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Martin Morlock HALLO NACHBARN

aus DER SPIEGEL 13/1966

Ihr Sopran reicht vom tiefen »g« bis zum hohen »f«. An der »Met«

ist sie so fest engagiert wie an der Oper in Wien. Überall schon, außer - weil es der Zufall so fügte - in London und San Francisco, hat sie zu Gast gesungen. »Botschafterin des deutschen Liedes« wird sie genannt - und nun will sie, gebürtige Mannheimerin, nicht länger auf deutschem Boden weilen.

Sie, die kaum 16jährig den Walkürenruf »Hojotoho!« in die heimatlichen Wälder juchzte, animiert von ihrer auf Sangeskunst versessenen Mathematiklehrerin und einer stimmgewaltig dilettierenden Tante, Anneliese Rothenberger hat einen Entschluß gefaßt, wie ihn sonst nur vergrämte Satiriker zu fassen pflegen: Sie will die Stätte, wo sie vordem »einmal alt zu werden« wünschte, das zwischen Wiesbaden und Rüdesheim gelegene Winzerdorf Hallgarten, verlassen und nach Salenstein im schweizerischen Thurgau umsiedeln; und dies, obzwar »die Gegend dort genauso aussieht, nur, daß man Ausblick auf den Bodensee hat, statt auf den Rhein«.

Wir erörtern das Problem in ihrer Wiener Zweizimmerwohnung im XVIII. Bezirk bei Kaffee und Topfen-Pogatscherln. Anwesend ist auch der Ehegatte und Journalist Gerd W. Dieberitz, laut Elektrola-Pressedienst »mit seiner menschlichen und geistigen Noblesse der ideale Partner für die Sopranistin«.

Warum will das Paar die Heimat fliehen? Nicht um steuerlicher Vorteile willen, wird mir versichert, sondern allzu verständnisloser Nachbarn wegen. Behutsam forsche ich nach Gründen, die solchen Verständnismangel in den Bereich des Begreifbaren rücken könnten, etwa Koloratur-Übungen bei offenem Fenster ("Vokalisen«, belehrt mich Kollege Dieberitz fachkundig).

Nein, Anneliese Rothenberger singt »privat überhaupt nie«. Weder in Hallgarten, noch unter ihrem Wiener Obdach, das ihr ein Antiquitätenhändler mit den Worten vermietete: »Gnä' Frau, hier können S' schreien, soviel Sie wollen.«

Die Wahrheit ist, wie so oft, bitter und vielgestaltig. Hatte es im Jahre 1958 zwei Motive für des Ehepaares Niederlassung in Hallgarten gegeben: den Liebreiz der Landschaft und den Umstand, daß beide »von den vielen netten Leuten dort begeistert« waren, so sind der Flucht-Ursachen mehrere: ein Telephon, das jedes Gespräch zu einem unfreiwilligen Sammelgespräch mit der Nachbarschaft machte; die Gemeinde-Absicht, das Rothenberger-Grundstück, vormals ausdrücklich als Parzelle in einem unbebaubaren Naturschutzgebiet angepriesen, mit, einer 35-Häuser -Siedlung zu umgeben; Mißhelligkeiten zwischen der Künstlerin schwarzer Pudelhündin und einem Dorfdackel.

Da war die Geschichte mit den übermannshohen Schilfmatten, welche die Intimsphäre vor Ausflügler-Neugier bewahren sollten. Erst wurden sie vom Bürgermeister genehmigt, in Würdigung zahlreicher Wohltaten, die Frau Rothenbergers dramatische Koloratur dem Landkreis erwiesen hatte, dann, als Anrainer sich über angeblich verwehrte Fernsicht beklagten und die Kommunalwahlen näherrückten, hieß es in einem

Gemeindeschreiben: »Nur wer etwas zu verbergen hat, schließt sich ab.«

Und da war die Sache mit der Pumpe. Errichtet auf dem benachbarten Grund eines »armen alten Ehepaares«, dem als Entgelt für die Erduldung sporadischer Geräusche ("nicht lauter als ein Staubsauger") die Wasser-Installationskosten erstattet worden waren, gab sie Anlaß zu ständigem, sich steigerndem Hader. »Wenn wir von der Reise zurückkamen, war das Wasser abgestellt und wir konnten nicht einmal aufs Klo gehen.«

Die Eskalation des Unfriedens erreichte ihren Höhepunkt am Tage, da Anneliese Rothenberger vom Landrat den »Ehrenteller für besondere Verdienste um den Rheingau« erhielt. An diesem Tage empfing der Enkelsohn des armen alten Ehepaares die Heimkehrenden seit einer Eisenstange und der Ankündigung: »Ich schlage euch beide tot.«

Das war zuviel des Rohen; für die empfindsame Sängerin sowohl, als für Gerd Dieberitz, der seine Feinfühligkeit demnächst durch die Veröffentlichung eines Gedichtbandes ("ungefähr im Stil von Trakl") dokumentieren will.

Ob ihr Entschluß denn wirklich unumstößlich sei, frage ich. Wenn es, sagt Anneliese Rothenberger, nur um die beiden Alten ginge, könnte sie dem Übel durch bloßes Abwarten begegnen; doch der rohe Enkel zähle erst 25 Jahre

- »der überlebt uns«.

Leider wird die Republik nicht nur eine Sopranistin und einen Lyriker, sondern auch einen Dramatiker einbüßen: Carl Zuckmayer, der schon in Hallgarten fest auf ein »Austragsstübchen« zählen durfte, hat brieflich kundgetan, seinen Lebenswinter nunmehr in Salenstein verträumen zu wollen.

Anneliese Rothenberger

Martin Morlock
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