stadt lebende Schriftsteller Peter Schneider baut darauf sein vielbeachtetes Konglomerat aus Fiktionen und Fakten, den Roman-Essay »Der Mauerspringer«, auf. Im Osten widmet sich Stefan Heym in einer Erzählung ("Mein Richard") dem Hergang mit einer schönen Schlußbemerkung:

Angemessen wäre gewesen, schreibt Heym, die DDR hätte den beiden Straftätern »wegen gerichtsnotorisch erwiesener absoluter Treue zu unserer Republik« einen Orden verliehen.

Doch die Verhältnisse sind nicht so. Den chronisch humorlosen Tugendwächtern des zweiten deutschen Staates scheint hier ein Sachverhalt von besonderer Verwerflichkeit vorzuliegen. »Mücke wird unverzüglich in die Volksarmee eingezogen; Sturmo, der Uneinsichtigere, wandert für ein halbes Jahr ins Baulager ab.

Die Autorität und Souveränität ihres sozialistischen Vaterlandes beleidigt haben zwei junge Leute, die die DDR kraft Herkunft in einer Art von Vorbildfunktion sah. Sturmo Wulf ist der Sohn eines Rechtswissenschaftlers und einer Kaderleiterin, sein Kompagnon gar der Neffe des noch immer amtierenden Politbüromitglieds Erich Mückenberger.

Erschwerend fällt ins Gewicht, daß es in Babelsberg, der einstigen Ufa-Filmstadt - heute hochgeschätztes Revier für verdiente Getreue des Regimes -, zu dieser Zeit bloß eine relativ unaufwendige Mauerausstattung gibt. Der übliche Signalzaun fehlt da; auch auf Hundelaufanlagen oder Stolperdrähte haben die Sicherheitsorgane verzichtet. Statt dessen ist ein Sonderausweis obligatorisch, weil das Terrain als Sperrgebiet gilt.

Aus einem solchen bevorzugten Ambiente einfach auszubüchsen verpflichtet die Obrigkeit, Härte zu zeigen. Nur: Während der junge Mückenberger zumindest dem Anschein nach gründlich genug umdenkt, daß ihn später der Polizeipräsident gar als Schwiegersohn akzeptiert, geht der damals schon kompliziertere Sturmo für seinen Staat wohl auf immer verloren.

Der vormalige FDJ-Sekretär driftet in die Ost-Berliner Alternativkultur ab. Ungebärdige Frühspontis wie der Rockstar Nina Hagen taufen ihn da respektvoll nach einer Romanfigur Victor Hugos auf den Namen »Gavroche, der Barrikadenstürmer«. Zwei Jahre danach erobert er sich das verlorene Paradies Babelsberg, das auch seine Eltern haben verlassen müssen, mit gefälschten Ausweispapieren zurück.

Webfehler oder Wunder im Perfektionsstaat Deutsche Demokratische Republik: Obschon der Ausreißer der Stasi seinen ersten Fluchtweg mitsamt dem Teppichstangen-Trick gebeichtet hat, hängt das Corpus delicti wie eh und je im Hinterhof eines Nachbarhauses.

Und er springt wieder.

Auch unter den in Babelsberg seinerzeit obwaltenden Umständen erweist sich die Mauer als eine enorme Hürde. Zum einen ist das Bauwerk schon an sich und zumal für einen Menschen, der 1,67 Meter mißt, ein ziemlicher Koloß. Zum anderen muß die riskante Klettertour über eine aufgelegte Betonröhre, die sich nicht fassen läßt, in überschlägig neunzig Sekunden beendet sein, weil danach die Grenzer mit den Kalaschnikows wieder ins Blickfeld treten.

Aber was heißt das alles angesichts einer inneren Verfassung, die der Springer schlicht als Rausch empfindet. »Ein unwahrscheinlicher Kitzel packt dich in diesem Moment, und egal, was das ist, ob Todesangst oder Euphorie oder vermutlich beides - du mußt da ganz einfach rüberkommen.«

Von Anfang an, exakt von seinem achten Geburtstag, dem 13. August 1961, als Maurer mit Backsteinen und Mörtel anrücken, hat das »wilde Kind« Sturmo »dieses Ding vor der eigenen Haustür gereizt«. Zunächst erfreut ihn die Mauer als eine Art erweiterter Abenteuerspielplatz: heranwachsend sieht er _(Stubenrauchstraße im Ostsektor. )

in ihr dann eine gleichsam sportliche Herausforderung, »wie wenn man vor einem schwierigen Berg steht, den man bezwingen möchte«.

Dreizehn ist er, als er mit »Mücke« den ersten Kontakt zum nahen Klassenfeind aufbaut. Der heißt Marion Lenz - eine Altersgenossin, die da allabendlich zum verbotenen pubertären Gedankenaustausch auf dem Kohlhasenbrücker Hochstand erscheint.

Mode- und Musikthemen und, da die schützende Betonwand insoweit ja Verwegenheit möglich macht, »jede Menge verbaler Sex« verbinden das Trio einen aufregenden Sommer lang. Durch ein Abflußrohr versorgt das Mädchen (das der Mauerspringer dann Jahre später zufällig in West-Berlin wiederfinden wird) die Freunde mit Zigaretten und »Bravo«-Heften.

Schwer zu sagen, was in dieser Phase mit dem Teenager Sturmo Wulf geschieht. Politisch ist er noch »auf Linie«, aber die ersten Anzeichen einer anhaltenden Verstörung stellen sich »spätestens nach Prag« ein, und der zum Grübeln neigende junge Mann beginnt »die eigene Geschichte zu überdenken«.

Im Kern ist das eine Existenz, deren familiäre Ursprünge als beispielgebend in jedem Schulbuch der DDR stehen könnten. Leuchtpunkt des in Rostock geborenen Sturmo ist ein Großvater, ein Antifaschist und deutscher Patriot, frühes Mitglied des Spartakusbundes und nach Gründung der Republik Erster Sekretär der Parteikontroll-Kommission für die Nordbezirke.

Aber andererseits stimmt ja auch, daß dieser Großvater - Ewald Kultermann - zeit seines Lebens ein erwiesenermaßen unerschrockener Kämpfer für die Sache gewesen ist. Als verbrieft gelten so dessen bis zur Handgreiflichkeit reichende Auseinandersetzungen 1956 mit dem großen Ulbricht.

Aus Kultermann (der, obzwar nach seinem Streit aus der Karrierebahn gekippt, 1981 an der Schweriner »Kremlmauer« in Ehren begraben wird) und insbesondere der Literatur des Heinrich von Kleist mischt sich ein Bild, das Sturmos Vorstellung von heroischer Haltung entspricht. Dem will er nun nacheifern; dem steht »das Ding« entgegen.

Mag sein, daß die Mauer, die Wulf in der Retrospektive etwas feierlich »die existentielle Erfahrung Grenze« nennt, für seinen jähen Umbruch den Ausschlag gibt. Er springt, um sich »zu befreien«. Doch näher betrachtet, scheint ihm die Richtung, die er dabei wählt, nicht so wichtig zu sein.

Nach Jahren eines ziemlich vertrackten Aufenthalts in West-Berlin, der vergeblichen Suche nach Bindung, schließlich latenter Drogenanfälligkeit treibt es ihn wieder zu einer Tat, die »aus dem Gefühl von Schwere entsteht": 1979 hechtet der athletische ehemalige Fünfkämpfer am Rosenthaler Platz aus einem jener U-Bahn-Züge, die ohne zu halten den Ostsektor durchqueren.

Es gibt Riten in der mittlerweile zur Routine geronnenen deutsch-deutschen Absurdität, die sich zum festen Bewertungsschema entwickelt haben: Wer immer sich grenzverletzend von Ost nach West bewegt, wird im Osten für kriminell gehalten, während er im Westen mit Anerkennung rechnen darf. Wer umgekehrt verkehrt, gilt dagegen hüben wie drüben als ein Fall für die Psychiatrie.

So selten, wie es hierzulande Beachtung findet, geschieht es nicht, daß sich die DDR darüber beklagt, es sei da wieder mal »eine nervenkranke Person in das Territorium der Hauptstadt eingedrungen«. Und häufiger, als es dem West-Berliner Senat lieb ist, sieht er sich ermahnt, er möge um der Sicherheit an der »Staatsgrenze« willen »geeignete Maßnahmen einleiten«.

Das tut der natürlich nicht, sondern gefällt sich statt dessen in der Rolle einer neutralen Instanz, die der Konsequenz ihres zäh behaupteten Credos folgt. Wo eine Mauer nach solcher Freizügigkeitsphilosophie »nicht vorhanden« ist, kann auch kein Mißbrauch unterbunden, geschweige denn ein Straftatbestand konstruiert werden.

Von Sturmo Wulf nimmt deshalb praktisch kaum jemand Notiz, als er wenige Tage nach seinem halsbrecherischen Salto - wie es im DDR-Bürokratendeutsch heißt - in den Westen »zurückgeführt« wird. Ein Pendelbus des Deutschen Roten Kreuzes verfrachtet den Hasardeur zum Sozialpsychiatrischen

Dienst nach Moabit. Ein Mediziner erkundigt sich da eher lapidar nach seinem Befinden, um am Ende einen kleinen Gesprächsvermerk anzulegen.

Denn in Moabit kennt man ja »diese Leute«. Etwa ein halbes Dutzend im westlichen Behördenjargon sogenannter Sperrbrecher landet allein hier per anno im Gefolge seiner wie immer gearteten Eskapaden: schwer Depressive oder Menschen in akuten Lebenskrisen, Alkoholtäter, die im Affekt handeln, oder allem voran - wie es der Leitende Arzt Bernd Müller-Senftleben registriert - »die Weltverbesserer mit dem Rudolf-Hess-Syndrom«.

Wer und was ist nach solchem Grundmuster Sturmo Wulf? Da hält sich der Arzt spürbar zurück. Noch nie, sagt er beeindruckt, sei ihm bislang ein Mann von vergleichsweise zäher Beharrlichkeit begegnet. Wenn es denn wirklich so etwas geben sollte, scheine in seinem Fall wohl »eine echte Mauerproblematik vorzuliegen«.

Seit der Grenzgänger in West-Berlin wohnt, steht er unter Schizophrenie-Verdacht. 1973, ''75, ''83 und ''85 haben ihn Ärzte, mal um eine schwere Psychose einzudämmen, mal gar um einer vermeintlichen Suizidgefährdung vorzubeugen, in Nervenkliniken eingewiesen.

Aber merkwürdig: Seine Geschichte hat dabei offenbar niemand hören wollen. In einer Epoche der Psychoanalyse, die sich nach Lebensläufen, vorzugsweise Kindheitserfahrungen, Traumata oder versteckten Brüchen ausrichtet, hat die Entwicklung des Sturmo Wulf nahezu kein Interesse erregt. Sein ihn gegenwärtig betreuender Arzt rät ihm von einer Therapie ab, weil er glaubt, daß sein Patient »eh schon zuviel reflektiert«.

Abstruse Welt. Nach Sturmos vorerst letzter Aktion - im Sommer vergangenen Jahres mittels eines Surfbretts, das er nun wieder in Kohlhasenbrück zwischen Hochstand und Mauer befestigt, um alsdann im freien Fall vor Frau Fischers »Polski Fiat« zu landen - gewinnt er tatsächlich einen Gesprächspartner.

Acht Stunden am Stück protokolliert da ausgerechnet der Staatssicherheitsdienst akribisch, was dem Eindringling auf der Seele liegt. Langmütig diskutieren die ansonsten gefürchteten Herren mit ihm etwa »den Freiheitsbegriff nach den Vorstellungen des Erasmus von Rotterdam«. Ohne daß ihm das Wort abgeschnitten wird, dazu noch auf Tonband verewigt, darf der notorische Störenfried die DDR als »hochneurotisch und repressiv« beschimpfen.

»Einfach sagenhaft«, erinnert sich Wulf dieses Tages, an dem der Inquisitor für ihn auch zum Beichtvater wird. Er habe sich in seinem Leben noch niemals derart »bemühten Fragestellern« gegenübergesehen.

Die DDR behandelt »die verwirrte Person« ("Neues Deutschland") auf die denkbar nachsichtigste Weise. Zehn Tage lang behält sie ihren ehemaligen Staatsbürger »ohne alle Schikane«, wie ihr der unbequeme Gast bescheinigt, im Gewahrsam und schiebt ihn dann auf die übliche Tour wieder ab. Draußen wartet bereits der Bus, dessen Fahrer sich noch entsinnen kann: »Hallo, der Herr Wulf«, lacht der im Kumpelton, » ... mal wieder drüben gewesen?« In Moabit keine weiteren Fragen.

Diesseits der Demarkationslinie scheint die Zeit vorbei zu sein, in der Geschichten wie jener des Sturmo Wulf

noch eine schicksalsschwere Bedeutung abzugewinnen wäre. Im fünfundzwanzigsten Jahr ihres Bestehens hat man nun auch im Westsektor den Wert der Mauer als einer stabilisierenden Größe erkannt, in deren Schatten sich die kollektiven Neurosen trefflich pflegen lassen. Einer, der noch unbeirrt auf seiner individuellen Macke beharrt, stört da nur.

»Berlin tut gut«, heißt der neue Slogan einer christdemokratisch-liberalen Führungsriege, die das ungestillte Bauwerk ins Sightseeing-Programm abgeschoben hat. Die Leiden des jungen Sturmo W. wirken vor einer solchen Kulisse der fast schon fröhlichen Verdrängung anachronistisch - er möge sich »zusammenreißen, endlich normal werden«, hat man ihm bedeutet, so oft er sich bemerkbar machte, um mit seinem Thema unterzukommen.

Und er will sich ja auch wirklich Mühe geben. Auch dem Mauerspringer tut die Halbstadt gut, wenngleich auf eine Art, die der gängigen Begründung zuwiderläuft. Berlin hält seine Wunde offen; in Berlin, wie nirgendwo sonst, sagt er beinahe schwärmerisch, fühle er sich »in der hier versammelten Heimatlosigkeit bestens«.

Da geht der derzeit krankgeschriebene Bibliotheksangestellte, Verfasser zweier Lyrikbändchen, im abgeschabten Overall und zerschlissenen Tennisschuhen stundenlang die immer gleichen »ausgelatschten« Wege - ein sich zergrübelnder, meist ruheloser Flaneur mit wehendem Haarkranz und schon ziemlich altem Gesicht.

Was ihn »noch leben läßt«, sagt »Gavroche«, sei das Schreiben; genauer: eine »regelrechte Schreibwut«, der er Tausende Blatt Tagebuchtext verdankt. Als Zwischenziel nennt er, sich »schreibend endlich von meiner Geschichte ablösen zu können«. Denn frei sein möchte er alsbald für eine Literatur, die die eigene Person nicht mehr so erdrückend wichtig nimmt.

Seine Fähigkeit zur Introspektion (einer manchmal schon unerbittlichen Sicht nach innen) und, was die Welt im allgemeinen anbelangt, einer ebenso sanft-verständnisvollen wie scharfen Wahrnehmung ist der eine Teil der Wulfschen Identität. Der andere treibt ihn um und verführt ihn bisweilen zu einer Verstiegenheit, die seine Sprünge nicht nur als Ausweis eines immerwährenden »Leidens am geteilten Deutschland« erklärbar macht.

Wenn er absäuft - etwa im »Lousiada« am oberen Ku''damm, wo ihm die einstige Mauerfreundin Marion Lenz hinter der Theke die Biere zapft -, sieht er sich so unvermittelt in der Nachfolge Kleists. Da kann es passieren, daß ihm sein Selbstbild entgleitet; da wirft er, aufmüpfig wie der Kleistsche Kohlhaas, der DDR den Fehdehandschuh hin und konzipiert den erneuten Mauersprung.

»Versuch dich mal einzukriegen«, rät ihm Marion dann begütigend, und er kriegt sich ja auch wieder ein. Dem Höhenflug folgt der Absturz, und die alten Schuldgefühle beginnen ihn wieder zu plagen. Schmerzlich wird ihm bewußt, was er vor allem seinen Eltern zugefügt hat, deren Karriere mit der des Wulf Junior als Republikfeind natürlich zu Ende ging.

»Ich wollte der DDR die Narrenkappe aufsetzen«, sagt er kleinlaut, »aber die hat sie mir wieder zurückgegeben.« Schluß müsse jetzt endlich sein mit »dieser aufgesetzten Identität als Mauerspringer«, die der wirklichen und wahrhaften bloß im Wege stehe.

Doch was ändert das schon, solange den Sturmo Wulf »die Phantasie nicht losläßt, daß ich demnächst wieder rüber muß«.

Nachklapp zu einer Geschichte, die vermutlich nur in Deutschland so möglich ist: Die DDR nimmt ihren Gegner ernst; sie hat nach dessen letzter Intervention in Babelsberg unverzüglich einen zweiten Zaun errichten lassen. Endlich, zumindest in diesem Zusammenhang, trägt der Schutzwall seinen Namen nun nicht mehr gänzlich ohne Begründung.

Im Westen rutschte der Gedichtemacher ("Wolfsverse«, »Steinzeit der Empfindsamkeit") mittlerweile in ein hochoffizielles Bildungsprogramm. Rechtzeitig zum Jubiläum verpflichtete ihn das Berliner Goethe-Institut. Einer Gruppe amerikanischer Germanisten, die den »Mauerspringer« als Buch schon kennen, sollte jetzt der leibhaftige nachgereicht werden. Honorar: 200 Mark. 75 Mark extra gab''s dann für die unverzichtbare Tatortbesichtigung.

[Grafiktext]

WEST-BERLIN OST-BERLIN WEST-BERLIN DDR Kartenausschnitt WEST-BERLIN DDR Grenzverlauf Hochstand Wachturm BABELSBERG KOHLHASENBRÜCK STUBENRAUCH-STRASSE

[GrafiktextEnde]

Wandmalereien in der West-Berliner Schloßstraße.Stubenrauchstraße im Ostsektor.

Zur Ausgabe
Artikel 19 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.